Israel - Gazastreifen, Libanon und Syrien: Berichte zum aktuellen Nahostkonflikt

josef

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#45
Fliegerabwehr
Von David's Sling bis Iron Dome: So funktioniert die israelische Raketenabwehr
Die Luftverteidigung der israelischen Streitkräfte ist wohl die raffinierteste der Welt und umfasst neben Raketen bald auch Laserwaffen

Der Iron Dome wehrt anfliegende Raketen im Nahbereich ab.
REUTERS/Amir Cohen

Iron Dome, David's Sling und Arrows: Die israelische Luftverteidigung ist eine verwirrende Ansammlung militärischer Fachbegriffe und ein Gemisch aus vielen Einzelsystemen. Dabei den Überblick zu behalten, ist gar nicht so einfach. Kein Wunder: Gemeinhin gilt die Fliegerabwehr Israels als die vielschichtigste, komplexeste, aber auch effektivste der Welt. Lückenlos ist sie dennoch nicht.

Die Arrow-Familie
Wie bei derartigen Abwehrsystemen üblich, setzen die israelischen Streitkräfte auf ein mehrschichtiges System, das anfliegende Objekte in unterschiedlichen Höhen in unterschiedlicher Entfernung abfangen kann. Diese gestaffelte Form der Verteidigung kann man durchaus mit einer Zwiebelschale vergleichen. An der äußersten Schicht steht naturgemäß das System mit der größten Reichweite und Höhe: die Arrow 3.

Diese 2017 erstmals eingesetzte Rakete soll ballistische Langstreckenraketen dort abfangen, wo sie am leichtesten zu treffen sind: wenn sie sich außerhalb der Atmosphäre an der Spitze des Bogens bewegen. Deshalb kann die Arrow 3 auch Höhen von bis zu 100 Kilometer erreichen. Der Arrow-3-Flugkörper besteht aus einem zweistufigen Feststoff-Booster mit einem abtrennbaren kinetischen Kill-Vehicle. Dabei kommt kein Sprengkopf zum Einsatz: Das Kill Vehicle steuert mit Schubdüsen auf das Ziel zu, rammt die anfliegende ballistische Rakete und zerstört sie dadurch.


So funktioniert die israelische Luftraumverteidigung.Grafik: DER STANDARD

Die Arrow 3 ist es auch, die für die spektakulären Bilder von grellen, violetten Explosionen am Nachthimmel verantwortlich ist. Dabei dürfte es sich um erfolgreiche Abfangmanöver im nahen Weltraum handeln. Schon im April wurden ähnliche Phänomene beobachtet. Das auf hebräisch "Hetz" genannte Raketensystem entstand aus einem US-israelischen Gemeinschaftsprojekt mit Unterstützung durch Boeing.

Mit Stückkosten von geschätzten drei Millionen US-Dollar ist die Arrow 3 auch die teuerste Abwehrwaffe im Arsenal der israelischen Luftverteidigung.

Deutlich billiger gibt es die darunterliegende Abwehrschicht in Form der Arrow 2. Diese Rakete ist größer und technisch nicht so fortschrittlich wie die Arrow 3, erfüllt aber im dennoch ihren Zweck in der Abwehr von ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Die Arrow 2 soll feindliche Raketen in der oberen Atmosphäre bekämpfen – also in etwa 50 Kilometer Höhe. Die Arrow 2 fängt ihre Ziele auf einer vergleichsweise kurzen Distanz von etwa 100 Kilometern vom Abschussort ab. Sie erreicht etwa neunfache Schallgeschwindigkeit. Mit der Bodenstation kann eine Stellung gleichzeitig auf bis zu 14 Ziele feuern, wie aus den Zahlen des Missile Threat Program des Center for Strategic & International Studies hervorgeht.

Die Rakete verfügt über einen Splittergefechtskopf, der auf das Ziel ausgerichtet werden kann, um es möglichst zielgerichtet zu zerstören. Sollte die Rakete ihr Ziel verfehlen, wird der Gefechtskopf nach wenigen Metern gezündet, um das Ziel mit der ungerichteten Splitterwirkung möglichst zu zerstören.

Die Arrow 2 hat ihre Ursprünge im Golfkrieg und wurde im Jahr 2000 in Dienst gestellt. Sie gilt aber mittlerweile als Ablösekandidatin und soll in den kommenden Jahren durch die Arrow 4 ersetzt werden.

David's Sling
In Ergänzung zur Arrow-Familie kommt David's Sling oder auf hebräisch "Zauberstab" zum Einsatz. Das System kann anfliegende Raketen in einer Entfernung von bis zu 300 Kilometern in einer Höhe von 15 Kilometern abfangen. 2017 wurde es gemeinsam von Rafael Advanced Defense Systems (Israel) und Raytheon (USA) entwickelt und in Betrieb genommen. Der Zweck der mit dem System abgefeuerten Stunner-Raketen ist es, Ziele in geringen Flughöhen abzufangen.

Dabei kann muss es sich nicht zwingend um ballistische Flugkörper handeln. David's Sling kann auch gegen Marschflugkörper und Cruise Missiles eingesetzt werden, wenn sich diese im Konturflugmodus ihrem Ziel nähern. David's Sling wurde vor allem in Hinblick auf die Iskander-Raketen aus Russland und die chinesische DF-15 entwickelt. Auch bei den Stunner-Raketen handelt es sich um Hit-to-Kill-Waffen, die Rakete muss also direkt im Ziel einschlagen.

Die David's Sling wurde auch Mai 2023 eingesetzt, als 1100 Raketen vom Gazastreifen auf Israel abgefeuert wurden. Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben 96 Prozent der Raketen, die eine Bedrohung darstellten, abgeschossen. David's Sling verfügt über ein Feature, das in der modernen Fliegerabwehr immer wichtiger wird: Das System kann vorhersagen, wo Ziele einschlagen werden. Das wiederum macht Prioritätensetzung möglich: Schlägt eine feindliche Rakete ohnehin in der Wüste ein, wo sie keinen nennenswerten Schaden anrichtet, wird sie vom System als niedrige Bedrohung erfasst und nicht bekämpft. Wird jedoch ein Flugfeld oder eine dichtbesiedelte Stadt angegriffen, weist David's Sling dem Ziel eine hohe Priorität zu.


Eine Arrow 3 beim Start.
REUTERS/Amir Cohen

Damit sollen auch Sättigungsangriffe zumindest teilweise gekontert werden. Aktuell ist es noch häufig so, dass ein Angreifer in der Luft materiell im Vorteil ist: Er kann den gegnerischen Luftraum mit billigen Flugkörpern und Drohnen quasi Fluten, indem die Fliegerabwehr des Verteidigers überfordert wird.

"Billig" ist auch David's Sling nicht: Eine einzelne Stunner-Rakete kostet rund eine Million Dollar.

Iron Dome: die Kuppel
Im Nahbereich kommt der Iron Dome zum Einsatz, der auch eine der kostengünstigsten Varianten traditioneller Luftverteidigung gehört. Die Raketen des Iron Dome sind dabei mit einer Höchstgeschwindigkeit von Mach 2 im Vergleich zu den großen Varianten der Systeme David's Sling und Arrow bestenfalls halb so schnell. Dafür sind die Stückkosten mit 50.000 Dollar vergleichsweise winzig. Da aber üblicherweise zwei Raketen auf ein Ziel abgeschossen werden, werden die Kosten meist mit 100.000 Dollar angegeben, was immer noch nur ein Zehntel der Stunner aus David's Sling ausmacht.


Eine Werferbatterie des Iron Dome.
REUTERS/Hannah McKay

Der Aufbau einer Iron-Dome-Einheit ähnelt jenem der anderen Systeme: Eine Radarstation und ein Leitstand steuern bis zu vier Werferbatterien, die je 20 Abfangraketen beherbergen. Eine Iron-Dome-Einheit kann ein Gebiet von rund 155 Quadratkilometern verteidigen. Die genaue Flughöhe der Tamir-Raketen des Iron Dome ist nicht bekannt. Die diesbezüglichen Angaben variieren zwischen zehn und knapp 20 Kilometern.

Iron Dome wurde von den israelischen Firmen Rafael Advanced Defense Systems und Israel Aerospace Industries – mit Unterstützung der USA – entwickelt und 2011 in Betrieb genommen. Nach anfänglicher Kritik an dem System soll die Trefferquote laut israelischen Angaben bei rund 97 Prozent liegen. Auch Iron Dome verfügt über die Fähigkeit, Ziele automatisch zu priorisieren, ähnlich wie David's Sling.

Höchst experimentell: der Iron Beam
Im sehr nahen Bereich plant die israelische Armee den Einsatz einer Laserwaffe namens Iron Beam. Entwickler Rafael nennt Iron Beam das erste Hochenergie-Laserwaffensystem (High Energie Laser Weapons System, HELWS). Der 100-Kilowatt-Laser soll seinen Strahl auf die Größe einer Münze fokussieren können. Damit soll es möglich sein, nicht nur anfliegende Raketen und Drohnen, sondern auch Artillerie- und Mörsergeschoße zu zerstören. Dazu muss der Laser aber mehrere Sekunden im Ziel bleiben. Wie weit das System reicht, ist unklar. Hersteller Rafael macht keine genaueren Angaben und nennt nur "mehrere Kilometer".

Iron Beam soll in bestehende Systeme zur Luftverteidigung integrierbar sein. Das bedeutet, dass Leitstände und Radar etwa von Iron Dome auch für die Laserwaffe genutzt werden können. Energiewaffen gelten generell als vielversprechende Lösung in der Abwehr von Drohnen oder ähnlichen Bedrohungen. Noch unterliegen sie aber Einschränkungen, so auch der Iron Beam: Bei Regen, Smog oder Staub ist das System nicht einsatzfähig. Wenn es funktioniert, ist das System allerdings unschlagbar günstig: Ein "Schuss" kostet nur rund 3,50 Euro.
(Peter Zellinger, 3.10.2024)
Von David's Sling bis Iron Dome: So funktioniert die israelische Raketenabwehr
 

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#46
Militärtechnik
Der Iran will erstmals Fattah-2-Hyperschallraketen eingesetzt haben
Die angebliche iranische Superwaffe soll israelische Flugabwehrstellungen zerstört haben. An der Darstellung gibt es aber erhebliche Zweifel
2. Oktober 2024, 12:06

Eine Hyperschallrakete wird von Stellungen der Huthi im Jemen abgeschossen.
IMAGO/Wang Shang

Bei dem Raketenangriff des Iran auf Israel soll erstmals eine neue Hyperschallrakete zum Einsatz gekommen sein. Derartigen Waffen wird eine enorme Leistungsfähigkeit nachgesagt: Sie sind nicht nur unglaublich schnell, sie sollen von Radarsystemen unerkannt aus unerwarteten Richtungen zuschlagen können. Sämtliche Abwehrsysteme sollen gegen diese "Superwaffe" quasi nutzlos sein.

Iranische "Eroberer"
So stellte der Iran seine Fattah-1 (etwa: Eroberer) im Juni 2023 mit all den eingangs erwähnten Attributen vor. Die Rakete soll eine Reichweite von 1400 Kilometern haben und Geschwindigkeiten von Mach 13 bis 15 (16.000 bis 18.500 km/h) erreichen können. Damit wäre die Waffe in der Lage, jedes Abwehrsystem zu überwinden. Ab Mach 5 (also 6200 km/h, der fünffachen Schallgeschwindigkeit) spricht man von Hyperschall. Alles darunter wird als Überschall bezeichnet.

Umso größer war die Verwunderung, als wenige Monate später bereits die zweite Version der Waffe vorgestellt wurde. Neu waren ein Flüssigkeitsraketentriebwerk, das dabei helfen soll, die Geschwindigkeit zu regulieren. So sollte ein Maximum an Reichweite herausgeholt werden. Laut iranischen Medien hat die verbesserte Version eine Reichweite von 1500 Kilometern, also nicht wesentlich mehr als das Vorgängermodell. Bei der Vorstellung der Fattah-2 war noch nicht einmal klar, ob die Vorgängerin überhaupt funktioniert.


Die Fattah-1 wurde im Juni vorgestellt.
IMAGO/UPI Photo

Laut einer Analyse der New York Times könnte der Iran bei seinen Angriffen auf Israel am 1. Oktober 2024 Fattah-1-Raketen eingesetzt haben. Forscher haben Trümmer der Fattah-1 bei den vergangenen Angriffen auf Israel identifiziert. Ob die iranischen Hyperschallraketen tatsächlich ihr Ziel getroffen haben, ist unklar, weshalb die tatsächliche Effektivität der Waffe in der Fachwelt höchst umstritten ist.

Wie bei allem Kriegsgerät lässt sich auch bei Hyperschallwaffen trefflich über Definitionen streiten. Zynische Naturen könnten gar meinen, der Begriff "Hyperschall" werde spätestens seit der Ankündigung der russischen Kinschal inflationär verwendet und sei mittlerweile wenig mehr als ein Propaganda-Buzzword.

Superwaffen auf dem Papier
Hyperschallraketen haben auf dem Papier deutliche Vorteile gegenüber Interkontinentalraketen, wie sie Anfang der 60er-Jahre entwickelt wurden. Diese verfolgen eine elliptische Flugbahn. Nach dem Start dringen sie für kurze Zeit in den Weltraum ein und stürzen dann auf ihr Ziel zu. Derartige Raketen können schon beim Start von Abwehrsystemen wie jenen Israels erfasst werden. Da sie nur sehr eingeschränkt steuerbar sind, ändern ballistische Raketen ihre Flugbahn auch nicht maßgeblich. So lässt sich auf der Seite der Verteidiger das Angriffsziel vorhersagen, und die Rakete kann schon im Weltraum oder kurz nach Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden. Zwar erreichen ballistische Raketen ebenfalls Geschwindigkeiten von Mach 20, sie gelten wegen ihrer eingeschränkten Manövrierbarkeit aber nicht als Hyperschallwaffen.

All diese Nachteile sollen Waffen wie die russische Avangard oder die iranische Fattah eben nicht haben. Die Idee: Die Rakete wird von einem Bomber gestartet, steigt dort auf und gibt ein sogenanntes Re-Entry-Vehicle frei. Dabei handelt es sich entweder um einen Gleiter oder eine weitere Rakete, die den Sprengkopf ins Ziel befördern soll. Dabei bleibt sie manövrierfähig und erreicht Geschwindigkeiten eines Vielfachen der Schallgeschwindigkeit. Das wiederum erschwert Abfangversuche.

Die zweite Stufe der Fattah-Rakete funktioniert genauso: Das manövrierfähige Wiedereintrittsfahrzeug bleibt dank des Flüssigkeitstriebwerks bis zuletzt manövrierfähig.

Hyperschallraketen waren und sind aber vor allem Propagandawaffen, denn in der Praxis tun sich allerhand Probleme auf. Der Luftwiderstand, der auf die Wiedereintrittsfahrzeuge wirkt, ist enorm, was die Beweglichkeit stark einschränkt. Dadurch entsteht enorme Hitze. Laut einem Artikel von David Wright und Cameron Tracy von der Union of Concerned Scientists für Spektrum der Wissenschaft sind an den Vorderkanten leicht Temperaturen von rund 2000 Grad Celsius möglich. Eine solche Hitzesignatur ist von Abwehrsystemen wiederum gut zu erkennen. Dazu kommt, dass Hyperschallwaffen nicht unbedingt schneller im Ziel ankommen als ballistische Raketen – eben weil sie die meiste Zeit in der bremsenden Atmosphäre verbringen.

