josef

Administrator
Mitarbeiter
#21
Die Lumpen und die Toten
Vor hundert Jahren ist der Kampf um das Burgenland blutig geworden. Ungarische Freischärler vertrieben die österreichischen Gendarmen

Auf diesem historischen Bild zu sehen: österreichische Gendarmen und zwei gefangene ungarische Freischärler der sogenannten Rongyos Gárda, der Lumpengarde.
Foto: Landesarchiv Burgenland
Von Schattendorf kommend, ist die erste Querstraße im Nachbardorf Ágfalva die Baracsi László utca. Dort, wo diese dann die Hauptstraße kreuzt, steht ein Denkmal für den Straßenpatron. Sichtlich gepflegt ist es. Um nicht zu sagen in Gebrauch; stets geschmückt mit rot-weiß-grün beschleiften Kränzen. Alljährlich Ende August, Anfang September versammeln sich hier die patriotisch besonders Bewegten. Denn László Baracsi ist ein ungarischer Held. Hier – gegenüber steht die katholische Kirche, ein paar Schritte weiter der Bahnhof – starb er seinen Heldentod. Am 28. August 1921 war es, halb drei am Nachmittag.

Zwei Kilometer weiter, beim Bahnviadukt, halbwegs zwischen Ödenburg und Agendorf, zwischen Sopron und Ágfalva also, konnten alle die Schüsse hören. Auch Robert Henry Louis Davy. Der versuchte seit mehr als zwei Stunden, die jungen Burschen in ihrem abenteuerlichen Räuberzivil und mit dem Karabiner in der Hand davon zu überzeugen, dass er nicht nur jedes Recht hätte, mit dem Automobil hinüber nach Agendorf zu fahren, sondern die Pflicht. Denn er sei – doch wohl ausreichend belegt durch den Passierschein des ungarischen Regierungskommissärs Graf Antal Sigray – der rechtmäßig eingesetzte Landesverwalter des Burgenlandes. Er müsse die in Agendorf ja schon einrückenden österreichischen Gendarmen empfangen. Morgen, Montag, werde er in der Hauptstadt Ödenburg den Dienst antreten.

Die zu Hilfe gerufenen Entente-Offiziere bestätigten das. Doch die Räuberzivilisten beeindruckte auch das wenig. "Nem szabad!", erklärten sie. Verboten! Kein Vor, aber auch kein Zurück. "Wir waren", so schilderte Davy es tags darauf den Wiener Zeitungen, "mehr als eine Stunde lang Gefangene der Bande." Erst um halb drei erlaubten die Freischärler – nun mehr der Furcht gehorchend als dem Rechtsempfinden – die Weiterfahrt. Da starb László Baracsi gerade seinen Heldentod. Zwanzigmal hatte er, so wurde anhand der Patronenhülsen rekonstruiert, wohl allzu hastig und also erfolglos auf die österreichischen Gendarmen gefeuert. Dann erwischte es ihn. "Eine Kugel", erzählte Davy, "war ihm neben der Nase eingedrungen und hatte auf der Stelle seinen Tod herbeigeführt." Als Davy den Schauplatz erreichte, lag Baracsi László noch warm. Eine Quittung auf diesen Namen war das einzige Dokument, das bei ihm gefunden wurde.

László Baracsi war der erste Gefallene im nun beginnenden Kampf um das Burgenland. Der trug, wie alle Kämpfe nach dem ersten Toten, den Keim in sich, zu einem veritablen Krieg zu eskalieren. Man wusste ja, wie das abläuft. Sieben Jahre zuvor hatte ein einziger erschossener Erzherzog genügt, die Welt in Brand zu stecken.

