Verschollene Reichtümer
Berühmtes Schiffswrack entdeckt, das einst "atemberaubende" Schätze mitführte
Die Nossa Senhora do Cabo soll vor 300 Jahren vor der Insel Réunion von Piraten gekapert und nach Madagaskar gebracht worden sein. Nun fand man ihre Überreste
Berühmtes Schiffswrack entdeckt, das einst "atemberaubende" Schätze mitführte
Berühmtes Schiffswrack entdeckt, das einst "atemberaubende" Schätze mitführte
Die Nossa Senhora do Cabo soll vor 300 Jahren vor der Insel Réunion von Piraten gekapert und nach Madagaskar gebracht worden sein. Nun fand man ihre Überreste
Im April des Jahres 1721 griffen Piraten im Indischen Ozean ein portugiesisches Schiff an, das sich mit einer umfangreichen Ladung von Goa kommend auf dem Weg nach Lissabon befand. Die Seeräuber – unter ihnen der berüchtigte französische Kapitän Olivier "der Bussard" Levasseur – hatten Erfolg und dürften sich nach heutigen Erkenntnissen über reiche Beute gefreut haben. Nun glauben Forschende, das Wrack dieses Schiffes vor der Küste Madagaskars identifiziert zu haben.
16 Jahre lang hatten die beiden Wissenschafter Brandon Clifford und Mark Agostini vom Center for Historic Shipwreck Preservation in Massachusetts die Überreste untersucht. Neue Hinweise lassen für die Forschenden nun keinen Zweifel mehr, wie sie im Wreckwatch Magazine berichten: Es muss sich um die Nossa Senhora do Cabo (portugiesisch für "Unsere Liebe Frau vom Kap") handeln, ein berühmtes, mächtiges, 700 Tonnen schweres Kriegsschiff.
Das 18. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der Piraterie. Unter dem Druck einer sich verstärkenden Piratenjagd in der Karibik zogen viele Seeräuber in den Indischen Ozean um.
Illustr.: Whydah Pirate Museum
Berüchtigtes Piratennest
Heute liegt das Wrack auf dem Grund eines kleinen Hafens der Insel Nosy Boraha vor der Nordostküste Madagaskars. Während des goldenen Zeitalters der Piraterie im frühen 18. Jahrhundert war die Insel als Île Sainte-Marie bekannt. Es war ein berüchtigtes Piratennest, von dem aus die Seeräuber in den Indischen Ozean hinausfuhren und nicht selten mit gekaperten Schiffen voller Reichtümer zurückkehrten.
Die Identifizierung des Schiffswracks stütze sich auf mehrere Beweislinien, wie Clifford, Mitbegründer und Direktor des Forschungszentrums, erklärte. Dazu zählen die Analyse der Schiffskonstruktion anhand der auf dem Meeresgrund liegenden Trümmer, historische Aufzeichnungen sowie Artefakte, die in den Trümmern gefunden wurden.
Religiöse Artefakte
Aus dem Wrack der Nossa Senhora do Cabo habe man bisher über 3300 Objekte geborgen, sagte Agostini. Die darüber abgelagerten mächtigen Sedimente aus Schlick und Sand erschweren jedoch weitere Bergungsbemühungen. Unter den Funden befinden sich religiöse Figuren und Objekte aus Holz und Elfenbein, wie beispielsweise eine Darstellung der Jungfrau Maria, ein Teil eines Kruzifixes sowie eine elfenbeinerne Tafel mit der Inschrift "INRI", jenen vier Buchstaben also, die laut den Evangelien von den Römern über dem gekreuzigten Jesus angebracht worden w
Die Forschenden gehen davon aus, dass diese Objekte in Goa gefertigt wurden, damals das Zentrum der portugiesischen Kolonien an der Westküste Indiens, und für den Transport nach Portugal bestimmt waren. Laut zeitgenössischen Dokumenten verließ die Nossa Senhora do Cabo Anfang 1721 Goa mit Kurs auf Lissabon. An Bord befanden sich der scheidende Vizekönig Portugals Luís Carlos Inácio Xavier de Meneses sowie der Erzbischof von Goa, Sebastião de Andrade Pessanha.