Der Hype hält der Realität nicht stand
Einen deutlichen Dämpfer erhielt der Hype um Hyperschallraketen, nachdem bekannt geworden war, dass sie sehr wohl abgefangen werden können. Den ukrainischen Streitkräften ist es gelungen, eine russische Kinschal mit einer Patriot-Rakete abzufangen. Dazu kamen auch noch Berichte, wonach die vom Kreml hochgepriesenen Wunderwaffen einfach ihr Ziel verfehlten. In den USA hat man wegen all der Nachteile die Entwicklung von Hyperschallraketen bereits deutlich zurückgefahren. Auch in China soll es mittlerweile Bedenken geben, ob Waffen wie die Kinschal überhaupt irgendeinen Unterschied auf dem Schlachtfeld machen. Das könnte auch daran liegen, dass die Kinschal per Definition gar keine "echte" Hyperschallrakete ist, weil sie nicht in Lage ist, bei hohen Geschwindigkeiten effektiv zu manövrieren.


Propagandawaffe: Die Fattah soll Tel Aviv in nur 400 Sekunden erreichen, heißt es auf diesem Plakat in Teheran.
EPA/ABEDIN TAHERKENAREH

Im Iran ist man noch nicht in der Phase des Zweifelns an der Fattah-2 angekommen. Iranische Nachrichtenagenturen jubeln nun, eine Fattah-2 habe eine israelische Abschussvorrichtung für Arrow-2-Raketen zerstört. Neben der Behauptung, man habe im Zuge des Raketenangriffs auch 20 israelische F-35-Jets auf dem Boden vernichtet. Diese Angabe scheint angesichts der Tatsache, dass Israel nur 39 derartige Flugzeuge besitzt, doch eher unrealistisch. Genau wie die nahezu mythischen Fähigkeiten, die Hyperschallraketen nachgesagt werden.
(Peter Zellinger, 2.10.2024)
Der Iran will erstmals Fattah-2-Hyperschallraketen eingesetzt haben
 

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#47
7. Oktober 2023
Hamas-Massaker als „tiefe Zäsur“
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Am 7. Oktober 2023 haben Kämpfer der Terrororganisation Hamas Israel zu Wasser, zu Land und aus der Luft angegriffen. Beim schwersten Anschlag auf den israelischen Staat seit dessen Gründung wurden 1.205 Menschen getötet und 251 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Der Nahost-Experte Marcus Schneider sieht in den Ereignissen eine „tiefe Zäsur“, die Israel stark traumatisierte und einen zerstörerischen Krieg zur Folge hatte.
Online seit gestern, 23.47 Uhr
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Um 6.29 Ortszeit (5.29 MESZ) am Schabbat, dem jüdischen Ruhetag, der an diesem Tag zudem mit dem jüdischen Feiertag Simchat Tora zusammenfiel, registrierte die israelische Armee Tausende von Raketen, die aus dem Gazastreifen auf israelische Grenzgebiete abgefeuert wurden. Das israelische Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ war dem Ausmaß des starken Beschusses schnell nicht mehr gewachsen.

Gleichzeitig stürmten rund 1.200 Kämpfer der Hamas und verbündeter islamistischer Gruppierungen aus dem Gazastreifen auf Motorrädern, in Pick-up-Trucks und sogar in motorisierten Gleitschirmen über die Grenze in den Süden Israels. Mit Sprengstoff und Bulldozern durchbrachen sie den Zaun, der den Gazastreifen von Israel trennt, und verübten in einem beispiellosen Angriff auf fast 50 verschiedene Orte – darunter Armeestützpunkte rund um den Gazastreifen, Kibbuzim, die Stadt Sderot und das Supernova-Musikfestival – ein Massaker.

AP/Hatem Ali
251 Menschen wurden von der Hamas – manche bereits tot – als Geiseln genommen und in den Gazastreifen entführt

UNO sah Belege für Vergewaltigungen
Vielerorts war die Panik und Verwirrung groß, der Angriff kam für viele vollkommen überraschend. Allein beim Musikfestival töteten die Angreifer mindestens 370 junge Menschen. Jene, die überlebt haben, kämpfen auch nach einem Jahr noch mit ihren Erinnerungen. In den Kibbuzim und Ortschaften gingen die Angreifer von Tür zu Tür, töteten die Bewohnerinnen und Bewohner und brannten deren Häuser nieder.


Debatte
Nahost: Wie weitere Eskalation verhindern?



Einem Bericht der UNO vom März zufolge gab es zudem „berechtigten Grund zur Annahme“, dass es zu Vergewaltigungen und Gruppenvergewaltigungen an mindestens drei Orten gekommen ist. Das für die Untersuchung zuständige Team sichtete dafür mehr als 5.000 Fotos und 50 Stunden Videomaterial und führte 34 Interviews mit Zeuginnen und Zeugen durch.
„Bei den meisten dieser Vorfälle wurden Opfer einer Vergewaltigung anschließend getötet, und mindestens zwei Vorfälle standen im Zusammenhang mit der Vergewaltigung von Frauenleichen“, hieß es in dem Bericht, der von der UNO-Sonderbeauftragten für sexualisierte Gewalt in Konflikten, Pramila Patten, angefertigt wurde.

Israelische Armee traf nur langsam ein
Um 8.30 Uhr hatten die Angreifer sechs Militärstützpunkte entlang der Grenze gestürmt. Die Menschen in den überfallenen Kibbuzim mussten sich stundenlang allein wehren, da die Armee nur langsam zu Hilfe kam. Im besonders betroffenen Kibbuz Beeri trafen die ersten israelischen Soldaten „ab 13.30 Uhr“ ein, wie es in einem Bericht der Armee heißt. Erst um 16.15 Uhr konnte die Kontrolle über den Kibbuz vollständig wiedererlangt werden.

Gegen 18.00 Uhr gab die Armee bekannt, dass sowohl Zivilistinnen und Zivilisten als auch Soldatinnen und Soldaten in den Gazastreifen verschleppt wurden. Unter den insgesamt 251 als Geiseln genommenen Menschen wurden allein 44 auf dem Musikfestival und mindestens 74 aus dem 400-Einwohner-Kibbuz Nir Os entführt. Manche von ihnen waren laut israelischer Armee bereits tot, als die Angreifer sie in den Gazastreifen verschleppten.

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Experte sieht „tiefe Zäsur“
Für Marcus Schneider von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut stellen die Ereignisse vom 7. Oktober „in der Tat eine tiefe Zäsur“ dar, „weil der Feind erstmals auf israelisches Territorium vorgedrungen ist“. Zudem stelle der Angriff auch eine Zäsur dar, weil diejenigen Institutionen, denen die israelische Bevölkerung am meisten vertraute (Armee und Geheimdienste, Anm.), völlig versagt hätten, das Massaker zu verhindern, sagt der Nahost-Experte im Gespräch mit ORF.at.


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In Israel seien mit dem Angriff vor allem Gewissheiten „massiv beschädigt“ worden, befand auch der Politologe Jan Busse gegenüber der AFP. Dazu gehöre vor allem das Versprechen der israelischen Regierung, für die Sicherheit ihrer Bevölkerung zu sorgen. Aus Angst vor weiteren Hamas-Attacken schlossen sich am 7. Oktober und in den Tagen darauf viele Israelis in ihre Häuser ein. Viele Straßen blieben menschenleer.
„Die Traumatisierung ist offensichtlich“, meint Schneider auch im Hinblick auf die israelische Gesellschaft. Die Angst sei als „Grundgefühl da, aufgrund der historischen Erfahrung der Schoah“. Schneider zufolge wird die Angst jedoch nun auch politisch gezielt geschürt und instrumentalisiert, um die Vergeltung zu rechtfertigen.

Netanjahu: „Befinden uns im Krieg“
Um 11.34 (Ortszeit) wandte sich Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu am 7. Oktober in einer Fernsehsprache an seine Landsleute und erklärte: „Wir befinden uns im Krieg.“ Israel erklärte die Vernichtung der Hamas und die Befreiung aller Geiseln zu seinen wichtigsten Kriegszielen. Gleichzeitig startete man damit, Ziele im schmalen Gazastreifen – in dem fast 2,4 Mio. Menschen dicht gedrängt leben –, zu bombardieren.

AP/Hassan Eslaiah
Hamas-Anhänger jubeln auf einem brennenden Panzer auf der israelischen Seite des Grenzzauns zum Gazastreifen

Nach mehreren Evakuierungsaufrufen an die Bevölkerung im nördlichen Gazastreifen begann Israel am 27. Oktober seine Bodenoffensive. Bis dato wurden dabei nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums fast 42.000 Menschen getötet, ein Großteil von ihnen Zivilistinnen und Zivilisten. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden, die UNO stuft diese Zahl jedoch als glaubwürdig ein.

Geiseldeal in weiter Ferne
Rund 100 Geiseln befinden sich noch in der Gewalt der Hamas. 33 von ihnen sind nach israelischen Angaben tot. In Israel gibt es seit Monaten Massenproteste für die Freilassung der Geiseln und eine Waffenruhe in Gaza. Auch die internationale Gemeinschaft drängt angesichts der humanitären Lage in Gaza auf einen solchen Deal.

Ein Geiseldeal scheint jedoch im Moment in weiter Ferne – zu weit auseinander liegen die Standpunkte Israels und der Hamas. Schneider zufolge hätten sich beide Seiten – sowohl Israelis als auch Palästinenser – in „extreme Richtungen entwickelt“. Daher sei es auch so schwierig, einen Frieden zu erreichen, da es „grundsätzlich so gut wie keine Empathie für die jeweils andere Seite gibt“.

Zudem sei die Situation auch ein Jahr nach dem Massaker weiter „extrem gefährlich“, urteilt Schneider im Hinblick auf die Eröffnung einer zweiten Kriegsfront Israels mit dem nördlichen Nachbarn Libanon und dessen vom Iran gestützter Hisbollah-Miliz. Die Gefahr eines regionalen Flächenbrands sei allgegenwärtig.
07.10.2024, Florian Amelin, ORF.at/Agenturen

7. Oktober 2023: Hamas-Massaker als „tiefe Zäsur“
 

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#48
Nahost
Ein Jahr Krieg in Gaza: "Ich will, dass man uns als Menschen sieht"
Palästinenserinnen und Palästinenser im Gazastreifen schildern ihren Alltag vor und nach dem Krieg – und ob sie nach einem Jahr noch Hoffnung haben

Palästinenser fliehen aus Gaza-Stadt in Richtung Süden. Im November gab es einen viertägigen Waffenstillstand – nun scheint ein Ende der Kämpfe in weiter Ferne.
AFP/MAHMUD HAMS

Ein Jahr dauert nun, zum Jahrestag des Hamas-Terrors, auch der von Israel in der Folge gestartete Feldzug im Gazastreifen an. Er hat die "Auslöschung" der Hamas zum Ziel, bedeutet aber für die Zivilbevölkerung entsetzliches Leid. UN-Sprecher Stéphane Dujarric bezeichnete die Lage in dem schmalen Küstenstreifen zuletzt als "mehr als katastrophal".

Diese oder ähnlich drastische Worte verwenden Hilfsorganisationen bereits seit Monaten. Sie sprechen unter anderem von kompletter Zerstörung, einem Zusammenbruch des Gesundheitssystems und der gesamten Bevölkerung in Not. DER STANDARD hat fünf Menschen im Gazastreifen gefragt, wie sie das vergangene Jahr inmitten der humanitären Katastrophe erlebt haben, wie ihr Alltag vor dem Krieg aussah und welche Ängste und Hoffnungen sie nach einem Jahr Krieg haben.

Nada Hammad:
"Wenn der Krieg nicht endet, wird ihn niemand überleben"

Unser Leben war vor dem Krieg wirklich gut. Ich habe mit meinem vierjährigen Sohn bei meinen Eltern im Haus gelebt. Ich bin nach meiner Scheidung alleinerziehend und habe Geld als Übersetzerin und Lehrerin an einer öffentlichen Schule verdient. Am Nachmittag bin ich oft mit meinem Sohn in den Park oder ans Meer gegangen, wir haben es geliebt, Eis und exotische Früchte zu essen. Dann wurde uns alles brutal weggenommen. Während des Krieges wurde ich 30 Jahre alt.

Eigentlich hätte mein Sohn im Kindergarten anfangen sollen und ich wollte den Master in Linguistik machen. Doch der Krieg hat uns das genommen. Nicht nur physische Gegenstände, sondern auch Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume. Das vergangene Jahr war furchtbar. Unser Alltag bedeutet einen täglichen Kampf um die grundlegenden Dinge wie sauberes Wasser und warme Mahlzeiten. In den ersten Monaten hat es weder Mehl noch Gemüse oder Obst auf den Märkten gegeben. Nun finde ich keine warme Kleidung für meinen Sohn, und der Winter steht vor der Tür.

Wir mussten bereits viermal fliehen. Im Moment leben wir in Deir al-Balah. Ich versuche, positiv zu bleiben, vor allem für meinen Sohn und die Kinder in der Umgebung. Doch es ist schwer, ihnen eine Welt zu erklären, in der Bomben einschlagen und sie alles zurücklassen mussten. Ich wünsche mir, dass man uns als Menschen sieht und nicht nur als Zahlen im Zusammenhang mit einer Tragödie. Wir haben dieselben Träume wie alle Menschen auf der Welt, wollen ein warmes Zuhause und eine Zukunft für uns selbst und unsere Kinder. Ich versuche, nicht ständig an die nächste Mahlzeit zu denken oder daran, wen wir als Nächstes verlieren werden. Wir sind sehr ausdauernde Menschen.

Die Menschen müssen sich für einen Waffenstillstand einsetzen. Wenn der Krieg nicht endet, wird ihn niemand überleben. Und damit meine ich nicht nur, dass Menschen sterben, sondern dass sie durch ihre psychischen Schäden nur noch Hüllen ihrer selbst sein werden. Meine größte Angst ist, dass ich meinen Sohn verliere oder er mich. Ich möchte einfach nur nach Hause. Ich will, dass unsere Zukunft wieder beginnt.


Nada Hammad und ihr vierjähriger Sohn mussten bereits mehrmals fliehen.
privat

Care-Nothelferin Nahed Aby Iyada:
"Es ist jenseits von allem Grauen, das ich beschreiben kann"

Es ist so, als wäre man an einem sonnigen Ort gewesen, und plötzlich sperrt einen jemand in einen dunklen Raum, und man wartet darauf, dass das Licht zurückkehrt. Es ist auf so vielen Ebenen dunkel, alles, was man sieht, sind Luftangriffe, Töten, Zerstörung, geschlossene Grenzübergänge, keine Krankenhäuser, die man aufsuchen kann, keine medizinische Versorgung, die man in Anspruch nehmen kann. Das Fehlen an allem, was man sich vorstellen kann. Alles ist zum Stillstand gekommen. Dein Leben ist zum Stillstand gekommen. Du hast Angst. Du weißt nicht, ob du den nächsten Tag erleben wirst, du lebst von Tag zu Tag. Es ist jenseits von allem Grauen, das ich beschreiben kann.

Ich bin in Gaza aufgewachsen, ich habe mein Leben hier verbracht. Bevor ich im April bei Care angefangen habe, war ich für verschiedene humanitäre Organisationen und auch als Fitnesstrainerin tätig. Vor dem Krieg hatte ich ein gutes Leben, ich habe gearbeitet und bin dreimal pro Woche ins Fitnessstudio gegangen. An den Tagen, an denen ich nicht ins Fitnessstudio ging, habe ich Zeit mit meinen Freundinnen verbracht oder Online-Kurse besucht. Ich war umgeben von Leben. Immer wieder habe ich auch mit Freunden in den USA telefoniert, ich habe dort studiert und versucht, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Ich hatte auch eine Erlaubnis, ins Westjordanland zu reisen. Im Oktober sollte ich einen Monat dort verbringen – doch dann begann der Krieg.

Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Krieg aufhört und wir in unsere Häuser zurückkehren können. Ich wünsche mir, dass die Grenzübergänge wieder geöffnet werden und dass wir wieder Waren bekommen, aber auch, dass die Krankenhäuser wieder offen sind und die Patienten medizinische Versorgung erhalten, dass die Menschen wieder in ihren Häusern leben können und nicht in Zelten.