Mobile Guerillataktiken
László Baracsi stammte aus der Tiefebene, aus Kecskemét. Von Kecskemét kam auch Oberleutnant Iván Hejjás, eine der übelsten Nachkriegsgestalten in dem an üblen Nachkriegsgestalten nicht sehr armen Ungarn. Hejjás war ein Freischarführer. Seine Truppe nannte sich selber, stolz das Äußere des Räuberzivils als Bezeichnung tragend, Lumpengarde: Rongyos Gárda. Im Burgenland wird diese Guerillatruppe im Doppelsinn erinnert: als plünderndes, erpressendes, sehr oft auch antisemitisch marodierendes Lumpenpack.
Die Lumpengarde war freilich nur eine der Truppen, die sich mit Waffen gegen die österreichischen Aspirationen auf Westungarn wehrten. Mit teils ausgefeilten, sehr mobilen Guerillataktiken und kühnen Handstreichen. So wie Hejjás und seine Lumpen im Jahr zuvor einen durchgeführt hatten. Mit mehreren Lastwagen waren sie ins steirische Fürstenfeld gefahren, hatten dort ein Waffenlager überfallen und kehrten mit reicher Beute – Mannlicher-Karabinern, Handgranaten, Maschinengewehren – zurück in den ungarischen Abwehrkampf.

Am 16. Juli 1921 war der Vertrag von Trianon mit all seinen für Ungarn so schmerzlichen Gebietsverlusten in Kraft getreten. Bis 27. August solle Budapest sein Militär zurückziehen. Die Österreicher würden am Sonntag, den 28., bis zu einer vereinbarten Linie nachrücken – in diesem Fall bis Agendorf – und am Montag das ganze Vertragsgebiet, Sopron inklusive, besetzen. Der Einsatz des Bundesheeres war den Österreichern untersagt worden. Es gäbe ohnehin die aus 30 Offizieren bestehende Interalliierte Kommission. Die würde schon dafür Sorge tragen, dass Robert H. L. Davy am 29. August, begleitet von Gendarmen, seinen Platz am Schreibtisch des Ödenburger Komitatshauses würde einnehmen können.
Stattdessen musste der Landesverwalter, ein Sektionschef des Innenministeriums, noch am selben Tag sein Quartier in Mattersdorf aufschlagen. Aber auch dort war für Davy kein Bleiben. Denn jetzt fing der magyarische Abwehrkampf erst richtig an. Er hat auf österreichischer Seite 52 Männer das Leben gekostet. Auf ungarischer nicht weniger.

Gekämpft, geschossen, gestorben
In den nächsten drei Wochen wurde gekämpft, geschossen, gestorben für die jeweils gerechte Sache. Die österreichischen Gendarmen hielten den Kopf hin für einen Landstreifen, für den der Friedensverhandler Karl Renner den Namen Burgenland durchgesetzt hatte. Die Ungarn verteidigten uraltes Grenzland, für das es gar keinen Namen gab. Es war schlicht der hauptsächlich Deutsch sprechende Westrand der drei westlichen Grenzkomitate – Moson, Sopron, Vasvár; Wieselburg, Ödenburg, Eisenburg.

Nicht ganz zu Unrecht hegte man in Budapest den Verdacht, die Siegermächte würden dieses Burgenland Österreich als Kompensation für das Südtiroler Unrecht zugestehen. Das erbitterte Ungarn, dem durch den Vertrag von Trianon ohnehin schon zwei Drittel des alten Reichs abgeschlagen worden waren, ganz besonders. Würde auch der westliche Rand herausgebrochen, wäre man – genau so sagen viele heute noch – von sich selbst umgeben. "Nem! Nem! Soha!", hallte es durchs Ungarland, "Nein! Nein! Niemals!". Der große Attila József hat im Jahr darauf, 17-jährig, diese nationale Wallung zu einem poetischen Kampflied gedichtet. "Stolz und zornig stürzen, stürmen wir nach vorne / Schmieren Kreuze mit Blut auf jeden Grenzstein."

Einer mit dem Namen Ahmed
Gegen den früheren Waffenbruder, den Kriegsverlierer Österreich, erhoffte man sich gute Chancen auf Vertragsrevision. Zumal ja auch ethnisch Deutsche aufstanden gegen die Labanzen, wie man die von Wien geschickten Soldaten immer schon genannt hatte. Hauptmann Paul Gebhardt aus Walbersdorf war gar ein Kommandant. Ein ethnischer Konflikt war der Kampf ums Burgenland tatsächlich nicht.

