Gletscherabbruch begrub einen großen Teil des Dorfes Blatten im Schweizer Kanton Wallis

josef

Administrator
Mitarbeiter
#1
Lage „sehr schlimm“
Geröllmassen verschütten Schweizer Dorf
1748460292256.png

Seit Tagen herrscht im Lötschental im Schweizer Kanton Wallis Alarm. Schon am Vortag stürzten größere Mengen an Eis, Fels, Schnee und Wasser talwärts, da war das Dorf Blatten wegen eines sich rasch Richtung Tal bewegenden Gletschers schon vorsorglich evakuiert worden. Am Mittwoch kam es dann zum befürchteten „Großereignis“: Eine gigantische Lawine aus Eis, Schlamm und Geröll begrub einen großen Teil des Dorfs unter sich. Zahlreiche Häuser wurden zerstört.
Online seit heute, 18.14 Uhr (Update: 21.07 Uhr)
Teilen
Menschen seien nicht zu Schaden gekommen, hieß es laut der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA zunächst vom örtlichen Führungsstab. Später war von einer vermissten Person die Rede, das wurde in einer Pressekonferenz auch bestätigt. Nähere Details wollten die Zuständigen nicht sagen.

Via Gemeinde-App seien die 300 Einwohnerinnen und Einwohner von Blatten über das Ereignis informiert worden, wie zuvor bekanntwurde: „Das Unfassbare ist eingetroffen“, hieß es in der Nachricht, wie der Sender SRF berichtete. Die Lage sei laut Führungsstab „sehr schlimm“. Mitglieder des Gemeinderats zeigten sich bei der Pressekonferenz am Abend sichtlich erschüttert, man habe „das Dorf verloren, aber nicht das Herz“. Der Wiederaufbau werde sehr viel Zeit brauchen.

Eine an Ort und Stelle befindliche SRF-Reporterin beschrieb die Situation: „Kurz vor halb vier ging dann plötzlich für ein paar Sekunden der Strom aus – und kurz wurde es hektisch, man hat sofort gespürt, dass etwas passiert ist.“ Die Druckwelle sei deutlich spürbar gewesen, als die gewaltige Staub- und Geröllwolke Richtung Tal gedonnert sei, so die Reporterin. Schnell sei klar gewesen, der Abbruch sei größer als alle bisherigen davor.

„Der Hang ist kahl“
„Große Felsbrocken sind runtergedonnert, Baumstämme, Kies und Sand, alles wurde ins Dorf geschoben“, sagte ein Reporter. Lange hätten Nebelfelder die Sicht auf den Berg etwas verdeckt. Nun habe es aufgeklart: „Man sieht das Ausmaß etwas besser. Der Hang ist kahl.“ Auch ein Fotograf der Nachrichtenagentur Keystone-SDA berichtete von gigantischen Schuttmassen, die sich ins Tal wälzten.

picturedesk.com/Keystone/Jean-Christophe Bott
An dieser Stelle brach der Gletscher ab – gigantische Massen an Geröll und Eis schnellten Richtung Blatten

Drohnenaufnahmen des Schweizer Fernsehens zeigten eine riesige Schlamm- und Erdfläche, die einen Teil von Blatten, den durch die Siedlung fließenden Bach und die bewaldeten Hänge des umliegenden Tals bedeckte. Auf den Drohnenaufnahmen waren an den Flanken der riesigen Erdmassen die Trümmer von Holzhäusern zu sehen. Rund 90 Prozent des Dorfes Blatten wurden laut den Einsatzkräften verschüttet.

Erdbeben verursacht
Der Gletscherabbruch habe um 15.24 Uhr ein Erdbeben der Stärke 3,1 auf der Richterskala verursacht, berichtete die „Walliser Zeitung“ (Onlineausgabe). Aufgrund der immensen Mengen an Schutt und Geröll werde zudem das Wasser des Flusses Lonza gestaut. Dieses kann nicht mehr abfließen und beginnt sich aufzustauen.

picturedesk.com/Keystone/Jean-Christophe Bott
Fast das gesamte Dorf Blatten wurde von den Geröllmassen verschüttet

Dazu hieß es bei der Pressekonferenz, dass man erst am Donnerstag sehen werde, wie sich die Lage konkret entwickelt. Derzeit sei der Fluß auf rund zwei Kilometer Länge durch die Geröllmassen gestaut, dieser führe grundsätzlich nicht so viel Wasser. Man beobachte die Lage auf jeden Fall, es könne Überschwemmungen geben, ein Murenabgang sei aktuell nicht sehr wahrscheinlich.