Ich weiß mittlerweile, was es bedeutet, in einem Zelt zu leben. Das Schlimmste ist, wenn Regen und niedrige Temperaturen angekündigt sind. Man wacht mitten in der Nacht auf, wenn es regnet, und überlegt, woher das Wasser kommen könnte, und bleibt dann die ganze Nacht wach, um das Zelt nach undichten Stellen abzusuchen und das Wasser rauszubekommen. Man sitzt auf einem Stuhl mit der Matratze auf dem Schoß, weil man nicht weiß, wie man schlafen soll. Wir leben an einem Ort, der nicht für Zelte geeignet ist, das Wasser könnte es plötzlich überfluten oder es zusammenbrechen lassen. Ich wünsche mir, dass der Krieg aufhört, damit die Menschen nicht noch ein weiteres Jahr den Winter in Zelten verbringen müssen.


Nahed Aby Iyada sollte im vergangenen Oktober eigentlich einen Monat im Westjordanland verbringen – doch dann begann der Krieg.
Care

Alaa Salameh:
"Wir verdienen es zu leben"

Vor dem Krieg war die wirtschaftliche Situation sehr schwierig, die Arbeitslosenrate lag bei mehr als 50 Prozent. Ich lebe in Gaza-Stadt und bin jetzt 34 Jahre alt. Ich komme aus einer armen Familie und habe schon als Jugendliche keine Zukunft für mich in Gaza gesehen. Vor dem Krieg habe ich als politische Analystin bei NGOs und auch als Lehrerin gearbeitet. Alle Jobs, die ich hatte, waren temporär.

Wir haben schon vorher immer wieder unter Krieg und Blockaden gelitten, aber man konnte sich ein Leben in Würde aufbauen, versuchen, Lösungen in diesen schwierigen Umständen zu finden. Es gab eine Form von Stabilität, Menschen haben es immer wieder mit neuen Projekten versucht.

Meine größte Angst ist, meine Familie, meine Liebsten zu verlieren. Auch die Angst, verletzt zu werden, ist groß, die Wunden sind so tief. Es gibt Tausende mit amputierten Gliedmaßen. Die Menschen sind verzweifelt, glauben aber, dass sie eines Tages zurück können, zu ihren Häusern, zu ihren Städten, zu ihrem Leben. Die Menschen wollen sich sicher fühlen.

Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, aber aus Perspektive der politischen Analystin befürchte ich, dass der Krieg nicht bald enden wird. Die israelische Regierung und auch die USA scheinen ein Interesse daran zu haben, dass der Krieg weitergeht. Sie sagen, sie wollen die Hamas zerstören, aber es trifft alle Palästinenserinnen und Palästinenser, was sie unseren Häusern, den Menschen, der Infrastruktur angetan haben. Sie wollen nicht, dass wir hier leben.

Palästinenserinnen und Palästinenser lieben das Leben, sie wollen Frieden, sie sind keine Terroristen. Wir wollen unsere Grundrechte, wir wollen zurück zu unserem Leben. Weil wir es verdienen zu leben.


Alaa Salameh glaubt nicht an ein baldiges Ende des Krieges.
privat

Sohaib Safi, Arzt bei MSF:
"Ich weiß nicht, ob ich meine Familie wiedersehen werde"

Vor dem Krieg war das Leben in Gaza generell schwierig, aber es gab so etwas wie persönliche Stabilität, mit meiner Tochter Rita, meiner Frau Nour, meinen Eltern und Brüdern. Ich habe davon geträumt, ein Haus und ein Auto zu haben. Wir haben gelacht und mit meinen Eltern gescherzt, waren in Restaurants, Rita spielte im Vergnügungspart "Kids Land". Wir waren glücklich trotz der generellen Sorgen.

Ich hatte Ambitionen zu lernen und zu reisen, ich habe auch Oud gespielt und für mein Heimatland gesungen, über Leben und Liebe. Als der Krieg begann, hat sich alles verändert. Wir wurden am ersten Kriegstag vertrieben. Das Haus war nicht mehr unseres. Wir haben Tage und Nächte voller Angst durchlebt, ständig mit dem Gedanken, dass der Tod jeden Moment eintreffen könnte. Jeden Tag habe ich mir gewünscht, der Krieg würde enden.

An einem Tag saß ich um etwa vier Uhr Früh in der Küche. Plötzlich spürte ich eine Explosion in meinem Gesicht. Mich hat es durch die Luft geschleudert, ich hörte Schreie. Es war dunkel, überall war Staub, es war schwer zu atmen. Ich bin schnell zu meiner Frau und meiner Tochter. Sie standen unter Schock, waren aber nicht verletzt. Ich hatte den Geschmack von Blut im Mund. Dann habe ich gemerkt, dass ich im Gesicht verletzt war.

Heute habe ich Narben auf meiner rechten Augenbraue und meiner Nase. Ich werde mich immer an diesen Tag erinnern, den Schock und den Schmerz. Und die Worte meiner Tochter: "Wieso blutet Papa? Er ist doch Arzt und hilft den Menschen."

Heute bin ich allein mit meinen Eltern in Gaza. Zwischen meiner Frau, meiner Tochter und mir sind Grenzen, Panzer, die Armee, Zerstörung und Krieg. Alles ist unsicher. Meine Tochter, die jetzt in Ägypten ist, sagt mir jeden Tag, dass sie mich vermisst. Und jeden Tag sage ich ihr: Hoffentlich werde ich bald zu euch kommen. Aber in Wirklichkeit weiß ich nicht, ob ich sie je wiedersehen werde. Ich weiß nicht einmal, ob ich diesen Krieg überleben werde.


Sohaib Safi und seine Tochter Rita, mittlerweile ist sie mit ihrer Mutter nach Ägypten geflohen.
msf

Soheir Ajjour:
"Ich will endlich weinen"

Vor einem Jahr war unser Leben noch anders. Ich bin zur Arbeit bei einer Hilfsorganisation gegangen, wo ich für soziales Engagement zuständig bin, und habe für meine beiden Kinder in der Früh die Jausenboxen hergerichtet, bevor ich sie zur Schule gebracht habe. Mein Sohn ist acht Jahre alt, meine Tochter drei, und ich bin 40. Wir haben unser Leben genossen, es war voller Hoffnung für unsere Zukunft. Nun leben wir gefühlt in der Steinzeit, suchen nach Nahrungsmitteln und lassen unsere Kinder drinnen, weil es draußen zu gefährlich ist.

Wir haben unsere Wohnung in Gaza-Stadt verloren und mussten bereits mehrmals fliehen. Im Moment befinden wir uns in Deir al-Balah. Das vergangene Jahr war für alle ein endloser Albtraum. Der Krieg hat für uns überraschend und schockierend begonnen und uns ungläubig zurückgelassen. Ich frage mich seitdem, wie meine Kinder es verdient haben, so sehr zu leiden. Ich habe alles verloren, meine Wohnung, meine Nachbarschaft und ein Gefühl für normales Leben. Mein Sohn sollte sich eigentlich in der Schule befinden und mit seinen Freunden spielen. Sein bester Freund wurde zu Kriegsbeginn getötet, und ich habe es noch nicht übers Herz gebracht, ihm das zu sagen. Ich habe nicht einmal die Kraft, die Mutter des toten Buben anzurufen und ihr mein Beileid auszusprechen. Meine Tochter kann in der Nacht nur noch bei mir schlafen. Sie muss mich ständig berühren, um sich sicher zu fühlen.

Jeder hier ist es leid, in Angst und mit dem Frust zu leben. Es war ein Jahr ohne die einfachen Dinge, die das Leben angenehmer machen – wie eine warme Dusche, das eigene Bett oder überhaupt Privatsphäre. Ich wünsche mir, dass der Krieg sofort endet. Ich will endlich wieder in Ruhe schlafen können. Ich will endlich weinen, weil ich das Gefühl habe, dass ich die Trauer so lange in mir trage, bis ich die Möglichkeit habe, sie zu verarbeiten. Doch diese Möglichkeit fühlt sich noch weit entfernt an. Ich will keinen meiner Liebsten mehr verlieren.

Gleichzeitig muss ich hoffnungsvoll bleiben, sonst verliere ich meinen Lebenswillen. Ich mache das für meine Kinder, nicht für mich. Die Welt muss sehen, dass wir Menschen mit Würde sind und in dieser Umgebung nicht mehr lange leben können. Es ist das erste Mal, dass ich über den Krieg rede und darüber, wie ich mich fühle. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich will, dass die Leute wissen, dass wir hier unsere Leben verlieren.


Soheir Ajjour musste mit ihren beiden Kindern bereits mehrmals fliehen.
privat

(Protokolle: Bianca Blei, Noura Maan, 9.10.2024)

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#49
Israelischer Soziologe: "Niemand will zugeben, dass die Totenzahlen in Gaza so hoch sind"
Yagil Levy sieht eine neue Art der Kriegsführung, bei der es gar keine Verhaltensregeln mehr gibt. Auch vermisst er einen öffentlichen Diskurs über die vielen zivilen Opfer
Interview

Rauch über dem Gazastreifen – wo es viele zivile Opfer gab.
REUTERS/Amir Cohen

Der Krieg in Gaza, sagt Yagil Levy, sei in vielerlei Hinsicht anders als jene, die Israel bislang geführt hat. Der israelische Soziologe kritisiert im STANDARD-Interview, dass die vielen zivilen Opfer ohne großen öffentlichen Diskurs einfach hingenommen würden. Dies, sagt er, hätten sich nicht einmal die USA im Irakkrieg erlaubt. Überhaupt sieht er Krieg als schlechte Grundlage für Israels Sicherheit.

STANDARD: Sie sagen, die Regeln der Kriegsführung seien in diesem Gazakrieg andere als früher. Inwiefern?

Levy: Es gibt keine Verhaltensregeln mehr an der Front. Sobald eine Zone in Gaza vom Kommandanten als Kriegsgebiet definiert wurde, werden Zivilisten in Gaza aufgerufen, dieses Gebiet zu verlassen. Jeder, der danach noch dort ist, wird als legitimes Schussziel erachtet. Und jeder männliche Tote wird automatisch als Kämpfer gezählt. Dabei geht es nicht nur wie in früheren Kriegen darum, das Risiko für unsere Soldaten möglichst gering zu halten. In weiten Teilen der Truppen kommt auch das Gefühl dazu, dass wir uns in einem Rachefeldzug befinden.

STANDARD: Woran machen Sie das fest?

Levy: In den ersten drei Kriegswochen, als Israel sich auf Luftangriffe beschränkte, sahen wir riesige Todeszahlen in der Zivilbevölkerung in Gaza. In manchen Fällen hat man dutzende tote Zivilisten in Kauf genommen, nur um einen einzigen Hamas-Kämpfer zu töten. Das geht weit über alles hinaus, was sich die USA im Irak erlaubt haben.

STANDARD: Sie haben die getöteten Zivilisten in Gaza den getöteten israelischen Soldaten gegenübergestellt. Was haben Sie herausgefunden?

Levy: Laut der Hamas wurden bis 1. August über 40.000 getötet, davon wurden 32.000 identifiziert. Die Hamas unterscheidet nie zwischen Terroristen und Zivilisten. Was sie aber tun, ist, die 32.000 Identifizierten in Gruppen zu unterteilen: Frauen, Minderjährige, Ältere. Wenn wir diese drei Gruppen addieren und den getöteten israelischen Soldaten gegenüberstellen, kommen wir auf ein Verhältnis von fast 1:60. Das ist die höchste Kluft, die wir je in einem Krieg zwischen Israel und der Hamas gesehen haben.

STANDARD: Sie gehen davon aus, dass Frauen und Minderjährige keine Terroristen sein können?

Levy: Ja, es mag ein paar Frauen geben und einige 16- oder 17-Jährige, die als Kämpfer gelten und dadurch zu legitimen Zielen für die israelische Armee werden. Genauso gut sind aber nicht alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren Hamas-Kämpfer – trotzdem wurden sie getötet. Dazu kommt, dass viele noch nicht identifiziert sind. Wenn wir all das in Betracht ziehen, könnte das Verhältnis also noch größer sein als 1:60. Wir sprechen also von einem massiven Risikotransfer: von unseren Soldaten zu den Zivilisten in Gaza.

STANDARD: Wurde in Israel früher mehr über zivile Verluste auf der "anderen Seite" diskutiert?

Levy: Als Israel im Jahr 2008 eine massive Bodenoperation startete, die hunderte Gazianer das Leben kostete, war dieses Dilemma Teil des öffentlichen Diskurses. Man sprach über das Konzept eines Krieges ohne Opfer. Es gab eine öffentliche Debatte darüber, welche Risiken Soldaten eingehen sollten, um die Integrität der Zivilisten auf der anderen Seite zu respektieren. Diese Art von Diskurs fehlt in diesem Krieg. Es ist sogar inakzeptabel geworden, über diese Frage überhaupt zu diskutieren.

STANDARD: Die Angaben über tote Zivilisten in Gaza stützen sich aber auf Zahlen des Hamas-kontrollierten Gesundheitsministeriums.

Levy: Ja, aber die Zahlen haben sich in der Vergangenheit als relativ vertrauenswürdig herausgestellt. Wir sehen auch keine eigenen Ermittlungen Israels zur Zahl der getöteten Zivilisten. Israel hat eine Menge an Möglichkeiten, die Zahlen der Hamas zu widerlegen, aber es wird nicht gemacht.

STANDARD: Welchen Grund vermuten Sie dahinter?

Levy: Dass niemand in Israel zugeben will, dass die Zahlen so hoch sind. Am Ende der ersten drei Kriegswochen hat Israels Armee aber eingestanden, dass rund zwei Drittel der Toten Zivilisten sind. Das hat aber auch keine große Debatte ausgelöst.

STANDARD: Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass in diesem Gazakrieg Hunger als Waffe eingesetzt wurde?

Levy: Jede Hilfe zu blockieren, um die Bevölkerung zu zwingen, dass sie die Hamas stürzen: Das ist ja etwas, was manche Generäle offen angesprochen haben. Ich glaube nicht, dass es legal ist – aber selbst wenn man es als legal betrachten könnte, müssen wir uns fragen, was es für unsere Zukunft bedeutet. Ich sage: Jede Politik, die Gazas Bevölkerung so einen hohen Preis kostet, gefährdet Israels Sicherheit. Wir können unsere Sicherheit ja nicht nur auf Krieg aufbauen, dafür brauchen wir stabile Beziehungen mit dem Feind. Genau das ist uns in den 1970ern mit Ägypten gelungen – und dadurch haben wir uns von unserer damals größten Bedrohung seit 1948 befreit.

STANDARD: Man könnte Ihnen entgegenhalten, dass sich Israel ja aus dem Gazastreifen und aus dem Libanon zurückgezogen habe – und jetzt würden wir sehen, was es dem Land gebracht hat: noch mehr Raketen, den Horror des 7. Oktober, immer noch zehntausende Evakuierte in Israel.

Levy: Wir sehen aber in Israel überhaupt keine Debatte darüber, was Israels Politik in den vergangenen zwei Jahrzehnten versäumt hat. Zum Beispiel über die Chancen, die wir im Fall von Gaza verspielt haben, indem wir die Palästinenserbehörde geschwächt haben. Die Aneignung eines Teils des Westjordanlandes durch noch mehr Siedlungsbau und noch mehr Gewalt. Der Versuch, die Beziehungen mit den Saudis zu normalisieren und dabei die Palästinenser zu umgehen. Das alles wurde völlig ausgeblendet – nicht nur von den Rechtskonservativen in Israel, auch von Mitte-links.
(Maria Sterkl aus Haifa, 10.10.2024)

Yagil Levy ist Professor für Soziologie und Politik an der Open University in Raanana, Israel.