Die archäologischen Untersuchungen offenbarten zwischen den Ballaststeinen Holzfragmente vom Rumpf der Nossa Senhora do Cabo – davon zumindest sind die Forschenden um Brandon Clifford und Mark Agostini überzeugt.
Foto: Center for Historic Shipwreck Preservation
Erfolgreich gekapert
Am 8. April 1721 wurde das Schiff nahe der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean gleich von mehreren Piratenschiffen angegriffen und schließlich gekapert. Laut dem Forscher Denis Piat, Autor des Buches Pirates & Privateers in Mauritius (Didier Millet, 2014), bestanden die Schätze an Bord unter anderem aus edlen Stoffen, Gewürzen, zahlreichen Gold- und Silberbarren und Truhen voller Perlen und Edelsteinen. Einen großen Teil davon soll sich der berüchtigte französische Pirat Olivier Levasseur, genannt "Der Bussard", gesichert haben.
Wie Clifford und sein Kollege Agostini, Archäologe an der Brown University, berichten, war die Nossa Senhora do Cabo kurz vor der Piratenattacke durch Stürme schwer beschädigt worden. Man hatte den Großteil seiner 72 Kanonen über Bord werfen müssen, um nicht zu sinken – und konnte sich deshalb auch kaum zur Wehr setzen, als man sich plötzlich den Totenkopfflaggen gegenübersah.
"Atemberaubende Schätze"
Die Seeräuber schnappten sich den Vizekönig, der später gegen Lösegeld wieder freigelassen wurde. Was mit dem Erzbischof geschah, ist nicht überliefert. Etwa 200 versklavte Menschen aus Mosambik befanden sich unter Deck, doch auch über ihr Schicksal gibt es keine Aufzeichnungen, vermutlich aber wurden sie, ebenso wie die Besatzung, auf Réunion freigelassen.
Dass der Beutezug für die Piraten außerordentlich einträglich war, liegt aber nicht an den prominenten Passagieren, sondern an den selbst nach Piratenmaßstäben "atemberaubenden Schätzen", die sich an Bord befanden, wie das Team berichtet. Allein die Fracht hätte nach heutigem Wert mehr als 138 Millionen Dollar betragen. Frühere Schätzungen gingen gar von Milliarden-Werten aus.
Die Piraten steuerten das erbeutete Schiff nach Madagaskar, rund 650 Kilometer westlich von La Réunion, um die Kostbarkeiten auf Île Sainte-Marie unter sich aufzuteilen. Der natürliche Hafen der kleinen Insel bot guten Schutz und lag nahe wichtiger Seehandelsrouten. Hinzu kam das Fehlen kolonialer Kontrolle – ideale Bedingungen für ein Piratenversteck.
Einige der Funde – im Bild: Fragmente von feinem Porzellan und Goldstücke mit arabischer Inschrift – scheinen zu belegen, was man aus zeitgenössischen Dokumenten erfährt: Die Nossa Senhora do Cabo war vollbeladen mit Reichtümern.
Foto: Center for Historic Shipwreck Preservation
Laut Clifford und seinen Kolleginnen und Kollegen wurden während des goldenen Zeitalters der Piraterie zwischen sieben und zehn Schiffe unmittelbar vor Île Sainte-Marie zerstört oder versenkt. "Mindestens vier Piratenwracks oder erbeutete Schiffe liegen im Hafen selbst", sagt er. Dennoch sei die Insel und ihre wissenschaftlich bedeutsamen Wracks bislang von der Archäologie weitgehend übersehen worden. Nun aber könnte sich der Meeresboden vor dem Eiland als wichtige Stätte für künftige unterwasserarchäologische Untersuchungen erweisen.
Verschollene Reichtümer
Was aus dem legendären Schatz des Piraten Olivier Levasseur wurde, der zu einem Gutteil aus der Beute von der Nossa Senhora do Cabo stammte, ist unbekannt. 1724 soll Levasseur ein französisches Amnestieangebot ausgeschlagen und sich auf die Seychellen zurückgezogen haben, wo man ihn wenige Jahre später schnappte und schließlich 1730 in Saint-Denis, Réunion, wegen Piraterie hängte.
