Am 16. Juli 1945 zündete das US-Militär einen ersten nuklearen Sprengsatz in der Wüste von New Mexico

josef

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#1
TRINITY-TESTS
Als die Sonne zweimal aufging: Der erste Atombombentest am 16. Juli 1945
Vor 74 Jahren zündete das US-Militär einen ersten nuklearen Sprengsatz. Wenig später sollten die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki kriegsentscheidend werden
REPORTAGE - Frank Herrmann aus Tularosa, New Mexico

Foto: AP Photo/File
16. Juli 1945, 5.29 Uhr Ortszeit: In der Wüste von New Mexico wird die erste Atombombe getestet – über der Erde, wie es noch viele Jahre lang üblich bleiben sollte. Bis heute starben über 800 Menschen an den Folgen der atomaren Strahlung der Tests.

Der Tag begann wie jeder andere auch. Henry Herrera stand mit Kübel und Trichter am alten Ford seines Vaters, um Wasser in den Autokühler zu gießen. Der Vater, ein Ingenieur, arbeitete auf dem Luftwaffenstützpunkt Holloman, etwa 40 Kilometer entfernt von Tularosa, dem Dorf, in dem sie lebten.

Nie fuhr er allein zur Arbeit, stets nahm er Kollegen mit, weil nur die wenigsten in Tularosa ein Auto besaßen. Und bevor er sich hinters Lenkrad setzte, ließ er seinen Sohn in aller Herrgottsfrühe den Kühler mit Wasser auffüllen. Auch am 16. Juli 1945, einem Montag. An einem Tag, der ganz normal begann, bis sich auf einen Schlag alles änderte. "An dem Tag", sagt Henry Herrera, damals elf Jahre alt, "ist die Sonne zweimal aufgegangen."

Fünf Uhr 29 Minuten und 45 Sekunden
Das erste Mal um halb sechs – früher als normal. Plötzlich habe ein greller Blitz die Landschaft erhellt. Es habe ohrenbetäubend geknallt, dann habe die Erde gebebt, erzählt der alte Mann.


Foto: Frank Herrmann
Henry Herrera, 85, in seiner Küche in Tularosa, einem Dorf südöstlich des Testgeländes, auf dem am 16. Juli 1945 die erste Atombombe gezündet wurde.

Explosionen, nun ja, die hätten irgendwie dazugehört zum Alltag in Tularosa. Auf der Alamogordo Bombing and Gunnery Range, im militärischen Sperrbezirk in der Nähe, seien im Zweiten Weltkrieg ständig Bomben gezündet worden. "Einen so lauten Knall aber hatte hier noch keiner gehört."

Um fünf Uhr 29 Minuten und 45 Sekunden detoniert in der Wüste von New Mexico die erste Atombombe der Weltgeschichte. Trinity (Dreifaltigkeit) ist der Name, den Robert Oppenheimer, der Leiter des Forscherteams, dem Testgelände gegeben hat. Tularosa liegt rund 80 Kilometer von Trinity entfernt.

3.000 Menschen leben in Tularosa
Henry Herrera sitzt in der Küche seines bescheidenen Einfamilienhauses, von der Decke baumelt ein Kruzifix, an der Tür eine Marienfigur. Die Religion bedeutet ihm viel. Solange es seine Gesundheit zuließ, spielte er sonntags beim Gottesdienst Gitarre. Nur einmal hat der bodenständige Mann den Ort, in dem er geboren wurde, für längere Zeit verlassen. Da diente er bei der Kriegsmarine und wurde nach Japan beordert.
Knapp 3.000 Menschen leben in Tularosa mitten im Tularosa-Becken, einem trockenen Tal zwischen zwei hoch aufragenden Bergketten, den San Andres Mountains und den Sacramento Mountains. "Nirgendwo auf der Welt gibt es bessere Pekannüsse", schwärmt Herrera, der Lokalpatriot.

Eine menschenleere Einöde, das war damals die offizielle Sprachregelung des Militärs. "Jornada del Muerto" – Wegstrecke des Toten –, hatten spanische Konquistadoren die unwirtliche Gegend genannt. Bis auf ein paar Klapperschlangen und den einen oder anderen Kojoten, wurde im Juli 1945 verbreitet, sei niemand zu Schaden gekommen.