Armee soll helfen
Der Kanton Wallis ersuchte die Armee um Unterstützung. Der Führungsstab bestätigte, dass die Armee unterwegs ist, man werde alles leisten, was zur Unterstützung gebraucht wird. Ein Armeesprecher hatte zuvor erklärt, dass ein Erkundungstrupp losgeschickt wurde, hieß es auf Anfrage von Keystone-SDA.

1748460438789.png
Bei der Pressekonferenz zeigten sich Vertreter des Schweizer Bundesrats und der Führungsstab erleichtert, dass das Dorf Blatten beizeiten evakuiert wurde, und sicherten Hilfe von Bund und Kanton auch für den Wiederaufbau des Dorfes zu – der vermutlich Jahre dauern werde, wie es hieß. Es sei jedenfalls wichtig, dass es eine Perspektive für das Tal gebe.
Auslöser dieser Ereignisse war ein relativ langsam verlaufender Bergsturz am Kleinen Nesthorn, oberhalb des nun abgestürzten Birchgletschers. Durch das Abbröckeln des Kleinen Nesthorns lagerten sich im Laufe der letzten Tage rund neun Millionen Tonnen Schuttmaterial auf dem Gletscher ab – sie übten jenen Druck auf die Eismassen aus, der sich letztlich mit der Gerölllawine entlud.
28.05.2025, red, ORF.at

Links:
SRF-Liveticker
„Walliser Zeitung“-Artikel

Lage „sehr schlimm“: Geröllmassen verschütten Schweizer Dorf
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#4
Gletscherabbruch
Starke Veränderungen im Hochgebirge

Ein Experte der Universität Innsbruck sagt, dass es derzeit im Hochgebirge starke Veränderungen gebe. Für den Gletscherabbruch in der Schweiz, der große Teile des Dorfes Blatten verschüttet hat, sei auch der Klimawandel verantwortlich.
Online seit heute, 11.06 Uhr
Teilen
Die starken Veränderungen im Hochgebirge seien größtenteils auf den Klimawandel der letzten Jahrzehnte zurückzuführen, sagt Hochgebirgforscher Jan Beutel, Professor für Technische Informatik an der Universität Innsbruck. „Zu einem gewissen Teil ist die Reise für die nächsten Jahre gebucht – eingeheizt ist schon, und das Tauen und Schmelzen wird unweigerlich weitergehen“, so der Wissenschafter.

„Diese Ereignisse finden zwar im Kontext des Klimawandels statt, sind aber nicht immer ursächlich direkt damit verbunden. Berge werden instabil und stürzen letztendlich ab, weil sich die Materialkonfiguration und die Geometrie ändern. Das heißt: Die Wirkung der Schwerkraft ist die eigentlich treibende Kraft“, führt Beutel weiter aus.

Prozesse im Hochgebirge
Im Hochgebirge öffnet der Rückgang des Eises die Oberfläche gegenüber Wind und Wetter. Dies führt zu Erosion und steileren Hängen. Der Permafrost taut mit etwa 0,1 Grad Celsius pro Dekade auf, was die Stabilität der Berge weiter gefährde. Laborversuche würden zeigen, dass dies zu Stabilitätsverlusten von bis zu 80 Prozent führen könne. Mehr flüssiges Wasser im Inneren der Berge erhöht die Beweglichkeit des Materials.

Fotostrecke
KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Das Dorf Blatten in der Schweiz wurde von einem gewaltigen Gletschersturz erfasst
KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Eine Mischung aus Eis, Steinen, Schnee und Wasser raste ins Tal
KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Nur wenige Häuser wurden nicht verschüttet
KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Durch das Abbröckeln des Kleinen Nesthorns lagerten sich in den vergangenen Tagen rund neun Millionen Tonnen Schuttmaterial auf dem Gletscher ab und übten Druck auf die Eismassen aus

Folgen eines Bergsturzes
Ein Bergsturz dieser Dimension fragmentiert das Felsmaterial, und die kinetische Energie verwandelt Eis in Wasser. Diese verflüssigte Masse gleitet schneller talwärts und entfaltet eine destruktive Kraft, führt Beutel aus. Sie kann talnahe Gewässer blockieren und weitere Gefahren wie Hochwasser verursachen.

