Die Tage im Oktober und November 1918 besiegelten das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie

josef

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#1
Der letzte Rettungsversuch für den Vielvölkerstaat
Die Tage im Oktober und November 1918 besiegelten auf beschleunigte Weise das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie, das sich freilich seit den Unruhen im Jänner 1918 schon abzeichnete. Die Nationalitäten des Vielvölkerstaates strebten, gerade auch auf der Grundlage des von US-Präsident Woodrow Wilson im Jänner 1918 proklamierten Selbstbestimmungsrechts der Völker, auseinander. ORF.at begleitet in den kommenden Wochen mit einem historischen Kalendarium die wichtigsten Etappen der Auflösung der Monarchie bis hin zur Ausrufung der Republik am 12. November 1918.

16. Oktober: Kaiser Karl und das Völkermanifest
Am 16. Oktober 1918 unternimmt Kaiser Karl eine Art letzten Anlauf unter Miteinbeziehung von Regierungschef Max Hussarek von Heinlein für die Rettung einer Vielvölkerföderation auf mitteleuropäischem Boden. Mit dem an diesem Tag herausgegebenen „Völkermanifest“ sollte Österreich, „dem Willen seiner Völker gemäß“, zu einem Bundesstaat umfunktioniert werden. Jede Nation sollte auf ihrem „Siedlungsgebiet“ ihr eigenes staatliches Gemeinwesen umsetzen können. Bis zur Umsetzung würden alle bisherigen Einrichtungen des Reiches „zur Wahrung der allgemeinen Interessen bestehen bleiben“.


Kriegsarchiv


„Ein Völkerbund, dem die Völker fehlen“
„An die Völker, auf deren Selbstbestimmung das neue Reich sich gründen wird, ergeht mein Ruf, an dem großen Werke durch Nationalräte mitzuwirken, die – gebildet aus den Reichsratsabgeordneten zueinander sowie im Verkehre mit Meiner Regierung zur Geltung bringen sollte“, schreibt der Kaiser in diesem Erlass. Die Völker, die Karl adressierte, waren nur noch jene der westlichen Reichshälfte, nicht mehr die Ungarn. Die Tschechen wiederum hatten zu diesem Zeitpunkt schon einen von den Alliierten akzeptierten tschechischen Nationalrat im Pariser Exil unter Thomas Masaryk und Eduard Benes.

„Als Völkerbund dem die Völker fehlen“, kommentierte die „Neue Freie Presse“ dieses Unterfangen des Kaisers. Tatsächlich holt sich die Regierung unter Hussarek nur Abfuhren für dieses Vorhaben. Die Vertreter der slawischen Völker lehnten dieses Vorhaben einhellig ab. „Die Nationen“, so der Historiker Walter Rauscher in seinem Buch zur Geschichte der Ersten Republik, „folgen ihrem Herrscher nicht mehr“. Schon zwei Tage später wird etwa Masaryk die formelle Unabhängigkeit der tschechoslowakischen Nation erklären.

heid, ORF.at
news.ORF.at
 
#2
Es weckt zwar Wehmut, wenn man im Rückblick feststellt, um wieviel Österreich heute kleiner ist, als es das Weltreich der Habsburger war.
Allerdings - haben wir uns recht gut behauptet, wenn man Österreich heute dazu vergleicht. Was schmerzt, ist der fehlende Zugang zum Meer und Südtirol, dessen Abtrennung Nord- und Osttirol auf Distanz gebracht hat. Dafür ist durch die EU wieder vieles einfacher geworden, was Zoll und Grenzformalitäten betrifft. (Und wir Österreicher als Jammerer - tun es auf hohem Niveau!)
 
#3
Lese gerade das Buch "Meinetwegen kann er gehen" wo Kaiser Karl (über ihn geht es in diesem Buch) in einer völlig anderen Ansicht dargestellt wird.
In diesem Buch werden viele Fragen abgearbeitet, so auch das obige Manifest oder wie es zum Waffenstillstand mit Italien (und den unerklärlichen Vorgängen der letzten Stunden kam).
Bin bisher völlig überrascht. Dieses Bild über Kaiser Karl ist so völlig anders als es auf Wiki oder wegen Seligsprechung dargestellt wird.
Auch die finanziellen Aspekte sind interessant.

Hier eine Kostprobe
 
#4
Lese gerade das Buch "Meinetwegen kann er gehen" wo Kaiser Karl (über ihn geht es in diesem Buch) in einer völlig anderen Ansicht dargestellt wird.
In diesem Buch werden viele Fragen abgearbeitet, so auch das obige Manifest oder wie es zum Waffenstillstand mit Italien (und den unerklärlichen Vorgängen der letzten Stunden kam).
Bin bisher völlig überrascht. Dieses Bild über Kaiser Karl ist so völlig anders als es auf Wiki oder wegen Seligsprechung dargestellt wird.
Auch die finanziellen Aspekte sind interessant.

Hier eine Kostprobe
Zweifellos interessant, aber nicht wirklich sensationell neu, was der gute Karl so an politischen Rösslesprüngen vollführt hat.
Univ.Prof. Liebmann (Graz) hat einmal in einem Vortrag solche Dinge referiert und mit Quellen unterlegt.
So wurde auch mein Bild vom letzten Kaiser ein wenig zurechtgerückt. Bin nämlich kein Historiker....
 

josef

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#6
1918 - Die Gründung der Republik
Die Ausrufung der Republik

Die Ausrufung der Republik vor dem Parlament in Wien am 12. November 1918, Gemälde von Rudolf Konopa, 1918
© Wien Museum

Der Ausrufung der Republik Österreich am 12. November 1918 um 15 Uhr von der Parlamentsrampe aus waren mehrere wichtige Schritte der Staatsbildung vorausgegangen. Kaiser Karls Völkermanifest vom 16. Oktober 1918, das einen Umbau der Monarchie in einen Bundesstaat ankündigte, kam zu spät, um die Habsburgermonarchie noch zu retten. Es sanktionierte den Zerfall und leitete die Bildung von Nationalräten der einzelnen Nationalitäten ein, der Südslawen, Polen und Tschechen.