Ein Volksaufstand, wie Budapest verkündete, allerdings auch nicht. Zu viel offiziell Militärisches geschah im offiziell eigentlich geräumten Gebiet. Der frühere Ministerpräsident István Friedrich sammelte in Balf am Neusiedler See Offiziere in Zivil und kriegserprobte Studenten um sich. Der Honvéd-Major Gyula Osztenburg rückte nun als Kommandant des Reservegendarmeriebataillons Nr. 2 in den Raum Eisenstadt ein. Im Süden war Pál Prónay zugange, wohlbekannt aus der Schreckenszeit des "weißen Terrors" nach dem Ende des roten im Jahr 1919. Daneben sammelte Graf Tamás Erdődy, ein enger Gefährte von Kaiser Karl, eine Freischärlertruppe, in der sogar seine Gattin zur Waffe gegriffen hatte.

Studenten, habsburgfeindliche Königswähler, habsburgtreue Legitimisten, Landsknechte hatten sich gegen Österreich versammelt. In der Rongyos Gárda kämpften, was in den patriotischen Erinnerungsfeiern oft vergessen wird, auch rund 200 Bosniaken. Die hat es nach dem Krieg erst nach Wien, dann nach Budapest verschlagen. Ihr geistlicher Chef, Durics Hilmi Hussein, war k. u. k. Feldimam gewesen und wurde später Főmufti von Budapest. Am 5. September fiel in der Buckligen Welt bei Kirchschlag – Freischärler trafen dort auf reguläre österreichische Soldaten und lieferten ein für beide Seiten verlustreiches Gefecht – einer, von dem nur der Namen Ahmed überliefert wurde.

Gegen all diese gut bewaffneten und von kriegserfahrenen Offizieren geführten Freischaren war die österreichische Gendarmerie ohne Chance. Im Süden, wo Erdődy und Prónay das Kommando führten, ging für sie schon der 28. Augst schief. Nirgends konnten die Marschziele erreicht werden. Im Norden konzentrierte sich der Widerstand rund um Sopron.

Eine wilde Schießerei
Am 8. September kam es dort, wo es begonnen hatte, zur Entscheidung: zur zweiten Schlacht von Agendorf. Es war eine wilde Schießerei, auch mit Maschinengewehren. Die Gendarmen hatten verabsäumt, die Höhen über dem Dorf zu besetzen. Dort saßen jetzt die Freischärler. Die Österreicher flohen, wenn schon nicht Hals über Kopf, so doch in Eilmärschen nach Mattersdorf. Drei Ungarn und zwei Österreicher blieben liegen: der Finanzbeamte Ferenc Pehm, die Leutnants Gyula Machatsek und Elemér Szechányi – Studenten der Soproner Forstuniversität, die ihrer auch alljährlich gedenkt; und die Gendarmen Arnold Mosch und Karl Heger. Noch glaubten die Österreicher, sich in verstärkten Stellungen in Mattersdorf und Sauerbrunn halten zu können. Am 11. September zogen sich auch die hinter die Leithagrenze zurück, begleitet von fliehenden Anschluss-Befürwortern.

Statt, wie vorgesehen, in Ödenburg schlug Robert Henry Louis Davy nun sein Büro im Neukloster zu Wiener Neustadt auf, von wo aus man schon nach Ungarn hinüberschauen kann. Zu tun hatte er damit genug. Jetzt begann das letzte, turbulente, sich bis in den Dezember hinziehende Kapitel der Österreich-Werdung des Burgenlandes. Mit so mancher Absonderlichkeit: Am 4. Oktober hob Pál Prónay in Oberwart das Lajtabánság aus der Taufe und ließ umgehend ein Amtsblatt und einen Satz Briefmarken drucken. Aber die Zeit, als die Sieger sich von freien Republiken hätten beeindrucken lassen, war vorbei.

Die Kriegsgewinner der Entente und die Kriegsgewinnler der Kleinen Entente überließen nun Italien – von dem man weder in Ungarn noch in Österreich sagen wollte, als was man es ansah – die Initiative. Am 13. Oktober einigte man sich in Venedig, die staatliche Zugehörigkeit der burgenländischen Hauptstadt einer Volksabstimmung zu unterziehen. Dort, nahe Sopron, landete am 20. Oktober der Habsburger Karl. Osztenburg verwandelte sich vom Gendarmen flugs zurück in den Soldaten. Er und Oberst Anton Lehár begleiteten mit 4000 Mann den König nach Budapest. Es kam zu Kämpfen. Tote blieben liegen. Aber die Zeit, da irgendwer sich von einem Habsburger hätte beeindrucken lassen, war definitiv vorbei.