Forschung und Vorhersage
Jan Beutel und sein Team sind seit fast 20 Jahren im Wallis aktiv. Den Gletschersturz am Mittwoch habe er in seinem Büro miterlebt. „Am Kleinen Nesthorn wurden GPS-Messgeräte für die Vorhersage und Maßnahmenplanung eingesetzt, die wir vor zwölf Jahren als Forschungsprototyp eben dort in der Region in Zusammenarbeit mit den Behörden entwickelt haben.“ Auch nach dem Felssturz gab es rasch Informationen für die Wissenschaft. Neben all dem Schaden und all der Gefahr seien die Daten ein unheimlicher Erfolg für die Forschung, so Jan Beutel von der Uni Innsbruck.
29.05.2025, red., tirol.ORF.at
Starke Veränderungen im Hochgebirge
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#5
Nach Gletscherabbruch
Weitere Schweizer Dörfer bedroht
1748588996987.png

Nach einer nervenaufreibenden Nacht richten sich am Freitag im Katastrophengebiet des gigantischen Gletscherabbruchs im Lötschental im Schweizer Kanton Wallis alle Augen auf den entstandenen Stausee hinter dem Schuttkegel. Der Fluss Lonza ist so bedrohlich angeschwollen, dass die Behörden weitere Gemeinden auf eine Räumung vorbereiten. Das Dorf Blatten liegt bereits unter den Geröllmengen begraben.
Online seit heute, 8.29 Uhr
Teilen
Dass sich die Wassermassen einen Weg ins Tal bahnen müssen, steht fest – aber ob das geordnet oder chaotisch abläuft, ist ungewiss. „Unternehmen können wir leider wenig, weil die Sicherheitslage vor Ort es nicht zulässt, dass wir mit schweren Maschinen eingreifen können“, sagte Christian Studer von der Dienststelle Naturgefahren des Kantons Wallis im Schweizer Fernsehen.

Es gebe mehrere Gefahrenquellen: Der Schuttberg ist instabil, weil er aus Felsbrocken, losem Schutt und Gletschereis besteht, das schon teils geschmolzen sein dürfte. Weder Menschen noch Maschinen wären darauf sicher. Vielmehr müssten weitere Maßnahmen getroffen werden, um Menschen in Sicherheit zu bringen.

Auch Steg und Gampel in Gefahrenzone
„Wir fordern die Bewohner auf, persönliche Vorbereitungen zu treffen, um innert möglichst kurzer Zeit die Wohnungen verlassen zu können“, teilen die Gemeinden Steg-Hohtenn und Gampel-Bratsch auf ihren Websites mit. Betroffen sind die Gemeinden Gampel und Steg rund 20 Kilometer unterhalb des verschütteten Dorfes Blatten. Insgesamt wohnen in dem Gebiet mehr als 2.000 Menschen, aber der Aufruf gilt nur für die Ortsteile am Talgrund, wie die Gemeinden mitteilen.



Reuters/Maxar Technologies

In der Nähe von Gampel fließt die Lonza in die Rhone. Die Behörden hoffen darauf, dass sich das Wasser einen Weg bahnt und gemächlich abfließt. Völlig auszuschließen ist nach Angaben der Behörden aber nicht, dass das Wasser über den Schuttkegel schwappt und eine Flutwelle oder eine Gerölllawine ins Tal rauscht, wenn das Wasser Teile des instabilen Schuttkegels mitreißt.

Blatten bereits verschüttet
Unter dem meterhohen Schutt ist das Dorf Blatten bereits völlig begraben. Die rund 300 Einwohnerinnen und Einwohner waren vergangene Woche in Sicherheit gebracht worden, als sich abzeichnete, dass ein Felssturz bevorsteht. Es kam schlimmer als befürchtet: Felsbrocken vom Kleinen Nesthorn stürzten auf den Birschgletscher, der am Mittwoch abbrach und mit Unmengen Fels und Geröll in die Tiefe stürzte.

picturedesk.com/AFP/Fabrice Coffrini
Eine riesige Lawine aus Geröll und Eis donnerte in Richtung Tal

Anschließend stieg der Wasserstand der Lonza zeitweise stündlich um drei Meter. Talbewohnerinnen und -bewohner, Helferinnen und Helfer sowie die herbeigerufenen Armeeangehörigen mussten tatenlos zusehen. Die meisten anderen Häuser dort sind inzwischen in dem Stausee verschwunden. Ein Mann, der sich in der Gefahrenzone aufhielt, wird noch vermisst.