"Für Washington waren wir Luft"
Menschenleeres Ödland? Wenn Herrera das hört, in seinen Augen irreführende Phrasen, überkommt ihn der Zorn. Dann schimpft er so heftig auf die "Idioten" in ihren Amtsstuben, dass ihn seine Frau Gloria ziemlich resolut bremst. Menschenleer, sagt auch Gloria, allerdings ohne zu fluchen, das klinge nach Mondlandschaft. Und auf dem Mond lebe man in Tularosa nun wirklich nicht. Allerdings glaube sie, der Regierung sei ziemlich egal gewesen, was mit ihnen passierte. "Die meisten hier sind Hispanics wie wir. Ich schätze, für Washington waren wir Luft."
Die zu testende Bombe hieß zur Tarnung nur "The Gadget", was so viel bedeutet wie der Apparat, das Gerät, das Ding, eine technische Spielerei. Als hätten sich die Beteiligten mit Erfolg eingeredet, dass eine Nuklearwaffe, die man im Namen der Wissenschaft statt des Krieges zur Explosion bringe, kaum Schaden anrichte, schreibt Joshua Wheeler, ein Buchautor aus New Mexico.

Geheimer Test
Der Test sollte geheim bleiben. Präsident Harry Truman war nach Potsdam gereist, um die USA auf einer Konferenz der Siegermächte zu vertreten. Dort wartete er auf Nachrichten aus New Mexico. In einem Betonbunker des Trinity-Areals saß Oppenheimer mit seinen Männern, ohne mit Sicherheit zu wissen, was passieren würde. Denn trotz penibler Berechnungen schien in der Praxis alles möglich. Würde die Kettenreaktion ausbleiben? Oder würde der "Apparat" am Ende die gesamte Atmosphäre entzünden?


Überflugsfoto jener Stelle, an der am 16. Juli 1945 die erste Atombombe gezündet wurde.

In Tularosa beobachtete der elfjährige Henry Herrera, wie sich eine Wolke auftürmte, ein gigantischer Pilz, der später in mehrere Teile zerfiel. Irgendwann fielen graue Flocken vom Himmel. Seine Mutter hatte weiße Wäsche zum Trocknen aufgehängt, Bettlaken, Unterhosen, die sie nun ein zweites Mal waschen musste. Stinksauer sei sie gewesen – er dagegen habe das faszinierende Spektakel gebannt verfolgt.

Schnee im Juli! Im Radio meldeten sie, bei Alamogordo sei ein Munitionsdepot explodiert, ohne dass Menschen zu Schaden gekommen seien. Dass es aus der Wolke, die über die Gegend zog, radioaktiven Niederschlag regnen könnte, davor hat niemand gewarnt.

Damals glaubte man noch der Regierung
"Was die Regierung vermeldete, glaubten die Leute, so war das damals", sagt Gloria Herrera, die neun Jahre jünger ist als ihr 85-jähriger Mann und erklärend einspringt, wenn Henry den Faden verliert. Eine Explosion in einem Munitionslager, das war kein Grund, etwas an der täglichen Routine zu ändern. Niemand kam auf die Idee, kein Regenwasser mehr zu trinken. Wasser, das über Dachrinnen und Fallrohre in Zisternen geleitet wurde – und das nun, in der sommerlichen Regenzeit, von Dächern floss, auf denen radioaktiver "Schnee" lag. Kühe wurden gemolken, ihre Milch wurde getrunken, Gemüse im Garten geerntet, alles wie immer.

Associated Press

Die Wahrheit erfuhren sie erst, nachdem am 6. August über dem japanischen Hiroshima die erste Atombombe – genannt Little Boy – in einer kriegerischen Auseinandersetzung abgeworfen wurde. Aber auch das war kein Grund zur Unruhe, geschweige denn zur Panik. "Was Radioaktivität bedeutet, das wusste hier damals keiner", erklärt Gloria Herrera und lässt drei bittere Sätze folgen. Noch lange nach dem Test fuhren die Bewohner der umliegenden Dörfer auf das Trinity-Gelände, um grüne Scherben zu sammeln, die man sonst nirgends fand. Trinitit, eine Art künstliches Glas. Es entstand, weil die Bombe eine solche Hitze entwickelte, dass sogar der Wüstensand schmolz.

Diagnose: Schilddrüsenkrebs
Henry Herrera war 64, als Ärzte die erste Krebsdiagnose stellten. Schilddrüsenkrebs. Es folgte eine langwierige Behandlung, bald darauf die zweite Krebsdiagnose und schließlich eine dritte. Herreras Kieferknochen ist teilweise abgestorben – auch das, sagt er, eine Spätfolge der Strahlung.
Zwar war der Ingenieur, der seinen Lebensunterhalt wie sein Vater auf der Luftwaffenbasis Holloman verdiente, dank seines Arbeitgebers durchgängig krankenversichert, was in den USA keine Selbstverständlichkeit ist. Doch die Versicherung deckte nicht alles ab – und was er zuzahlen musste, summierte sich zu solchen Beträgen, dass es die Ersparnisse der Herreras auffraß. "Immerhin konnte Henry geholfen werden", sagt Gloria und erzählt im Kontrast dazu von einem Nachbarn. Der habe sich aus Verzweiflung das Leben genommen, weil er sich mangels Versicherung keine Klinik leisten konnte.