Demobilisierung: Heimkehrende Soldaten passieren die Grenzstation Marchegg im November 1918
© Wiener Bilder, 24. November 1918

Die provisorische Nationalversammlung
Am 21. Oktober 1918 konstituierten sich auch die deutschsprachigen Reichsratsabgeordneten im Sitzungssaal des Niederösterreichischen Landhauses als "provisorische Nationalversammlung des selbständigen deutschösterreichischen Staates”. Zusammengesetzt war diese aus 111 deutschnationalen, 70 christlichsozialen und 39 sozialdemokratischen Abgeordneten des alten Reichsrates. Der eigentliche Akt der Staatsgründung Österreichs, dessen Grenzen vorerst nicht feststanden, erfolgte am 30. Oktober: ein Staatsrat wurde eingerichtet, ein provisorisches Grundgesetz beschlossen und ein beanspruchtes Staatsgebiet definiert. Am 31. Oktober wurden die Staatsfarben rot-weiß-rot und ein vorläufiges Staatswappen (ein mit Hämmern versehener Stadtturm im Roggenkranz) festgelegt.

Die Proklamierung der Republik in Graz vom Balkon des Schauspielhauses am ehemaligen Franzensplatz, der seit diesem Ereignis "Freiheitsplatz" heisst
© Das Interessante Blatt, 28. November 1918

In Wien amtierten nunmehr parallel zwei Regierungen, die kaiserliche unter Ministerpräsident Heinrich Lammasch und die neue deutschösterreichische unter Staatskanzler Karl Renner. Was die Gesetzgebung betraf, so bestand der Reichsrat vorerst zwar weiter, setze aber keine Initiativen mehr. Das Abgeordnetenhaus trat am 12. November zu einer letzten Sitzung zusammen. Aber auch die Provisorische Nationalversammlung trat erst wieder am 12. November zusammen. Der Waffenstillstand von Villa Giusti am 3. November wurde von der kaiserlichen Regierung abgeschlossen.

Neue Landesgewalten
Auch in den Ländern bildeten sich neue Landesgewalten. Schon am 22. Oktober versammelten sich im Niederösterreichischen Landhaus die Vertreter der autonomen Landesverwaltungen. Für die Länder wurden analog zur provisorischen Nationalversammlung "provisorische Landesversammlungen" eingerichtet. Die neu konstituierten Länder erklärten ihren Beitritt zum neuen Staat.

Die Proklamierung der Republik

Menschenmasse während der Proklamierung der Republik vor dem Parlament in Wien, 1918
© VGA

Am 12. November versammelte sich eine mehr als hunderttausendköpfige Menschenmenge vor dem Parlament an der Wiener Ringstraße von wo aus Präsident Franz Dinghofer und Staatskanzler Dr. Karl Renner, begleitet von den beiden anderen Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Karl Seitz und Prälat Johann Nepomuk Hauser am Nachmittag des 12. November die Republik proklamierten. Bereits am Tag davor hatte Kaiser Karl auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften verzichtet und die Entscheidung über die zukünftige Staatsform den Österreichern anheimgestellt.
Artikel I des Gesetzes über die Staats- und Regierungsform von Deutsch-Österreich lautete: Deutsch-Österreich ist eine demokratische Republik, Artikel II, Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik. In Artikel 9 des am 12. November beschlossenen Gesetzes über die Staats- und Regierungsform wurden die Grundsätze des Wahlrechts für die zu wählende konstituierende Nationalversammlung festgelegt. Sie sollte "auf der Verhältniswahl und auf dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts" beruhen.

Das Frauenwahlrecht

Wahlplakat der christlichsozialen Olga Rudel-Zeynek für die Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung im Februar 1919
© Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Die ersten wirklich gleichen Wahlen mit Frauenwahlrecht erfolgten 16. Februar 1919. Anlässlich der konstituierenden Nationalversammlung zogen am 4. März 1919 die ersten acht weiblichen Abgeordneten ins Parlament ein: Anna Boschek, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel und Maria Tusch für die Sozialdemokratische Partei sowie Dr. Hildegard Burjan für die Christlichsoziale Partei. 1927 wurde Olga Rudel-Zeynek mit ihrer Wahl zur Bundesratspräsidentin sogar die weltweit erste Frau, die an der Spitze einer parlamentarischen Körperschaft stehen durfte.


Erste Sitzung der konstituierenden Nationalversammlung im Jahr 1919: Die weiblichen Abgeordneten der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
© Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv

Der am 10. September 1919 unterzeichnete Friedensvertrag von Saint-Germain gab dem neuen Staat den Namen "Republik Österreich" und beinhaltete ein Anschlussverbot. Allen politischen und sozialen Problemen zum Trotz – Revolutionsgefahr, Grenzkonflikte, Hyperinflation – wurden zwischen 1918 und 1920 wichtige sozialpolitische Materien wie die Einführung des Achtstundentags, der Arbeitslosenversicherung, des Arbeiterurlaubs, der Betriebsräte, der Arbeiterkammern, des Mieterschutzes und die Verbesserung des Kollektivvertragsrechts und des Jugend- und Frauenschutzes geregelt.
1918 : Republik Österreich
© Bundeskanzleramt Österreich 2017 Die Wiedergabe mit Quellenangabe ist vorbehaltlich anderslautender Bestimmungen gestattet.
 

josef

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#8
Waffenstillstand 3. November 1918



Im Chaos durch den letzten Weltkriegsakt
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Mit der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens in der Villa Giusti bei Padua ist am 3. November 1918 der finale Akt für die Habsburgermonarchie besiegelt worden. Sämtliche Vorsätze einer letzten Schadensbegrenzung erschienen zu diesem Zeitpunkt als reine Makulatur – und daran sollte sich in der Folge nichts mehr ändern.
Angesichts der hoffnungslosen Lage an der Front und des im Zerfall befindlichen Vielvölkerstaats akzeptierte die k. u. k. Heeresführung die von Italien diktierten Auflagen. Diese umfassten weit mehr als die sofortige Einstellung aller Kampfhandlungen. Italien stellte mit seinen an den Londoner Vertrag von 1915 angelehnten Forderungen vielmehr die Weichen für die Nachkriegsordnung.

