Öko-Kriegsführung: Moore und andere Feuchtgebiete sollen die Ostflanke der Nato absichern

josef

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Landesverteidigung mit Mooren und Auen: Renaturierung gegen Russlands Panzer
Moore und andere Feuchtgebiete sollen die Ostflanke der Nato absichern, sagen Biologen. Bringen ausgerechnet militärische Überlegungen Europas Naturschutz voran?

Ein ukrainischer Soldat steht im März 2022 unweit der grenznahen Stadt Trostjanez auf einem zerstörten russischen Panzer.
AFP/FADEL SENNA

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine tobt bis heute. Dabei wollten russische Truppen bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn im Februar 2022 bis nach Kiew vordringen. Wie konnten die Ukrainer ihre Hauptstadt zur Überraschung in aller Welt schützen? Sie sprengten einen Stausee und fluteten damit eine Fläche von 13.000 Hektar. Der russische Einmarsch in Kiew scheiterte an Wasser und Schlamm.

Die Ukraine setzte die Kraft der Natur militärisch ein – und nahm in höchster Not auch Schäden in Kauf. Einige Staaten in Osteuropa sowie Deutschland beschäftigen sich derzeit hingegen mit einer planvollen und vorsorglichen Landesverteidigung mithilfe der Natur.

Nieren der Landschaft
Eine zentrale Rolle an der Ostflanke des Verteidigungsbündnisses Nato spielen Moore. Oft sind diese im 20. Jahrhundert trockengelegt worden und müssten nun neu vernässt werden, um sowohl militärische Barrieren als auch wieder Kohlenstoffsenken zu werden. "Wenn Moore nass sind, haben wir viel davon", sagt die deutsche Forscherin Franziska Tanneberger, Co-Leiterin des Greifswald Moor Centrum, "wir haben dann keine Treibhausgasemissionen, mehr Biodiversität und höhere Wasserqualität." Moore seien "die Nieren für unsere Landschaft".

Tanneberger verfasste im Vorjahr mit Forscherkollegen ein Strategiepapier, das Landesverteidigung und Naturschutz verbindet. So hätten die östlichen Grenzgebiete Polens, der baltischen Staaten, Finnlands und Rumäniens bedeutende Moore, die sich zur Wiedervernässung eigneten. Auch in Ostdeutschland könnte dies geschehen, "als zusätzliche Verteidigungslinie für Westeuropa".


Feuchtgebiet im Nationalpark Unteres Odertal an der Grenze von Deutschland und Polen: "Zusätzliche Verteidigungslinie für Westeuropa."
IMAGO/alimdi

Neue Bündnisse
Dass ausgerechnet die Landesverteidigung der Renaturierung von Mooren und auch Flussauen in Europa zum Durchbruch verhelfen könnte, mutet zunächst kurios an. Das Militär war bisher nicht gerade die Speerspitze der Umweltbewegung: Kampfjets, Panzer und Militärschiffe brauchen Unmengen an Treibstoff. Und dass bei einem Kriegsausbruch auch Äcker verseucht und Böden vermint werden, muss die Ukraine leidvoll erfahren.

Nun aber bilden sich in Deutschland, Polen oder den baltischen Staaten neue Allianzen. "In vielen Ländern bekundet das Militär Interesse an der strategischen Bedeutung von Mooren, auch die deutsche Bundeswehr", sagt Tanneberger. Man könne die Gesellschaft dazu motivieren, Moore wiederherzustellen, "indem wir Wertschöpfung schaffen". Eine Form davon wäre laut Tanneberger die Landesverteidigung.

"Wiedervernässte Landschaften können die Streitkräfte des Gegners kanalisieren und lenken. Das erleichtert die Verteidigung."
Lukas Bachmann, Leiter des Referats Taktik am Institut für Höhere Militärische Führung
"Natürliche Burggräben"
Der deutsche Naturschutzbund (Nabu) und das German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS), das zum Verteidigungsministerium gehört, verfassten sogar ein gemeinsames Ideenpapier, wie der Spiegel zuerst berichtete. Titel: "Mehr Wildnis wagen – mehr Sicherheit gewinnen".

Intakte Moore seien wie "natürliche Burggräben", heißt es in dem Papier. Sie seien ein effektives Mittel, "um potenzielle Angriffsräume zu verkleinern oder die Angriffsgeschwindigkeit zumindest deutlich zu reduzieren". Lukas Bachmann, Leiter des Referats Taktik am Institut für Höhere Militärische Führung in der Wiener Stiftskaserne, bestätigt dies im Gespräch mit dem STANDARD: "Wiedervernässte Landschaften können die Streitkräfte des Gegners kanalisieren und lenken. Das erleichtert die Verteidigung."