Über 800 Strahlentote
Tina Cordova lässt jedes Jahr im Juli Kerzen anzünden. Über 800 sind es inzwischen, eine für jeden, dessen Tod Angehörige auf die Strahlung zurückführen. Cordova, 59, Besitzerin eines Dachdeckerbetriebs, hat das "Tularosa Basin Downwinders Consortium" gegründet. Downwinders: Der Begriff steht für Menschen, auf deren Wohngegenden der Wind atomare Wolken zutrieb.
Cordova will zweierlei erreichen: eine Entschuldigung und eine Entschädigung. Zum einen soll das Weiße Haus in Washington endlich zugeben, dass man die Bewohner des Tularosa-Beckens 1945 ignorierte, statt sie zu warnen. Zum anderen soll auch in New Mexico Schadenersatz gezahlt werden – und nicht nur, wie bislang geschehen, in Nevada, Utah und Arizona.


Foto: AP Photo/File
Der Atompilz der "Gadget"-Atombombe, fotografiert am 16. Juli 1945 aus zehn Kilometern Entfernung.

Nevada statt New Mexico
Nach der Premiere in der Jornada del Muerto wurde die Wüste Nevadas zum Hauptschauplatz der Atombombenversuche. Mitte der 1950er Jahre drehte Hollywood in der Nähe, im Süden Utahs, den "Eroberer". Der Hauptdarsteller, John Wayne, erlag 1979 einem Krebsleiden. Im Jahr darauf berichteten amerikanische Zeitungen, von den 220 Filmleuten, die seinerzeit für die Dreharbeiten nach Utah geschickt wurden, seien 91 an Krebs erkrankt und 46 daran gestorben.
"Es war ein Wendepunkt", sagt Cordova. Erst mit dem Tod John Waynes habe das Land angefangen, ernsthaft über die Folgen der Tests zu diskutieren. 1990 verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz, das Strahlungsopfern in Nevada, Utah und Arizona eine Entschädigung garantierte.
New Mexico allerdings wurde ausgeklammert: Nach der offiziellen Darstellung soll die radioaktive Wolke am 16. Juli 1945 in Richtung Nordosten abgedriftet sein, auf eine Ecke des Bundesstaats zu, die tatsächlich nur sehr dünn besiedelt ist. Carrizozo, Tularosa und Alamogordo, die Ortschaften südöstlich des Trinity-Areals, könnten folglich gar nicht betroffen sein.

"Das stinkt doch zum Himmel"
Augenzeugen wie Henry Herrera haben es anders erlebt, und Tina Cordova fliegt mindestens einmal alle zwölf Monate in die Hauptstadt, um Volksvertretern ins Gewissen zu reden. Der Topf sei leer, leider reiche das Geld nicht, um auch New Mexico einzubeziehen, hört sie dann oft. "Das stinkt doch zum Himmel", schimpft sie und verweist auf Untersuchungsergebnisse.
Bereits 2010 kamen Experten des amerikanischen Seuchenkontrollzentrums zu dem Schluss, dass die radioaktiven Werte rings um das Trinity-Areal stellenweise um das Zehntausendfache über den Werten lagen, die später als akzeptabel galten. Auf Bürgerforen, erzählt Tina Cordova, werfe man ihr bisweilen vor, den nötigen Patriotismus vermissen zu lassen. Weil die Bombe den Krieg doch früher beendet habe, als es sonst der Fall gewesen wäre. Und weil New Mexico stolz auf seinen Anteil sein könne. Was sie dann antworte? "Was für ein Quatsch!"
(Frank Herrmann aus Tularosa, New Mexico, 15.7.2019)


Am 6. August 1945 warf die US-Luftwaffe die erste Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima ab (Foto vom 8. September 1945), eine weitere folgte am 9. August in Nagasaki.
Foto: Stanley Troutman/Pool Photo via AP

Wissen: Atombombentests seit 1945
Rund 2.100 Atombombentests fanden seit 1945 statt – viele davon zunächst überirdisch. Schätzungen gehen davon aus, dass infolge der freigesetzten Radioaktivität bis zu 300.000 Menschen starben. Die Tests fanden zumeist in Wüsten sowie auf Inseln, manchmal auch unter Wasser oder im Inneren von Gebirgen statt. Immer wieder befanden sich dabei Menschen in unmittelbarer Nähe, nicht nur weil sie dort wohnten, sondern mitunter auch weil sie extra zu Atomwaffentests eingeladen wurden, um die Fortschritte der Militärs selbst beobachten zu können.
Besonders brisant: Bis heute sind 32 sogenannte "broken arrows" bekannt. Das sind Unfälle, die zu einer unbeabsichtigten Detonation oder dem Verlust einer Atomwaffe führten. Noch heute fehlt von sechs verlorenen Atombomben jede Spur.