Israelischer Soziologe: "Niemand will zugeben, dass die Totenzahlen in Gaza so hoch sind"
 

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#50
Israels Angriffe auf Iran
Besorgte Aufrufe zu Deeskalation
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Die israelischen Luftangriffe auf den Iran als Antwort auf iranische Raketenangriffe auf Israel haben international besorgte Aufrufe zur Deeskalation ausgelöst. Knapp vier Wochen nach den iranischen Raketenangriffen griffen die israelischen Luftstreitkräfte in der Nacht auf Samstag mehrere militärische Ziele im Iran an. Nach iranischen Angaben wurden dabei vier iranische Soldaten getötet. Ansonsten wird in Teheran darauf verwiesen, dass sich die Schäden in Grenzen halten würden.
Online seit gestern, 23.12 Uhr (Update: heute, 8.06 Uhr)
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„Die Angriffe haben begrenzten Schaden verursacht, und einige wenige Radarsysteme sind beschädigt worden“, hieß es in der Erklärung, die im Staatsfernsehen verlesen wurde. Die vier Militärangehörigen seien bei der „Verteidigung des iranischen Luftraums“ ums Leben gekommen, hieß es aus Teheran. Davor war lange von zwei getöteten Soldaten die Rede gewesen.

Dank der raschen Reaktion der iranischen Luftabwehr sei „eine große Zahl von Raketen abgefangen“ und „das Eindringen feindlicher Flugzeuge“ in den iranischen Luftraum verhindert worden, hieß es seitens der iranischen Armee weiter. Die israelischen Kampfjets hätten deshalb nur eine „kleine Zahl von Raketen von langer Reichweite und mit sehr leichten Sprengköpfen aus der Distanz“ abfeuern können.

„Mission erfüllt“
Die israelische Armee griff nach eigenen Angaben iranische Produktionsstätten von Raketen sowie Luftabwehrsysteme an. Israel habe die Ziele „aus einer Reihe von möglichen Zielen ausgesucht“ und könne auch andere wählen „falls nötig“, sagte Armeesprecher Daniel Hagari. In Teheran waren die ersten Explosionen gegen 2.15 Uhr Ortszeit (00.45 MESZ) zu hören.

Als Grund für die Angriffe nannte er „die seit Monaten andauernden Angriffe des iranischen Regimes gegen den Staat Israel“. Die beteiligten Kampfflugzeuge seien alle sicher zurückgekommen. „Der Vergeltungsangriff ist abgeschlossen, die Mission wurde erfüllt“, erklärte er.

Vorerst keine neuen Drohungen
Das iranische Außenministerium erklärte wiederum, der Iran habe „das Recht und die Pflicht zur Selbstverteidigung“. Teheran verzichtete zunächst aber auf Drohungen mit Gegenangriffen – und verhielt sich in seiner Reaktion generell eher zurückhaltend.

Am Sonntag in der Früh kam das iranische Parlament zu einer Sitzung hinter verschlossenen Türen zusammen, um zu beraten. Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf, ehemaliger General der Revolutionsgarden, leitete die Beratungen, wie iranische Medien übereinstimmend berichteten. Ghalibaf sagte laut der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA, dass eine militärische Antwort des Iran auf den israelischen Angriff sicher sei – obwohl er diesen als „passiv“ bewertete und damit das Ausmaß relativierte. Er berief sich demnach auf das Selbstverteidigungsrecht gemäß der UNO-Charta.

Die israelische Armee warnte Teheran vor weiteren Angriffen. „Sollte das iranische Regime den Fehler begehen, eine neue Runde der Eskalation einzuleiten, sind wir verpflichtet zu reagieren“, sagte Hagari. „Unsere Botschaft ist klar: Alle, die den Staat Israel bedrohen, (…) werden einen hohen Preis zahlen.“

USA: Iran soll Angriffe auf Israel einstellen
Die USA betonten Israels „Recht auf Selbstverteidigung“ mit Blick auf die iranischen Angriffe vom 1. Oktober. Sie forderten zugleich den Iran auf, „seine Angriffe auf Israel einzustellen, damit dieser Kreislauf der Gewalt ohne weitere Eskalation beendet werden kann“, wie der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates in Washington, Sean Savett, sagte. Die US-Regierung hatte Israel zuvor vor möglichen Angriffen auf Atom- und Ölanlagen im Iran gewarnt.

EU warnt vor „gefährlichem Kreislauf“
Die Europäische Union rief zu Deeskalation auf. Sie erkenne zwar das Recht Israels auf Selbstverteidigung an, rufe aber alle Parteien „zu äußerster Zurückhaltung“ auf, um eine „unkontrollierbare Eskalation“ im Nahen Osten zu vermeiden, hieß es am Samstag in einer Erklärung der 27 EU-Mitgliedsstaaten. Eine solche Eskalation liege „in niemandes Interesse“.

Der „gefährliche Kreislauf von Angriffen und Vergeltungsmaßnahmen“ berge die Gefahr einer weiteren Ausweitung des regionalen Konflikts, hieß es in der Erklärung weiter. Die EU sei nach wie vor „fest entschlossen“, die wachsenden Spannungen in der Region abzubauen und zur Deeskalation beizutragen. Zu diesem Zweck stehe sie „weiterhin in engem Kontakt mit allen relevanten Akteuren“.

Guterres „zutiefst beunruhigt“
Aufrufe zur Deeskalation kamen auch aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Russland. Die Länder der arabischen Welt – darunter Saudi-Arabien, der Irak und Jordanien – sowie die radikalislamische Terrororganisation Hamas verurteilten das israelische Vorgehen.
Auch UNO-Generalsekretär Antonio Guterres äußerte sich „zutiefst beunruhigt“ über die Lage. Über seinen Sprecher Stephane Dujarric teilte er mit, er wiederhole „dringend seinen Appell an alle Parteien, alle militärischen Aktionen einzustellen, auch im Gazastreifen und im Libanon“. Guterres forderte „maximale Anstrengungen, um einen umfassenden regionalen Krieg zu verhindern und auf den Weg der Diplomatie zurückzukehren“.

Iran feuerte etwa 200 Raketen auf Israel ab
Der Iran hatte am 1. Oktober etwa 200 Raketen auf Israel abgefeuert, von denen die meisten abgefangen wurden. Er reagierte damit auf die Militäroffensive Israels gegen die proiranische Hisbollah-Miliz im Südlibanon und die Tötung von deren Chef Hassan Nasrallah. Israel hatte dem Iran anschließend mit einer „tödlichen, präzisen und überraschenden“ Reaktion gedroht.

Bereits am 13. April hatte der Iran erstmals von seinem Staatsgebiet aus Israel mit Raketen angegriffen. Auch in diesem Fall wurde der größte Teil der Raketen von Israel mit Unterstützung verbündeter Staaten abgefangen. Wenige Tage später kam es zu Explosionen in der iranischen Region Isfahan, die weithin als israelische Vergeltungsaktion gewertet wurden.

Konflikt eskaliert
Seit Beginn des Krieges im Gazastreifen vor gut einem Jahr ist auch der Konflikt zwischen Israel und dem Iran eskaliert. Der Iran unterstützt die schiitische Hisbollah im Südlibanon, die wiederum mit der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen verbündet ist.

Der Krieg im Gazastreifen war durch den Großangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ausgelöst worden, bei dem 1.205 Menschen getötet und 251 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Seither geht Israel militärisch im Gazastreifen gegen die Hamas und seit einigen Wochen – nach andauerndem Beschuss auf Israel – auch gegen die Hisbollah im Libanon vor.
27.10.2024, red, ORF.at/Agenturen

Israels Angriffe auf Iran: Besorgte Aufrufe zu Deeskalation
 

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#51
Gazakrieg
"Systematische Zwangsvertreibung", "Genozid-Merkmale": Schwere Vorwürfe gegen Israel
Human Rights Watch und ein UN-Sonderausschuss kritisieren Israels Kriegsführung im Gazastreifen scharf. Israel und auch die USA weisen die Vorwürfe zurück

Menschen in Nord-Gaza wurden wiederholt aufgerufen, das Gebiet zu verlassen. Human Rights Watch spricht von "systematischen Zwangsvertreibungen".
IMAGO/Hadi Daoud \ apaimages

Täglich kommen neue Meldungen über Angriffe, Vertreibungen und Tote aus dem Gazastreifen. Am Montag wurden bei neuen israelischen Angriffen im Norden des Gazastreifens palästinensischen Angaben zufolge fast 100 Menschen getötet. Ein fünfstöckiges Wohnhaus in Beit Lahiya sei getroffen worden, allein dort seien 72 Menschen getötet worden. Im Zentrum des Küstengebiets wurden weitere Tote gemeldet.

Hilfsorganisationen sprechen seit Monaten von einer humanitären Katastrophe in dem Küstengebiet und warnen, dass sich vor allem im Norden des Gazastreifens die Lage derzeit immer weiter verschlimmert. Nordgaza steht im Fokus einer Offensive von Israels Armee, die angibt, gegen Terroristen vorzugehen, die sich in Jabalia, Beit Hanoun und Beit Lahiya neu gruppiert hätten.

Heftige Kritik an Israels Kriegsführung kam zuletzt von der Uno und Human Rights Watch (HRW). Die Menschenrechtsorganisation warf Israel eine absichtliche Massenvertreibung von Zivilisten im Gazastreifen vor und kritisierte dies als Kriegsverbrechen. Zwangsvertreibungen seien weitverbreitet, hieß es vergangene Woche in einem Bericht der Organisation. "Die Beweise zeigen, dass sie systematisch und Teil einer staatlichen Politik sind. Solche Taten stellen auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar."

Vorwurf der ethnischen Säuberung
Seit Kriegsbeginn im Oktober 2023 sind UN-Angaben zufolge rund 90 Prozent der 2,2 Millionen Bewohner des Gazastreifens vertrieben worden, viele mehrmals. Israels Armee argumentiert, dass sich die islamistische Hamas in zivilen Gegenden im Gazastreifen eingebettet habe, das Militär deshalb dort im Einsatz sei und Zivilisten vor Ort zur Flucht aufrufe. Dem HRW-Bericht zufolge würden allerdings "keine nachvollziehbaren militärischen Gründe" vorliegen, die die Vertreibung eines Großteils der Bevölkerung rechtfertigen könnten. Die Evakuierungsaufrufe der israelischen Armee hätten für großen Schaden gesorgt und kämen einer ethnischen Säuberung gleich, teilte HRW mit.


Seit Anfang Oktober steht Nordgaza im Fokus einer Offensive der israelischen Armee.
AFP/-

Für die USA, den wichtigsten Verbündeten Israels, wäre die Zwangsumsiedlung von Palästinensern eine "rote Linie", sagte US-Außenministeriumssprecher Vedant Patel zum HRW-Bericht. Ihm zufolge sei es aber "völlig in Ordnung und akzeptabel, Zivilisten zu bitten, ein bestimmtes Gebiet zu evakuieren, während bestimmte militärische Operationen durchgeführt werden", und es ihnen danach zu ermöglichen, wieder nach Hause zu gehen.

Für Aufsehen hatte allerdings die Aussage eines IDF-Generals gesorgt, wonach die "vollständige Evakuierung" Nordgazas bevorstehe und den Bewohnern eben nicht erlaubt werde, in das Gebiet zurückzukehren. Wenig später distanzierte sich die israelische Armee von den Aussagen, sie seien "aus dem Kontext gerissen" worden und würden nicht "den Zielen und Werten der IDF entsprechen".

Uno sieht kollektive Bestrafung
Ein Sonderausschuss der Vereinten Nationen, dessen Vertreter seit 1968 die Menschenrechtslage in den von Israel besetzten Gebieten untersuchen, hat vergangene Woche zudem erklärt, dass Israels Kriegsführung im Gazastreifen "den Merkmalen eines Genozids entspricht, mit zahlreichen Opfern unter der Zivilbevölkerung und lebensbedrohlichen Bedingungen, die den Palästinensern dort aufgezwungen werden". In dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht, der sich auf den Zeitraum zwischen Oktober 2023 und Juli 2024 bezieht, wird Israel im Gazastreifen der Einsatz von "Hunger als Kriegswaffe" vorgeworfen sowie "kollektive Bestrafungspraktiken".


Hilfsorganisationen beklagen schon lange, dass vor allem den Norden des Gazastreifens zu wenige Hilfen erreichen. Ein neuer UN-Bericht spricht vom Einsatz von "Hunger als Kriegswaffe".
REUTERS/Hatem Khaled

Israels Angriffe haben dem Bericht zufolge lebenswichtige Dienste dezimiert und eine Umweltkatastrophe ausgelöst, die dauerhafte Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben wird. Bis Anfang 2024 seien über 25.000 Tonnen Sprengstoff auf den Gazastreifen abgeworfen worden, was zu massiven Zerstörungen, zum Zusammenbruch der Wasser- und Abwassersysteme, zur Verwüstung der Landwirtschaft und zu toxischer Verschmutzung geführt habe. Israel habe damit "eine tödliche Mischung von Krisen geschaffen, die kommenden Generationen schweren Schaden zufügen wird", heißt es in dem Bericht.

Papst fordert sorgfältige Prüfung
"Nach Ansicht einiger Experten weist das Geschehen in Gaza die Merkmale eines Völkermords auf", sagte Papst Franziskus nach Erscheinen des UN-Berichts. Er forderte eine sorgfältige Prüfung, "ob es in die von Juristen und internationalen Gremien formulierte technische Definition passt". Israel und auch die USA haben die Genozid-Vorwürfe gegen Israel wiederholt zurückgewiesen und auf Israels Recht auf Selbstverteidigung gepocht. Israel hat auch wiederholt den Vorwurf erhoben, von den Vereinten Nationen "dämonisiert" zu werden, und Ende Oktober ein Arbeitsverbot des UN-Hilfswerks für Palästinenser (UNRWA) beschlossen.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) prüft derzeit eine von Südafrika vergangenes Jahr eingereichte Klage, in der Israel vorgeworfen wird, die UN-Konvention gegen Völkermord zu verletzen. Da es bis zu einer endgültigen Entscheidung noch dauern wird, hat Südafrika mehrere eilige Maßnahmen gegen Israel beantragt und damit teilweise recht bekommen: Unter anderem hatte der IGH Israel aufgetragen, die Militäroffensive in Rafah einzustellen und mehr zu tun, um hohe Opferzahlen unter Zivilisten zu vermeiden und die humanitäre Krise in Gaza einzudämmen. Israel hat bis Ende Juli 2025 Zeit, um beim IGH eine Antwort auf die von der südafrikanischen Regierung erhobenen Vorwürfe einzureichen.
(maa, 19.11.2024)
"Systematische Zwangsvertreibung", "Genozid-Merkmale": Schwere Vorwürfe gegen Israel
 

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#52
Mangel, Seuchen, Plünderungen
Nur Hälfte der Spitäler in Gaza in Funktion
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Über ein Jahr Krieg hat den Gazastreifen teilweise dem Erdboden gleichgemacht. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind wiederholt von Vertreibungen betroffen, es fehlt an allen Ecken und Enden. Besonders für Kinder ist die Lage lebensbedrohlich, wie Ärzte ohne Grenzen am Dienstag warnte. Von 36 Krankenhäusern waren nur noch 17 teilweise funktionsfähig.
Online seit gestern 16.11.2024, 22.59 Uhr
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Am Wochenende veröffentlichte die israelische Zeitung „Haaretz“ Satellitenbilder von Gazas größtem Flüchtlingsviertel Dschabalija. Es stünden nur noch Ruinen, so das Blatt, das aktuell von einem Boykott durch Benjamin Netanjahus rechts-religiöse Regierung bedroht ist. „Die Fotos zeigen ein zerstörtes Dschabalija, wobei das israelische Militär die verbliebenen Gebäude anscheinend systematisch dem Erdboden gleichmacht“, hieß es. Die humanitäre Lage verschlechtere sich zunehmend.

Tausende kranke Kinder
Was für das Flüchtlingsviertel gilt, gilt auch für viele Teile des gesamten Küstenstreifens. Akute Mängel bei der Versorgung mit Nahrung, Hygieneartikeln und medizinischen Hilfsgütern verschärfen die Krise. Ärzte ohne Grenzen warnte am Dienstag, die „katastrophalen Lebensbedingungen im Gazastreifen führen zu einem dramatischen Anstieg der Erkrankungen bei Kindern“. Allein von Juni bis Oktober seien von der NGO mehr als 10.000 Kinder unter fünf Jahren wegen Atemwegsinfektionen behandelt worden. Tausende seien wegen Haut- und Atemwegsinfekten oder akuten Durchfalls stationär aufgenommen worden.

