FuV - Hochbunker in Wiener Neustadt, Pottendorferstraße, Kriegspital

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Liebe Foren-Mitglieder,
dies ist mein erster Beitrag hier.
Ich bin in Wr.Neustadt aufgewachsen und verfolge die Beiträge hier natürlich auch schon länger. Habe lange Jahre überlegt, denke nun ist es an der Zeit, darüber zu schreiben. Das Thema ist der Hochbunker im Kriegspital bzw. die dazugehörigen ehem. Gustloff-Werke dahinter.
Im Volksmund wurde dieser Betonklotz Ladki -(Ladky?) Bunker genannt, im Prinzip ein Würfel mit 3 Etagen - 1.UG, EG, OG, mit jeweils 4 großen Räumen, Stockwerke verbunden durch Betontreppen. Stahlbeton-Wände bis zu 3 Meter dick, ein Eingang vorne Richtung Pottendorferstraße, der andere an der Hinterseite Richtung Fischa. Interessant ist die Hanglage des Bunkers, das Gelände fällt von der Straße Richtung Fischa erheblich ab. Pläne dazu im Stadtarchiv, datiert mit Ende 1955, also nach Abzug der Roten Armee.
Links vom Bunker waren lange Jahre die Beton-Reste der Fundamente des Arbeitslagers zu sehen, heute stehen dort Reihenhäuser. Der Bunker steht auf Wr.Neustädter Stadtgebiet, dahinter die Fischa, als Grenze zu Lichtenwörth, gleich anschließend die Hallen der ehem. Gustloff-Werke, im Besitz der Hirtenberger Munitionswerke. Diese vermietet an diverse dubiose Autowerkstätten. Soweit so gut, die offizielle Darstellung ist ja hinlänglich bekannt, nichts Neues.
Aber: Im Jahr 1971 ertrank ein Junge in einem unterirdischen Gang unter der Fischa, beim Versuch diesen zu begehen, er konnte leider nur mehr tot geborgen werden. Wie ist das möglich?, laut den offiziellen Aufzeichnungen existieren keine weiteren Gänge mehr!
Nun, man stelle sich einen Eisberg vor, bzw. die Flaktürme in Wien. Ein kleiner Teil oberirdisch, der größere Rest im Untergrund. Genauso hier bei unserem Hochbunker, der noch anderen Zwecken diente als nur dem Luftschutz. Als ich Anfang der 1980-iger Jahre als Bub im Bunker war, gab es im Kellergeschoß einen kreisrunden Abstieg, ca. 1,5 Meter im Durchmesser, komplett mit Schotter verfüllt, das oberste Steigeisen gerade
noch sichtbar, welcher auf keinem Plan eingezeichnet ist. Wir waren oft dort, versuchten den Schacht aufzugraben, jedoch ohne Erfolg, zu tief. Außerdem war man nie ungestört, das ganze Kriegspital verkehrte ständig im Bunker.
Auf der anderen Seite des Baches gibt es 2 (damals 3) Bunkereingänge zwischen den Werkshallen, ca. 4 Meter hohe Betonklötze, welche zu dieser Zeit natürlich bereits zubetoniert waren.
Wir sehen, Anfang 80 war schon alles vorbei. Dies sind die Zugänge zu den unterirdischen Räumen unter den Hallen. Heute sieht man noch zwei dieser Klötze dort stehen.
Von diesen unterirdischen Luftschutzräumen führt ein Gang unter den beiden Armen der Fischa, welche genau dort eine Insel bilden, auf welcher sich auch ein zugeschütteter Notaustieg befindet, unter das Kellergeschoß des Hochbunkers zu unserem Abstiegsschacht. Bis vor einigen Jahren konnte man von der Pottendorferstraße kommend, vor dem Bunker die Straße rechts einbiegend, über eine Holzbrücke zu den Hallen fahren. Diese Brücke ist mittlerweile gesperrt. Vor dieser Brücke befand sich auf der rechten Seite ein Wachbunker, ca. doppelte Größe eines Einmann-Beobachtungsbunkers. Dieser war Anfang 80 ebenfalls komplett mit Schotter zugeschüttet, es war gleichzeitig auch ein Notausgang aus dem System! Die alten Kriegspitaler, welche heute zwischen 65 und 80 Jahre sind, nannten dieses zweite System unter dem Bunker den “Hexenkessel“. Zugänglich von 1955 bis 1971, vorher waren die Russen dort - USIA-Betrieb in den Hallen, sollen diese Gänge und Räume eine große Ausdehnung in Richtung Flugplatz Ost gehabt haben. Wobei wir jetzt nur von einem weiteren UG sprechen, der Rest ist unklar und Spekulation. Durch die Hanglage des Bunkers erhöht sich natürlich die Überdeckung der weiterführenden Räume Richtung Pottendorferstraße und darüber hinaus. Offiziell wird behauptet, aufgrund des sumpfigen Gebietes an der Fischa und des hohen Grundwasserspiegels wären tiefere Anlagen nicht realistisch. Wir wissen seit dem Todesfall, das damals die Gänge bereits teilweise unter Wasser standen.