Alle Atomtests des 20. Jahrhunderts.Min Choi

Der rasante Anstieg der Strahlenbelastung seit Ende des Zweiten Weltkriegs veranlasste 1963 die USA, Großbritannien und die UdSSR, den Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser zu unterzeichnen. Seither fanden ihre Kernwaffentests nur noch unterirdisch statt. China und Frankreich testeten weiterhin oberirdisch.
Am 10. September 1996 wurde von der Uno-Generalversammlung mit 158 von 173 Stimmen der Kernwaffenteststoppvertrag angenommen. Seither liegt er zur Unterschrift auf und fordert die 44 Kerntechnikstaaten auf, diesen zu ratifizieren. Für ein Inkrafttreten des Vertrags müssten ihn noch Ägypten, China, Indien, der Iran, Israel, Nordkorea, Pakistan und die USA ratifizieren. Die für die Einhaltung des Vertrags geschaffene Organisation, die ihre Arbeit nach Inkrafttreten des Vertrags vollends aufnehmen soll, hat ihren Sitz in Wien.
(faso)
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#2
Bisher unbekannter Spion im Manhattan-Projekt identifiziert
Der Amerikaner Oscar Seborer versorgte die Sowjetunion zwischen 1942 und 1946 mit Informationen über die US-Atombombe. Er starb 2015 in Moskau

Trinity-Test: Aufnahme der ersten Atombombenexplosion der Welt am 16. Juli 1945, acht Sekunden nach der Zündung.
Foto: Picturedesk / Science Source

Vorbereitungen für den Trinity-Test im Juli 1945. Die erste sowjetische Kernwaffe wurde am 29. August 1949 auf dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk in Kasachstan getestet.
Foto: AP

Am 16. Juli 1945 erreichten die gigantischen Anstrengungen der USA zur Entwicklung von Atomwaffen ihren vorläufigen Höhepunkt. Um 5.29 Uhr Ortszeit explodierte auf einem Testgelände im US-Bundesstaat New Mexico die erste Atombombe der Welt. Nur vier Jahre später, im August 1949, testete die Sowjetunion zum Entsetzen des Westens ihrerseits erstmals eine Atombombe – und schuf damit das „Gleichgewicht des Schreckens“, das die Jahrzehnte des Kalten Krieges prägte.

Der vierte Mann
Der Bau der sowjetischen Bombe war durch Spionage im Manhattan-Projekt (so der Tarnname des US-Atomwaffenprogramms) erheblich beschleunigt worden. Drei Spione wurden bisher enttarnt: der aus Deutschland emigrierte Physiker Klaus Fuchs und die beiden US-Amerikaner David Greenglass und Theodore Hall. Nun sind Forscher auf einen vierten Spion gestoßen: Oscar Seborer, ein Elektroingenieur aus New York, lieferte zwischen 1942 und 1946 Informationen über die Bombe an die Sowjetunion.
Aus Angst, aufzufliegen, floh Seborer 1951 aus den USA und lebte bis zu seinem Tod 2015 unter falschem Namen in Moskau. Wie die US-Historiker Harvey Klehr und John Haynes in der aktuellen Ausgabe des CIA-Magazins "Studies in Intelligence" berichten, hatten die US-Sicherheitsbehörden Seborer tatsächlich auf dem Radar – allerdings erst mehrere Jahre nach seiner Flucht. Die Ermittlungen gegen ihn und Mitglieder seiner Familie, die ebenfalls für die Sowjetunion tätig waren, wurden unter Verschluss gehalten.

Zu welchen Informationen Seborer Zugang hatte und in welchem Ausmaß er spionierte, ist noch unklar. Klehr und Haynes zufolge sind viele Akten nach wie vor nicht einsehbar. Seborer, Jahrgang 1921, trat jedenfalls 1942 in die US-Armee ein und kam zunächst in eine Ingenieureinheit in Oak Ridge, Tennessee. Dort wurde an der Urananreicherung für Atomwaffen gearbeitet.

Von Los Alamos nach Moskau
1944 wurde Seborer dann in die aus dem Wüstenboden gestampfte Forschungsstadt Los Alamos in New Mexico versetzt, die zum Herzstück des Manhattan-Projekts wurde. Auch beim ersten Atombombentest im Juli 1945 hatte er zu tun: Seine Einheit war für die „Überwachung der seismologischen Effekte“ zuständig.

