"Ehemalige Luftschutzstollen" in Neudörfl

Bunker Ratte

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#1
Ich war am Wochenende in Bad Sauerbrunn unterwegs und in den Nachbarortschaften, also östlich von Wr.Neustadt. Bei einen Spaziergang hinter einem Industriegelände in Neudörfl, entdeckte ich eine betonierte Kuppe, die mir vorerst als älteres Bauwerk erschien, bzw. Reste eines Bunkers wo der Eingang verschüttet ist, oder der gleichen. Bei meiner Begutachtung, stieß ein älterer Herr zu mir der in Neudörfl wohnt. Er hatte auch einen Hund mit sich, meine Emma war dann gleich beschäftigt mit spielen usw. Bei dieser Gelegenheit, kamen wir ein wenig ins Gespräch über dieses Relikt aus der Vergangenheit. Der Herr erzählte mir es wären die Überreste eines Lüftungsschachts von einem Stollen der unterhalb beim Feld in den Hang gegraben wurde, wo jedoch der Eingang verschüttet ist und kaum sichtbar. Angeblich soll dieser Luftschutzstollen der Zivilbevölkerung und den Arbeitern des naheliegenden ehem. Kugellagerwerks schutz geboten haben im 2.Weltkrieg.

In den Fabriken von Neudörfl wurden Verlagerungen der Wiener Neustädter Flugzeugwerke (WNF) eingerichtet. Ich konnte zudem in der Literatur: Leopold Banny, Krieg im Burgenland - Warten auf den Feuersturm auf Seite 79 folgendes lesen:
Der Aufrüstung in seinem Heimatort stand der damalige Bürgermeister mit Sorge gegenüber. Zum Schutz der Zivilbevölkerung ließ er von italienischen Kriegsgefangenen beim südöstlichen Ortsrand - im "Gfangried" - drei bis zu dreizehn Meter tiefe Luftschutzbunker bauen.


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Andreas

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#2
Hallo Bunkerratte, interessant, gibt es im Hang noch sichtbare Spuren von Eingängen (Bingen, Vertiefungen, etc..)?
Italienische Kriegsgefangene? Wohl eher Arbeiter gemeint.
Ist der sogenante "Gfangried" die dortige Geleändekante? Vielleicht kannst Du noch etwas vor Ort herausfinden und das eine oder andere Foto posten:).

Wer weiß welche Rüstungsbetriebe in der Nähe waren?
Mir fällt jetzt nur der Zillingdorfer Wald mit Mundepot und A4-Vorwerk ein.
 

josef

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#3
Italienische Kriegsgefangene? Wohl eher Arbeiter gemeint.
Habe auf der von Michi zitierten Buchseite (->79) bei Banny nachgesehen, der schreibt dort tatsächlich von "italienischen Kriegsgefangenen"!
Das dürfte auch zeitlich gesehen hinkommen, da die WNF-Verlagerung nach Neudörfl gegen Ende 1943 erfolgte und die italienische "Badoglio-Regierung" am 8. September 1943 den "Waffenstillstand von Cassibile" mit den Alliierten abschloss! Daraufhin wurden die von der Deutschen Wehrmacht greifbaren italienischen Soldaten entwaffnet und als "Militärinternierte" zur Arbeitsleistung ins Deutsche Reich gebracht!
Wer weiß welche Rüstungsbetriebe in der Nähe waren?
Mir fällt jetzt nur der Zillingdorfer Wald mit Mundepot und A4-Vorwerk ein
Ab Herbst 1943 (Betriebsaufnahme Anfang 1944) kam es zu einer WNF-Verlagerung in die Weberei Rawe & Co. in Neudörfl.
Lt. Verlagerungslisten wurden zum Standort Neudörfl unter Decknamen "Eris" Strumpf- und Wirkwaren AG auf einer Hallenfläche von 9.700 m² Teile der Rumpfmontage und Triebwerksaufrüstung für die Me109 verlegt. Mit Stichtag 10.09.1944 wurde für dieses Verlagerungswerk eine Belegschaftsstärke von 1.316 und per 05.12.1944 von 963 Mann ausgewiesen. Die Fertigung in Neudörfl war zum Auslaufen und einer weiteren Verlagerung zum unterirdischen "Objekt 217A" bei Tischnowitz im Protektorat Böhmen u. Mähren (Eisenbahntunnel) vorgesehen. Ob dies bis Kriegsende tatsächlich noch erfolgte, geht aus der Liste nicht hervor, jedenfalls kam es durch die Verlagerung anderer WNF-Fertigungstätten in den als "Objekte 217 A bis E" bezeichneten Tunnels noch zu Betriebsaufnahmen...
 

josef

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#5
Noch eine Ergänzung zum Begriff "Militärinternierte":
Die Wortwahl von L.Banny für den Einsatz der Italiener in Neudörfl als "Kriegsgefangene" ist nicht ganz korrekt, da die "Kriegsinternierten" einen besseren Status hatten als die "Kriegsgefangenen". Nur wer von den Italienern den Arbeitseinsatz verweigerte, wurde als tatsächlicher "Kriegsgefangener" behandelt...
 

josef

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#7
Wenn dort LSS sind, werden die daher wohl eher für die Bevölkerung gedacht gewesen sein.
Banny schreibt:
Der Aufrüstung in seinem Heimatort stand der damalige Bürgermeister mit Sorge gegenüber. Zum Schutz der Zivilbevölkerung...
Der Verlagerungsbetrieb befand sich ja in Ortsnähe, während sich die Objekte des nicht fertiggestellten A4-Vorwerkes und das Mun-Lager vom Ortskern weiter entfernt (nordöstlich) im Zillingdorfer Wald befanden...
 