„Mit den sinkenden Temperaturen erhöht sich das Krankheitsrisiko bei Neugeborenen und Kleinkindern weiter“, so Ärzte ohne Grenzen. "Der Mangel an nahrhaften Lebensmitteln und wichtigen Nährstoffen hat Einfluss auf den Aufbau ihrer Immunität und macht sie anfälliger für Infektionskrankheiten“, sagte Kinderarzt Mohammed Abu Tajjem.

Regen hat eingesetzt
Das UNO-Palästinenserhilfswerk (UNRWA) warnte zuletzt angesichts der ersten starken Regenfälle im Gazastreifen vor noch mehr Leid. Am Sonntag hatte es in einigen Teil des Küstengebiets schwere Niederschläge gegeben. Rund eine halbe Million Menschen seien gefährdet, viele durch die Kämpfe Vertriebene harrten in Zelten aus. Einige tiefer gelegene Gebiete seien überflutet worden, auch weil es dort kein funktionierendes Abwassersystem gebe.

Reuters/Hatem Khaled
Die Temperaturen sinken, das Wetter ist nass. Für viele bedeutet das auch das Ende ihrer behelfsmäßigen Unterkünfte.

Auch Angehörige der von der Hamas vor mehr als einem Jahr aus Israel entführten Menschen gehen dem Winter mit Sorge entgegen, „Die Geiseln werden die eisige Kälte in den Tunneln von Gaza nicht überleben“, hieß es kürzlich in einer Stellungnahme von Demonstranten, die von der israelischen Regierung ein Abkommen mit der Hamas über die Freilassung der Entführten und ein Ende des Krieges fordern. Für sie ist Netanjahu das wesentliche Hindernis für eine solche Einigung. Der Premier ist in seiner fragilen Koalition auf rechtsextreme und ultrareligiöse Partner angewiesen, die strikt gegen einen Deal mit der Hamas sind. Auch persönlich ist Netanjahu daran gelegen, seine Regierung möglichst lang am Leben zu erhalten. Bei Neuwahlen würde dem Regierungschef nicht nur der Verlust seines Amtes drohen – auch die Korruptionsermittlungen gegen ihn könnten dann wieder Fahrt aufnehmen.

Vor Ende der UNRWA-Arbeit
Derweil bleiben Hilfsgüter in Gaza Mangelware – und die Lage dürfte sich bald noch dramatisieren. Denn Israels Parlament hatte dem UNRWA ein Arbeitsverbot erteilt, die Regierung wirft dem Palästinenserhilfswerk vor, einige Mitarbeiter seien an dem Terrorüberfall vom 7. Oktober 2023 beteiligt gewesen. Laut UNRWA-Chef Philippe Lazzarini gibt es aber trotz mehrfacher Nachfragen keine Beweise. Das Arbeitsverbot für das Hilfswerk dürfte im Laufe des Jänner in Kraft treten, sollte es zu keiner Lösung kommen.

80 Prozent des Gazastreifens seien nun Hochrisikogebiete, so Lazzarini. Die Menschen seien zunehmend verzweifelt. „Sie sind faktisch gefangen, und es gibt für sie keinen sicheren Ort“, sagte der UNRWA-Chef. Im Norden lebten die Menschen unter strikter Belagerung. „Sie laufen in einem Teufelskreis um ihr Leben und sind seit mehr als 40 Tagen ohne humanitäre Hilfe.“

Viele Palästinenser sind von den UNRWA-Angeboten, die von Gesundheitsvorsorge über Sozialdienste bis zu humanitärer Hilfe reichen, abhängig. Alternativen gibt es nicht: Institutionen wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) und das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) gaben an, die Arbeit von UNRWA nicht ersetzen zu können.

Hamas gegen Plünderer
Weil die Not derart groß ist und weiter wächst, steigt auch die Zahl der Plünderungen. Laut UNRWA wurden vor einer Woche bei einem der größten Überfälle der vergangenen Monate auf Hilfslieferungen für den Gazastreifen mehr als 100 Lastwagen geplündert. Notleidende hätten in Verzweiflung versucht, ein leeres UNRWA-Lagerhaus zu stürmen, weil sie dachten, die Hilfslieferungen seien dort angekommen. Aber es habe gar nichts zu verteilen gegeben. Bewaffnete Hamas-Mitglieder gingen gegen die Plünderer vor, es habe viele Tote und Verletzte gegeben.

Israel steht international auch wegen der hohen Zahl ziviler Opfer in der Kritik. Seit Kriegsbeginn starben laut palästinensischen Angaben mehr als 43.800 Menschen, mehr als 100.000 wurden verletzt. Die Angaben unterscheiden allerdings nicht zwischen Zivilisten und Militanten. Israel wirft der Hamas wiederum vor, Zivilisten als Schutzschild zu missbrauchen. Auch humanitäre Helfer geraten wiederholt in die Schusslinien. Laut UNO starben heuer in palästinensischen Gebieten 178 Helferinnen und Helfer.
27.11.2024, red, ORF.at/Agenturen

Mangel, Seuchen, Plünderungen: Nur Hälfte der Spitäler in Gaza in Funktion
 

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#53
Nahost
In Israel nimmt die Begeisterung für den Dienst in der Armee ab
Immer mehr israelische Reservesoldaten wollen nicht mehr dienen. Vielen fehlt das Vertrauen, dass die Regierung das Richtige tut. Ein Bericht aus Haifa

Ein israelischer Panzer zu Jahresbeginn an der Grenze zum Gazastreifen. Viele Israelis können sich mit den Kriegszielen ihres Landes mittlerweile nicht mehr identifizieren.
AFP/JACK GUEZ

Die Stiefel sind längst verschwunden. Amit hatte sie auf den Balkon seiner Erdgeschoßwohnung gestellt, zum Auslüften, und dann dort vergessen. Jetzt sind sie weg, wahrscheinlich konnten die Nachbarn, Arbeitsmigranten aus Thailand, sie für ihre Arbeit gut gebrauchen. Die Militärboots sind nun an der zivilen Front im Einsatz: Erntearbeit statt bewaffneter Kampf. Amit findet das gut.

Eigentlich sollte der 26-Jährige jetzt mit seiner Einheit an der Front dienen. Stattdessen besucht Amit an der Jerusalemer Uni Vorlesungen. Er hat genug vom Kampf. Damit ist er nicht allein.

Laut mehreren israelischen Berichten, die sich auf Armeequellen stützen, liegt die Bereitschaftsquote nur noch bei 75 Prozent der Reservisten. Das heißt: Auf 25 Prozent der Reservisten kann die Armee derzeit nicht zugreifen. Das ist bemerkenswert: Zu Beginn des Kriegs war die Mobilisierungsquote mit 150 Prozent sogar übererfüllt. Soldaten, die eigentlich zu alt waren, um einberufen zu werden, meldeten sich freiwillig. Manche erschienen an der Basis und wurden wieder weggeschickt, weil es keine Ausrüstung für sie gab: zu viele Soldaten, zu wenig Material.

Rache und Zerstörung
Es war kurz nach dem horrenden Überfall der Hamas am 7. Oktober, alle waren überzeugt, dass dieser Krieg einer gerechten Sache diene: dem Schutz der Zivilbevölkerung in Israel und der Befreiung der Geiseln aus der Hamas-Gewalt. Manche, wie Amit, glaubten sogar, dass mit dem Sieg über die Hamas vielleicht auch die palästinensische Bevölkerung in Gaza Freiheit erlangen könnte. Er wollte seinen Beitrag leisten.

Mehr als 400 Tage später habe der Krieg längst "eine Richtung eingeschlagen, die ich nicht mehr mittragen kann". Neben den offiziellen Kriegszielen – Bekämpfung der Hamas, Rückholung der Geiseln – gebe es ein inoffizielles Ziel, das alle anderen überschatte, glaubt Amit: "Rache üben und Gaza zerstören." Diesem Ziel hätten auch viele seiner Kameraden nachgeeifert.

Was viele Reservisten kriegsmüde macht, ist aber nicht nur das Gefühl, dass dieser Krieg kein Ende nimmt. Die jüngsten Ereignisse in Israels Innenpolitik sind für viele der eine Tropfen zu viel. Dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mitten im Krieg den erfahrenen Verteidigungsminister Yoav Gallant durch den loyalen Parteisoldaten Israel Katz ersetzte, könnte die Verweigerungswelle befeuern, glaubt Ephraim Sneh, früherer Brigadegeneral der Armee. "Zu sehen, dass der Ministerpräsident vor allem machtpolitische Ziele verfolgt, wird viele demoralisieren – die Soldaten selbst, aber auch ihre Mütter und Väter." Dann ist da der jüngste Skandal rund um Netanjahus Büro, das Protokolle gefälscht und Militärgeheimnisse geleakt haben soll, um die öffentliche Meinung im Krieg zu manipulieren. Die "Bibileaks"-Affäre erschüttere das ohnehin schon fragile Vertrauen in die politische Führung noch zusehends, sagt Amit. "Du brauchst aber ein gewisses Vertrauen in die Regierung, um bereit zu sein, dein Leben zu riskieren."

Verdeckter Rückzug
Die meisten der Reservisten, die nun nicht mehr zum Dienst erscheinen, tun das nicht im offenen Protest. Jene 170 Männer, die einen offenen Brief unterzeichnet haben, in dem sie ihre Gründe für die Dienstverweigerung darlegen, sind eine Minderheit. Sie sind aber auch der Gradmesser für einen Stimmungswandel, der sich im Lauf des vergangenen Jahres unter vielen Reservisten vollzogen hat.

Einen ähnlichen Protestbrief von Reservisten hatte es schon im April gegeben. Damals hatten aber nur 42 Reservisten unterschrieben, beim aktuellen Brief könnten es bald 200 sein. Und auf jeden Reservesoldaten, der sich zur Dienstverweigerung bekennt, kommen mehrere weitere, die ihren Rückzug im Verdeckten antreten, sagt Amit. Sie geben gesundheitliche Gründe an, lassen sich eine Erschöpfungsdepression diagnostizieren – was in vielen Fällen wohl auch nicht gelogen ist. Sie erklären, dass sie in der Familie oder im Job dringend gebraucht werden. Grundsätzlich sind Männer bis zum Alter von 45 Jahren zum Reservedienst verpflichtet, wenn keine triftigen Gründe dagegensprechen. Für jeden Tag, den sie unentschuldigt dem Dienst fernbleiben, können sie im Militärgefängnis festgehalten werden. Schwerer als das gesetzliche Gebot gilt die soziale Ächtung. Zu Hause zu bleiben, während andere an der Front ihr Leben riskieren, gilt als Verrat.


Manche Israelis wollen ihre Uniform nicht mehr anziehen – und würden sogar lieber ins Gefängnis gehen.
AFP/JAAFAR ASHTIYEH

Amit hat zwei Monate lang als Reservesoldat gedient. Wo genau, will er nicht sagen. Auch seinen richtigen Namen will er im STANDARD lieber nicht veröffentlicht sehen. Damit hat Michael Ofer-Ziv, ein 29-jähriger Hightech-Angestellter aus Tel Aviv, kein Problem. "Ich wünschte, es würden sich mehr Leute trauen, ehrlich zu sagen, warum sie den Dienst verweigern", sagt er. "Dann würde sich vielleicht etwas ändern." Einige seiner Bekannten hatten mit Michaels Ehrlichkeit keine große Freude. "Sie haben mir Textnachrichten geschrieben, dass ich den Tod verdiene." Michael lacht darüber, aber man hört ihm an, dass es ihn nicht unberührt lässt.

Schließlich war auch er anfangs überzeugt gewesen, dass sein Engagement im Krieg sinnvoll sei. Es war Mitte Dezember 2023, als eine Nachricht aus Gaza dazu führte, dass ihm Zweifel kamen. Yotam Haim, Alon Shamriz und Samer Talalka, drei israelische Geiseln, die es geschafft hatten, sich aus der Gewalt der Hamas zu befreien, waren von israelischen Scharfschützen in Gaza erschossen worden. Sie hatten weiße Tücher geschwenkt und auf Hebräisch um Hilfe gebeten, nichts half. Die drei jungen Männer "wurden zur Verkörperung eines Gefühls, dass das Vorgehen unserer Armee den Geiseln nicht hilft, sondern ihnen sogar schadet", sagt Michael.

Empathie für Palästinenser
Auch was er selbst im Reservedienst erlebte, trug eher nicht dazu bei, sein Vertrauen in die Armee zu stärken. Als Soldat, der ein gewisses Maß an Empathie für die Not der Palästinenser aufbrachte, war er in seiner Einheit Teil einer winzigen Minderheit, sagt Michael. In der Minderheit waren aber auch die rechten Extremisten, die Gaza am liebsten wieder besetzen würden. "Die Mehrheit, das waren einfach Leute, die sich einig sind, dass man keine Unbeteiligten töten soll." Wer als unbeteiligt gilt, war eine Frage, die dann durchaus unterschiedlich beantwortet wurde.

Michael wurde in einem "war room" eingesetzt, Angriffe auf Ziele in Gaza wurden hier gesteuert. Was er dort von anderen Soldaten hörte, befremdete ihn. "Es gibt keine Unschuldigen in Gaza", sagte ein Kamerad. "Die Kinder, die wir (im Gazakrieg, Anm.) 2014 verschont haben, sind die Terroristen von heute", meinte ein anderer. Man müsse nur eins und eins zusammenzählen, um zu wissen, dass solche Soldaten eher wenig Skrupel haben, wenn es um unbeteiligte Zivilisten geht, meint Michael. Die Aussagen im "war room", das Wissen um "die humanitäre Krise, die wir in Gaza geschaffen haben" – alles zusammen war ihm irgendwann zu viel: "Lieber sitze ich im Gefängnis, als auch nur einen Tag länger zu dienen."
(Maria Sterkl aus Haifa, 29.11.2024)
In Israel nimmt die Begeisterung für den Dienst in der Armee ab
 

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#54
Siedler bereit
Zeichen für Nordgaza-Besetzung mehren sich
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Mehr als ein Jahr nach dem Ausbruch des Gaza-Krieges und fast 20 Jahre nach der Auflösung von jüdischen Siedlungen im Gazastreifen stehen zahlreiche Siedlerfamilien bereit, in den Gazastreifen zu gehen und – unter dem Schutz des israelischen Militärs – wieder Siedlungen in dem Palästinensergebiet aufzubauen. Am Donnerstag tourte der ultraorthodoxe Minister Jizchak Goldknopf mit Siedlern entlang des Gazastreifens.
Online seit gestern 30.11.2024, 21.16 Uhr
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Bautenminister Goldknopf ließ sich dort von Daniella Weiss, Anführerin der Siedlerbewegung Nachala, ihre Pläne für die Errichtung neuer Siedlungen in Gaza erklären. Goldknopf, der sich seit Ausbruch des Krieges wiederholt dafür aussprach, nannte auf der Plattform X „die jüdische Besiedlung die Antwort auf das Massaker vom 7. Oktober und die Haftbefehle aus Den Haag“ (des Internationalen Strafgerichts gegen Regierungschef Benjamin Netanjahu und Ex-Verteidigungsminister Joav Galant, Anm.).

Nachala errichtet illegal Vorposten in der besetzten Westbank, die dann im Lauf der Zeit zu Siedlungen ausgebaut und oft genug von der israelischen Regierung später anerkannt werden. Dabei kommen „Karavanim“, über Nacht aufstellbare Wohncontainer, zum Einsatz. Laut einer diese Woche gezeigten Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Senders Kan wurden bereits Hunderte Siedlerfamilien rekrutiert. Diese würden nur auf das Zeichen warten, um in Gaza solche illegale Vorposten für Siedlungen zu errichten.