Archivakten des sowjetischen Geheimdiensts KGB machten Klehr und Haynes auf den Fall aufmerksam. Daraus ging hervor, dass es in den USA ein Netzwerk von Informanten gab, dem mehrere Brüder angehörten. Einer davon galt demnach als besonders wertvoller Kontakt: Er lieferte Informationen über die Atombombe. Kürzlich veröffentlichte Dokumente zu einer FBI-Operation aus den 1950er-Jahren erwiesen sich dann als heiße Spur zu Oscar Seborer und seinen beiden Brüdern Stuart und Max.

FBI-Dilemma
Dem FBI war es 1952 gelungen, zwei Führungsmitglieder der kommunistischen Partei der USA (CPUSA) als Informanten zu rekrutieren. In deren Berichten tauchten die Seborers immer wieder auf, 1955 wurde klar: Oscar und sein Bruder Stuart hatten sich in die Sowjetunion abgesetzt. „Oscar war in New Mexico, du weißt, was ich meine“, erfuhr einer der FBI-Spitzel von einem Verbindungsmann zum sowjetischen Geheimdienst. Er habe „die Formel für die A-Bombe“ weitergegeben, später seien „die Dinge zu heiß geworden“.

"Heiß" war die Sache aber auch für das FBI, da Ermittlungen zu den Seborers die Informanten im kommunistischen Führungszirkel der USA gefährden konnten. Wohl auch deshalb wurde die Angelegenheit allem Anschein nach nicht allzu energisch verfolgt und vor allem nicht publik gemacht: Die Spitzel-Operation in der CPUSA lief noch bis 1980.

Roter Stern und letzte Ehre
Die Brüder verließen die USA 1951 in Richtung Europa. Kurioserweise beantragten sie 1952 in Wien noch neue Pässe, ehe sie in der DDR untertauchten und sich später in Moskau niederließen. Oscar Seborer wurde dort 1964 der Orden des Roten Sterns für "herausragenden Dienst im Zuge der Verteidigung der Sowjetunion" verliehen. Er heiratete eine Russin und erzählte später einem Besucher, sich vollkommen "sowjetisiert" zu haben. Bei einer Rückkehr in die USA, sagte er damals, drohe seinem Bruder und ihm die Todesstrafe.

Klehr und Haynes zufolge starb Seborer im April 2015. Bei seinem Begräbnis soll ein Repräsentant des russischen Geheimdiensts FSB anwesend gewesen sein. Sein Bruder Stuart überlebte ihn offenbar – alle Versuche der Historiker, ihn zu kontaktieren, blieben aber erfolglos. (David Rennert, 26.11.2019)

Link
Studies in Intelligence: "On the Trail of a Fourth Soviet Spy at Los Alamos" (PDF)

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#3
Atombombentests beeinflussten das Wetter
Britische Forscher verglichen meteorologische Daten mit durchgeführten Tests und fanden einen Zusammenhang
Der Kalte Krieg war die Hochphase der Atomwaffentests. Über 2.100 wurden von 1945 bis heute weltweit durchgeführt, insbesondere in den 50er und 60er Jahren. Etwa ein Viertel davon fand oberirdisch statt. Obwohl die Atommächte für ihre Tests natürlich abgelegene Regionen auswählten, wurden radioaktive Partikel weit um den Globus getragen. Aus deren Verteilung haben Wissenschafter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einiges über die Strömungen in der Atmosphäre gelernt, sagt der Atmosphärenforscher Giles Harrison von der Universität Reading in Großbritannien.

Die Bomben brachten den Regen
Harrison und seine Kollegen von den Universitäten Bath und Bristol sind inzwischen einer weiteren Konsequenz der Explosionen auf die Spur gekommen: Die scheinen nämlich das Wetter beeinflusst zu haben, genauer gesagt den Regen – und das auch in Regionen, die weit von den Testgeländen entfernt waren. Die Tests hätten dichtere Wolken und eine im Schnitt um 24 Prozent erhöhte Regenmenge nach sich gezogen, berichtet das Team im Fachmagazin "Physical Review Letters".


16. Juli 1945: Mit dem Trinity-Test nahe Alamogordo im US-Bundesstaat New Mexico begann die Ära der Atomwaffentests.
Foto: AP

Zu diesen Daten kamen die Forscher durch historische Aufzeichnungen der Wetterstationen Kew nahe London und Lerwick auf den Shetland-Inseln und deren Vergleich mit Ort und Zeitpunkt durchgeführter Atomwaffentests. Die Aufzeichnungen stammen aus dem Zeitraum 1962 bis 1964, als oberirdische Tests noch gang und gebe waren und entsprechende Mengen Radioaktivität freisetzen. Insbesondere das abgelegene Kerwick, das zumindest damals noch weitestgehend frei von sonstiger Umweltverschmutzung war, lieferte einen guten Gradmesser für die Menge radioaktiver Partikel, die von weither angeweht wurden.