Weitere Hangrutschungen drohen
Gleichzeitig drohen von beiden Seiten des Tals weitere Rutschungen: An der ursprünglichen Abbruchstelle am Kleinen Nesthorn können immer noch mehrere hunderttausend Kubikmeter Gestein abstürzen. Zudem wurden bei dem Gletscherabbruch Geröll und Schuttmassen über den Talboden hinweg und auf der gegenüberliegenden Hangseite nach oben geschoben. Auch sie könnten als Gerölllawine wieder abrutschen.

Die Behörden können sich zurzeit nur mit der Gefahrenbeurteilung und organisatorischen Maßnahmen befassen, sagte Studer. „Wir können sicherstellen, dass sich möglichst keine Personen in einem gefährdeten Gebiet aufhalten.“ Zudem wurde ein weiter unten bei Ferden an der Lonza gelegener Stausee vorsichtshalber geleert, um als Auffangbecken zu dienen.

Studer sprach aber auch das Schreckensszenario an, das zwar unwahrscheinlich, aber möglich sei: „Das Worst-Case-Szenario ist, dass plötzlich entgegen den aktuell als eher realistisch eingeschätzten Szenarien viel mehr Wasser und Geschiebe kommt, das das Staubecken Ferden nicht mehr zu schlucken vermag“, sagte er.
„Ereignisse finden im Kontext des Klimawandels statt“
Die als sehr gut geltende Überwachung der Gebirge in der Schweiz hatte bereits Mitte Mai zu Warnungen geführt, dass oberhalb Blattens ein Bergsturz drohe. Als Spalten im Fels schnell wuchsen, kam am 19. Mai aber doch recht plötzlich der Aufruf, das Dorf innerhalb einer Stunde zu verlassen. Viele Menschen konnten nur noch das Notwendigste zusammenpacken.
Die starken Veränderungen im Hochgebirge seien größtenteils auf den Klimawandel der letzten Jahrzehnte zurückzuführen, erklärte zuletzt Hochgebirgsforscher Jan Beutel, Professor für Technische Informatik der Universität Innsbruck. „Zu einem gewissen Teil ist die Reise für die nächsten Jahre gebucht – eingeheizt ist schon, und das Tauen und Schmelzen wird unweigerlich weitergehen“, so der Wissenschaftler.
„Diese Ereignisse finden zwar im Kontext des Klimawandels statt, sind aber nicht immer ursächlich direkt damit verbunden. Berge werden instabil und stürzen letztendlich ab, weil sich die Materialkonfiguration und die Geometrie ändern. Das heißt: Die Wirkung der Schwerkraft ist die eigentlich treibende Kraft“, so Beutel – mehr dazu in tirol.ORF.at.
30.05.2025, red, ORF.at/Agenturen

Links:
SRF-Liveticker
Kanton Wallis
Schweizer Naturgefahrenportal

Jan Beutel

Nach Gletscherabbruch: Weitere Schweizer Dörfer bedroht
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#6
Gletscherabbruch
Wie sich die Menschen aus dem verschwundenen Blatten in ihr Leben zurückkämpfen
Im Schweizer Kanton Wallis schwankt man zwischen Resignation, Trotz und Hoffnung. Dorfälteste erzählen dem STANDARD über ihr Schicksal
Reportage - Jan Dirk Herbermann aus Lötsch
ental


Blick auf die Abbruchstelle oberhalb von Blatten.
J.D. Herbermann

Rechts neben dem Tunnel donnert die Lonza durch ihr enges Flussbett. Das braune Wasser schäumt. Vor dem Tunnel baut sich ein Wachposten auf. Der Mann in Orange verlangt die Papiere und knurrt: "Wir wollen hier keine Katastrophentouristen. Nur Anwohner, Sicherheitsleute, Spezialisten und Medien dürfen weiter." Er beäugt die Papiere, gibt seine Einwilligung zur Weiterfahrt hinauf ins Lötschental.

Es liegt im Wallis, dem urwüchsigen Kanton im Süden der Schweiz. Die Straße führt an Felswänden, Wiesen und Bächen vorbei. Wolken drücken sich tief in das zerklüftete Gebiet. Die mehr als zwanzig 3000-Meter-Riesen entziehen sich dem Auge, auch das Bietschhorn (3934 Meter) verbirgt sich. Im ersten Dorf, Ferden, sind nur wenige Einheimische unterwegs. In Hotels und Restaurants wie dem Ferdania brennt kein Licht. Auch die zweite Siedlung, Kippel, wirkt unbewohnt. Über Wiler, dem dritten Dorf, dröhnt ein Hubschrauber, er zieht einen Baumstamm durch die Luft. Der Ausgang von Wiler ist abgeriegelt. Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute bewachen den einzigen großen Zugang zum Sperrgebiet. Ein Uniformierter sagt streng: "Weitergehen verboten, Lebensgefahr."