Wohncontainer bereits an Grenze
Auch zahlreiche „Karavanim“ seien organisiert worden und würden sich bereits an der Grenze befinden, hieß es in der Doku, in der Weiss selbst und andere Siedlerinnen und Siedler ganz offen von ihren Plänen erzählten. Spätestens nächstes Jahr sei man in Gaza sicher, zeigte sich Weiss, die von Kanada mit Sanktionen belegt wurde, überzeugt, dass sie ihre Pläne umsetzen können wird.

Reuters/Tomer Appelbaun
Finanzminister Bezalel Smotritsch will, dass die Hälfte der Palästinenser und Palästinenserinnen aus Gaza auswandert

Kein gutes Zeichen für Geiseln
Klar ist, dass all diese Pläne nichts Gutes für die 101 Geiseln, die sich immer noch in Gaza in Händen der Hamas und anderer Terrorgruppen befinden, heißen. Denn die Hamas nennt als eine Grundbedingung für einen Deal, dass sich Israels Militär ganz aus Gaza zurückzieht, womit Siedler völlig ungeschützt wären.

Minister: Palästinenser „zahlen lassen“
Minister Amichai Eliahu von der rechtsradikalen Partei Ozma Jehudit sagte am Donnerstag im Radiosender Kan, man müsse die Hamas und die Palästinenser für den 7. Oktober „zahlen lassen“ und Teile Gazas besetzen und besiedeln. Denn „es gibt keinen Sieg ohne Besetzung, ohne einen Teil des Territoriums wegzunehmen“. Das sei „gut für alle“, und wer das nicht akzeptiere, könne gern woanders hingehen.

Smotritsch: Auf Hälfte der Bevölkerung „ausdünnen“
Der rechtsradikale Finanzminister Bezalel Smotritsch, zuständig auch für den Bau von Siedlungen in den besetzten Gebieten, sagte am Montag laut der Website Times of Israel, er sei zuversichtlich, dass es gelingen werde, den Gazastreifen binnen zwei Jahren „um die Hälfte der Bevölkerung auszudünnen“. Siedler und auch Minister sprechen auch ganz offen von „Transfer“, also der Absiedlung möglichst vieler Palästinenserinnen und Palästinenser aus dem durch den Krieg schwer zerstörten Gazastreifen.

Seien diese Forderungen im Frühjahr noch eher leise erhoben worden, so würden hochrangige Siedlervertreter wie eben Weiss das mittlerweile laut und ohne jede Zurückhaltung fordern, so der Militäranalyst Amos Harel in der linksliberalen Tageszeitung „Haaretz“ am Freitag.

„Besiedlung für Sicherheit nötig“
Bereits zum jüdischen Laubhüttenfest im Oktober kamen zahlreiche Knesset-Abgeordnete und Minister an die Gaza-Grenze, wo Laubhütten aufgestellt wurden. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: „Die Besiedlung Gazas ist für die Sicherheit notwendig“. All das zeigt: Das Besetzungs-, Siedlungs- und Transfer- bzw. Absiedlungsprogramm der Siedlerbewegung ist längst im Zentrum der Macht in Israel angekommen. Aber auch: Was früher als völlig abseitig und politisch viel zu extrem galt, ist mittlerweile vielfach in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass Netanjahu mit diesen Gruppierungen koaliert und sie durch seine Unterstützung zuvor in die Knesset hievte.

Und auch viele Militärs und Ex-Militärs sind der Ansicht des Ex-Generals Giora Eiland, der seit Monaten mit dem „Plan der Generäle“ und der Forderung, den Norden dauerhaft militärisch zu besetzen, für Aufsehen sorgt: Er fordert die dauerhafte Besetzung und die völlige Abriegelung – nach einer kurzen Frist für die Zivilbevölkerung zu flüchten.

Chance, nicht Trauma
Der 7. Oktober ist für die Siedlervertreter weniger ein nationales Trauma und ein ungeheures Staatsversagen als vielmehr die Gelegenheit, um den aus ihrer Sicht historischen Fehler des ehemaligen rechtskonservativen Regierungschefs Ariel Scharon wiedergutzumachen. Dieser hatte im August 2005 – also vor bald 20 Jahren – alle nach dem Sechstagekrieg 1967 errichteten 21 Siedlungen im Gazastreifen aufgelöst und sowohl die Siedlerinnen und Siedler als auch das Militär einseitig – also ohne Absprache mit der Palästinensischen Autonomiebehörde – aus dem Gazastreifen abgezogen.

Scharon erhoffte sich durch die Abtrennung eine Verringerung palästinensischer Terrorangriffe, was sich aber spätestens mit der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen 2007 als Illusion erwies, auch wenn vorübergehend die Angriffe auf israelische Ziele tatsächlich zurückgingen.

Voraussetzungen geschaffen
Die Voraussetzungen für die Errichtung von Siedlungen – zumindest im Norden des Gazastreifens – sind jedenfalls geschaffen: Die israelische Armee hat den Norden mit einer Militärzone quer durch den Gazastreifen – den Nezarim-Korridor – längst vom Süden abgetrennt. Die verbliebene Zivilbevölkerung – rund 300.000 – weigert sich bisher aber beharrlich, in den Süden zu flüchten. Und Israel lässt weiter humanitäre Hilfe in den Norden – auch wenn sie laut Hilfsorganisationen völlig unzureichend ist und es riesige Probleme mit der Verteilung – etwa durch Erpressung und Überfälle auf die Lkws dann innerhalb Gazas – gibt.

In der Kan-Dokumentation sind mehrere junge Familien auf einer Anhöhe mit Blick auf Gaza zu sehen. Der Interviewer fragt sie zu ihren Motiven, in Gaza zu leben – darunter auch ein kleines Mädchen im Volksschulalter: Der Gazastreifen gehöre den Juden, das stehe schon in der Bibel. Auf die Frage, was die palästinensischen Kinder machen sollten, antwortetet es: „In ein anderes Land gehen.“

Reuters
Große Teile Gazas sind völlig oder weitgehend zerstört

Laut UNO-Teilungsplan von 1948, der bis heute Grundlage internationaler Bemühungen um eine Zweistaatenlösung ist, ist der Gazastreifen zusammen mit Westjordanland und Ostjerusalem Teil des Palästinenserstaates, der an der Seite Israels bestehen soll.

Eine Beilegung des Krieges zwischen Hamas und Israel ist derzeit nicht in Sicht – ja nicht einmal eine Waffenruhe. Bis 20. Jänner ist nun wohl Abwarten angesagt – auch für die Geiseln und die palästinensische Zivilbevölkerung. Und dann wird es darauf ankommen, welche Pläne der neue US-Präsident Donald Trump für die Region hat.
01.12.2024, Guido Tiefenthaler (Text), Mario Palaschke (Lektorat), beide ORF.at
Siedler bereit: Zeichen für Nordgaza-Besetzung mehren sich
 

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#56
Waffenruhe im Gazastreifen und Freilassung von israelischen Geisel

Gaza-Deal zwischen Israel und Hamas steht
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Israel und die radikalislamische Hamas haben sich Berichten zufolge auf ein Abkommen über eine Waffenruhe im Gazastreifen und die Freilassung von israelischen Geisel geeinigt. Offiziell verkündet wurde die Einigung am Mittwoch allerdings noch nicht. Laut dem Büro von Israels Premier Benjamin Netanjahu sollen Details noch in der Nacht geklärt werden.
Online seit heute, 18.06 Uhr (Update: 19.49 Uhr)
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Die Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas sieht laut der Nachrichtenagentur Reuters eine anfängliche sechswöchige Waffenruhe vor. Die Hamas werde zunächst 33 israelische Geiseln freilassen. Darunter seien alle festgehaltenen Frauen, Kinder und Männer über 50.

Israel werde für jede zivile Geisel 30 palästinensische Gefangene aus israelischer Haft entlassen. Für jede israelische Soldatin, die in der Gewalt der Hamas sei, würden 50 palästinensische Gefangene freikommen. Insgesamt halten die Extremisten rund 100 Geiseln im Gazastreifen fest.
Im Gegenzug soll sich Israels Armee laut Reuters schrittweise aus dem Gazastreifen zurückziehen. Weiters sei vorgesehen, dass pro Tag 600 Lkw-Ladungen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen gebracht werden. 300 Lkws seien für den Norden des Gazastreifens vorgesehen. Auch Treibstoff soll in den weitgehend zerstörten Küstenstreifen gebracht werden, meldete Reuters.

Bericht: Dauerhafte Waffenruhe in Phase zwei möglich
Verhandlungen über eine zweite Phase der Vereinbarung sollen am 16. Tag der ersten Phase aufgenommen werden, berichtete Reuters weiter. Es sei zu erwarten, dass dann alle verbliebenen Geiseln freikommen, darunter auch israelische Soldaten. Auch ein dauerhafter Waffenstillstand und der komplette Abzug des israelischen Militärs aus dem Gazastreifen werden dann voraussichtlich vereinbart.
In einer dritten Phase sollten alle verbliebenen Leichen übergeben und der Wiederaufbau des weitgehend zerstörten Gazastreifens begonnen werden. Der Wiederaufbau wird laut Abkommenstext von Ägypten, Katar und der UNO überwacht.

Die Umsetzung des Abkommens soll von Katar, Ägypten und den USA garantiert werden. Diese drei Staaten haben über Monate zwischen Hamas und Israel vermittelt. Direkte Gespräche zwischen den Kriegsparteien gab es nicht.

Axios: Hamas erteilte schriftliche Zustimmung
Die Hamas im Gazastreifen hat nach Angaben aus Kreisen der Islamistenorganisation dem Abkommen schriftlich zugestimmt. Die Zustimmung wurde laut dem US-Medium Axios bei den Vermittlern in Katar hinterlegt. Das sei geschehen, nachdem Israel wie verlangt Pläne für den Abzug seiner Truppen vorgelegt habe, hieß es aus Kreisen der Hamas in Katar. Alle palästinensischen Fraktionen haben den Kreisen zufolge den Vorschlag akzeptiert.

Israels Regierung: Abstimmung am Donnerstag
Die israelische Regierung wird voraussichtlich am Donnerstag über eine Vereinbarung mit der Hamas über eine Waffenruhe im Gazastreifen und die Freilassung der dort festgehaltenen Geiseln abstimmen. Das geht aus einer Stellungnahme des Außenministeriums hervor.
Ressortchef Gideon Saar werde seine Europareise verkürzen, damit er an der Abstimmung des Sicherheitskabinettes und der Regierung über die Vereinbarung teilnehmen könne, hieß es. Laut Reuters wird erwartet, dass sich eine Mehrheit innerhalb der Regierung für das Abkommen ausspricht.

Netanjahu-Büro: Einige Details noch zu klären
Aus dem Büro von Premier Netanjahu hieß es Mittwochabend, es gebe noch keine Einigung. Einige Fragen müssten noch geklärt werden. „Wir hoffen, dass die Details heute Abend geklärt werden“, teilte Netanjahus Büro mit.

Jubel in Gaza
Im Gazastreifen lösten die Nachrichten Jubel aus. Tausende Menschen versammelten sich auf den Straßen, um zu feiern, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP aus Deir al-Balah im Zentrum des Palästinensergebietes und anderen Gegenden berichteten. Die Menschen tanzten, umarmten einander und fotografierten sich, um den besonderen Moment festzuhalten.

Katar kündigt Pressekonferenz an
Der Vermittler Katar kündigte eine Pressekonferenz an, ohne jedoch eine Uhrzeit zu nennen. In einer Einladung der staatlichen Nachrichtenagentur heißt es, die Konferenz werde von Ministerpräsident Scheich Mohammed bin Abdulrahman Al Thani geleitet. Dieser ist auch Außenminister. Katar, Ägypten und die USA haben in den vergangenen Monaten in dem Konflikt vermittelt.

Trump: Geiseln „werden bald freigelassen“
Der designierte US-Präsident Donald Trump erklärte ebenfalls, dass eine Einigung erzielt worden sei. Die „Geiseln in Nahost“ würden „bald freigelassen“, so Trump am Mittwoch.

Der türkische Außenminister Hakan Fidan sah einen wichtigen Schritt für die Stabilität in der gesamten Region. Die Türkei werde sich weiterhin für eine Zweistaatenlösung einsetzen.

Die UNO mahnte eine Beseitigung der Hindernisse für Hilfslieferungen an die Bevölkerung im Gazastreifen ein. Dazu gehörten unter anderem der Zusammenbruch von Recht und Ordnung und das Fehlen von Treibstoff, sagte eine Sprecherin des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA). Die UNO könne nur so viel Hilfe liefern, wie die Bedingungen an Ort und Stelle zuließen.
15.01.2025. red, ORF.at/Agenturen

Links:
Israelischer Ministerpräsident
UNO
Reuters-Artikel

Axios-Bericht

Berichte: Gaza-Deal zwischen Israel und Hamas steht
 

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#57
Details noch in Verhandlung
Israel verstärkt Angriffe vor Waffenruhe
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Israel und die radikalislamische Terrororganisation Hamas haben sich am Mittwoch auf eine Waffenruhe geeinigt. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gab bisher keine Erklärung ab, aus seinem Büro hieß es in der Nacht auf Donnerstag, dass an Einzelheiten des Abkommens noch gearbeitet werde. Unterdessen gab es neue Angriffe mit Toten im Gazastreifen.
Online seit heute, 6.49 Uhr
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Nach Angaben des Zivilschutzes verstärkte die israelische Armee ihre Angriffe. Bei schweren Bombardements vor allem in Gaza-Stadt seien in der Nacht 32 Menschen getötet worden, teilten Ärzte mit. Die Angriffe dauerten bis in die frühen Morgenstunden und zerstörten Häuser in Rafah im Süden, in Nuseirat im Zentrum und im Norden des Gazastreifens.

Netanjahu will erst nach abschließender Klärung von Details eine Erklärung zu der von Katar zuvor verkündeten Waffenruhe abgeben. An den letzten Einzelheiten des Abkommens werde noch gearbeitet, teilte das Büro des Regierungschefs am späten Abend mit. Laut der israelischen Nachrichtenseite Ynet handelt es sich um „technische Details“ wie die genaue Zusammensetzung der Liste jener Häftlinge, die im Tausch gegen israelische Geiseln freigelassen werden sollen. Mit der Billigung durch das Sicherheitskabinett und die Regierung sei zu rechnen. Medien zufolge soll das Kabinett am Vormittag zusammentreten.

Appell von israelischem Präsidenten an Regierung
Laut dem zwischen Israel und der Hamas vermittelnden Golfstaat Katar einigten sich beide Seiten auf eine Waffenruhe und den Austausch von Geiseln und palästinensischen Häftlingen. Sie soll am Sonntag um 12.15 Uhr (11.15 Uhr MEZ) in Kraft treten und in einer ersten Phase 42 Tage dauern. Israels Staatspräsident Jizchak Herzog rief das Sicherheitskabinett und die Regierung seines Landes auf, die Vereinbarung mit der Hamas zu billigen.

Die Waffenruhevereinbarung sei „der richtige Schritt“, sagte Herzog am Mittwoch. In einer Fernsehansprache betonte er: „Es gibt keine größere moralische, menschliche, jüdische oder israelische Verpflichtung, als unsere Söhne und Töchter zu uns zurückzubringen.“ Man müsse die israelischen Bürgerinnen und Bürger zurückbringen, „damit sie sich zu Hause erholen können oder beigesetzt werden“. Das Abkommen werde „zutiefst schmerzhafte, herausfordernde und erschütternde Momente mit sich bringen“.

APA/AFP/Gil Cohen-Magen
Herzog mahnte die Regierung, das Abkommen abzusegnen

Erwartet wird, dass die Regierung das Abkommen mit großer Mehrheit absegnet. Einige von Netanjahus ultrarechten Koalitionspartnern sprachen sich vehement dagegen aus. So nannte der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotritsch das Abkommen Mittwochabend eine Gefahr für die Sicherheit Israels.