Faktor elektrische Ladung
Die verstärkte Wolkenbildung kam laut Harrison durch eine Ionisierung der Atmosphäre zustande, für die radioaktive Partikel wie etwa Strontium-90 verantwortlich waren. Der Faktor elektrische Ladung gelte schon lange als entscheidend dafür, wie Wassertröpfchen in Wolken kollidieren und zu größeren Tropfen verschmelzen. Das sei in natura nur schwer nachzuverfolgen, doch die "politisch aufgeladene Atmosphäre des Kalten Kriegs" ermögliche nun einen Einblick, bemüht Harrison ein Wortspiel.

Diesen Einblick wollen die Forscher nun für weitere Analysen heranziehen: zum einen, was die Rolle der natürlichen Elektrizität bei einem Gewitter anbelangt. Zum anderen denken sie aber auch an potenzielle Geoengineering-Maßnahmen. Zumindest theoretisch wäre es möglich, über elektrische Ladungen Einfluss auf den Regen zu nehmen, um beispielsweise Trockenperioden zu verkürzen oder auch um Überflutungen durch drohenden Starkregen vorzubeugen.
(red, 24. 5. 2020)

Abstract
Physical Review Letters: "Precipitation Modification by Ionization"

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#4
Heute vor 75 Jahren explodierte die erste Atombombe der Welt
Der US-amerikanische Trinity-Test am 16. Juli 1945 veränderte die Weltpolitik grundlegend – und beschäftigt Geologen bis heute
Das Wetter schien nicht mitzuspielen. Hunderte Wissenschafter und Militärangehörige harrten auf ihren Beobachtungsplätzen in sicherer Entfernung aus, um das Ergebnis des größten militärischen Forschungsprojekts der Menschheitsgeschichte mit eigenen Augen zu sehen: Unter dem Codenamen Trinity sollte um exakt vier Uhr früh am 16. Juli 1945 in der Wüste New Mexicos die erste Atombombe der Welt explodieren und die USA zur Atommacht befördern. Eine quälende Minute um die andere verstrich, das Gewitter tobte weiter.


Vorbereitungen für den ersten Atombombentest der Welt: Die Plutonium-Implosionsbombe, genannt "The Gadget", wurde auf einem 30 Meter hohen Stahlturm aufgehängt.
Foto: AP

Die Wetterprognosen hatten schon im Vorfeld befürchten lassen, dass der Zeitpunkt ungünstig sein könnte. Das Risiko von Blitzeinschlägen in den 30 Meter hohen Stahlturm, auf dem die Plutonium-Implosionsbombe gezündet werden sollte, bereitete den verantwortlichen Physikern Sorgen. Aber der politische Erfolgsdruck war groß: Deutschland hatte im Mai kapituliert, noch aber war der Krieg nicht zu Ende. Für den 17. Juli 1945 hatten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion die Potsdamer Konferenz anberaumt, um über die Zukunft Europas und insbesondere Deutschlands zu verhandeln. Da wollte US-Präsident Harry Truman das erste Testergebnis des Manhattan-Projekt genannten Atomwaffenprogramms in der Tasche haben.

Zerstörer der Welten
Im Morgengrauen kam dann grünes Licht: Der Himmel über dem Testgelände klarte auf. Um 5 Uhr 29 Minuten und 45 Sekunden wurde die Testwaffe gezündet – und eine grelle, künstliche Sonne mit ungeheurer Zerstörungskraft bescherte eine radioaktive Morgendämmerung. Der Trinity-Test war ein voller Erfolg: Die gemessene Sprengkraft erreichte 21 Kilotonnen TNT und riss einen 330 Meter breiten Krater in den Sand. Eine Pilzwolke stieg zwölf Kilometer empor.


Der erste Atompilz der Welt wuchs zwölf Kilometer in den Himmel, die Druckwelle des Trinity-Tests war 160 Kilometer weit zu spüren. Übrig blieb ein riesiger, verstrahlter Krater.
Foto: Picturedesk

"Wir wussten, die Welt würde nicht mehr dieselbe sein. Ein paar Leute lachten, ein paar Leute weinten, die meisten waren still", erinnerte sich J. Robert Oppenheimer, der wissenschaftliche Leiter des Manhattan-Projekts, später an diesen Moment. Die Tragweite seiner Arbeit war Oppenheimer bewusst, er musste an eine Zeile aus der Bhagavad Gita denken, ein zentraler Text des Hinduismus: "Jetzt bin ich zum Tod geworden, dem Zerstörer der Welten." Schon die Ereignisse der nächsten Wochen gaben ihm recht: Im August 1945 wurden die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki durch US-Atombomben zerstört.