Seine verschollenen Reichtümer wurden nie gefunden, vermutet werden sie je nach Hypothese auf den Seychellen, auf La Réunion, Mauritius, Mayotte, Rodrigues und auf Sainte-Marie. Einer weitverbreiteten Legende zufolge soll "der Bussard" nach seinem Prozess in Saint-Denis beim Überschreiten der Brücke des Baches der "Ravine à Malheur" seinen Bewachern zugeflüstert haben: "Mit dem, was ich hier versteckt habe, könnte ich diese ganze Insel kaufen."
(Thomas Bergmayr, 7.7.2025)
16 Jahre lang hatten die beiden Wissenschafter Brandon Clifford und Mark Agostini vom Center for Historic Shipwreck Preservation in Massachusetts die Überreste untersucht. Neue Hinweise lassen für die Forschenden nun keinen Zweifel mehr, wie sie im Wreckwatch Magazine berichten: Es muss sich um die Nossa Senhora do Cabo (portugiesisch für "Unsere Liebe Frau vom Kap") handeln, ein berühmtes, mächtiges, 700 Tonnen schweres Kriegsschiff.
Das 18. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der Piraterie. Unter dem Druck einer sich verstärkenden Piratenjagd in der Karibik zogen viele Seeräuber in den Indischen Ozean um.
Illustr.: Whydah Pirate Museum
Berüchtigtes Piratennest
Heute liegt das Wrack auf dem Grund eines kleinen Hafens der Insel Nosy Boraha vor der Nordostküste Madagaskars. Während des goldenen Zeitalters der Piraterie im frühen 18. Jahrhundert war die Insel als Île Sainte-Marie bekannt. Es war ein berüchtigtes Piratennest, von dem aus die Seeräuber in den Indischen Ozean hinausfuhren und nicht selten mit gekaperten Schiffen voller Reichtümer zurückkehrten.
Die Identifizierung des Schiffswracks stütze sich auf mehrere Beweislinien, wie Clifford, Mitbegründer und Direktor des Forschungszentrums, erklärte. Dazu zählen die Analyse der Schiffskonstruktion anhand der auf dem Meeresgrund liegenden Trümmer, historische Aufzeichnungen sowie Artefakte, die in den Trümmern gefunden wurden.
Religiöse Artefakte
Aus dem Wrack der Nossa Senhora do Cabo habe man bisher über 3300 Objekte geborgen, sagte Agostini. Die darüber abgelagerten mächtigen Sedimente aus Schlick und Sand erschweren jedoch weitere Bergungsbemühungen. Unter den Funden befinden sich religiöse Figuren und Objekte aus Holz und Elfenbein, wie beispielsweise eine Darstellung der Jungfrau Maria, ein Teil eines Kruzifixes sowie eine elfenbeinerne Tafel mit der Inschrift "INRI", jenen vier Buchstaben also, die laut den Evangelien von den Römern über dem gekreuzigten Jesus angebracht worden w
Die Forschenden gehen davon aus, dass diese Objekte in Goa gefertigt wurden, damals das Zentrum der portugiesischen Kolonien an der Westküste Indiens, und für den Transport nach Portugal bestimmt waren. Laut zeitgenössischen Dokumenten verließ die Nossa Senhora do Cabo Anfang 1721 Goa mit Kurs auf Lissabon. An Bord befanden sich der scheidende Vizekönig Portugals Luís Carlos Inácio Xavier de Meneses sowie der Erzbischof von Goa, Sebastião de Andrade Pessanha.
Die archäologischen Untersuchungen offenbarten zwischen den Ballaststeinen Holzfragmente vom Rumpf der Nossa Senhora do Cabo – davon zumindest sind die Forschenden um Brandon Clifford und Mark Agostini überzeugt.
Foto: Center for Historic Shipwreck Preservation
Erfolgreich gekapert
Am 8. April 1721 wurde das Schiff nahe der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean gleich von mehreren Piratenschiffen angegriffen und schließlich gekapert. Laut dem Forscher Denis Piat, Autor des Buches Pirates & Privateers in Mauritius (Didier Millet, 2014), bestanden die Schätze an Bord unter anderem aus edlen Stoffen, Gewürzen, zahlreichen Gold- und Silberbarren und Truhen voller Perlen und Edelsteinen. Einen großen Teil davon soll sich der berüchtigte französische Pirat Olivier Levasseur, genannt "Der Bussard", gesichert haben.