Ungarische Freischärler im September 1921: Gegen sie war die österreichische Gendarmerie chancenlos.
Foto: Picturedesk

Robert Henry Louis Davy hätte seinem einstigen Dienstherrn sagen können, warum. Karls Vorgänger, Franz Joseph, hatte den 1867 in Königsberg geborenen Davy einst den Preußen ausgespannt für den kakanischen Verwaltungsdienst. Der führte ihn vom schlesischen Troppau steil hinauf nach Wien ins Innenministerium, wo er bis in den Krieg hinein die – ja, ja –"Kommission zur Verwaltungsreform" leitete.

Davy war ein Verwaltungsjurist. Dem Burgenland schuf er eine rechtliche Basis. Die bis dahin geltenden ungarischen Gesetze fasste er im siebenbändigen Rechtsarchiv des Burgenlandes zusammen. Politiker war er keiner. Schon am 16. Jänner 1922 – kaum war das Burgenland das Burgenland, wurde eifrig burgenlandisiert – reichte er die Demissionierung ein, blieb aus Pflichtgefühl noch bis in den März in Sauerbrunn, wo die Landesregierung – provisorisch – Quartier genommen hatte.

Im Eisenstädter Landhaus hängt das Ölporträt von Davy in der Landeshauptmännergalerie im Wandelgang vor dem Sitzungssaal. Das Burgenland erinnert sich an ihn als seinen ersten Landeshauptmann. Davy war der Sohn eines schottischen Eisenbahningenieurs. Seine Mutter, eine geborene Bensemann, entstammte einer jüdischen Berliner Familie. Wenn stimmt, dass Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde, dann war der erste Landeshauptmann des Burgenlandes Jude.

Im April 1924 verstarb Davy. Seinen Enkel sah er deshalb nicht mehr. Der kam erst im Dezember dieses Jahres zur Welt. Wir Heutigen konnten – und können uns im Wiederholungsfall – nicht sattsehen an ihm. Walter Davy war ja der Schremser, der Dezernatsleiter mit der Krücke, der dem Major Kottan zur Hand gegangen ist mit seinem trockenen Schmäh.
(ALBUM, Wolfgang Weisgram, 12.9.2021)
Die Lumpen und die Toten
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#22
Der „Anschluss“ im Burgenland
1633020258730.png

In der Serie „100 Jahre Burgenland – Geschichte im Gespräch“ gibt Historiker Michael Schreiber einen Überblick über die Geschichte des Landes, diesmal das Jahr 1938 betreffend: Wie hat sich der sogenannte „Anschluss“ im Burgenland vollzogen? Wie war der Zulauf zur NSDAP und welche NS-Kriegsverbrechen werden Franz Murer vorgeworfen?
Online seit heute, 18.04 Uhr
Teilen
Im Februar 1938 unterzeichnete Kurt Schuschnigg das „Berchtesgadener Abkommen“ und machte damit den Weg für die Nationalsozialisten in Österreich frei, indem sie aus der Illegalität entlassen und an der Regierung beteiligt wurden. Dieses Abkommen ermöglichte die massive Einmischung Deutschlands in innerösterreichische Angelegenheiten und beschleunigte in den folgenden Wochen den endgültigen Niedergang des austrofaschistischen Staates.

STRINGER / AFP / picturedesk.com
Der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland

Als Reaktion auf den insgesamt enorm gestiegenen nationalsozialistischen Druck kündigte Schuschnigg am 9. März überraschend eine Volksabstimmung über die Selbstständigkeit Österreichs an, die schon am 13. März hätte stattfinden sollen. Zu dieser Volksabstimmung kam es aber nicht mehr: Am 11. März trat Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zurück und die Nationalsozialisten übernahmen sukzessive die Macht im Staat. Der sogenannte „Anschluss“ wurde in nur drei Tagen vollzogen.