Dass Trinity und die Folgen Geologen noch Jahrzehnte später beschäftigen und für Diskussionen darüber sorgen würden, ob sie nicht am Beginn einer Entwicklung standen, die ein neues Erdzeitalter einleitete, hätte Oppenheimer vermutlich doch überrascht.

Angst vor deutscher Bombe
Zu den Augenzeugen des Trinity-Tests zählte auch der gebürtige Wiener Otto Robert Frisch. Der Physiker war gleich in mehrfacher Hinsicht in den Bau der ersten Atombombe verstrickt: Gemeinsam mit seiner Tante Lise Meitner und in Zusammenarbeit mit Otto Hahn und Fritz Straßmann hatte er 1938 das Prinzip der Kernspaltung entdeckt. Frisch, der aus einer jüdischen Familie stammte, hatte seine Karriere wie Meitner in Deutschland begonnen, lebte aber seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 im Exil.

Angetrieben von der Sorge, in Nazideutschland könnte bereits an der militärischen Nutzbarmachung der Kernspaltung gearbeitet werden, verfasste er 1940 gemeinsam mit dem ebenfalls aus Deutschland emigrierten Rudolf Peierls in Birmingham das "Memorandum über die Eigenschaften einer radioaktiven Super-Bombe": Darin machten die beiden Physiker die britische Regierung erstmals auf die Möglichkeit der Herstellung von Atomwaffen aufmerksam und warnten vor der Gefahr einer deutschen Bombe.


Von links: William Penney, Otto Robert Frisch, Rudolf Peierls und John Cockcroft nach der Auszeichnung mit der "Medal of Freedom" für ihre Teilnahme am Manhattan-Projekt 1946.
Foto: Los Alamos National Laboratory

Damit gaben sie einen wichtigen Anstoß für das britische und bald auch das ambitioniertere US-amerikanische Atombombenprogramm. Peierls und Frisch gingen 1943 als Teil einer britischen Physikerdelegation nach Los Alamos im US-Bundesstaat New Mexico, um sich selbst am Manhattan-Projekt zu beteiligen, und leisteten dort wichtige Beiträge zum Bau der ersten "Super-Bombe".

Schreckliches Gleichgewicht
In ihrem Memorandum hatten sich Peierls und Frisch nicht nur mit Physik beschäftigt, sondern auch das Prinzip der nuklearen Abschreckung vorhergesehen: Die effektivste Antwort auf eine atomare Bedrohung sei es, mit einer vergleichbaren Waffe eine Art Bedrohungsgleichgewicht herzustellen, hielten die beiden Physiker fest – und dachten dabei an eine deutsche Waffe, die es in Schach zu halten galt.

Tatsächlich war das deutsche Kernwaffenprojekt nicht aus seinen Kinderschuhen gekommen, eine Bombe gab es nie. Ein atomares Gleichgewicht des Schreckens sollte aber die kommenden Jahrzehnte des Kalten Kriegs zwischen den USA und der Sowjetunion prägen, ausgerechnet mit maßgeblicher Hilfe eines Freunds und Mitarbeiters von Peierls. Auch er war beim Trinity-Test zugegen: Klaus Fuchs, der nach einem späteren Urteil des US-Kongresses "größeren Schaden angerichtet hat als jeder andere Spion in der Geschichte".

Moskaus Mann im Manhattan-Projekt
Der brillante theoretische Physiker Fuchs, der als überzeugter Kommunist ebenfalls 1933 aus Deutschland geflüchtet war, arbeitete acht Jahre lang mit Peierls in den Atomwaffenprojekten Großbritanniens und der USA – und gab über die gesamte Zeit wertvolle Informationen an Moskau weiter. Als Fuchs Ende 1949 aufflog und bald darauf verhaftet wurde, hatte die Sowjetunion zum Entsetzen des Westens bereits ihrerseits einen ersten erfolgreichen Atombombentest absolviert.


Klaus Fuchs um 1940
Foto: UK National Archives

Das darauffolgende nukleare Aufrüsten verursachte nicht nur Erschütterungen in der machtpolitischen Tektonik. Insbesondere die Vielzahl an atmosphärischen Atombombentests in den 1950er- und 1960er-Jahren brachte geologische Auswirkungen mit sich, die bis heute messbar sind. 1963 wurden nukleare Bombentests in der Luft, im Weltall und unter Wasser verboten. Doch bis dahin war es in der Atmosphäre wie auch in den Gewässern und Gesteinsschichten unseres Planeten zur Anreicherung von Radionukliden gekommen.

