Architekturskizzen einer nie gebauten Zukunft aus der ehemaligen DDR

josef

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Skizzen aus der Traumfabrik
Wie man in der DDR eine gebaute Zukunft träumte, die nie kam
Die Ausstellung "Pläne und Träume" in der Berliner Tchoban Foundation macht die Visionen eines längst untergegangenen Landes sichtbar
Hier ein Kinderwagen, dort ein Mann mit Zigarette, der zaghaft die Szenerie betritt, in der Mitte des Platzes schließlich, wer weiß, ein vielleicht gerade beginnendes, mit Blumenstrauß aufgewertetes Rendezvous mit unbekannt, wie eine elfteilige DDR-Propaganda-Fernsehserie hieß, die in enger Zusammenarbeit mit der Stasi entstand und Ende der 1960er-Jahre ausgestrahlt wurde.


Visionen für ein besseres Land: Wettbewerbsentwurf für den Bayerischen Platz in Leipzig, Architektengruppe ZE4, 1968.
Reiß komp

Nichts davon ist je Realität geworden. Der in Fachkreisen berühmte Wettbewerbsentwurf für den Bayerischen Platz in Leipzig, geplant von der Architektengruppe ZE4, gezeichnet vom damals 28-jährigen Günter Reiss, mit teils kühnem, teils poetischem Strich und kabellos im Himmel hängenden Laternentrapezen, landete trotz Erstplatzierung und Einladung zur Umsetzung in der Schublade. Mit dem Machtantritt Erich Honeckers im Jahr 1971 nämlich wurden alle großmaßstäblichen Stadtträumereien eingestellt. Auch die Utopie für den großen Platz im Leipziger Zentrum. Vier der insgesamt fünf Mitglieder der Gruppe ZE4 verließen wenig später die DDR in Richtung Westen.

"Anhand der Pläne und Zeichnungen, die in den Architekturbüros und Baukombinaten entstanden sind, können wir heute ziemlich genau rekonstruieren, wovon die DDR als Apparat, aber auch wovon die einzelnen Architekturschaffenden in den einzelnen Phasen der Republik geträumt haben", sagt Wolfgang Kil, Kurator und Publizist, selbst ein Kind des deutschen Ostens. "Während in den ersten Jahren nach der Staatsgründung 1949 noch der neobarocke Stalinismus vorherrschte, gab es nach dem Tod Stalins einen abrupten, knallharten Wechsel. Mit dem Segen aus Moskau sollte sich die DDR von nun an offen, modern, transparent präsentieren."

Visionen in 2H und 6B
Das merke man auch, so Kil, wenn man sich durch die Archive und zahlreichen Vor- und Nachlässe der DDR-Architekten durchwühle. Dokumentiert sind Entwürfe für zarte Hängebrücken, für gläserne Kulturpaläste, für hauchdünne Betontragschalen, für konstruktivistische Wohnhochhäuser, für futuristische Stadtplätze in Jena, Gera und Chemnitz. Und die meisten der insgesamt 140 Original-Zeichnungen, die derzeit in der Ausstellung Pläne und Träume. Gezeichnet in der DDR in der Tchoban Foundation in Berlin zu sehen sind, haben eine so atemberaubende Raumtiefe und Lebendigkeit, dass man Lust verspürt, in die mit 2H- bis 6B-Bleistiften skizzierten Traumplätze als Co-Protagonist regelrecht einzudringen.


"Balkonträumereien" (1983) von Lutz Brandt: So sah Zukunft in der DDR aus – entworfen, aber nie gebaut.
VG Bild-Kunst, Bonn 2025

"Die Zeichnung ist so etwas wie die Muttersprache der Architektur", sagt Kil, der die Ausstellung mit der Unterstützung des Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) realisiert hat. Letzteres ist eine Art Auffangbecken für das architektonische Œuvre eines längst untergegangenen Landes. "Und wie überall auf der Welt waren auch hier die Talente unterschiedlich verteilt. Jedes Entwurfskollektiv hatte seinen ausgewiesenen Zeichenfuchs, der die Pläne und Träume mit unverkennbarem Strich zu Papier brachte."

Die Besten von ihnen boten ihre Zeichenkünste gegen ein entsprechendes Entgelt sogar fremden Architektur- und Stadtplanungsbüros an - so wie auch heute noch Renderings, Visualisierungen und Computer-Animationen in der Regel an Dienstleister ausgelagert werden.

Zu den Plätzen, Rathäusern, Wohntürmen, Fußgängerzonen und zahlreichen Entwürfen für den 1976 errichteten Palast der Republik, die zum Teil aquarelliert oder sogar in geschnipselten und getapten Layern kunstvoll collagiert wurden, gesellt sich in der Tchoban Foundation eine ganze Batterie an tollkühnen Fantasien - vom Sächsischen Babel von Michael Kny über die systemkritische Operative Beratung von Michael Voll bis hin zu den aberwitzigen Balkonträumereien von Lutz Brandt, der bereits 1983 davon sinnierte, die Plattenbaubalkone seiner Heimat mit Nutzpflanzen und Palmen zu begrünen und mit Sonnenkollektoren aufzupeppen. Und das vor 40 Jahren!

Wozu Pseudo-Preußen?
Mit dem nun ausgebuddelten und sichtbar gemachten Fundus an DDR-Talenten und deren innovativen, bisweilen sogar pioniergeistigen Konzepten ist die seit der Wende anhaltende Zerstörungswut des wiedervereinten Deutschlands schwieriger nachvollziehbar denn je - ob das nun die desaströse Substituierung des Palasts der Republik mit einer Dreiviertel-Disneyland-Replik eines einst barocken Stadtschlosses ist oder etwa die kontinuierliche Vernichtungs- und Rekonstruktionslaune in Potsdam mit dem partiellen Wiederaufbau der preußischen Garnisonkirche und dem pseudo-historischen, lächerlich in die Stadt hineingebastelten, an Plastik und Pappmaschee erinnernden Humboldt Quartier.


Vision für ein Bürogebäude des deutschen Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN), erdacht von Dieter Urbach 1968.
ADN 20

"Die zeitliche Distanz zur DDR und der damit verbundene Generationenwechsel machen es möglich, das architektonische und baukulturelle Erbe Ostdeutschlands aus einer etwas neutraleren Perspektive zu betrachten und zu bewerten", meint Wolfgang Kil. "Und dann wird man feststellen, dass die Zeichnungen von damals dem längst verfestigten Bilderkanon der DDR-Architektur neue, überraschende Facetten hinzufügen."

Bei der Ausstellungseröffnung in der Tchoban Foundation, die zum Bersten voll war wie noch nie, standen einigen altsemestrigen Besucherinnen und Besuchern, während sie von Zeichnung zu Zeichnung zogen, die Tränen in den Augen. Das passiert, wenn man im postpreußischen Rückwärtsgang-Wahnsinn, dem die deutsche Architektur- und Stadtpolitik heute verfallen ist, das halbe Land seiner Geschichte und seiner Gestalt beraubt. Pläne und Träume ist ein Reparaturangebot.
(Wojciech Czaja, 6.7.2025)

Ausstellung:
"Pläne und Träume" in der Berliner
Tchoban Foundation

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