Ältester Bergbau der Steiermark - Hornsteinabbau um Stift Rein in der Jungsteinzeit

josef

Administrator
Mitarbeiter
#1
„Stein.Zeit.Museum“
Der älteste Bergbau der Steiermark
1763408566645.png

Das neue „Stein.Zeit.Museum“ in Stift Rein widmet sich nicht nur der spannenden Geschichte des Hornstein-Abbaus in der Jungsteinzeit, sondern beleuchtet auch archäologische Funde innerhalb des Zisterzienserklosters und in der Region.
Teilen
Das neue Museum ist im Untergeschoß der gotischen Kreuzkapelle des Stiftes Rein untergebracht. Auf drei Räume verteilt gibt es Einblicke in das Leben und die Arbeitsweise der Menschen vor bis zu 6.500 Jahren, stammen doch etwa die Spuren des Hornstein-Abbaus in der Region rund um das Stift aus dem Neolithikum, der späten Jungsteinzeit.

Hornstein
„Es geht hier vor allem um einen Hornstein-Bergbau, den das Universalmuseum Joanneum und die Akademie der Wissenschaften über einige Jahre hinweg durch archäologische Ausgrabungen nachweisen konnte. Der befindet sich hier ganz in der Nähe des Stifts. Jetzt ist dort nur mehr eine Wiese, das sieht man nichts mehr vom ehemaligen Abbau, aber wir waren in der Lage, durch die archäologischen Untersuchungen Abbauschächte nachzuweisen, in denen dieser Hornstein bergmännisch gewonnen wurde“, so Co-Kurator Michael Brandl von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Stift Rein
Für die Menschen der Region war der Hornstein ein bedeutender Rohstoff – zur Herstellung von Waffen und Werkzeugen vor allem, aber auch zur Erzeugung von Feuer: „Wir sind hier in einer Zeitschiene, wo es noch kein Metall gibt – die Leute haben keine Messerklingen oder Beilklingen nehmen können, um zu schneiden, zu hacken oder für sonstige Tätigkeiten, wo man scharfe Kanten braucht. Sie mussten einen Rohstoff besorgen, der diese Tätigkeiten erfüllen kann – und dafür war Hornstein, Feuerstein und ähnliche Dinge überlebensnotwendig“, sagt Brandl.

Abbau und Nutzung
In Vitrinen sind die Exponate rund um den Hornstein-Abbau zu sehen – rund um den Abbau ebenso wie um die Nutzung, erklärt Co-Kurator Daniel Modl vom Universalmuseum Joanneum: „In einer Vitrine sehen wir die Produkte, die aus dem Bergbau selbst stammen, also aus diesen Abbauschichten gewonnen worden sind. Die haben wir dort gefunden, die zeigen wir von den Rohplatten bis zu den ersten Produkten und Halbfertigprodukten, die dann zurückgelassen worden sind, weil sie der Qualität eben nicht entsprochen haben, sonst wären sie nicht in der Grube drinnen. Dann gehen wir in der zweiten Vitrine darauf ein, wie diese Sachen in den Siedlungen aussehen. Das ist es, wie es Archäologen meistens finden, wenn wir eine Ausgrabung machen in einer jungsteinzeitlichen Siedlung, dann finden wir unterschiedliche Produkte wie Pfeilspitzen, Messerklingen, Dolche und Beile – solche Sachen, die sieht man hier aus Hornstein.“

Stift Rein
Neben dem jungsteinzeitlichen Hornsteinabbau in Rein – übrigens dem ältesten sicher nachgewiesenen Bergbau der Steiermark – widmet sich das „Stein.Zeit.Museum“ auch archäologischen Funden in und um das Stift Rein, sowie auch archäologischen Forschungen im Gebiet der heutigen Marktgemeinde Gratwein-Straßengel.

„Der erste industrielle Abbau der Steiermark“
Auch der Wirtschaftsdirektor des Stifts Prior Pater Martin sieht im neuen Museum eine Bereicherung: „Es bedeutet in erster Linie was für die Gemeinde und die Region, es zeigt auf, wie lang die Besiedelung und wie wichtig die Besiedlung war. Es ist in gewisser Weise der erste industrielle Abbau in der Steiermark.“
17.11.2025, red, steiermark.ORF.at

Link:
Stift Rein

Der älteste Bergbau der Steiermark
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#2
6500 Jahre: Der älteste Bergbau der Steiermark
Seit der Jungsteinzeit wird in Rein (Steiermark) Hornstein abgebaut
Im Gastblogbeitrag schreiben die Archäologen Michael Brandl und Daniel Modl über den ältesten Bergbau der Steiermark und wie dieser archäologisch erforscht und nun in einem neuen Museum der Öffentlichkeit präsentiert wird.
Wer heute durch die sanften Hügel rund um das Zisterzienserstift Rein nördlich von Graz spaziert, ahnt kaum, dass sich hier einst eine der ältesten "Industrieanlagen" der Steiermark befunden hat. Hier verbirgt sich unter einer unscheinbaren Wiesenfläche ein Ort, an dem Menschen schon vor 6500 Jahren nach einem "kritischen Rohstoff" suchten, der für sie so wertvoll war wie für uns heute seltene Erden: Hornstein.

Ein kritischer Rohstoff
Diese Zeitreise beginnt in der späten Jungsteinzeit, dem Neolithikum, als die Menschen in Mitteleuropa sesshaft wurden. Ackerbau und Viehzucht bestimmten das Leben, doch ohne geeignete Werkzeuge wäre all das nicht möglich gewesen. Hornstein, ein extrem hartes, scharf brechendes Silikatgestein, war in einer Zeit, als Metall noch unbekannt war, ein überlebenswichtiger Werkstoff. Aus ihm fertigte man Messer, Klingen und Pfeilspitzen und zusätzlich war er in Kombination mit eisen- und schwefelhaltigen Gesteinen, wie Pyrit oder Markasit, Teil des "prähistorischen Feuerzeugs". Der Umstand, dass dieser begehrte Rohstoff im Südosten Österreichs ausschließlich im Reiner Becken vorkommt, machte die Region schon damals zu einem Hotspot frühen Bergbaus.