Der „Anschluss“ und Tobias Portschy
Im Wesentlichen hat sich der sogenannte „Anschluss“ an drei Tagen, vom 11. bis zum 13. März 1938, vollzogen: von innen – mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich, von außen – dem Einmarsch der Wehrmacht und durch die rechtliche Legitimierung – mit dem Bundesverfassungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich.


wikipediaTobias Portschy

Das Burgenland wurde mit 15. Oktober 1938 aufgelöst. Während des „Dritten Reiches“ wurde es zwischen den Reichsgauen Niederdonau und Steiermark aufgeteilt, Tobias Portschy war stellvertretender Gauleiter der Steiermark und SS-Oberführer. 1938 legte Portschy außerdem eine Denkschrift mit dem Titel „Die Zigeunerfrage“ vor, die deutlich von den Nürnberger Rassengesetzen beeinflusst war. In dieser forderte er unter anderem die „zigeunische“ Minderheit einem Schulverbot und der Zwangssterilisation zu unterwerfen und sie in Arbeitslager einzuweisen. Portschy konnten nach dem Zweiten Weltkrieg persönlich erteilte Befehle zur Deportation von Juden, Roma und Sinti aus dem Burgenland nicht nachgewiesen werden.

Nationalsozialisten im Burgenland
Ab 1923 waren die ersten nationalsozialistischen Gruppen in Bruckneudorf, Sauerbrunn und Mattersburg nachweisbar. Auch Unter- und Oberschützen wurden vom späteren NS-Landeshauptmann Tobias Portschy als frühe Zentren nationalsozialistischer Aktivitäten beschrieben. Es waren vor allem Studenten und Akademiker, Beamte und Bauern aus protestantischen Gemeinden, die früh mit der NSDAP sympathisieren. Hinzu kamen Sympathisanten der Großdeutschen Volkspartei. Karl Wollinger beispielsweise, der sich sehr um die Angliederung des Burgenlandes an Österreich bemüht hatte, hielt 1924 Hermann Göring, nach einem gescheiterten Putschversuch der Nationalsozialisten in München, bei sich im Südburgenland versteckt.

Bedeutend zulegen konnte die NSDAP aber bis in die 1930er Jahre nicht. Bei den Landtagswahlen 1930, bei denen im Burgenland erstmals die NSDAP antrat, errang die Partei nicht einmal ein Prozent der Stimmen. Allerdings wurden Anfang der 1930er Jahre die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise immer stärker spürbar, was vor allem unter den Arbeitslosen zu einem stärkeren Zulauf zur NSDAP führte. Nachdem Adolf Hitler Reichskanzler im Deutschen Reich geworden war, verzeichnete die Partei auch in Österreich und dem Burgenland vermehrt Zulauf, darunter auch aus dem Lager der Sozialdemokraten. Als bekanntes Beispiel kann Koloman Tomsich aus Schandorf genannt werden, der bis zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei Abgeordneter zum Burgenländischen Landtag und als Landesleiter des Republikanischen Schutzbundes im Burgenland tätig war.

NS-Kriegsverbrecher Murer im Burgenland
Fünf Jahre vor dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs verschlug es den Steirer Franz Murer arbeitsbedingt nach Nikitsch und ab Februar 1938 nach Kleinmutschen. Murers Nähe zum Nationalsozialismus nahm in seiner Zeit im Burgenland immer konkretere Züge an. In Kleinmutschen wurde der Kontakt zum Nationalsozialismus stärker. Den finalen Anstoß, der NSDAP beizutreten, dürfte dann ein Gespräch mit dem Kreisleiter von Oberpullendorf Paul Kiss gegeben haben. Über die NS-Kaderschmiede Krössinsee kam Murer im Sommer 1941 nach Wilna [Anm. heute Vilnius, Hauptstadt von Litauen], wo er zu einer zentralen Figur bei den Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung wurde: In der Zeit von 1941 bis 1943 war er in Wilna maßgeblich an der Vernichtung von über 70.000 Jüdinnen und Juden beteiligt.

1948 wurde Franz Murer vor dem Militärtribunal in Wilna zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, allerdings 1955 gemäß den Vorgaben zum Österreichischen Staatsvertrag wieder freigelassen. Ein neuerlicher Prozess Anfang der 1960er-Jahre in Graz endete in einem Freispruch.
30.09.2021, Bettina Treiber, burgenland.ORF.at
Der „Anschluss“ im Burgenland
 
Oben