Das Abkommen beinhaltete nicht nur die Räumung aller besetzten Gebiete, sondern auch des eigenen Gebiets bis zum Brenner, des Pustertales bis Toblach, des Tarviser Beckens, des Isonzo-Gebiets, Istriens samt Triest, Westkrains, Norddalmatiens mit Inseln. Österreich-Ungarn stimmte zudem der Auflage einer nahezu vollständigen Abrüstung zu. Unter dem Vorbehalt, „bei der Friedenskonferenz Protest einzulegen“, gab es schließlich auch grünes Licht für die freie Bewegungsmöglichkeit und ein Besatzungsrecht für die alliierten Truppen im Bereich der gesamten Monarchie.

Österreichische Nationalbibliothek
Mit dem mit Italien geschlossenen Waffenstillstand endet für Österreich-Ungarn der Erste Weltkrieg

Mehr Kapitulation als Waffenstillstand
Obwohl an sich ein Waffenstillstand ausverhandelt werden sollte, besiegelte Österreich-Ungarn in der Villa Giusti mehr oder weniger die bedingungslose Kapitulation. „Österreich hat kapituliert“ titelte nach Inkrafttreten des Abkommens der „Corriere della Sera“. In Österreichs herrschte hingegen ein „Gefühl der tiefen Demütigung“ („Neues Wiener Tagblatt“). Dabei hatte sich schon länger abgezeichnet, dass der nach dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo (28. Juni 1914, Anm.) vom Habsburgerreich vom Zaun gebrochene Krieg von den Mittelmächten nicht mehr zu gewinnen war.
Ein vorzeitiges Eingeständnis dafür lieferte Österreich-Ungarn den Alliierten am 4. Oktober 1918 mit einem gemeinsam mit dem Deutschen Reich unternommenen Anlauf für Friedensverhandlungen gleich selbst. Das Angebot ging den Alliierten nicht weit genug und stieß nach einem wochenlangen Gezerre schlussendlich auf taube Ohren.

picturedesk.com/ÖNB-Bildarchiv/K.u.k. Kriegspressequartier
Bei der dritten Piave-Schlacht wurde Österreich-Ungarns Niederlage besiegelt

Italienische Großoffensive
Für die k. u. k Monarchie überschlugen sich währenddessen die Ereignisse. Unterstützt durch britische und französische Soldaten starteten die Italiener am 24. Oktober an der vom Ortler-Massiv bis zur Adria reichenden Südwestfront eine neue großangelegte, für beide Seiten verlustreiche Offensive.
Im Gegensatz zum bisherigen Kriegsverlauf erschien der Widerstand Österreichs-Ungarns nun aber gebrochen. Beispielhaft dafür ist die vielfach als kriegsentscheidend eingestufte und von Italien glorifizierte dritte Piave-Schlacht (Schlacht von Vittorio Veneto), bei der den alliierten Truppen gleich an mehreren neuralgischen Punkten der Durchbruch gelang. In immer größere Bedrängnis kam die k. u. k. Armee aber auch auf dem Balkan, wo ein Waffenstillstand zwischen Bulgarien und den Alliierten für eine neue Realität sorgte.

Vergebliche Rettungsversuche
Hiobsbotschaften gab es für Kaiser Karl I. nicht nur von der Front, vielmehr strebten immer mehr Teile des von ihm noch geführten Habsburgerreiches in die Unabhängigkeit. Das am 16. Oktober 1918 veröffentlichte Völkermanifest, mit dem Karl den Aufbau eines Bundesstaats ankündigte, war letztlich nicht mehr als ein letzter verzweifelter Versuch zur Rettung des Vielvölkerstaats.

Nur wenige Tage später kam in Wien erstmals eine provisorische Nationalversammlung mit Abgeordneten aus den deutschsprachigen Landesteilen zusammen. Diese zeigte von Anfang an wenig Interesse an der vom letzten Habsburgerkaiser angestrebten Neugestaltung einer Monarchie. Bereits bei der nächsten Sitzung am 30. Oktober beschloss das Gremium die Gründung eines neuen Staates mit dem Namen „Deutschösterreich“.


TV
1918: Umfassender Schwerpunkt im ORF


Prag, Zagreb, Budapest
Während sich auch in den Gebieten der heutigen österreichischen Bundesländer Räte und Versammlungen formierten, wurden in den nicht deutschsprachigen Reichsteilen nach und nach für die Habsburgermonarchie unumkehrbare Fakten geschaffen. Am 28. Oktober 1918 wurden in Prag ein tschechoslowakischer Staat und in Zagreb bzw. Ljubljana nur einen Tag später die Loslösung der kroatischen Länder bzw. Sloweniens von der Habsburgermonarchie verkündet. Ähnlich verliefen die Ereignisse in den Zentren der polnischen Gebiete der Habsburgermonarchie um Krakau und Przemysl.
In Budapest erklärte die am 31. Oktober gebildete ungarische Regierung als eine ihrer ersten Amtshandlungen die Realunion mit Österreich für beendet. Österreich-Ungarn war aus ungarischer Sicht somit Geschichte. Zudem hinterließen die bereits zuvor zur Rückkehr in ihr Heimatland aufgeforderten ungarischen Soldaten folgenschwere Lücken an der Front.