Etwa zwei Kilometer talaufwärts türmt sich eine unheimliche grau-braune Masse auf. Der gigantische Fremdkörper, bedrohlich, lebensfeindlich, entstand am 28. Mai gegen 15.15 Uhr. Zuvor waren große Teile des Birchgletschers abgebrochen. Gespickt mit Geröll, Bäumen und Erde polterte die Eislawine hinunter auf Blatten, das vierte Dorf im Tal. Blatten galt als die Perle des Quartetts. Der wilde Strom zerstörte Häuser, Gehöfte und Hotels, vernichtete Straßen und Wege und ließ sogar die Kirche verschwinden. Fast alle zunächst unversehrten Gebäude versanken später im zähen Brei der aufgestauten Lonza. Blatten, das erstmals im Jahr 1433 schriftliche Erwähnung fand, wurde von einer der schlimmsten alpinen Naturkatastrophen der Neuzeit heimgesucht.

Noch immer Gefahr
Der Bürgermeister Matthias Bellwald, ein früherer Oberst der Schweizer Armee, sagte: "Wir haben das Dorf verloren, aber nicht das Herz." Es war ein Satz, der um die Welt ging. Mehr als eine Woche nach dem Megaschock sind fast alle Kameras abgebaut, die meisten Reporter abgerückt. Ob, wann und wie der Schuttkegel mit einem Volumen von zehn Millionen Kubikmetern abgetragen werden kann, weiß niemand. "Aufräumarbeiten sind immer noch zu gefährlich", sagt ein Feuerwehrmann.

Und die Geologen warnen vor weiteren Fels- und Schlammlawinen, die sich aus den unruhigen Höhen ins Tal bewegen. Die Gefahr ist nicht gebannt. Überschattet von der Ungewissheit kämpfen sich die Menschen im Lötschental in ihr Leben zurück, schwankend zwischen Schmerz, Resignation und Hoffnung. "Frauen, Männer und Kinder leben seit Jahrhunderten im Rhythmus der rauen Natur, sie arrangieren sich mit Lawinen, Eis und Kälte", erzählt der Lokalhistoriker Matthias Grüninger und blinzelt in die Frühjahrssonne. "In alten Zeiten war unser Tal im Winter oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten."

Der unheilvolle Berg
Der knorrige Mann in seinen Sechzigern läuft an der Absperrung entlang und zeigt Richtung "Kleines Nesthorn". Es
ist der unheilvolle Berg, der langsam zerfiel und die Lawine auslöste. Grüninger, früher Pfarrer, liebt das Lötschental. Wegen seiner Schönheit. Wegen seiner Schroffheit. Dann verspricht er: "Die Talbewohner werden auch diese Prüfung meistern."


Lokalhistoriker Matthias Grüninger.
J.D. Herbermann

Am Ortsanfang von Wiler steht das Hotel Sporting. Die Gaststätte ist rappelvoll. Ein Gemisch aus dem schweren Dialekt des Tales, dem Leetschaeru, anderen Schweizer Mundartformen und Hochdeutsch wabert durch den Saal. An einem Tisch hocken sieben Männer, kräftig, kantig. "Ja, das Donnern und Dröhnen war das Schlimmste an dem Tag, so muss sich der Weltuntergang anhören", sagt einer. Wortfetzen. Es geht um das Staubecken in Ferden, Abfluss, Turbinen und Bagger. Und es geht um die 300 Evakuierten von Blatten. Vor dem Lawinenabgang hatten die Behörden notgedrungen die komplette Räumung angeordnet. Menschen, auch Kühe, Schafe und Ziegen mussten das Dorf verlassen.

15 Minuten Zeit für die Evakuierung
Nur ein 64-jähriger Mann wird noch immer vermisst. Hatte er sich trotz der Gefahr nach Blatten zurückgewagt? "Der war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt schulterzuckend ein Mitarbeiter des Zivilschutzes.