Waffenruhe ab Sonntagmittag
Laut Katars Ministerpräsident Mohammed bin Abdulrahman Al Thani wird die erste Phase 42 Tage dauern. Insgesamt geplant seien drei Phasen, sagte der scheidende US-Präsident Joe Biden. Im Gegenzug für eine anfängliche Waffenruhe von sechs Wochen werde die Hamas zunächst 33 israelische Geiseln freilassen, darunter alle festgehaltenen Frauen, Kinder und Männer über 50.

Israel werde für jede zivile Geisel 30 palästinensische Gefangene aus israelischer Haft entlassen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Für jede israelische Soldatin, die in der Gewalt der Hamas sei, würden 50 palästinensische Gefangene freikommen. Die Extremisten halten noch rund 100 Israelis in Gaza fest.

Gaza-Bevölkerung soll sich wieder frei bewegen können
Israels Armee soll sich Medienberichten zufolge nach und nach aus bewohnten Gebieten des Gazastreifens zurückziehen, zunächst aber nicht vom Philadelphi-Korridor entlang der Grenze zu Ägypten. Israel befürchtet, dass die Hamas dort wieder Waffen in den Gazastreifen schmuggeln könnte.
Die in den Süden des Küstenstreifens geflohenen Einwohnerinnen und Einwohner sollen sich wieder frei im Gazastreifen bewegen und unter internationaler Aufsicht in ihre Wohngebiete im Norden zurückkehren dürfen. Weiters sei vorgesehen, dass pro Tag 600 Lkw-Ladungen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen gebracht werden. Auch Treibstoff soll in den weitgehend zerstörten Küstenstreifen gelangen.

Dauerhafter Frieden angestrebt
Während der sechswöchigen Phase eins sollen laut Biden die notwendigen Vereinbarungen ausgehandelt werden, um zu Phase zwei zu gelangen: zu einem dauerhaften Ende der Kämpfe. Die Waffenruhe solle andauern, solange diese Verhandlungen liefen – auch falls sich das länger als sechs Wochen hinziehe.

In der zweiten Phase sollten auch alle restlichen lebenden Geiseln freigelassen werden, darunter auch männliche Soldaten. Das israelische Militär solle sich dann komplett aus dem Gazastreifen zurückziehen.

In der dritten Phase sollen laut Biden die Leichen getöteter israelischer Geiseln an ihre Familien zurückgegeben werden. Außerdem soll der Wiederaufbau im Gazastreifen beginnen. Die Umsetzung des Abkommens soll von Katar, Ägypten und den USA garantiert werden. Diese drei Staaten haben über Monate zwischen Hamas und Israel vermittelt. Direkte Gespräche zwischen den Kriegsparteien gab es nicht.

Hamas-Chefverhandler: Werden nie verzeihen
Die Hamas begrüßte das Abkommen und hob die Standhaftigkeit Gazas und seiner Bevölkerung hervor. Der Chefverhandler der Islamisten, Chalil al-Haija, zeigte sich dagegen unnachgiebig. Man werde das Leid der Menschen im Gazastreifen während des Krieges mit Israel nicht verzeihen, sagte der Hamas-Verhandler.

AP/Abdel Kareem Hana
Die Nachricht über eine Einigung sorgte für Jubel im Gazastreifen

Im Gazastreifen lösten die Nachrichten Jubel aus. Tausende Menschen versammelten sich auf den Straßen, um zu feiern. Die Menschen tanzten, umarmten einander und fotografierten sich, um den besonderen Moment festzuhalten.

Biden: Deal wird Kämpfe stoppen
Biden zeigte sich „begeistert“ über die Vereinbarung. „Dieser Deal wird die Kämpfe im Gazastreifen stoppen, dringend benötigte humanitäre Hilfe für palästinensische Zivilisten anschwellen lassen und die Geiseln nach mehr als 15 Monaten Gefangenschaft mit ihren Familien vereinen“, sagte Biden.

Der designierte US-Präsident Donald Trump erklärte ebenfalls, dass eine Einigung erzielt worden sei. Die „Geiseln in Nahost“ würden „bald freigelassen“, so Trump am Mittwoch. Netanjahu teilte mit, sich bei Biden und Trump telefonisch für ihre Bemühungen bedankt zu haben.
16.01.2025, red, ORF.at/Agenturen

Details noch in Verhandlung: Israel verstärkt Angriffe vor Waffenruhe
 

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#58
Gazakrieg
Erste Geisel-Freilassungen nach fragiler Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas
Die Waffenruhe im Gazastreifen konnte am Sonntag erst mit Verzögerung in Kraft treten. Ob sie hält und ob jemals die weiteren Phasen des Deals realisiert werden, ist offen

Inmitten der Zerstörung im Norden des Gazastreifens machten sich am Sonntag zahlreiche Menschen auf den Weg, um in ihre Häuser zurückzukehren.
Foto: AFP/OMAR AL-QATTAA

Knapp drei Stunden Verzögerung. Stunden, in denen die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen weitergingen und mindestens 19 Tote gemeldet wurden. Stunden, in denen in Israel Menschen weiterhin um ihre dort festgehaltenen Angehörigen bangen mussten und befürchtet wurde, dass der am Mittwoch vereinbarte Deal zwischen Israel und der Hamas doch noch in letzter Minute scheitert. Doch am Sonntag um 10.15 Uhr MEZ trat die Waffenruhe im Gazastreifen schließlich in Kraft.

Israel machte die Hamas verantwortlich, die Namen der Geiseln, die am Sonntag freigelassen werden sollten, nicht rechtzeitig übermittelt zu haben. Die Hamas sprach von "technischen Gründen". Romi Gonen (24), Emily Damari (28) und Doron Steinbrecher (31) waren es dann, die aus dem Gazastreifen und aus der Gewalt der Hamas wieder in Freiheit kamen. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie die drei Frauen in einem Fahrzeug in Gaza von einer großen Menge umringt wurden. Nach Angaben des Roten Kreuzes sind die drei Zivilistinnen in guter Verfassung. Israel sollte im Austausch 90 inhaftierte Palästinenserinnen und Palästinenser freilassen.


Drei weibliche Geiseln wurden am Sonntag freigelassen.
Foto: REUTERS/DAWOUD ABU ALKAS

Romi Gonen war beim Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 vom Nova-Musikfestival nahe der Grenze zum Gazastreifen entführt und dabei verletzt worden. Die beiden anderen Frauen wurden aus ihren Häusern im Kibbuz Kfar Aza verschleppt. Emily Damari hat neben der israelischen auch die britische Staatsangehörigkeit. Doron Steinbrecher ist auch rumänische Staatsbürgerin.

Im Gazastreifen machten sich wiederum tausende Menschen auf den Weg zurück in ihre Häuser, auf Bildern waren lange Schlangen von Menschen mit Kleidung und anderen Habseligkeiten zu sehen. UN-Schätzungen zufolge sind etwa 90 Prozent der Bevölkerung in diesem Krieg mindestens einmal vertrieben worden, sie mussten unter oft desaströsen Bedingungen ohne ausreichende Hilfe von außen ausharren. Was nun von ihrem Zuhause bei ihrer Rückkehr noch übrig sein wird, ist unklar. In 15 Monaten Krieg wurde der Gazastreifen in weiten Teilen in Schutt und Asche gelegt.

Drei Phasen
Die nun für sechs Wochen anberaumte Waffenruhe ist ein Aspekt des Deals, auf den sich Israel und die Hamas unter Vermittlung der USA, Ägyptens und Katars am Mittwoch geeinigt hatten. Steinbrecher, Damari und Gonen sind drei von 33 der insgesamt 97 im Gazastreifen noch festgehaltenen israelischen Geiseln, die in dieser ersten Phase gegen fast 2000 inhaftierte Palästinenser ausgetauscht werden sollen. Zudem muss sich die israelische Armee aus dichtbesiedelten Gebieten im Gazastreifen zurückziehen, und es soll zu einer schnellen Verbesserung der Versorgungslage im Gazastreifen kommen, wo nach UN-Angaben 90 Prozent der Bevölkerung unter Hunger leiden. Erste Hilfslieferungen trafen dem UN-Welternährungsprogramm WFP zufolge am Sonntag über den Grenzübergang Kerem Shalom im Süden und über Zikim im Norden im Gazastreifen ein.


Kurz vor in Inkrafttreten des Deals kam es noch zu israelischen Angriffen im Gazastreifen, etwa in Beit Hanoun. Weite Teile des Küstengebietes wurden in 15 Monaten Krieg in Schutt und Asche gelegt.
Foto: EPA/ATEF SAFADI

Bereits diese erste Phase des Deals stand auf politisch wackeligen Beinen, das israelische Kabinett stimmte nach Verzögerungen erst in der Nacht auf Samstag zu. Ob jene Teile des Deals, die über die ersten 42 Tage hinausgehen, jemals realisiert werden, ist offen. Dann geht es um einen langfristigen Waffenstillstand, die Freilassung aller noch lebenden israelischen Geiseln im Austausch gegen weitere hunderte palästinensische Häftlinge sowie einen Abzug israelischer Truppen aus dem Gazastreifen. Die dritte Phase des Deals, die den Wiederaufbau im Gazastreifen und die Übergabe sterblicher Überreste israelischer Geiseln beinhaltet, scheint in noch weiterer Ferne.

Noch am Samstag hatte Israels Premier Benjamin Netanjahu von einer "temporären" Vereinbarung gesprochen. Sollte Israel zu dem Schluss kommen, dass die Gespräche über die zweite Phase des Abkommens aussichtslos seien, habe Netanjahu die "volle Unterstützung" der USA – sowohl vom noch amtierenden Präsident Joe Biden als auch von seinem Nachfolger Donald Trump –, dass Israel den Krieg gegen die Hamas wieder aufnehmen könne.

Druck von Koalitionspartnern
Netanjahus rechtsextreme Koalitionspartner kritisieren die Vereinbarung seit Wochen und setzen den Premier unter Druck. Mit Inkrafttreten der Waffenruhe am Sonntag trat Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir mit seiner Partei Otzma Jehudit, die über sechs von 120 Sitzen in der Knesset verfügt, aus Israels Regierung aus.

Die Koalition verfügt nun nur noch über eine sehr knappe Mehrheit von 62 Sitzen. Finanzminister Bezalel Smotrich hatte die Vereinbarung ebenfalls scharf kritisiert, verbleibt mit seiner über sieben Mandate verfügenden Partei aber vorerst in der Koalition. Oppositionsführer Yair Lapid hatte Netanjahu während der Verzögerungen rund um die Abstimmung im Kabinett bereits ein "Sicherheitsnetz" im Parlament für den Deal mit der Hamas zugesichert. Ob dieses Angebot auch über die erste Phase des Abkommens hinaus gilt, ist allerdings unklar.

Ben-Gvir und Smotrich sehen in der Vereinbarung die Kapitulation Israels vor der Hamas und warnten, dass freigelassene palästinensische Häftlinge Anschläge verüben könnten. Sie fordern die vollständige Vernichtung der Hamas – wie sie Netanjahu auch selbst nach dem Massaker am 7. Oktober 2023 versprochen hatte, bei dem die Hamas rund 1200 Menschen in Israel getötet und etwa 250 in den Gazastreifen verschleppt hatte. Enttäuschende Einschätzungen kamen dazu vor wenigen Tagen von Antony Blinken: Der noch amtierende US-Außenminister schätzte, dass die Hamas fast so viele neue Kämpfer rekrutiert hat, wie sie verloren hat.
(maa, 19.1.2025)
Erste Geisel-Freilassungen nach fragiler Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas
 

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#59
Geiseldeal
Hamas demonstriert Macht in Gaza
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Bereits die Bilder, die bei der Befreiung der drei israelischen Geiseln – der ersten Stufe des Gaza-Deals – um die Welt gegangen sind, haben klargemacht: Die Terrororganisation Hamas will zeigen, dass sie weiter die Macht in Gaza hat – und zwar auch nach 15 Monaten Krieg, in dem Gaza von Israels Armee in weiten Teilen zerstört und ein Großteil der Hamas-Führung getötet wurde. Auch am Dienstag versuchte sie, wie eine funktionierende Verwaltung zu agieren. Möglich macht das vor allem ein Verhalten der israelischen Regierung.
Online seit heute, 0.05 Uhr
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Kurz nach Inkrafttreten der Waffenruhe in Gaza begann die Hamas, Tausende ihrer Kämpfer – großteils uniformiert – auf die Straßen zu schicken, um sichtbar die Kontrolle zu übernehmen. Sie paradierten und zeigten mit den Fingern das Victory-Zeichen. Tatsächlich ist die Hamas nicht nur der Verhandlungspartner für das Waffenruheabkommen – sie ist auch die einzige Kraft, die es auf palästinensischer Seite umsetzen kann und von der, neben Israel, die Umsetzung der weiteren Schritte abhängt.

Denn was Fachleute – in Israel und außerhalb – praktisch seit Beginnn des Gaza-Krieges, er ist die Reaktion auf den beispiellosen Überfall der Hamas auf Israel mit rund 1.200 Todesopfern und Hunderten Entführten, gefordert hatten, hat die rechtspopulistische Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bisher konsequent verweigert: eine Alternative zur Hamas in Gaza aufzubauen, zuzulassen oder auch nur offiziell über eine Ordnung in Gaza nach dem Krieg zu reden. Auch die Vorschläge der USA, Ägyptens, Saudi-Arabiens und anderer Länder wurden immer wieder zurückgewiesen.

AP/Abed Hajjar
Vermummte Hamas-Kämpfer kontrollierten die Menschenmenge, während die Rotkreuz-Fahrzeuge mit den Geiseln vorbeifuhren.

Und Israel ist es trotz der großen Übermacht und der gewaltigen Zerstörung mit Zehntausenden Toten nicht gelungen, die beiden selbst gesteckten Ziele allein mit militärischen Mitteln zu erreichen: die Hamas dauerhaft zu zerschlagen und die Geiseln zu befreien. Auch das hatten Fachleute in breiter Übereinstimmung immer wieder vorausgesagt.

„Ohrfeige für israelische Regierung“
Auch der Auftritt der uniformierten Hamas-Kämpfer bei der Geiselübergabe war kein Zufall, und das Signal an Israel und Hilfsorganisationen war klar: Für die Umsetzung des Deals und den Wiederaufbau braucht es die Zusammenarbeit mit der Terrororganisation. Die Präsenz uniformierter und bewaffneter Hamas-Kämpfer sei „eine Ohrfeige für die israelische Regierung und die Armee“, so der frühere Geiselverhandler Gerschon Baskin gegenüber dem „Wall Street Journal“. „Es zeigt, dass Israel seine Kriegsziele nie erreichen konnte.“

Sollte der Waffenstillstand halten, könnte das die Spannungen in der Region etwas verringern. Eine Region, die einen der blutigsten Kriege in der modernen Geschichte erlebt, in dessen Verlauf sich Israel auch gegen Angriffe der Hisbollah an der Nordgrenze, zwei schwere Raketenangriffe des Iran und Dauerbeschuss durch die jemenitischen Huthis wehren musste und muss.

Chaos und Zerstörung
Im Gazastreifen selbst herrscht trotz Waffenruhe weiter Chaos angesichts der Zerstörung und Tausender noch unter den Trümmern liegender Leichen. Die rund zwei Millionen Menschen wurden während des Krieges nur notdürftig mit Hilfsmitteln versorgt. Das Gros der Spitäler, die so wie Schulen von der Hamas teils untertunnelt und als Basis missbraucht und in der Folge von Israel angegriffen und großteils zerstört wurden, ist nicht funktionsfähig.

Verstärkte Hilfslieferungen
Das Abkommen sieht eine starke Erhöhung der Hilfslieferungen vor. In einer Diskussion des israelischien Strategie-Thinktanks Institute for National Security Studies (INSS) waren sich zuletzt Fachleute einig, dass die Verringerung der Hilfslieferungen durch Israel auch ein strategischer Fehler war.
Denn je weniger Hilfe, desto mehr beherrsche die Hamas die Lieferkette und könne damit ihre interne Macht ausbauen. Man müsse Gaza vielmehr „mit Hilfe fluten“ – das und die Zustimmung zu einer alternativen Verwaltung in Gaza, die die Regierung bisher verweigert, würde auch Israels internationales Standing stärken.

