Inmitten der Zerstörung machen sich seit Sonntag zahlreiche Menschen auf den Weg, um in ihre Häuser zurückzukehren
– hier etwa in Rafah.
Foto: AFP/BASHAR TALEB
Nach mehr als einem Jahr schweigen im Gazastreifen seit Sonntag weitgehend die Waffen. In 15 Monaten Krieg wurde das schmale Küstengebiet mit seinen zwei Millionen Einwohnern in weiten Teilen in Schutt und Asche gelegt, die meisten Menschen wurden obdachlos und mussten unter oft desaströsen Bedingungen ohne ausreichende Hilfe von außen ausharren. Viele kehren nun in ihr Zuhause zurück – oder das, was davon übrig ist. Menschen aus Gaza schildern ihre Eindrücke, Hoffnungen und Ängste.
Ayman*: "Ich zwinge mich, optimistisch zu sein"
Die letzten 15 Monate waren ein Albtraum. Immer wieder habe ich gedacht, dass wir die Angriffe nicht überleben werden. Ich musste in dieser Zeit mehr als zwölfmal fliehen, zehn Monate war ich im Haus meiner Schwester in Jabalia im Norden des Gazastreifens. Nach drei Monaten wurde es immer schlimmer, der Tod war überall. Man weiß nicht, woher der nächste Angriff kommt, wer als Nächstes sterben wird und wohin man fliehen soll. Diese und andere Fragen sind mir ständig durch den Kopf gegangen, manchmal konnte ich vor lauter Angst tagelang kaum schlafen. Anfang 2024 begannen Menschen in Nordgaza zu hungern. In der Früh bin ich los, habe lange Wege auf mich genommen, um Mehl zu finden, obwohl ich wusste, dass es keines gibt. Um ehrlich zu sein, habe auch ich versucht, von den Hilfen, die nach Gaza-Stadt gekommen sind, zu stehlen, aber es ist mir nicht gelungen. Ich habe versucht, vor meinen fünf Kindern und ihren Blicken zu flüchten, ich konnte in ihren Augen die Worte "Ich habe Hunger" sehen. Diese schreckliche Situation hat fast ein halbes Jahr gedauert. Es war die Hölle.
Ayman konnte in den Augen seiner Kinder die Worte "Ich habe Hunger" sehen.
UN-Angaben zufolge leiden 90 Prozent der Bevölkerung unter Hunger.
Foto: REUTERS/Hatem Khaled
Als die israelische Armee im Oktober 2024 den Einsatz in Jabalia begann, mussten wir fliehen, seither sind wir im Beach Camp (al-Shati) an der Küste. Als die Waffenruhe in Kraft getreten ist, bin ich wieder zum Haus meiner Schwester in Jabalia.
Es gibt keine Worte, die beschreiben könnten, was ich dort gesehen habe. Einige Menschen, die nach Jabalia zurückgekehrt sind, konnten nicht mehr erkennen, wo sie gelebt haben. Es war wie am Tag des Jüngsten Gerichts. Alles ist weg, Gebäude, Straßen, Schulen, Spitäler, sogar UN-Gebäude verbrannten oder wurden schwer beschädigt. Brunnen und Generatoren sind zerstört, die Infrastruktur ist nicht mehr vorhanden. Nachts habe ich Angst, meine Augen zu schließen, weil ich mich nicht an diese Szenen erinnern möchte.
Mein eigenes Haus im Süden von Gaza-Stadt liegt heute beim Netzarim-Korridor zwischen Nord- und Südgaza. Niemand durfte dorthin, das ganze Gebiet ist zerstört, es sind keine Häuser mehr übrig. Zu den Überresten meines Hauses kann ich nächste Woche.
Ein Foto aus Jabalia vom Donnerstag: Die Zerstörung war so schlimm, dass viele Menschen bei ihrer Rückkehr nicht
erkennen konnten, wo sie gelebt haben, erzählt der 50-jährige Ayman.
Foto: IMAGO/Hashem Zimmo
Ich glaube, dass der Krieg, auch aufgrund der jüngsten politischen Ereignisse, wie dem Wahlsieg von Donald Trump und dem Rücktritt israelischer Militärs und dem enormen Druck innerhalb der Bevölkerung des Gazastreifens, die alles verloren hat, aufhören wird. Die Hamas muss die Bühne verlassen und die Führung des Gazastreifens anderen überlassen.
Ich zwinge mich, optimistisch zu sein, nicht für mich, sondern für meine Familie, die zu mir aufsieht. Ich muss Stärke zeigen, damit die Familie stark bleibt.
*Nachname der Redaktion bekannt.