„In gewesener Doppelmonarchie herrscht Chaos“
Es waren aber nicht nur Ungarn, die den Befehl zunehmend verweigerten – „Truppen ohne Unterschied der Nationalität (…) weigern sich, weiter zu kämpfen", wie der Generalstabschef der k. u. k. Armee, Arthur Arz von Straußenburg, „erschüttert“ dem deutschen Noch-Bündnispartner per Telegramm mitteilte.
Lediglich die in Stellung befindlichen Soldaten seien „politisch noch nicht verseucht“, teilte Arz in dem an den deutschen Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg gerichteten Schreiben weiter mit. Die Rede ist von „machtlosen“ Kommandanten sowie einer „verworrenen und trostlosen“ Lage im Hinterland. Unter diesen Umständen müsse „gerettet werden, was noch möglich ist“, so Arz, der dann auch Waffenstillstandsverhandlungen mit der italienischen Heeresführung als letzten gangbaren Weg ankündigte.

picturedesk.com/ÖNB-Bildarchiv/Schuhmann Heinrich
Kaiser Karl im Juni 1918 bei der Lagebesprechung mit Generalstabschef Arz

„In der scheidenden Doppelmonarchie herrscht das Chaos“, zitiert der Historiker Manfried Rauchensteiner in seinem Standardwerk „Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie“ passend dazu den damaligen Schweizer Gesandten C. D. Bourcard. Zerfall und Ende waren somit zwar absehbar, allerdings ging Rauchensteiner zufolge „nicht nur alles seinen vorbestimmten Weg, sondern wurde zur Groteske“.

Verhängnisvolle 24 Stunden
Mit diesem Seitenschwenk verweist der Historiker auf die Folgen einer von den Italienern noch eingefügten Klausel des Waffenstillstands, was als exemplarisches Beispiel die chaotischen Umstände verdeutlicht, unter denen sich Österreich von der Weltkriegsbühne verabschiedete. Arz habe am 3. November um 1.20 Uhr per Telegramm die in der Villa Giusti erfolgte Unterschrift verkündet, weswegen „alle Feindseligkeiten zu Lande und in der Luft“ unverzüglich einzustellen seien.
Dass Italien noch eine Frist von 24 Stunden in das Abkommen reklamierte, um ausreichend Zeit zu haben, um alle Truppen vom Inkrafttreten der Waffenruhe zu informieren, wurde zu spät berücksichtigt. Als Kaiser Karl seinen Befehl wieder rückgängig machen wollte, hatte sein Aufruf zur Einstellung der Kampfhandlungen bereits die Front erreicht.

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

380.000 Kriegsgefangene an einem Tag
Während die österreichisch-ungarischen Soldaten somit voreilig ihre Waffen niederlegten, nutzten die Italiener die Gunst der Stunde und drangen noch weit hinter die Frontlinien vor. In unmittelbarer Folgen endete für rund 380.000 k. u. k. Soldaten der letzte Kriegstag noch in italienischer Gefangenschaft. Von den Italienern wurde der „letzte Schuss, der Schuss des Sieges“ am 4. November abgefeuert, so der TV-Sender RAI3 in einer mit reichlich Pathos angereicherten Dokumentation über das italienische Kriegsende.

Krieg endet in Compiegne
Der Erste Weltkrieges wurde am 11. November 1918 in einem Eisenbahnwagon nahe der französischen Stadt Compiegne für beendet erklärt. Das Deutsche Reich unterzeichnete dort einen mit den beiden Westmächten Frankreich und England ausgehandelten Waffenstillstand, womit in Folge auch an der Westfront die Kampfhandlungen eingestellt wurden.
Für einige Verwirrung sorgte der von Österreich-Ungarn mit Italien vereinbarte Waffenstillstand auch beim einstigen Bündnispartner. So umfasste die Vereinbarung sämtliche Einsatzgebiete der österreichisch-ungarischen Truppen und somit neben dem Balkan auch die Westfront. Für das Deutsche Reich war der Weltkrieg allerdings noch nicht beendet – es blieb dennoch keine andere Wahl, als die Verbände Österreich-Ungarns von der Front abzuziehen.

Die Frage nach der Verantwortung
Gänzlich andere Sorgen beschäftigten Kaiser Karl, der offensichtlich nicht als Hauptverantwortlicher für den verlorenen Krieg in die Geschichtsbücher eingehen wollte. Vergeblich versuchte dieser zunächst bei den Parteiführern des deutsch-österreichischen Staatsrats die Verantwortung abzuwälzen. Rauchensteiner verweist hier auf den Begründer der Sozialdemokratischen Partei und Außenminister der von der Provisorischen Nationalversammlung ernannten Regierung, Viktor Adler, demzufolge der vom Kaiser (Franz Joseph, Anm.) begonnene Krieg auch von „jenen Faktoren“, die für seine Entfesselung verantwortlich waren, beendet werden sollte.

In der Niederlegung des Oberbefehls glaubte Kaiser Karl dann doch noch einen Weg gefunden zu haben, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. Nachdem Generalstabschef Arz dem kaiserlichen Wunsch eine Abfuhr erteilte, wurde die Szene nach den Worten von Rauchensteiner „vollends peinlich“. Konkret bestimmte Karl mit Feldmarschall Hermann Kövess von Kövesshaza einen General zum Oberbefehlshaber, „der davon gar nichts wusste“.

Unwirkliche Szene im Wiener Stephansdom
Am 11. November 1918 erklärte Karl seinen Verzicht auf sämtliche Staatsgeschäfte und machte damit den Weg für die am nächsten Tag ausgerufene Republik Österreich frei. Einen formellen Thronverzicht sollte es aber bis zu seinem Tod am 1. April 1922 nicht geben. Vielmehr betrachtete sich Karl I. bis zuletzt als legitimer Herrscher des Habsburgerreichs.

picturedesk.com/ÖNB-Bildarchiv
Am 12. November wurde vor dem Wiener Parlament die Republik ausgerufen

Selbst rund um die Ereignisse des Waffenstillstands wurde ganz in diesem Sinn nicht auf kaiserliches Zeremoniell verzichtet. Rauchensteiner erinnert an eine „unwirklich“ anmutende Szene im Wiener Stephansdom, bei der am 4. November die fast vollzählig erschienene kaiserlich-österreichische Regierung, hochrangige Vertreter der k. u. k Armee und der an sich bereits liquidierten Reichsbehörden den Namenstag des Kaisers feierten.