Der Wirt zapft Bier. Er beugt sich herüber und sagt leise: "Man sieht es den Leuten an, die aus Blatten stammen." An einem Tisch am Fenster sitzen zwei Männer und eine Frau. "Ja, wir drei sind in Blatten geboren und haben dort gelebt, von der Wiege auf", erzählt der 78-jährige Albert Bellwald. Sein Cousin Konstantin Lehner, 85, nickt. Gemma Lehner, 82, faltet die Hände. Die Senioren aus dem untergegangenen Ort wirken gefasst. "Wir wollen unser Bild aber nicht in der Zeitung sehen", macht Konstantin Lehner klar.

Albert Bellwald übernimmt das Wort. Der knorrige Ex-Beamte mit dem stechenden Blick berichtet von der Evakuierung. Die drei hatten 15 Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen. Sie konnten fast nur die Kleider am Leib mitnehmen. Bellwald ließ sein Haus aus dem Jahr 1676 hinter sich – und nahezu alles, was ihm noch lieb und teuer war: Fotos, Schriften, Briefe, Dokumente über Hochzeit und Geburt. Die Erinnerungen. Die Heimat. Vor zehn Jahren starb Alberts Frau, während eines Urlaubs in Österreich. "Und jetzt das", sagt er stockend und wendet den Kopf zum Fenster. Bellwald ist bei seinem Sohn in Visp, im großen Tal der Rhone, untergekommen. Das Ehepaar Lehner wurde vom Krisenstab vorübergehend in einer Ferienwohnung in Wiler einquartiert. Später müssen sie dann weiter nach Kippel ziehen. Welche Gefühle überkommen einen Menschen, wenn er in einer späten Lebensphase ein derartiges Unglück erlebt? Gemma Lehner schaut auf. Mit traurigen Augen sagt sie: "Man zweifelt schon, auch am Glauben."

So wie Gemma empfinden viele im Tal, besonders die Alteingesessenen. Selbst dem Pfarrer des Gebiets, Thomas Pfammater, fällt es schwer, das Unbegreifliche zu erklären. "Es passieren schlimme Sachen, wir wissen nicht, warum", sagte er kurz nach dem apokalyptischen Schlag gegen Blatten. Ein Gespräch mit dem STANDARD lehnte der Gottesmann höflich ab: "Danke für Ihr Verständnis."


Gebäude in Blattens Nachbardorf Wiler.
J.D. Herbermann

Der gesamte materielle Schaden in dem zermalmten Dorf lässt sich nur schätzen. Der Schweizerische Versicherungsverband geht von mehreren Hundert Millionen Euro aus. "Dazu kommen natürlich die Folgekosten", sagt Lukas Kalbermatten. Ihm gehörte das Hotel Edelweiss in Blatten, eine der ersten Adressen im Tal. Das Edelweiss geht auf Kalbermattens Großeltern zurück. Er und seine Frau investierten viel Geld und Herzblut in das Haus: "Natürlich sehen wir das Edelweiss nie mehr wieder, das ist weg." Der Hotelier bleibt ruhig – trotz der Vernichtung seiner Existenz.

Immerhin hat er für die nächste Zeit eine sichere Bleibe für sich und seine Liebsten gefunden. Er rückt seine Brille gerade und sagt: "In den kommenden Wochen muss ich noch einen Job finden." Zum Abschluss des Gesprächs gibt es ein Schulterklopfen. Kalbermatten verschwindet in den Gassen von Wiler.

Auch das winzige Liechtenstein hilft
Am siebten Tag nach dem Desaster vom Lötschental macht die Regierung des Wallis zehn Millionen Franken Soforthilfe für die Opfer von Blatten frei; andere Kantone und der Schweizer Bund sagen ebenso Gelder für die Blatten-Hilfe zu. Selbst das winzige Fürstentum Liechtenstein östlich der Schweiz will 100.000 Franken überweisen. "Wenn eine Katastrophe passiert, stehen wir zusammen", gibt die Walliser Finanzministerin Franziska Biner die Parole aus.

Ist die angekündigte Geldhilfe bei den Betroffenen schon angekommen? Die Eheleute Lehner schweigen. Der frühere Staatsdiener Bellwald schüttelt den Kopf. "Geflossen ist noch nichts", brummt Bellwald. "Bislang sind da nur viele Versprechungen gemacht worden."