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DER STANDARD
Nadia Abo Mallou: "In Rafah gibt es keine Lebensgrundlagen mehr"
Das Ausmaß der Zerstörung in Rafah ist so massiv. Die Stadt war komplett menschenleer, nun versuchen die Leute zurückzukommen. Aber wenn sie ihre Häuser sehen und erkennen, dass alles zerstört ist, gehen sie wieder. In Rafah gibt es keine Lebensgrundlagen mehr. Die Gegend Tal al-Sultan ist entsetzlich, es sind Berge von Trümmern. Wir konnten nicht einmal die Straßen erkennen.
Als ich beim Emirati-Spital angekommen bin, konnte ich nicht sagen, ob das das Spital ist und ob wir in der Straße des Spitals sind. Das Krankenhaus, das Leben bringt: komplette Leere, kein Lebenszeichen, alles ist total zerstört. Worte können die Szenen nicht beschreiben, die wir in Rafah gesehen haben.
Zerstörung nahe dem Philadelphi-Korridor in Rafah am Mittwoch. "Wir konnten nicht einmal die Straßen erkennen",
sagt Nadia Abo Mallou, Assistentin des medizinischen Koordinators von Ärzte ohne Grenzen (MSF), nach ihrer Rückkehr nach Rafah.
Foto: EPA/MOHAMMED SABER
Rafah war jener Ort, an dem von Jänner bis etwa Mai vergangenes Jahr etwa 1,3 Millionen Menschen Schutz gesucht haben. Jetzt sehen wir hier kaum Leute. Menschen, die nach Hause zurückkehren wollen, drehen wieder um und gehen nach al-Mawasi oder Khan Younis, wegen des Ausmaßes der Zerstörung. Und weil es kein Wasser gibt, keine Infrastruktur, auch keine Sicherheit. Wir können von hier aus den Philadelphi-Korridor sehen, Panzer, die sich bewegen. Es gibt kein Gefühl der Sicherheit.
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Nada Hammad: "Es gibt keinen Ort, an den wir zurückkehren könnten"
Vor dem Krieg haben wir in Al-Zahra gelebt, nahe Gaza-Stadt. Ich habe als Lehrerin und Übersetzerin gearbeitet, meine Familie hatte ein Haus, einen Monat vor dem Krieg bin ich mit meinem kleinen Sohn in meine eigene Wohnung gezogen. Dann waren wir gezwungen, unser Zuhause zu verlassen. Wir mussten drei- oder viermal fliehen, von unserem Zuhause nach Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens, dann nach Nuseirat, dann wieder nach Deir al-Balah. Wir mussten auch innerhalb von Deir al-Balah mehrmals woandershin, weil es an einigen Orten gefährlich war.
Im Dezember 2023 haben wir erfahren, dass das obere Stockwerk unseres Hauses zerstört wurde, auch der Zaun und der Garten. Aber der Hauptteil des Hauses stand noch. Im April 2024 haben wir Bilder und Videos von einem Nachbarn bekommen und gesehen, dass in unserer Straße alle Häuser, auch unseres, komplett zerstört sind. Auch meine Wohnung und die Wohnung meines Bruders. Es war niederschmetternd für alle, aber was sollen wir tun. Wir bleiben in nächster Zeit in Deir al-Balah, weil es keinen Ort gibt, an den wir zurückkehren können.
Die 30-jährige Nada Hammad bleibt wie viele andere vorerst in Deir Al-Balah, weil ihr Zuhause zerstört wurde.
Foto: IMAGO/Majdi Fathi
Die letzten Monate waren ein absolutes Chaos, voller Angst, Unsicherheit und der stetigen Herausforderung, Essen auf den Tisch zu bringen, sauberes Wasser zu finden, Ladegeräte aufzutreiben. Die Situation mit dem Essen war wirklich schlimm, es war sehr eingeschränkt, was wir am Markt gefunden haben beziehungsweise uns leisten konnten. Mehl war knapp, Trinkwasser schwer zu bekommen. Hoffentlich ändert sich das jetzt, wo die Waffenruhe in Kraft ist.
Ich hoffe, die Dinge verbessern sich, dass wir Unterstützung bekommen, unser Zuhause wieder aufzubauen, dass ich wieder Kinder unterrichten kann. Ich vermisse das Unterrichten. Ich bin optimistisch, dass die Waffenruhe hält. Aber gleichzeitig habe ich auch Angst, dass Fanatiker von egal welcher Seite entscheiden, dass die Zerstörung noch nicht reicht und es weitergehen muss.
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Reem Alreqeb: "Unschuldige Kinder zahlen den höchsten Preis"
Ich leite die SOS-Kinderdörfer im Gazastreifen, und jenes in Rafah ist komplett zerstört worden. Nach Inkrafttreten der Waffenruhe haben wir die erste Gelegenheit genutzt, uns ein Bild von dem ehemaligen Zuhause der Kinder zu machen. Die früheren Wohnhäuser sind dem Erdboden gleichgemacht worden. Wir werden das Dorf komplett neu aufbauen müssen. Es ist zu befürchten, dass die in Gaza verbliebenen Kinder und Mitarbeitenden noch sehr lange in provisorischen Unterkünften leben müssen.