Wie Clifford und sein Kollege Agostini, Archäologe an der Brown University, berichten, war die Nossa Senhora do Cabo kurz vor der Piratenattacke durch Stürme schwer beschädigt worden. Man hatte den Großteil seiner 72 Kanonen über Bord werfen müssen, um nicht zu sinken – und konnte sich deshalb auch kaum zur Wehr setzen, als man sich plötzlich den Totenkopfflaggen gegenübersah.
"Atemberaubende Schätze"
Die Seeräuber schnappten sich den Vizekönig, der später gegen Lösegeld wieder freigelassen wurde. Was mit dem Erzbischof geschah, ist nicht überliefert. Etwa 200 versklavte Menschen aus Mosambik befanden sich unter Deck, doch auch über ihr Schicksal gibt es keine Aufzeichnungen, vermutlich aber wurden sie, ebenso wie die Besatzung, auf Réunion freigelassen.
Dass der Beutezug für die Piraten außerordentlich einträglich war, liegt aber nicht an den prominenten Passagieren, sondern an den selbst nach Piratenmaßstäben "atemberaubenden Schätzen", die sich an Bord befanden, wie das Team berichtet. Allein die Fracht hätte nach heutigem Wert mehr als 138 Millionen Dollar betragen. Frühere Schätzungen gingen gar von Milliarden-Werten aus.
Die Piraten steuerten das erbeutete Schiff nach Madagaskar, rund 650 Kilometer westlich von La Réunion, um die Kostbarkeiten auf Île Sainte-Marie unter sich aufzuteilen. Der natürliche Hafen der kleinen Insel bot guten Schutz und lag nahe wichtiger Seehandelsrouten. Hinzu kam das Fehlen kolonialer Kontrolle – ideale Bedingungen für ein Piratenversteck.
Einige der Funde – im Bild: Fragmente von feinem Porzellan und Goldstücke mit arabischer Inschrift – scheinen zu belegen, was man aus zeitgenössischen Dokumenten erfährt: Die Nossa Senhora do Cabo war vollbeladen mit Reichtümern.
Foto: Center for Historic Shipwreck Preservation
Laut Clifford und seinen Kolleginnen und Kollegen wurden während des goldenen Zeitalters der Piraterie zwischen sieben und zehn Schiffe unmittelbar vor Île Sainte-Marie zerstört oder versenkt. "Mindestens vier Piratenwracks oder erbeutete Schiffe liegen im Hafen selbst", sagt er. Dennoch sei die Insel und ihre wissenschaftlich bedeutsamen Wracks bislang von der Archäologie weitgehend übersehen worden. Nun aber könnte sich der Meeresboden vor dem Eiland als wichtige Stätte für künftige unterwasserarchäologische Untersuchungen erweisen.
Verschollene Reichtümer
Was aus dem legendären Schatz des Piraten Olivier Levasseur wurde, der zu einem Gutteil aus der Beute von der Nossa Senhora do Cabo stammte, ist unbekannt. 1724 soll Levasseur ein französisches Amnestieangebot ausgeschlagen und sich auf die Seychellen zurückgezogen haben, wo man ihn wenige Jahre später schnappte und schließlich 1730 in Saint-Denis, Réunion, wegen Piraterie hängte.
Seine verschollenen Reichtümer wurden nie gefunden, vermutet werden sie je nach Hypothese auf den Seychellen, auf La Réunion, Mauritius, Mayotte, Rodrigues und auf Sainte-Marie. Einer weitverbreiteten Legende zufolge soll "der Bussard" nach seinem Prozess in Saint-Denis beim Überschreiten der Brücke des Baches der "Ravine à Malheur" seinen Bewachern zugeflüstert haben: "Mit dem, was ich hier versteckt habe, könnte ich diese ganze Insel kaufen."
(Thomas Bergmayr, 7.7.2025)