Der evakuierte Hotelier Lukas Kalbermatten.
J.D. Herbermann

Immerhin gibt es schon kleine Gesten der Solidarität: So wird von einem Bauer aus einem anderen Teil Helvetiens berichtet, der seinen Kollegen in Blatten Futter für die evakuierten Tiere liefert. "Ich bin wirklich froh über die Unterstützung aus dem ganzen Land", sagt Landwirt Daniel Ritler, der einen zertrümmerten Agrarbetrieb zu beklagen hat. Die Natur machte mehr als drei Jahrzehnte harte Arbeit zunichte. Ritler lebt nun mit anderen Evakuierten im Ambord, einem verwitterten Hotelbau in Wiler.

Der Landwirt wartet auf gute Nachrichten. So wie alle aus dem gestorbenen Ort. Wo sind die Pläne für die Zukunft? Seit Tagen machen entlang der Lonza die Gerüchte die Runde, ein "Neu-Blatten" würde errichtet. Gebaut nach den neuesten Öko- und Sicherheitsstandards. Fest steht: Der Kanton befasst sich mit dem Thema. Eine "Strategiegruppe" wurde gegründet. Doch wie lange es bis zum ersten Spatenstich dauern wird, wo etwas Neues wachsen könnte, das weiß niemand. Die Dorfältesten reagieren skeptisch. Albert Bellwald sagt: "Auf Schutt kann man nichts Neues bauen."
(Jan Dirk Herbermann aus dem Lötschental, 7.6.2025)

Mehr zum Thema:
Nach Gletscherabbruch: Schuttberg auf Blatten laut Behörden teilweise 100 Meter hoch
Wie das Worst-Case-Szenario in Blatten eintreten konnte
Wie sich die Menschen aus dem verschwundenen Blatten in ihr Leben zurückkämpfen
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#7
Gletscherabbruch
Neun Millionen Kubikmeter Eis und Geröll stürzten über Blatten herein
Die Materialmengen sind bekannt, die weitere Aufarbeitung dauert noch, sagte Glaziologin Mylène Jacquemart bei einer Konferenz in Innsbruck

Beim Kollaps des Birchgletschers wurde im Mai das Dorf Blatten in der Schweiz verwüstet.
APA/KEYSTONE/MICHAEL BUHOLZER

Es war eine der eindrücklichsten Naturkatastrophen des Jahres: Das Dorf Blatten in der Schweiz wurde am 28. Mai zu weiten Teilen von Geröll und Eis verschüttet, das sich von einem Gletscher gelöst hatte. Die Bevölkerung war glücklicherweise rechtzeitig evakuiert worden.

Heute weiß man "sehr genau, wie viel Gestein und Eis hier involviert waren", sagte die Glaziologin Mylène Jacquemart bei der aktuell stattfindenden International Mountain Conference in Innsbruck. Die Forscherin der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Sion (Sitten) stellte erste Ergebnisse der Analysen vor. Eine umfassende Aufarbeitung gehe aber "nicht so schnell".

Tausende Schwimmbecken
Im Zuge des Gletscherabbruchs stürzten 9,3 Millionen Kubikmeter Material – etwa drei Millionen Kubikmeter Eis und sechs Millionen Kubikmeter Geröll – ins Tal. Laut Jacquemart entspricht dies "in Summe der Füllung von rund 3700 olympischen 50-Meter-Schwimmbecken".

Doch dem Ereignis waren schon ab dem 14. Mai immer wieder substanzielle Felsstürze vorangegangen. Dabei fielen Geröllmassen vom Kleinen Nesthorn auf den Birchgletscher, in Summe drei Millionen Kubikmeter. Die Besonderheit von Blatten: Durch die zuvor bereits wahrgenommenen Materialbewegungen stehen Beobachtungsdaten von vor, während und nach dem Ereignis zur Verfügung – quasi einzigartig für die Forschung, wie Jacquemart unterstreicht.

Nicht alle Daten zugänglich
Drei Monate nach dem Ereignis seien aber der Forschung – den Teams aus der Schweiz wie dem Ausland – noch nicht alle Daten zugänglich. Die für die Wissenschafterinnen und Wissenschafter besonders interessanten, im Eigentum der Gemeinde befindlichen Aufzeichnungen des Großereignisses, erhoben mit Zeitraffer-Kameras und Radargeräten, würden derzeit nochmals besser aufbereitet und dann bereitgestellt. "Es wird noch eine Weile dauern, bis wir wirklich sagen können, dass wir die ganze Prozesskette so gut wie möglich verstanden haben", so die Glaziologin, die bei der Konferenz am Donnerstag eine Session zum wissenschaftlichen Austausch abhalten wird.


