Nach jahrzehntelangen Forderungen nach einer dritten Piste, für die bereits alle Genehmigungen vorlagen, kündigte der Flughafen am Mittwoch via Aussendung an, das Projekt nicht weiterzuverfolgen. Stattdessen wolle der Airport mit den bestehenden zwei Pisten weiter wachsen und künftig mehr als 50 Millionen Passagiere abfertigen. Dafür wolle man nun mehr in Terminal-Infrastruktur investieren.
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„Neben den auf rund zwei Milliarden Euro massiv gestiegenen prognostizierten Baukosten haben sich auch die Rahmenbedingungen infolge der überlangen Verfahrensdauer grundlegend geändert“, erklärte der Flughafenvorstand via Aussendung. Während 2005 pro Flugbewegung 71 Passagiere befördert wurden, waren es im Vorjahr durch den Einsatz größerer Flugzeuge bereits 139 Passagiere, „was den Druck auf die Pistenkapazität mildert“.
Auch Airlines gegen dritte Piste
Die Flughafenchefs verweisen auch auf eine schwierige Refinanzierung des Großprojekts. Die größten Airline-Kunden am Standort würden dem Projekt negativ gegenüberstehen und „ohne Refinanzierung durch höhere Tarife ist die wirtschaftliche Basis der Investition nicht darstellbar“. Man könne eine dritte Piste nicht für alle Zukunft ausschließen, „aber wir werden frühestens in den 2040er Jahren wieder darüber nachdenken müssen“.
Für Luftfahrtexperte Kurt Hofmann ist diese Entscheidung mit Blick auf die generelle Entwicklung in der Luftfahrt nachvollziehbar und richtig. Die Planungskosten von etwa 90 Millionen Euro, die in den letzten 25 Jahren investiert wurden, seien „ein kleinerer Schaden als eine große Investition, die vielleicht so nicht mehr notwendig sein wird“, sagte er im „NÖ heute“-Interview.
ORFLuftfahrtexperte Kurt Hofmann glaubt an Wachstum auch ohne dritte Piste
noe.ORF.at: Herr Hofmann, die Baukosten für eine dritte Piste sind inzwischen zu groß geworden, sagen die Flughafenvorstände. Trotzdem hat der Flughafen jetzt 90 Millionen Euro in den Sand gesetzt. Kam dieses Nein jetzt nicht zu spät?
Kurt Hofmann: Es ist eine wirtschaftlich richtige Entscheidung, weil sich das Gesamtbild der zivilen Luftfahrt in Europa und auch weltweit sehr verändert hat. Die Kosten, wie kolportiert wird, würden sich um die zwei Milliarden Euro bewegen. Wenn man jetzt hier 90 Millionen Euro aufgrund der vielen Jahre, in denen man sondiert und geplant hat, verliert, ist es unüberschaubar und ein kleinerer Schaden als eine große Investition, die vielleicht so nicht mehr notwendig sein wird.
Man darf auch nicht vergessen, dass das Umfeld dynamischer wird. Die Airlines haben größere Flugzeuge, befördern mehr Passagiere, die Flugzeuge sind voller. Und wir erleben gerade seit der Pandemie neue Umstände, wie sich die zivile Luftfahrt im wirtschaftlichen Bereich entwickelt.
noe.ORF.at: Der Flughafen sagt auch, er könne mit zwei Pisten wachsen. Jetzt stehen die wirtschaftlichen Zeichen generell nicht unbedingt auf Wachstum. Sehen Sie mögliches Wachstum am Flughafen?
Hofmann: Die beiden Pisten, die vorhanden sind, können über 300.000 Flugbewegungen pro Jahr bewerkstelligen. Jetzt sind wir deutlich darunter. Also Wachstum ist durchaus möglich, und das nimmt Druck von den Kapazitäten bei den Flugbewegungen. Aber natürlich ist der Terminal mehr gefordert, wenn mehr Passagiere in größeren Flugzeugen fliegen. Aber hier baut der Flughafen Wien aus und ich denke, Wachstum ist möglich.
Für die nächsten Jahre sehe ich hier keine allzu großen Probleme. Man darf auch nicht vergessen, andere Flughäfen in Europa haben dasselbe Problem. München bekommt auch keine dritte Piste, wird mit zwei Pisten weiter wachsen werden, weil auch die Lufthansa betont, das ist dort nicht notwendig. Also wir sehen hier eine Entwicklung in der europäischen Luftfahrt, wo Wien nicht ganz alleine ist.
noe.ORF.at: Die Absage der dritten Piste während Billigairlines Flugzeuge abziehen, was sagt das generell über den Standort aus?
Hofmann: Der Flughafen Wien wäre einer der wenigen Flughäfen in Europa gewesen, der eine dritte Piste bauen hätte können, weil die Genehmigungen vorliegen. Aber wie besprochen hat sich das wirtschaftliche Umfeld verändert, was die Billigairlines anbelangt. Zehn Flugzeuge weniger im nächsten Jahr wird sicherlich auch Auswirkungen auf das Aufkommen am Flughafen haben. Wir dürfen aber nicht vergessen: Der Flughafen Wien kommt von einem hohen Passagierniveau. Ich denke, allzu groß wird der Einbruch nicht sein.
Billigairlines sind sehr dynamisch unterwegs. Ryanair pocht natürlich auf niedrigere Gebühren, gerade bei den Ticketabgaben, Wizz-Air zieht sich komplett zurück, aber es ist ein Kommen und Gehen. Die Billigairlines werden ihr dynamisches Geschäftsfeld weiter so umsetzen und der Flughafen Wien, denke ich, kann Teile davon kompensieren, wenn die AUA vielleicht nächstes Jahr mehr wächst. Aber es ist immer ein „Up and Down“ und nächstes Jahr vielleicht ein bisschen weniger Passagieraufkommen.
noe.ORF.at: Der Flughafen hat deshalb schon gesagt, er will seine Gebühren um 4,6 Prozent ab Jänner senken. Wird das ausreichen, um konkurrenzfähiger zu werden?
Hofmann: 4,6 Prozent ist ein guter erster Ansatz. Aber es wird für manche Billigairlines wie Ryanair wahrscheinlich nicht reichen. Hier muss man dann auch schauen, dass vielleicht bei den Ticketabgaben, die Ticketsteuer sich etwas verändert. Ich denke für die AUA oder Lufthansa Gruppe ist das schon okay, aber es wird für manche andere Low Cost Billigairlines nicht genug sein. Und man kann auch hier vielleicht von der Bundesregierung einiges erwarten, etwa dass sie sich bei der Ticketsteuer bewegt.
27.11.2025, Veronika Berger, noe.ORF.at