„Der letzte Kaiser verlässt sein Reich“
Am 24. März 1919 war die „ruhmreiche Reihe der Habsburger, die von Jahrhundert zu Jahrhundert sich Reichsapfel und Krone von Hand zu Hand gereicht“, dennoch zu Ende, wie Stefan Zweig dank einer Zufallsbegegnung mit dem „hoch aufgerichteten“ Karl auf dem Bahnhof von Feldkirch in seiner postum erschienen Biografie „Die Welt von Gestern“ festhielt.
„Der letzte Kaiser von Österreich, der Erbe der Habsburger Dynastie, die siebenhundert Jahre das Land regierte, verließ sein Reich“, so Zweig, der just am selben Tag von der Schweiz nach Österreich zurückkehrte, an dem sich Karl auf dem Weg ins Schweizer Exil befand.
Peter Prantner, ORF.at

Links:
 
#9
Irgendwie liest man diese Dinge mit Wehmut, zumal die Monarchie als Kriegsverliererin arg zusammengestutzt wurde.
Andererseits war die Zeit reif für Veränderung in Richtung Demokratie. Wobei im Rückblick der Weg relativ unblutig gegangen wurde, wenn man es mit jungen Demokratien der Gegenwart vergleicht.
 

josef

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#10


November 1918
Italien schafft mit Südtirol-Einmarsch Fakten
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Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens hat Österreich-Ungarn Anfang November 1918 den Ersten Weltkrieg für verloren erklärt. Den Alliierten wurde dabei auch das Recht zugesprochen, Gebiete der untergehenden Monarchie zu besetzen – und in Südtirol marschierten die Italiener in direkter Folge ein, um zu bleiben.

Den Anspruch auf den südlichen Teil Tirols bis zur Brenner-Grenze sicherte sich das anfangs noch neutrale Königreich Italien bereits vor Kriegseintritt im Rahmen eines 1915 mit den Alliierten in London ausgehandelten Geheimvertrags. Noch während die k. u. k. Soldaten an der Front ihre Waffen niederlegten, schufen die Italiener erste Fakten und untermauerten lange vor den entscheidenden Friedensverhandlungen von Paris ihre Vorstellungen von der künftigen Grenze Italiens.

Wegen des von Österreich-Ungarn zu früh ausgegebenen Waffenstillstandsbefehls wurde die Frontlinie von Italien zwischen 3. und 4. November 1918 noch weit nach hinten verlegt. Für mehrere hunderttausend k. u. k Soldaten endete der letzte Kriegstag noch in Kriegsgefangenschaft – für die restlichen begann unter nicht weniger chaotischen Vorzeichen der Rückzug. Gleichzeitig „rückten die Italiener nach und besetzten kampflos unser Land“, so einer von mehreren Zeitzeugen, die Marion Dotter und Stefan Wedrac in ihrem Buch „Der hohe Preis des Friedens“ zu Wort kommen ließen.

Sammlung Sixt
1920 wurde von Italien der Grenzstein auf dem Brenner eingeweiht – der Einmarsch in Südtirol erfolgte bereits lange zuvor

Kampf „um jeden Meter“
Als am 4. November um 15.00 Uhr und damit rund 24 Stunden nach den Österreichern auch die Italiener ihre Kampfhandlungen einstellten, hatten diese zwischen dem Stilfser Joch und Kärnten bereits weitläufige Gebiete besetzt, darunter im Südtiroler Vinschgau die Ortschaften Schluderns, Spondinig und Prad, im Etschtal den Mendelpass sowie das an Südtirols Südspitze gelegene Salurn.


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Es ist nur der Beginn von „vielschichtigen und komplexen Vorgängen“, die Dotter und Wedrac in ihrer Geschichte der Teilung Tirols detailreich nachzeichnen. Beginnend bei den Ereignissen rund um den in der Villa Giusti bei Padua unterzeichneten Waffenstillstand spannt sich der Bogen bis zu den Pariser Friedensverhandlungen von 1919, den anschließenden Kampf der Grenzkommissionen „um jeden Meter des neuen Staatsgebietes“ bis zur Machtübernahme der Faschisten im Jahr 1922.

Italiener bis Ende 1920 in Nordtirol
Im Zentrum steht dabei „die schwierige italienischen Besatzungszeit, welche im Norden vorübergehend, im Süden jedoch dauerhaft sein sollte“. In Erinnerung gerufen wird damit, dass Italien nicht auf dem Brenner und auf dem Reschenpass haltmachte, sondern auch in Nordtirol inklusive Innsbrucks einmarschierte. Hintergrund ist das im Waffenstillstand zugesprochene Recht, „strategische Punkte in Österreich-Ungarn für die den Alliierten nötig erscheinende Zeit zu besetzen zum Zwecke dort zu wohnen oder die Ordnung aufrecht zu erhalten“.

Stadtarchiv Innsbruck Ph-6781
Italienische Soldaten marschieren am 23. November 1918 in Innsbruck ein

Angesichts dieser einer bedingungslosen Kapitulation gleichkommenden Waffenstillstandsbedingungen entschied sich zuvor das noch im Krieg befindliche Deutsche Reich zur Intervention und schickte zum Schutz seiner Grenzen Soldaten Richtung Tirol. Nach dem Einmarsch in Innsbruck (6. November) überschritten bayrische Truppen dabei auch den Brenner und besetzten am 7. November die Festungsanlage von Franzensfeste. Nur einen Tag später folgte der Sturz von Bayerns letztem König Ludwig III. und der Rückzug – das bayrische Intermezzo in Tirol dauerte somit nur wenige Tage.

Die Italiener rückten am 11. November bis zur Passhöhe des Brenners vor. Am 17. November erreichten erste italienische Offiziere schließlich Innsbruck, wo am 23. November dann auch ein Infanterieregiment einmarschierte. In unmittelbare Folge wurden kleinere Ortschaften, darunter etwa Landeck und bis Ende des Monats schließlich fast ganz Tirol von den Italienern besetzt. Italiens Soldaten blieben – wenn auch in deutlich geringerer Anzahl – auch nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags von St. Germain (10. September 1919, Anm.) weiter in Nordtirol. Die letzten rückten erst im Dezember 1920 wieder ab.