Unter anderem Finnland, die baltischen Staaten und Polen haben wertvolle Moore. Nasse Gebiete müssten erhalten und trockengelegte Moore wiedervernässt werden, empfehlen Biologinnen und Biologen – auch im Sinne der Landesverteidigung.
DER STANDARD

Drohnen sind nicht alles
Selbst der überbordende Einsatz von Drohnen, wie im Ukrainekrieg, würde die Renaturierungen militärisch nicht sinnlos machen. Drohnen können kein Gelände in Besitz nehmen und halten. Dafür braucht eine Streitmacht immer noch Bodentruppen.

Radfahrzeuge wie Geländewagen würden in Mooren schneller versinken als Panzer. Bei Panzern verteilt sich das Gewicht über die Gleiskette gleichmäßiger als bei Autos mit deren kleinen Reifenflächen. Wenn der Boden nass genug ist, stoppt er aber auch Panzer.

Auch Wälder spielen in dem Papier des Nabu und des GIDS eine Rolle. Sie mögen für moderne Militärfahrzeuge zwar keine unüberwindbaren Hindernisse mehr sein, "bremsen Truppenbewegungen jedoch erheblich aus, weil Waldkampf annähernd komplex wäre wie ein Kampf im urbanen Raum", heißt es.


Sumpfgebiet im Ökopark Ost bei Kołobrzeg (Kolberg) in Polen: "Mauern können leicht gesprengt und überrannt werden, das kann mit Feuchtgebieten nicht passieren."
IMAGO/imagebroker

Moore statt Mauern
In Polen, wo ein Programm zur militärischen Abriegelung der Grenze zu Russland und Belarus ("Ostschild") läuft, zerbrechen sich längst auch Biologen den Kopf über die Landesverteidigung. Michal Zmihorski, Direktor des Instituts für Säugetierforschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften, erklärte der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft, Moore und Wälder seien an der Ostgrenze effektiver als asphaltierte Straßen mit Wachtürmen. "Die Vorstellung, dass vollständig überschaubares Terrain bei der Verteidigung hilft, ist fehlgeleitet", sagte Zmihorski. Mauern könnten leicht gesprengt und überrannt werden, "das kann mit Feuchtgebieten und dichten Wäldern nicht passieren".

Moorforscherin Tanneberger betont den defensiven Ansatz ihres militärisch-ökologischen Papiers. Ihre Kollegen und sie hätten sich bemüht, "die Verteidigung nicht nur in eine Himmelsrichtung zu denken", sagt sie mit Blick auf Russland. "Mir persönlich ist diese Feindseligkeit in Europa zuwider, und ich hoffe, dass sich die Zeiten wieder ändern."

Belohnung für CO₂-Entnahmen
Zur Finanzierung der Wiedervernässungen von Mooren schlägt Tanneberger vor, einen EU-Fonds mit 250 bis 500 Millionen Euro einzurichten. Zudem setzt sie Hoffnungen in das sogenannte Carbon Removal Certification Framework (CRCF) der EU. Teil des EU-Konzepts: Wer CO₂ dauerhaft speichert, etwa in Mooren, kann dafür freiwillig Zertifikate bekommen. Die EU könnte garantieren, über die nächsten zehn Jahre einen Teil der durch Moorprojekte erreichten Treibhausgasreduktionen aufzukaufen, regt Tanneberger an. Die restlichen Zertifikate könnten von der Privatwirtschaft übernommen werden. Noch ab diesem Jahr will die EU diese CO₂-Gutschriften vergeben.

Und wie sieht es mit natürlicher Landesverteidigung in Österreich aus? Was das Land hauptsächlich begünstige, sei das Gebirge, sagt Taktikexperte Bachmann vom Bundesheer. In Österreich gebe es nur wenige große Moore, diese seien vor allem in Salzburg, Vorarlberg und Kärnten. "Aber auch den Neusiedler See sollten wir nicht nur aus ökologischen Gründen möglichst gut erhalten", rät Bachmann. "Er ist ein riesengroßes Feuchtgebiet, das auch militärisch bedeutsam sein kann."
(Lukas Kapeller, 3.6.2026)
https://www.unterirdisch.de/index.php?forums/pumpensumpf-und-senftöpfchen.15/post-thread
 

josef

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Kleinräumige Nutzung von Wasserflächen als Geländehindernisse gab es in Österreich schon in der Ära des "Kalten Krieges"! Dazu wurden bestimmte Abschnitte entlang der Donau in das Konzept der Raumverteidigung eingebunden!
Siehe hier...
 
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