Dabei reicht die Geschichte des Reiner Hornsteins viel weiter zurück. Bereits vor rund 50.000 Jahren nutzten Neandertaler das Material für ihre Werkzeuge, wie Funde aus der unweit gelegenen Repolusthöhle bei Peggau belegen. Doch während die Menschen in der Altsteinzeit, dem Paläolithikum, vermutlich noch auf oberflächig ausgewitterte Hornsteinknollen zurückgriffen, gingen die Menschen des Neolithikums systematischer vor. Um an tieferliegende Lagen an Plattenhornstein zu gelangen, betrieben sie aktiven Bergbau, für den spezielle Methoden zum Einsatz kamen.


Jahrtausendealte Bergbauspuren
Auf dem sogenannten "Hochfeld" zwischen Rein und Hörgas legten die Reiner "Bergleute" mithilfe von Gezähen, wie Geweihhacken und Knochen- oder Holzschaufeln, über einen längeren Zeitraum hinweg vermutlich Hunderte bis zu fünf Meter tiefe Abbaugruben an. In dieser Tiefe verliefen mehrere Lagen von Plattenhornstein, die Ziel des Abbaus waren und im Durchschnitt eine Stärke von ein bis zwei Zentimeter besaßen.


Freilegung einer jungsteinzeitlichen Abbaugrube am Hochfeld in Rein, 2016.
Universalmuseum Joanneum, D. Modl.

Wie anstrengend diese Arbeit gewesen sein muss, lässt sich heute nur mehr erahnen. Doch 2016 ergab sich die einzigartige Möglichkeit, einen Einblick in die neolithische Bergbauarbeit zu erhalten, als eine vollständige Abbaugrube durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften (Wien) und das Universalmuseum Joanneum (Graz) ergraben werden konnte. Der Schacht war rund 3,5 Meter tief, mit fast senkrechten Wänden und seitlichen Ausbuchtungen auf der Höhe, auf der die beste Hornsteinlage verlief. In der mit Abraum wiederverfüllten Grube fanden sich große Mengen an Hornsteinplatten und Zwischenprodukten (z. B. Abschläge, Kernsteine), die vor Ort entsorgt wurden, da sie nicht den hohen Anforderungen der jungsteinzeitlichen Steinschläger entsprachen.


Rekonstruktionszeichnung vom jungsteinzeitlichen Hornsteinabbau im Reiner Becken
D. Groebner

Radiokarbondatierungen – an in die Schachtverfüllungen gelangten Holzkohlen – zeigen, dass der Bergbau zwischen 4500 und 3000 v. Chr. betrieben wurde, eine Tradition, die sich über beeindruckende 1500 Jahre erstreckte. Damit begleitet die Reiner Abbautätigkeit nahezu die gesamte jungsteinzeitliche Besiedlungsgeschichte der Steiermark. Vergleichbar damit ist nur ein weiterer Fundort in Österreich, die Antonshöhe in Wien-Liesing, wo annähernd zur selben Zeit ein anderes Silikatgestein, der Radiolarit, gewonnen wurde. Doch die Grabungen dort fanden bereits in den 1920er-Jahren statt, sodass Rein heute den einzigen neolithischen Silexbergbau in Österreich darstellt, in dem eine Abbaugrube mit modernen archäologischen Methoden vollständig dokumentiert werden konnte.

Ein neues Museum eröffnet
Diese Einzigartigkeit führte dazu, dass das gesamte mutmaßliche Abbauareal 2019 vom Bundesdenkmalamt unter Schutz gestellt und kurz darauf in die Top-100-Liste der bedeutendsten archäologischen Denkmäler Österreichs aufgenommen wurde. Des Weiteren konnte vor Kurzem mit dem "Stein.Zeit.Museum Stift Rein" ein neues archäologisches Museum in der Steiermark eröffnet werden, das sich dem Reiner Hornsteinbergbau widmet.

Es befindet sich im Untergeschoss der gotischen Kreuzkapelle innerhalb des Stifts und zeigt u. a. Hornsteinplatten, Schlagabfälle sowie Produkte aus dem jungsteinzeitlichen Bergbau und den zeitgleichen Siedlungen. Weiters werden die unterschiedlichen Steinrohstoffe vorgestellt (z. B. Hornstein, Feuerstein, Radiolarit) und deren verschiedene Nutzungsformen. Hinzu kommt die Rekonstruktion eines Abbauschachts für die Gewinnung von Hornstein, der auf Basis der Grabungsergebnisse im Reiner Becken in Originalgröße nachgebildet wurde.

Damit kann dieses einzigartige Beispiel steirischer und österreichischer Bergbaugeschichte nun dauerhaft einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.
(Michael Brandl, Daniel Modl, 2.12.2025)

Michael Brandl ist Koordinator des Lithic Lab am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Seine Forschungsbereiche umfassen die Bergbauarchäologie, Archäometrie von Steinrohstoffen sowie die Ökonomie und das Ressourcenmanagement prähistorischer Gesellschaften.
Daniel Modl ist Archäologe und Chefkurator der Ur- und Frühgeschichtlichen Sammlung an der Abteilung Archäologie & Münzkabinett am Universalmuseum Joanneum in Graz. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. Montanarchäologie, Archäometallurgie, Speläologie und archäologische Forschungsgeschichte.

6500 Jahre: Der älteste Bergbau der Steiermark
 
Oben