„Kein sehr italienisches Gebiet“
Anders als in Nordtirol stand für Italien dagegen von Anfang an außer Frage, dass man das Gebiet südlich des Brenners nicht mehr aufgeben werde. Nur wenige Tage nach dem Waffenstillstand waren zentrale Orte wie die Hauptstadt Bozen, Meran, Brixen, Bruneck und Sterzing besetzt. Vielen italienischen, vom kühlen Empfang offensichtlich irritierten Soldaten sei aber nicht bewusst gewesen, dass sie ganz im Gegensatz zur heutigen Provinz Trient und dem von der italienischen Propaganda verbreiteten Südtirol-Bild „kein sehr italienisches Gebiet ‚befreiten‘“, heißt es dazu in „Der hohe Preis des Friedens“.
Es war allen voran der in Rovereto (Provinz Trient) geborene Ettore Tolomei, der schon lange vor Kriegsausbruch das theoretische, auf teils skurrilen Thesen beruhende Fundament legte, mit dem Italien seinen Anspruch auf Südtirol untermauerte. Tolomei vertrat die Ansicht, wonach die Staatsgrenze Italiens gemäß der Wasserscheide am Alpenhauptkamm zu ziehen und Südtirol damit unverrückbar als italienisches Gebiet anzusehen sei. Mit der Besetzung des von Tolomei auf Alto Adige (Hochetsch) umgetauften Gebietes von Südtirol ist für diesen schließlich das „Unwahrscheinliche Wirklichkeit geworden“.
Zwar musste Tolomei mit der Umsetzung seiner Italianisierungspläne länger als erhofft abwarten – diese lagen aber schon fertig in der Schublade. So gründete Tolomei bereits 1906 sein „Archivio per l’Alto Adige“, im Rahmen dessen er auch sein berüchtigtes „Handbuch“ mit rund 10.000, vielfach willkürlich ins Italienische übersetzten Südtiroler Orts- und Flurnamen („Prontuario dei nomi locali dell’Alto Adige“) anfertigte.

Sammlung Sixt
Eine Karte aus dem „Archivio per l’Alto Adige“, die Ettore Tolomei zu Weihnachten 1909 verschickte

Klockerkarkopf wird zur „Spitze Italiens“
Bei der anfangs zuständigen Militärverwaltung forderte Tolomei noch vergeblich, dem besetzten Gebiet so schnell wie möglich „den Stempel der Italianität“ aufzuprägen und in diesem Zusammenhang „allen Städten und Dörfern, Bergen und Gewässern bis hinauf zu den Gipfeln der Alpen wieder ihre alten italienischen Namen“ zu geben.
Während Militärgouverneur Pecori Giraldi noch eine gemäßigte und umsichtige Politik zugeschrieben wird, fand Tolomei bei den Faschisten eine neue politische Heimat und stieß dort mit seinen pseudowissenschaftlichen Visionen auf weit offenere Ohren. Damit wurde aus dem von Tolomei bereits 1904 zum „nördlichsten Gipfel Italiens“ erklärten Klockerkarkopf schließlich doch noch die „Vetta d’Italia“ („Spitze Italiens“), und diese Bezeichnung ist wie viele andere Hinterlassenschaften Tolomeis bis heute Zeugnis an sich längst vergangener, allerdings in Südtirol nicht vergessener Tage.
Aus „Schockstarre“ zur Vorzeigeprovinz
Auf die Unterdrückungspolitik der Faschisten und die Wirren des Zweiten Weltkrieges folgte für das Land in Folge schließlich noch ein jahrzehntelanges und teils bis heute andauerndes Ringen um mehr Autonomie. Obwohl Südtirol schon lange von der „Schockstarre“ befreit erscheint, die laut Dotter und Wedrac unmittelbar auf „das Drama des Ersten Weltkriegs mit hunderttausenden Toten vor der Haustür des Landes“ folgte, ist bei dem Thema somit weiterhin für Zündstoff gesorgt.
Abseits des mittlerweile von Alto Adige in Provincia di Bolzano geänderten offiziellen italienischen Bezeichnung ist das mit weitreichenden und vielbeachteten Autonomierechten ausgestattete Südtirol auch eine der reichsten Provinzen Italiens.
In Bozen hat man mit den sich Ende 1918 abzeichnenden und im Friedensvertrag von St. Germain fixierten Fakten somit wohl auch seinen Frieden gefunden. Ein deutlicher Hinweis dafür findet sich im schlechten Abschneiden der sezessionistischen Kräfte bei der am 21. Oktober dieses Jahres geschlagenen Landtagswahl – sowie bei der bereits im Wahlkampf nahezu untergangenen Debatte rund um eine italienisch-österreichische Doppelstaatsbürgerschaft.
Peter Prantner, ORF.at

Literatur:

Marion Dotter, Stefan Wedrac: Der hohe Preis des Friedens. Geschichte der Teilung Tirols. 1918 bis 1922.
Tyrolia Verlag, 344 Seiten, 27,95 Euro.

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josef

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#11


Waffenstillstand 1918
Der vergessene Krieg im Frieden
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„Waffenstillstand unterzeichnet, der Krieg ist zu Ende!“: So titelte die „New York Times“, nachdem Deutschland am 11. November 1918 als letzter Staat der Mittelmächte in einem Waggon im französischen Compiegne einen Waffenstillstandsvertrag mit den Alliierten unterzeichnet hatte. Doch die Realität war komplexer. Mit dem Vertrag endeten zwar die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges, doch das Töten ging noch jahrelang weiter.
Im Herbst 1918 war Europa nach vier Jahren Kriegsgräueln mit weltweit geschätzten 17 Millionen Toten am Limit angelangt. Das Ende des Krieges und die Niederlage der Mittelmächte hatten sich längst abgezeichnet. Bulgarien, das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn hatten bereits kapituliert, die letzten militärischen Vorstöße des Deutschen Reichs erwiesen sich als Desaster. In der Bevölkerung herrschte Massenelend, unter den Soldaten Revoltenstimmung. Die einen wie die anderen litten an Hunger und Krankheit.