Nach diesem tragischen Unfall 1971 wurden sämtliche bekannten Zugänge zum System zubetoniert, bzw. zugeschüttet, teils von der Gemeinde Wr. Neustadt, teils von den Hirtenberger Munitionswerken.
Wir können davon ausgehen, das die Russen diese Anlagen erkundet haben und alles Brauchbare mitnahmen. Was sie dortließen wissen wir jedoch nicht. Gesprengt haben sie die Anlagen nicht. Erwischten sie jemanden dort, gab es ein paar Ohrfeigen und Arschtritte für die Rotzbuben.
Nachdem Abzug begann dann die wilde Zeit des Erkundens und Inbesitznehmens durch die Neustädter Bevölkerung. Banden und zwielichtiges Gesindel trieben in all diesen damals noch vorhandenen Anlagen ihr Unwesen. Polizei-und Feuerwehreinsätze waren keine Seltenheit, dazu an anderer Stelle später mehr.
Wir haben keine Fotos, die Erkundungen und Plünderungen erfolgten mit Fackeln und Seilen, seitens Gemeinde Wr.Neustadt keine Infos und Unterlagen, die Fa. Hirtenberger erwähnt davon in Ihrer Festschrift kein Wort. Wir werden noch sehen, weshalb dies wohl so ist.
Bleiben die Fragen, wer baute wann und warum?
Wozu dieser Aufwand?
Wir müssen von 2 getrennten Systemen ausgehen, unterschiedlichen Zwecken und wahrscheinlich auch Bauzeiten. Der Bunker wurde Ende 1943, Anfang 1944 unter Mithilfe der Fa. Lang & Menhofer gebaut, um mit seinen 3 Etagen die Zivilbevölkerung des Kriegsspitals und auch Rüstungsarbeiter aus den Gustloff-Werken aufzunehmen. Die Luftschutzräume unter den Hallen dienten den Angestellten und Facharbeitern aus den Produktionshallen (1944). Von Lichtenwörth aus gesehen befinden sich rechts neben den Hallen im Wald die in den Beiträgen erwähnten, mit Erde überdeckten Splitterschutzgräben, welche für die Zwangsarbeiter vorgesehen waren. Dort liegen auch die diversen schriftlichen Unterlagen im Wald herum und verrotten.
Wann wurden aber die weiteren Anlagen unter dem Hochbunker gebaut und warum wurden diese mit den am anderen Ufer befindlichen LSR unter den Hallen verbunden?
Ab Sommer 1944 wurde in der Nadelburg in Lichtenwörth ein Außenlager des KZ Mauthausen eingerichtet.
Dorthin brachte man hauptsächlich jüdische KZ-Häftlinge aus Ungarn.
Während Zwangsarbeiter, auch viele Frauen, bereits in den diversen Standorten der Gustloff Werke in der Produktion arbeiteten, auch in unseren Hallen in Lichtenwörth, wurden diese ungarischen KZ-Häftlinge für schwere Bautätigkeiten eingesetzt.
Auch für Untertagearbeiten. Die Nadelburg ist ca. 3-4 Kilometer vom Werk entfernt, die Häftlinge wurden bei Schichtbeginn
über die Felder zur Arbeit getrieben und anschließend zurück. Bewachung erfolgte durch SS. Wer für diese Bauvorhaben verantwortlich war, ist unklar. Luftwaffe möglich
da die WNF, Luftpark und Tritol-Werk deren Betriebe waren. Organisation Todt?
Oder doch SS? Stammt der Name Ladki (Ladky) daher? Interessant in diesem Zusammenhang, daß 1943 die Direktion der Gustloff-Werke das Werk Lichtenwörth der Zentrale in Berlin direkt unterstellt und nicht mehr dem Stammwerk Hirtenberg.
Wann die Bauarbeiten für die tiefer gelegenen Anlagen begannen? Wahrscheinlich im Sommer/Herbst 1944. Leider gibt es keine Berichte von überlebenden Häftlingen.
Der Zweck der Räumlichkeiten? Lagerräume?, Depots?, Magazine?, Werkstätten?Diese Nutzungen brauchen natürlich größere Zugänge als den Schacht im Keller, bzw. den Tunnel unter der Fischa. Wo diese gewesen sein sollen, weiß ich nicht, möglicherweise Richtung Lichtenwörther Au entlang der Fischa, bzw. Richtung Flugplatz Ost (WNF I).
Der Hochbunker wurde 2000 vom Pfandfinderverein erworben und umgebaut, außen wurde Erdreich aufgeschüttet, um das Hanggefälle auszugleichen. Ich bezweifle, das die Pfadfinder den Schacht im Keller ausgegraben haben, aber wer weiß....
Gegenüber vom Hochbunker liegt an der Pottendorferstraße das Cafe Treff des legendären “Stier“. Dort treffen sich gelegentlich am Stammtisch noch die letzten lebenden Originale des Kriegspitals. Fremden gegenüber war man in dieser Gegend immer schon äußerst skeptisch,
neugierigen Fremden gegenüber allerdings ganz besonders.....:)
 
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