Auch der Weiler Wyssried war von der Gesteinslawine betroffen.
APA/KEYSTONE/MICHAEL BUHOLZER

Was waren die Kräfte und die Prozesse, die dazu geführt haben, dass sich der Gletscher und das aufliegende Gestein so stark beschleunigen konnten? Wäre es schneller zum Abbruch gekommen, wenn der Gletscher noch mehr Masse gehabt hätte? War der Abbruch schon nicht mehr aufhaltbar, als bereits eine Million Kubikmeter Material auf dem Gletscher lag – oder erst, als es die drei Millionen waren? Diese Fragen interessieren die Forschung.

Es geht dabei nicht nur um die Glaziologie, sondern auch um die Auswertung der geologischen, seismischen und klimatischen Daten. Letztlich wolle man wissen: "Was können wir für eine ähnliche Situation in der Zukunft lernen?", so die Wissenschafterin.

Wann wird ein Gletscher instabil?
"Die meisten Gletscher werden durch den Klimawandel nicht instabil. Sie werden einfach kleiner", sagt Jacquemart. Den Schmelzgrad durch die Klimaerwärmung könne man auch gut messen. Instabile Gletscher kämen nur unter sehr speziellen Rahmenbedingungen vor: "Das passiert hauptsächlich in ganz hohen Lagen, bei eher steilen Gletschern, wo das Gletschereis eigentlich seit Jahrzehnten und Jahrhunderten am Felsen angefroren ist. Wenn sich solche Gletscher stark aufwärmen und vor allem auch Wasser eindringt, das bis unter den Gletscher vorstoßen kann, dann können diese Gletscher destabilisiert werden."

Der Birchgletscher sei laut aktuellem Wissensstand nicht festgefroren gewesen. Aber es gehe schon auch darum zu verstehen, wie sich die Veränderungen im Hochgebirge auswirken – mit Alpengipfeln, die noch vor 40 Jahren den ganzen Sommer schneebedeckt waren und heute blank sind. Zugleich spielen die lokalen geologischen Gegebenheiten eine große Rolle. Man müsse noch untersuchen, wie die Geologie und der Permafrost im Falle des Kleinen Nesthorns zusammengespielt haben.

Beobachtungen aus Bevölkerung wichtig
Von dem Verständnis des Einzelfalles sind Einblicke für andere Regionen ableitbar. Doch lokale Gegebenheiten lassen sich nicht einfach transferieren. Und rein auf die Erderwärmung zu verweisen, sei auch ungenügend: "Wir können nicht einfach sagen: Es ist an der Oberfläche von diesem Berg zwei Grad wärmer geworden und darum muss etwas herunterfallen. Bei 10.000 anderen Bergen ist es auch so, und die fallen auch nicht einfach ins Tal."

Klar ist: Auch das beste Messnetz für Permafrost und Massenbewegungen, wie es der Schweiz oft attestiert wird, "verhindert nicht diese Ereignisse beziehungsweise lässt uns diese nicht unbedingt vorhersehen". Ein so kleinmaschiges Netz könne es nicht geben.

Auch in Blatten war es vor allem die lokale Bevölkerung, die die ersten Bewegungen wahrnahm, und daraufhin reagierten die lokalen Behörden mit dem Aufbau eines Monitoringsystems. "Und wir haben viel Geld und sind privilegiert: Wenn etwas geschieht, werden auch die besten, modernsten Geräte mobilisiert", ergänzt Jacquemart.

Belastende Arbeit
Mehr Wissen helfe für "ein Herantasten an Vorhersagen". Die ganze Sache erschwere zwar, dass die Prozesse heute durch den Klimawandel sehr schnell vonstattengehen. Nicht realistisch sei aber, künftig Prognosen zu tätigen, "dass in den nächsten fünf Jahren wahrscheinlich dieser eine Gletscher unter diesem bestimmten Berg der gefährdetste Gletscher der Schweiz ist".

Für Jacquemart ist es emotional bisweilen sehr belastend, als Glaziologin zu arbeiten: "Man sieht einfach, wie krass tatsächlich die Veränderungen sind." Zudem gebe es traurigerweise eine gewisse Trägheit des politischen Systems, etwas zu ändern. Gleichzeitig empfindet die Forscherin die Arbeit als spannend und will sie nutzen, um gesellschaftlich relevante Erkenntnisse beizusteuern.
(APA, red, 17.9.2025)
Neun Millionen Kubikmeter Eis und Geröll stürzten über Blatten herein
 
Oben