In diesem Klima überschlugen sich in den ersten November-Tagen die Ereignisse. In Österreich-Ungarn endete – ebenfalls am 11. November – die jahrhundertelange Herrschaft der Habsburger, als Kaiser Karl I. auf alle Regierungsgeschäfte verzichtete. Bereits am nächsten Tag wurde die Erste Republik, Deutsch-Österreich, ausgerufen. Der Vielvölkerstaat zerbrach, an seiner Stelle entstanden neue Nationalstaaten. Über das Deutsche Reich fegte unterdessen die Novemberrevolution hinweg, die zur Ausrufung der Republik und dem Rücktritt Kaiser Wilhelms II. führte. Zwei Tage später unterfertigte die neue Regierung den Waffenstillstand – und der Erste Weltkrieg wurde für beendet erklärt.

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Der geschichtsträchtige 11. November 1918: An diesem Tag verzichtete Kaiser Karl I., hier zu sehen im Juli 1918 mit seiner Frau Zita und Tochter Adelheid, auf sämtliche Regierungsgeschäfte. Damit endete die Regentschaft der Habsburger.

Österreichische Nationalbibliothek
Nur einen Tag später, am 12. November, wurde in Wien die Erste Republik ausgerufen


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Am selben Tag unterzeichnete Deutschland im französischen Compiegne den Waffenstillstand und beendete damit die letzten Kampfhandlungen


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Ort der Unterzeichnung war ein Eisenbahnwaggon. Adolf Hitler ließ Frankreich in genau demselben Wagen 22 Jahre später einen Waffenstillstand unterschreiben, der einer Kapitulation gleichkam.

Die Gewalt hält an
In der epochalen Umwälzung des Weltkriegsendes, der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, wurden die Landkarte neu gezeichnet, Imperien begraben und Nationalstaaten geschaffen. Doch der Frieden, den man heute mit 1918 verbindet, blieb in Europa für Jahre eine Illusion – er kehrte am ehesten noch in den Siegerstaaten Frankreich und Großbritannien ein. „1918 liest man heute immer als Zäsur: auf der einen Seite der Krieg, dann plötzlich Frieden. Doch das ist bei Weitem nicht der Fall. In vielen Regionen der Welt wurden über Jahre hinweg harte Konflikte ausgefochten“, so die Historikerin Tamara Scheer vom Institut für osteuropäische Geschichte der Universität Wien gegenüber ORF.at.

Die Realität ist: Bewaffnete Gewalt blieb auch in der vermeintlichen Zwischenkriegszeit allgegenwärtig. Revolutionen und Gegenrevolutionen, (Bürger-)Kriege, Konflikte, Vertreibungen und Pogrome in ganz Europa kosteten in den ersten fünf Nachkriegsjahren ähnlich viele Menschenleben wie der gesamte Erste Weltkrieg. Allein zwischen 1917 und 1932 gab es in Europa 27 gewaltsame Wechsel von Regimen, wobei sich der Bogen vom Baltikum über den Balkan bis nach Griechenland und Irland spannte.
Am fatalsten war die Lage in Russland, wo die bolschewistische Machtübernahme durch Lenin im Jahr 1917 in einen Bürgerkrieg zwischen den Bolschewiken und ihren Gegnern mündete. Die Kampfhandlungen zwischen der Roten und Weißen Armee, politischer Terror, „Säuberungen“ und Pogrome, nicht zuletzt gegen Jüdinnen und Juden, kosteten acht bis zehn Millionen Menschen das Leben. Unzählige weitere wurden vertrieben. Heute sind diese Konflikte im westeuropäisch dominierten Blick auf die Geschichte oftmals vergessen, dabei wirken manche von ihnen bis heute nach.

„Europa die gewalttätigste Region der Welt“
Europa sei „nach Ende des Ersten Weltkrieges und dem Lausanner Abkommen von 1923 die gewalttätigste Region der Welt gewesen“, so der deutsche Historiker Robert Gerwarth vom University College Dublin in seinem Buch „Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs“, in dem er mit Weitsicht die Gewaltspirale der Nachkriegsjahre analysiert.
Darin beschreibt er, wie die europaweit grassierende Angst vor dem Bolschewismus, Revolutionen und Konterrevolutionen und der Zerfall der Imperien zu heftiger Gewalt bei der Neuordnung des Kontinents führten. Dabei sieht Gerwarth das Erlebnis der Kriegsniederlage und ihre destabilisierende Wirkung als Schlüssel für das Verständnis des 21. Jahrhunderts. Denn es sei auffällig, dass sich in weiterer Folge vor allem in den Verliererstaaten totalitäre Regime durchsetzen konnten, so der Historiker.

Das Schicksal der „Siegerverlierer“
Auch Scheer greift auf den Kriegsausgang zurück, um die Dynamik der Gewalt und der Radikalisierung in den Nachkriegsjahren zu erklären. Sie verweist darauf, dass es nicht nur Sieger und Verlierer, sondern auch „Siegerverlierer“ gegeben habe. Staaten wie Jugoslawien und Italien seien zwar vordergründig Gewinner des Krieges gewesen. Dabei werde aber vergessen, dass auch ein Großteil der Bevölkerung den Krieg verloren habe.

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Das Kriegsende stellte die Staaten unmittelbar vor kaum lösbare Probleme. So mussten mehrere Millionen Soldaten demobilisiert und in die Zivilgesellschaft eingegliedert werden.

Österreichische Nationalbibliothek
Die Ernährungslage war dabei oftmals fatal. In Österreich etwa herrschte nach 1918 eine akute Hungersnot, weil die Nahrungsversorgung durch den Zusammenbruch der Monarchie nicht mehr sichergestellt werden konnte.