APA/AFP/Eyad Baba
Weite Teile des Gazastreifens sind völlig zerstört

Umsetzung weiterer Schritte ungewiss
Am Samstag ist der nächste Tausch – vier israelische Geiseln gegen 120 palästinensische Gefangene – geplant. Der Plan sieht drei Phasen vor. In der ersten – sechswöchigen – Phase sollen 33 israelische Geiseln freikommen. Für jede zivile Geisel muss Israel 30 Häftlinge entlassen, für jeden Soldaten bzw. jede Soldatin 50.

Doch es ist ungewiss, ob das Abkommen von beiden Seiten umgesetzt wird – zumindest die ersten beiden je sechswöchigen Phasen. Für die Hamas sind die Geiseln die einzige Trumpfkarte gegenüber Israel. Und Netanjahu muss um seine Regierungsmehrheit bangen. Zudem ließe sich mit Kriegsende die innerisraelische Aufarbeitung des politischen wie militärischen Versagens am 7. Oktober 2023 endgültig nicht mehr verschieben.
22.01.2025, Guido Tiefenthaler (Text), Georg Filzmoser (Lektorat), beide ORF.at
Geiseldeal: Hamas demonstriert Macht in Gaza
 

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#60
Rückkehr in die Trümmer des Gazastreifens
Seit Sonntag ist eine Waffenruhe in Kraft, die Menschen wollen nach Hause. Doch nicht alle Gebiete kann man erreichen – und viele haben gar kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren können

Inmitten der Zerstörung machen sich seit Sonntag zahlreiche Menschen auf den Weg, um in ihre Häuser zurückzukehren
– hier etwa in Rafah.
Foto: AFP/BASHAR TALEB

Nach mehr als einem Jahr schweigen im Gazastreifen seit Sonntag weitgehend die Waffen. In 15 Monaten Krieg wurde das schmale Küstengebiet mit seinen zwei Millionen Einwohnern in weiten Teilen in Schutt und Asche gelegt, die meisten Menschen wurden obdachlos und mussten unter oft desaströsen Bedingungen ohne ausreichende Hilfe von außen ausharren. Viele kehren nun in ihr Zuhause zurück – oder das, was davon übrig ist. Menschen aus Gaza schildern ihre Eindrücke, Hoffnungen und Ängste.

Ayman*: "Ich zwinge mich, optimistisch zu sein"
Die letzten 15 Monate waren ein Albtraum. Immer wieder habe ich gedacht, dass wir die Angriffe nicht überleben werden. Ich musste in dieser Zeit mehr als zwölfmal fliehen, zehn Monate war ich im Haus meiner Schwester in Jabalia im Norden des Gazastreifens. Nach drei Monaten wurde es immer schlimmer, der Tod war überall. Man weiß nicht, woher der nächste Angriff kommt, wer als Nächstes sterben wird und wohin man fliehen soll. Diese und andere Fragen sind mir ständig durch den Kopf gegangen, manchmal konnte ich vor lauter Angst tagelang kaum schlafen. Anfang 2024 begannen Menschen in Nordgaza zu hungern. In der Früh bin ich los, habe lange Wege auf mich genommen, um Mehl zu finden, obwohl ich wusste, dass es keines gibt. Um ehrlich zu sein, habe auch ich versucht, von den Hilfen, die nach Gaza-Stadt gekommen sind, zu stehlen, aber es ist mir nicht gelungen. Ich habe versucht, vor meinen fünf Kindern und ihren Blicken zu flüchten, ich konnte in ihren Augen die Worte "Ich habe Hunger" sehen. Diese schreckliche Situation hat fast ein halbes Jahr gedauert. Es war die Hölle.


Ayman konnte in den Augen seiner Kinder die Worte "Ich habe Hunger" sehen.
UN-Angaben zufolge leiden 90 Prozent der Bevölkerung unter Hunger.
Foto: REUTERS/Hatem Khaled

Als die israelische Armee im Oktober 2024 den Einsatz in Jabalia begann, mussten wir fliehen, seither sind wir im Beach Camp (al-Shati) an der Küste. Als die Waffenruhe in Kraft getreten ist, bin ich wieder zum Haus meiner Schwester in Jabalia.

Es gibt keine Worte, die beschreiben könnten, was ich dort gesehen habe. Einige Menschen, die nach Jabalia zurückgekehrt sind, konnten nicht mehr erkennen, wo sie gelebt haben. Es war wie am Tag des Jüngsten Gerichts. Alles ist weg, Gebäude, Straßen, Schulen, Spitäler, sogar UN-Gebäude verbrannten oder wurden schwer beschädigt. Brunnen und Generatoren sind zerstört, die Infrastruktur ist nicht mehr vorhanden. Nachts habe ich Angst, meine Augen zu schließen, weil ich mich nicht an diese Szenen erinnern möchte.

Mein eigenes Haus im Süden von Gaza-Stadt liegt heute beim Netzarim-Korridor zwischen Nord- und Südgaza. Niemand durfte dorthin, das ganze Gebiet ist zerstört, es sind keine Häuser mehr übrig. Zu den Überresten meines Hauses kann ich nächste Woche.


Ein Foto aus Jabalia vom Donnerstag: Die Zerstörung war so schlimm, dass viele Menschen bei ihrer Rückkehr nicht
erkennen konnten, wo sie gelebt haben, erzählt der 50-jährige Ayman.
Foto: IMAGO/Hashem Zimmo

Ich glaube, dass der Krieg, auch aufgrund der jüngsten politischen Ereignisse, wie dem Wahlsieg von Donald Trump und dem Rücktritt israelischer Militärs und dem enormen Druck innerhalb der Bevölkerung des Gazastreifens, die alles verloren hat, aufhören wird. Die Hamas muss die Bühne verlassen und die Führung des Gazastreifens anderen überlassen.

Ich zwinge mich, optimistisch zu sein, nicht für mich, sondern für meine Familie, die zu mir aufsieht. Ich muss Stärke zeigen, damit die Familie stark bleibt.
*Nachname der Redaktion bekannt.
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DER STANDARD

Nadia Abo Mallou: "In Rafah gibt es keine Lebensgrundlagen mehr"
Das Ausmaß der Zerstörung in Rafah ist so massiv. Die Stadt war komplett menschenleer, nun versuchen die Leute zurückzukommen. Aber wenn sie ihre Häuser sehen und erkennen, dass alles zerstört ist, gehen sie wieder. In Rafah gibt es keine Lebensgrundlagen mehr. Die Gegend Tal al-Sultan ist entsetzlich, es sind Berge von Trümmern. Wir konnten nicht einmal die Straßen erkennen.

Als ich beim Emirati-Spital angekommen bin, konnte ich nicht sagen, ob das das Spital ist und ob wir in der Straße des Spitals sind. Das Krankenhaus, das Leben bringt: komplette Leere, kein Lebenszeichen, alles ist total zerstört. Worte können die Szenen nicht beschreiben, die wir in Rafah gesehen haben.


Zerstörung nahe dem Philadelphi-Korridor in Rafah am Mittwoch. "Wir konnten nicht einmal die Straßen erkennen",
sagt Nadia Abo Mallou, Assistentin des medizinischen Koordinators von Ärzte ohne Grenzen (MSF), nach ihrer Rückkehr nach Rafah.
Foto: EPA/MOHAMMED SABER

Rafah war jener Ort, an dem von Jänner bis etwa Mai vergangenes Jahr etwa 1,3 Millionen Menschen Schutz gesucht haben. Jetzt sehen wir hier kaum Leute. Menschen, die nach Hause zurückkehren wollen, drehen wieder um und gehen nach al-Mawasi oder Khan Younis, wegen des Ausmaßes der Zerstörung. Und weil es kein Wasser gibt, keine Infrastruktur, auch keine Sicherheit. Wir können von hier aus den Philadelphi-Korridor sehen, Panzer, die sich bewegen. Es gibt kein Gefühl der Sicherheit.
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Nada Hammad: "Es gibt keinen Ort, an den wir zurückkehren könnten"
Vor dem Krieg haben wir in Al-Zahra gelebt, nahe Gaza-Stadt. Ich habe als Lehrerin und Übersetzerin gearbeitet, meine Familie hatte ein Haus, einen Monat vor dem Krieg bin ich mit meinem kleinen Sohn in meine eigene Wohnung gezogen. Dann waren wir gezwungen, unser Zuhause zu verlassen. Wir mussten drei- oder viermal fliehen, von unserem Zuhause nach Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens, dann nach Nuseirat, dann wieder nach Deir al-Balah. Wir mussten auch innerhalb von Deir al-Balah mehrmals woandershin, weil es an einigen Orten gefährlich war.

Im Dezember 2023 haben wir erfahren, dass das obere Stockwerk unseres Hauses zerstört wurde, auch der Zaun und der Garten. Aber der Hauptteil des Hauses stand noch. Im April 2024 haben wir Bilder und Videos von einem Nachbarn bekommen und gesehen, dass in unserer Straße alle Häuser, auch unseres, komplett zerstört sind. Auch meine Wohnung und die Wohnung meines Bruders. Es war niederschmetternd für alle, aber was sollen wir tun. Wir bleiben in nächster Zeit in Deir al-Balah, weil es keinen Ort gibt, an den wir zurückkehren können.


Die 30-jährige Nada Hammad bleibt wie viele andere vorerst in Deir Al-Balah, weil ihr Zuhause zerstört wurde.
Foto: IMAGO/Majdi Fathi

Die letzten Monate waren ein absolutes Chaos, voller Angst, Unsicherheit und der stetigen Herausforderung, Essen auf den Tisch zu bringen, sauberes Wasser zu finden, Ladegeräte aufzutreiben. Die Situation mit dem Essen war wirklich schlimm, es war sehr eingeschränkt, was wir am Markt gefunden haben beziehungsweise uns leisten konnten. Mehl war knapp, Trinkwasser schwer zu bekommen. Hoffentlich ändert sich das jetzt, wo die Waffenruhe in Kraft ist.

Ich hoffe, die Dinge verbessern sich, dass wir Unterstützung bekommen, unser Zuhause wieder aufzubauen, dass ich wieder Kinder unterrichten kann. Ich vermisse das Unterrichten. Ich bin optimistisch, dass die Waffenruhe hält. Aber gleichzeitig habe ich auch Angst, dass Fanatiker von egal welcher Seite entscheiden, dass die Zerstörung noch nicht reicht und es weitergehen muss.
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Reem Alreqeb: "Unschuldige Kinder zahlen den höchsten Preis"
Ich leite die SOS-Kinderdörfer im Gazastreifen, und jenes in Rafah ist komplett zerstört worden. Nach Inkrafttreten der Waffenruhe haben wir die erste Gelegenheit genutzt, uns ein Bild von dem ehemaligen Zuhause der Kinder zu machen. Die früheren Wohnhäuser sind dem Erdboden gleichgemacht worden. Wir werden das Dorf komplett neu aufbauen müssen. Es ist zu befürchten, dass die in Gaza verbliebenen Kinder und Mitarbeitenden noch sehr lange in provisorischen Unterkünften leben müssen.


Eine Frau in den Trümmern eines Hauses in Rafah am Mittwoch. Das dortige SOS-Kinderdorf ist zerstört worden und
muss komplett neu aufgebaut werden, sagt die 36-jährige Reem Alreqeb, Leiterin der SOS-Kinderdörfer im Gazastreifen.
Foto: REUTERS/Mohammed Salem

Das SOS-Kinderdorf Rafah wurde im Mai 2024 evakuiert, nachdem der Aufenthalt dort für die Kinder immer bedrohlicher geworden war. Obwohl explizit als humanitäres Zentrum ausgewiesen, waren Bombeneinschläge zeitweise bis auf 200 Meter an das SOS-Kinderdorf herangekommen. Wir haben damals die schwere Entscheidung getroffen, 33 Kinder sowie Mitarbeitende inmitten des Krieges in die Stadt Khan Younis umzusiedeln. Hätten wir das Dorf nicht verlassen, wären wir wahrscheinlich alle getötet worden. Einmal mehr zeigt sich, dass unschuldige Kinder den höchsten Preis für diesen grausamen Krieg zahlen.

Meine große Hoffnung ist jetzt, dass die Waffenruhe hält und in einen dauerhaften Frieden mündet. Aber auch dann sind die Kinder in Gaza noch lange auf Hilfe angewiesen. Es fehlt an allem: Nahrungsmitteln, Unterkünften, medizinischer Versorgung sowie psychologischer Unterstützung. Die gesamte Infrastruktur – Straßen, Wasser- und Stromversorgung, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen – wurde während des Krieges zerstört. Es wird Jahre dauern, das wiederaufzubauen.
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Nahed Abu Iyada: "Sorge, dass es nur vorübergehend ist"
Die Nachricht von der Waffenruhe hat bei mir eine Welle gemischter Gefühle ausgelöst: Erleichterung, Angst, Freude, Ungewissheit – und die Sorge, dass das nur vorübergehend sein könnte. Ich habe ein Aufflackern von Hoffnung gespürt, aber begleitet von Ungläubigkeit und Vorsicht. Der Gedanke, in das, was von meinem Zuhause übrig geblieben ist, zurückzukehren, war für mich aufregend, aber auch beängstigend.


Auch in Gaza-Stadt ist die Zerstörung nach 15 Monaten Krieg deutlich erkennbar. Die 43-jährige Nahed Abu Iyada,
Nothelferin bei der Hilfsorganisation Care, glaubt nicht, dass sie bald nach Hause zurückkehren kann.
Foto: REUTERS/Dawoud Abu Alkas

Zu Beginn des Krieges musste ich zunächst aus meinem Zuhause in Gaza-Stadt fliehen, nach Khan Younis. Dann wurde meine Mutter krank und konnte nicht mehr in der Notunterkunft bleiben. Sie zog mit meinen Schwestern in das Zentrum des Gazastreifens, dann nach Rafah, nach dem Evakuierungsbefehl für Rafah wieder ins Zentrum, nach Nuseirat, das nicht zur humanitären Zone gehört. Leider gab es keine anderen Möglichkeiten, da es sonst einfach keinen Platz gab.

Ich werde von Nuseirat nicht so bald nach Hause zurückkehren können, weil unser Haus teilweise zerstört wurde. Der Wiederaufbau wird viel Zeit und Mühe kosten. Um die Trümmer zu beseitigen, muss zuerst geprüft werden, ob die Wände noch intakt sind, und gefährliche Kriegsreste entfernt werden.


Unterernährung, vor allem bei Kindern und schwangeren oder stillenden Müttern, ist weitverbreitet,
sagt Care-Nothelferin Nahed Abu Iyada.
REUTERS/Mohammed Salem

Die vergangenen Monate waren von extremer Not und ständiger Angst geprägt. Unser Alltag war ein Kampf um das Nötigste. Die ständige Bedrohung durch Angriffe hat zu einem Kreislauf der Vertreibung geführt, bei dem Familien auf der Suche nach Sicherheit von einem Ort zum nächsten ziehen und oft in überfüllten Lagern oder provisorischen Unterkünften landen, in denen es am Nötigsten fehlt. Durch die Zerstörung von Häusern, Infrastruktur und lebenswichtigen Diensten haben viele keinen Zugang zu Essen, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung. Unterernährung, vor allem bei Kindern und schwangeren oder stillenden Müttern, ist weit verbreitet.

Ich habe Angst, dass die Waffenruhe nur ein zerbrechlicher Frieden sein wird, eine vorübergehende Pause im Chaos. Auch wenn wir diesen Moment feiern – die tiefen Narben des Kriegs werden noch lange nach dem Ende der Angriffe bleiben.
(Protokolle: Noura Maan, 25.1.2025)
Rückkehr in die Trümmer des Gazastreifens
 
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