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struwwelpeter

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#8
Über die Textilfirma Rawe sagt die Chronik der Neudörfler Büromöbelfirma in Neudörfl hier

"Von einem Vorkriegsbekannten erfuhr er vom Ort Neudörfl im Burgenland, in dem „die Russen eine alte und leere Weberei, wo sie eine Großreparatur-Werkstätte für Panzer eingerichtet hatten, geräumt haben.“ Das betreffende Gebäude in der Sauerbrunnerstraße, das alte Werk der ehemaligen Weberei B. Rawe & Co. (heute = 2011: Wohnanlage „Dr. Fischer Hof“), wurde von Markon als durchaus geeignet erachtet. Insgesamt standen 1.500 Quadratmeter zur Verfügung, und man startete sofort mit der Reinigung der leer stehenden Räumlichkeiten."
 

josef

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#10
Im zitierten Buch von Leopold Banny, Krieg im Burgenland - Warten auf den Feuersturm gibt es auf Seite 75 auch ein Lubi des "Rawe-Fabriksgeländes" mit dem Bildtext "WNF-Verlagerungsbetrieb Neudörfl - Anfang 1944..." (Bildquelle Gemeinde Neudörfl):

Interessant ist eine große Firmen-Aufschrift am mittleren, parallel zur Straße "Am Hohenbrand", befindlichen einstöckigem Gebäude (Pfeil), die ich als STECKERWOLF identifizieren konnte!

War dort vor dem Einzug des WNF-Verlagerungsbetriebes eine andere Firma in den Rawe-Hallen oder sollte diese Aufschrift zur weiteren Verschleierung beitragen?

GM-Bild mit ungefährer Lage der Gebäude lt. Lubi:
 

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Bunker Ratte

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#11
gibt es im Hang noch sichtbare Spuren von Eingängen (Bingen, Vertiefungen, etc..)?
Hallo Andreas,
ich habe noch ein paar Bilder von meiner Besichtigung gefunden, bzw. vom Hang dort und der näheren Umgebung! Vertiefungen gibt es einige, die vom Feld beginnend in den Hang führen. Meines erachtens konnte ich drei dieser Gräben finden, dürfte alles verschüttet oder eingebrochen sein.
Die Bilder 31-37 zeigen ein paar Details vom Gelände wo einst die Zugänge gewesen sein könnten. Bild 38,39, ein Blick in das vermüllte Relikt.

Blickrichtung S4 südwestlich:
ca. Bildmitte, links neben der Schotterstrasse hinter den Sträuchern befinden sich ca. der Lüftungsschacht!
30.jpg
 

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#12
In unmittelbarer Umgebung gibt es auch das (es sind zwei spiegelverkehrte Anlagen in jeweils einem Erdwall).
Der Betonboden in einem Häuschen klang hohl und das Gebäude war auch als Jagdeinrichtung umgebaut worden.
20190310_154835.jpg 20190310_154950.jpg
 

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#15
Hallo liebes Forum,
die von Struwwelpeter gezeigten Aufnahmen sind vom Areal der ehem. Bickford Zündschnurfabrik, welche diese Unterirdischen
"Kleinbunker" zur Aufbewahrung und z.T. zur Verarbeitung des entzündlichen Pulvers nutzten.
Heute werden die bestehenden Hallen als Werkstatt bzw. Lackiererei genutzt.
Im Anhang eine Luftaufnahme, Datum mir leider unbekannt,
Bildquelle: Josef Kurt Sahan
Die Gebäude sind im wesentlichen noch so erhalten

Bickford.jpg
 
#16
zu dem Lüftungsschacht, der hier von Bunker Ratte wirklich toll dokumentiert wurde,
wurde mir "erzählt" daß dieser zum Zweck des Schutzes der Belegschaft der in unmittelbarer Nähe stehenden Fabrik
"M.J. Elsinger & Söhne" welche u.a. in Neudörfl eine Fabrik für wasserdichte Stoffe betrieb.
Welche Rolle diese Fabrik im Krieg spielte, entzieht sich meiner Kenntnis
Im Anhang eine Aufnahme um 1950, welche in der Festschrift "80 Jahre Sportverein Neudörfl" erschienen ist, da die Fabrik zufällig hinter dem alten Sportplatz stand, direkt rechts der Fabrik ist der Lüftungsschacht, den Bunker Ratte beschrieb
Elsinger.jpg
 

Bunker Ratte

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#17
Hallo Andi79,
danke für dein Lob! Nun, auch dir danke für den interessanten Bericht und die historischen Bilder! Eventuell war dies diese Fabrik wovon auch ich erzählt bekam, wo Kugellager zu Kriegszeiten hergestellt wurden. Leider wusste der nette Herr den Namen der Fabrik nicht mehr.

Lg
Michi
 

josef

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#18
Andi danke für die Infos!
Betreffend Rüstungsverlagerung nach Neudörfl wird im Buch von Leopold Banny als auch in den offiziellen WNF-Verlagerungslisten "Rawe & Co." genannt! Die Firma "M.J. Elsinger & Söhne" kommt da nicht vor. Was aber nicht ausschließt, dass auch dort ein Rüstungsbetrieb angesiedelt war...
 

Andreas

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#20
Dank Euch für die Puzzleteile, wird ja immer interessanter.
Bleibt mir wohl nicht anderes übrig, als mich von Wien mal wieder Richtung Wr. Neustadt aufzumachen.
Hat noch jemand mit Zeitzeugen sprechen können?
Was ist den von den original Gebäuden noch vorhanden?
 
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