Radioaktive Spurensuche
In Gewässern handelt es sich dabei hauptsächlich um Tritium – ein Isotop des Wasserstoffs. Dieses wird auch in der Atmosphäre gebildet und durch Niederschlag in Gewässer eingetragen. Doch als Folge der Atombombentests sind die Tritiumwerte im Niederschlag in den 1960ern auf das Tausendfache angestiegen, berichtet Gerhard Schubert, Leiter der Fachabteilung Hydrogeologie der Geologischen Bundesanstalt, einer Forschungseinrichtung des österreichischen Wissenschaftsministeriums. "Für Hydrologen ist Tritium ein wichtiger Spurenstoff, den man verwenden kann, um das Alter von Gewässern zu bestimmen", sagt Schubert.

Die Halbwertszeit von Tritium beträgt 12,3 Jahre – in dieser Zeitspanne zerfällt also die Hälfte der Tritiumkerne. Weist ein Gewässer einen hohen Tritiumgehalt auf, kann man daraus schließen, dass es um die 60 Jahre alt sein muss, als der Tritiumgehalt im Niederschlag viel höher war als heute. Enthält ein Gewässer kein Tritium, deutet das darauf hin, dass es noch älter und gut geschützt vor Einträgen von der Oberfläche ist. "Solche geschützten Tiefengrundwässer sind eine sehr wichtige Reserve", sagt Schubert.

Ein neues Erdzeitalter
Auch in den Böden ist radioaktiver Fallout, der auf die oberirdischen Atombombentests der 1950er- und 1960er-Jahre zurückgeht, zu finden. Genau diese Ablagerungen könnten dazu herangezogen werden, ein neues Erdzeitalter zu definieren, nämlich jenes, das maßgeblich vom Menschen dominiert wird: das Anthropozän. Im Jahr 2000 brachte der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen bei einer Konferenz eher spontan die Idee auf, dass die globalen, vom Menschen verursachten Umweltveränderungen rechtfertigen würden, ein neues Erdzeitalter auszurufen.

Mit diesem Vorschlag entspann sich eine geologische Debatte, die bis heute im Gang ist. Letztlich muss die Internationale Kommission für Stratigraphie ihre Zustimmung geben. Entscheidend ist, ob das Zeitalter einer bestimmten Gesteinsschicht zugeordnet werden kann, die sich klar von früheren Schichten unterscheidet. Genau dabei kommen die durch Atombombentests global freigesetzten Radionuklide ins Spiel.

Willkommen im Anthropozän
"Es war nicht unsere erste Idee, das Anthropozän um 1950 beginnen zu lassen", sagt Jan Zalasiewicz, Geologe an der University of Leicester und langjähriger Vorsitzender der Anthropozän-Arbeitsgruppe in der Internationalen Kommission für Stratigraphie. Lokal wären die menschlichen Einflüsse auf die Erde schon viel früher zu bemerken, doch um ein neues Erdzeitalter zu begründen braucht es einen Marker, der rund um die Welt ziemlich genau zur selben Zeit nachweisbar ist. Vor fünf Jahren brachten Geologen um Colin Waters, ebenfalls von der University of Leicester, den Vorschlag ein, die radioaktiven Ablagerungen in den Gesteinsschichten, die durch Atombombentests verursacht worden sind, als diesen Marker heranzuziehen.


Heute erinnert ein Gedenkstein an den "Ground Zero" der ersten Kernwaffenexplosion der Welt in der kargen Wüstenlandschaft des US-Bundesstaats New Mexico.
Foto: Picturedesk

Inzwischen reihen sich immer weitere Evidenzen hinzu, die einen Beginn des Anthropozäns um 1950 sinnvoll erscheinen lassen: die explosionsartige Verbreitung von Plastik, der enorme Einsatz von Beton, die Verwendung von Pestiziden oder der gewaltige Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. "Durch die schnellen geologischen Veränderungen ab 1950 sehe ich eine Notwendigkeit, das Anthropozän als eigenständiges Erdzeitalter einzuführen", sagt Waters. Die Entscheidung, ob jene militärischen Versuche in New Mexico vor 75 Jahren auch die Einführung eines neuen Erdzeitalters rechtfertigen, wird die Geologen jedenfalls noch länger beschäftigen.
(David Rennert, Tanja Traxler, 16.7.2020)

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Vor 75 Jahren explodierte die erste Atombombe der Welt - derStandard.at
 
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