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Nicht zuletzt war die Rückkehr der Soldaten von der Front eine große Herausforderung. Nicht nur psychische und physische Schäden von der Front, auch der Mangel an Arbeit waren kritisch.

„Die Bevölkerung hat für ein Land gekämpft, das es dann nicht mehr gab, nämlich Österreich-Ungarn. Und dieses ging eben als Verlierer aus dem Krieg hervor.“ Dabei hätten die Menschen den Krieg auch in den neuen Nationalstaaten (die letztlich de facto eher kleine Imperien waren) sehr unterschiedlich erlebt – die einen beispielsweise als Anhänger die Monarchie, die anderen als Nationalisten. Unter diesen Bedingungen seien die Verliererstaaten wesentlich anfälliger für Gewalt gewesen als die Siegerstaaten.

„Grenzen haben sich über die Menschen bewegt“
Die extreme Unsicherheit im zerrütten Europa und die persönlichen Erfahrungen der heimkehrenden Soldaten hätten dann ihr Übriges getan: „Man kommt schon nach Hause. Aber das ‚Zuhause‘ ist nicht mehr das, was es war, als man ausgezogen ist“, beschreibt die Historikerin die damalige Situation. Denn bis zu den Friedensschlüssen 1919 und 1920 wusste in den zerfallenden Gebieten kaum einer, in welchem Staat er oder sie leben würde, welche Sprache künftig gesprochen werde und wie die neuen Grenzen gezogen werden.


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Interview: „In diesen Tagen konnte man losschlagen“

„Man kommt in ein Zuhause, das ist aber nicht mehr dasselbe Zuhause. Man kommt in ein Land, das ist aber nicht mehr dasselbe Land. Die Menschen zogen aus für Kaiser und Vaterland in Österreich-Ungarn, kamen aber beispielsweise in die Tschechoslowakei zurück. Die Menschen leben immer noch im selben Dorf, aber die Grenzen haben sich über die Menschen bewegt“, so Scheer. Dazu wütete die Spanische Grippe, der mehr Menschen zum Opfer fielen als den Schlachtfeldern. Es herrschten Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit, und die oft kriegsinvaliden Männer kehrten in eine Welt zurück, in der selbst die Gesunden um ihr Leben kämpfen mussten.

Der radikale Möglichkeitsraum
Politisch konnten sich in diesem Klima aus Kriegsmüdigkeit und Instabilität in vielen Verliererstaaten Kräfte aller möglicher Coleurs durchsetzen, die unter großer Gewaltbereitschaft ihre Agenden verwirklichen wollten. Scheer spricht von einem „Möglichkeitsraum“, in dem lange schwelende Konflikte aufbrechen konnten: „Die alten Staaten sind weg, und dann bekämpfen sich eben Gruppen, die sich auch schon vor 1914 bekämpft haben oder hätten. Gerade in Österreich-Ungarn ist das ein großes Thema. Solange konkurrierende Gruppen zu einem Staat gehören, ist es nicht einfach, die Konflikte gewalttätig auf der Straße auszuleben. Aber in diesen Tagen der Unsicherheit, der Neuordnung konnte man losschlagen.“
Ob im finnischen Bürgerkrieg, bei der Neuordnung im Osten Europas oder dem gescheiterten Versuch, in München eine sozialistische Räterepublik zu errichten: Das Machtvakuum von 1918 sollte dazu genutzt werden, gewisse politische Ziele zu verwirklichen. Jede Gruppe habe laut Scheer versucht, im Chaos der Nachkriegsordnung Fakten zu schaffen. Verschärft sei die Situation dadurch worden, dass die Menschen aus dem Krieg gekommen seien: „Ihre Gewaltschwelle war wesentlich niedriger als vor 1914, dazu waren viele auch oft noch bewaffnet. Wenn man dann nach Hause kommt und das Leben in Trümmern liegt, hat man nichts mehr zu verlieren.“

Vergessene Jahre mit Folgen
Die Nachkriegsregierungen waren in vielen Fällen entweder aktiv an Konflikten beteiligt oder konnten diese nicht bremsen. Sie kämpften ohnehin mit den Kriegsfolgen und konnten der Bevölkerung auch den erhofften „günstigen Frieden“ meist nicht bieten. Sie wurden, wie Gerwarth im vergangenen Jahr gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ sagte, oftmals in Teilen der Bevölkerung „unverschuldet delegitimiert“. Nicht zuletzt das legte die Saat für die katastrophalen Entwicklungen der kommenden Jahrzehnte.

Dass die blutigen Jahre nach 1918 für die weitere Entwicklung Europas maßgeblich waren, davon sind sowohl Scheer als auch Gerwarth überzeugt. „Ich argumentiere, dass die Wurzeln des Faschismus und auch des Zweiten Weltkriegs sehr viel stärker im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs und in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zu finden sind als zwischen 1914 und 1917“, so der Historiker zur „Süddeutschen Zeitung“. Vergessene Krisenjahre, deren Ereignisse sich nicht viel später in den katastrophalen 1930er Jahren spiegeln sollten. Der Zweite Weltkrieg sei dann „nicht unvermeidlich, aber folgerichtig“ gewesen.
Saskia Etschmaier, ORF.at

Links:
Waffenstillstand 1918: Der vergessene Krieg im Frieden
 

josef

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Die unterschätzte Republik


Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Als „Rest, der vom alten Reich übrig geblieben ist“, als „Rumpfstaat“ und „Staat, den keiner wollte“ hat man die Erste Republik bezeichnet. Was vor hundert Jahren auf den Trümmern der Habsburgermonarchie entstand, war umstritten, wurde oft bekrittelt. Bedenkt man den Zeitdruck, unter dem sich das neue Österreich finden musste, und die Umstände einer großen Hungersnot nach dem Krieg, dann wurde in den Tagen und Monaten seit dem Herbst 1918 Erstaunliches zuwege gebracht - mit Lehren für die Gegenwart.


ORF-Bericht dazu:

100 Jahre Österreich: Die unterschätzte Republik
 
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