1944/1945 – Das Luftschutzraumnetz Innere Stadt

Geist

Worte im Dunkel
Mitarbeiter
#1
Obwohl die Planungen zu einem umfassenden Schutzkonzept für die Zivilbevölkerung bereits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs aufgenommen wurden, dauerte es bis zum tatsächlichen Start der baulichen Maßnahmen bis 1944. Die strategischen Luftangriffe erfassten nun auch Österreich, das bis dahin scherzhaft als „Reichsluftschutzkeller“ galt. Die Bautätigkeit, die sich im Rahmen des Führer-Sofortprogramms zur Errichtung flächendeckender Schutzbauten für die Zivilbevölkerung entfaltet hatte, war jedoch nicht ausreichend.

So wurde der Gedanke ersonnen, die tiefen Keller der Wiener Innenstadt zu einem verzweigten Netz zu verbinden, um so hunderttausenden Menschen bei Bombenalarm eine Schutzmöglichkeit zu bieten. Das Vorhaben war riesig und überforderte die technischen Möglichkeiten. Um ein derart weit gespanntes Wege- und Schutzraumsystem vor schädlichen Außenwirkungen, die im Zuge eines Luftangriffs zu erwarten waren, wie etwa nicht atembare, heiße, rußdurchsetzte Luft oder gasförmige Kampfstoffe*, zu schützen, wäre die völlige Abdichtung nötig gewesen. Dies wiederum hätte die Notwendigkeit nach sich gezogen, das abgeschottete System künstlich über mehrere Stunden belüften zu müssen. Beides – sowohl das hunderprozentige Abdichten als auch das vollständige künstliche Belüften – war nach behördlicher Einschätzung nicht möglich.
Das Volumen der zusammenhängenden Kellerräume ergab Berechnungen zufolge etwa 600.000 bis 700.000 Kubikmeter, in denen sich bei nächtlichem Alarmfall etwa 40.000 Menschen für maximal 15 Stunden und bei Tagalarm etwa 200.000 Menschen für drei Stunden aufhalten konnten, wenn man pro Person einen Kubikmeter Atemluft pro Stunde berechnet.

Wegweiser eines Hauptfluchtweges 1. Ordnung des Luftschutzraumnetzes Innere Stadt. Die Entfernung zwischen Morzinplatz und Kohlmarkt beträgt etwa 600 Meter.

Die Wege, die durch dieses unterirdische Raumlabyrinth führten, waren in verschiedene Kategorien eingeteilt. Es gab Hauptfluchtwege 1. Ordnung und 2. Ordnung sowie Nebenfluchtwege. Diese führten hauptsächlich durch jene tiefen Keller, die unterhalb des ersten Kellerstockwerks lagen. Um Verbindungen zwischen auseinanderliegenden Kellergewölben herzustellen oder nicht unterkellerte Bereiche zu überbrücken, wurden viele Tunnel unter Straßen angelegt oder Gänge unter öffentlichen Plätzen geführt.
Die verbunkerten Ausgangsbauwerke des Luftschutzraumnetzes befanden sich auf Plätzen oder in Parks, die als trümmersicher eingeschätzt wurden. Beispielsweise befanden sich solche Bauwerke im Stadtpark, am Morzinplatz, am Rudolfsplatz, im Volksgarten oder im Burggarten.

* Gasförmige Kampfstoffe kamen letztendlich in den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs nicht zur Anwendung. Da die kriegführenden Parteien aber über entsprechende Waffen verfügten, die sie theoretisch jederzeit hätten einsetzen können, mussten alle Schutzraumplanungen auch auf Gassicherheit abgestimmt werden.

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
1939 bis Kriegsende – Worte im Dunkel
Mehr zum Luftschutz:
Details – Worte im Dunkel

Literatur:
Marcello La Speranza, Der zivile Luftschutz in Österreich 1919–1945. In: Republik Österreich, Bundesminister für Landesverteidigung (Hg.), Kuckucksruf und Luftschutzgemeinschaft. Der Luftschutz der Zwischenkriegszeit – Avantgarde der modernen ABC-Abwehr und des zivilen Luftschutzes (Schriftenreihe ABC-Abwehrzentrum 8, Korneuburg 2019)

Link zum Originalbeitrag: 1944/1945 – Das Luftschutzraumnetz Innere Stadt – Worte im Dunkel
 

josef

Administrator
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#2
Einen "Leser-Kommentar" zum im "DerStandard" mit gleichem Wortlaut wie hier von @Geist am 20. Jänner veröffentlichten Blog möchte ich den "nicht Standard Lesern" keinesfalls vorenthalten:

Bezugnehmend auf die mit weißer Farbe an den Hausfassaden aufgemalten Hinweise LSR für "Luftschutzraum" spöttelten die Berliner in Anbetracht des nahenden Kriegsendes wie im nachfolgenden Screenshot wiedergegeben:

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