Eine Frau in den Trümmern eines Hauses in Rafah am Mittwoch. Das dortige SOS-Kinderdorf ist zerstört worden und
muss komplett neu aufgebaut werden, sagt die 36-jährige Reem Alreqeb, Leiterin der SOS-Kinderdörfer im Gazastreifen.
Foto: REUTERS/Mohammed Salem
Das SOS-Kinderdorf Rafah wurde im Mai 2024 evakuiert, nachdem der Aufenthalt dort für die Kinder immer bedrohlicher geworden war. Obwohl explizit als humanitäres Zentrum ausgewiesen, waren Bombeneinschläge zeitweise bis auf 200 Meter an das SOS-Kinderdorf herangekommen. Wir haben damals die schwere Entscheidung getroffen, 33 Kinder sowie Mitarbeitende inmitten des Krieges in die Stadt Khan Younis umzusiedeln. Hätten wir das Dorf nicht verlassen, wären wir wahrscheinlich alle getötet worden. Einmal mehr zeigt sich, dass unschuldige Kinder den höchsten Preis für diesen grausamen Krieg zahlen.
Meine große Hoffnung ist jetzt, dass die Waffenruhe hält und in einen dauerhaften Frieden mündet. Aber auch dann sind die Kinder in Gaza noch lange auf Hilfe angewiesen. Es fehlt an allem: Nahrungsmitteln, Unterkünften, medizinischer Versorgung sowie psychologischer Unterstützung. Die gesamte Infrastruktur – Straßen, Wasser- und Stromversorgung, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen – wurde während des Krieges zerstört. Es wird Jahre dauern, das wiederaufzubauen.
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Nahed Abu Iyada: "Sorge, dass es nur vorübergehend ist"
Die Nachricht von der Waffenruhe hat bei mir eine Welle gemischter Gefühle ausgelöst: Erleichterung, Angst, Freude, Ungewissheit – und die Sorge, dass das nur vorübergehend sein könnte. Ich habe ein Aufflackern von Hoffnung gespürt, aber begleitet von Ungläubigkeit und Vorsicht. Der Gedanke, in das, was von meinem Zuhause übrig geblieben ist, zurückzukehren, war für mich aufregend, aber auch beängstigend.
Auch in Gaza-Stadt ist die Zerstörung nach 15 Monaten Krieg deutlich erkennbar. Die 43-jährige Nahed Abu Iyada,
Nothelferin bei der Hilfsorganisation Care, glaubt nicht, dass sie bald nach Hause zurückkehren kann.
Foto: REUTERS/Dawoud Abu Alkas
Zu Beginn des Krieges musste ich zunächst aus meinem Zuhause in Gaza-Stadt fliehen, nach Khan Younis. Dann wurde meine Mutter krank und konnte nicht mehr in der Notunterkunft bleiben. Sie zog mit meinen Schwestern in das Zentrum des Gazastreifens, dann nach Rafah, nach dem Evakuierungsbefehl für Rafah wieder ins Zentrum, nach Nuseirat, das nicht zur humanitären Zone gehört. Leider gab es keine anderen Möglichkeiten, da es sonst einfach keinen Platz gab.
Ich werde von Nuseirat nicht so bald nach Hause zurückkehren können, weil unser Haus teilweise zerstört wurde. Der Wiederaufbau wird viel Zeit und Mühe kosten. Um die Trümmer zu beseitigen, muss zuerst geprüft werden, ob die Wände noch intakt sind, und gefährliche Kriegsreste entfernt werden.
Unterernährung, vor allem bei Kindern und schwangeren oder stillenden Müttern, ist weitverbreitet,
sagt Care-Nothelferin Nahed Abu Iyada.
REUTERS/Mohammed Salem
Die vergangenen Monate waren von extremer Not und ständiger Angst geprägt. Unser Alltag war ein Kampf um das Nötigste. Die ständige Bedrohung durch Angriffe hat zu einem Kreislauf der Vertreibung geführt, bei dem Familien auf der Suche nach Sicherheit von einem Ort zum nächsten ziehen und oft in überfüllten Lagern oder provisorischen Unterkünften landen, in denen es am Nötigsten fehlt. Durch die Zerstörung von Häusern, Infrastruktur und lebenswichtigen Diensten haben viele keinen Zugang zu Essen, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung. Unterernährung, vor allem bei Kindern und schwangeren oder stillenden Müttern, ist weit verbreitet.
Ich habe Angst, dass die Waffenruhe nur ein zerbrechlicher Frieden sein wird, eine vorübergehende Pause im Chaos. Auch wenn wir diesen Moment feiern – die tiefen Narben des Kriegs werden noch lange nach dem Ende der Angriffe bleiben.
(Protokolle: Noura Maan, 25.1.2025)