Museum Niederösterreich St.Pölten: Sonderausstellung "Der junge Hitler - Prägende Jahre eines Diktators 1889 - 1914"

josef

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#1
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29. Februar - 9. August 2020

Prägende Jahre eines Diktators
1889 – 1914

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Wir nehmen das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassenhass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert, ehe der Erste Weltkrieg ausbrach? Eine Parallelerzählung präsentiert die Biografie Hitlers bis 1914 und die politischen Strömungen dieser Zeit.
Kuratoren: Christian Rapp, Andrea Thuile, Benedikt Vogl & Hannes Leidinger


Museum Niederösterreich - Haus der Geschichte
3100 St.Pölten, Landhausviertel - Kulturbezirk


Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag, Feiertage
9:00 – 17:00 Uhr
Montag (außer Feiertag) geschlossen

https://www.museumnoe.at/de/haus-der-geschichte
 

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#2
Hitler: „Prägende Jahre eines Diktators“

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Einen Blick auf die Kindheits- und Jugendjahre des späteren „Führers“ Adolf Hitler wirft ab 29. Februar die Ausstellung „Der junge Hitler – Prägende Jahre eines Diktators 1889-1914“ im Haus der Geschichte in St. Pölten. Dazu erscheint ein praktisch gleichnamiges Buch von Christian Rapp und Hannes Leidinger.
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Detailreich verweben dabei Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte im Museum Niederösterreich, und der Historiker Hannes Leidinger die Familienhistorie des Sohns eines Zollbeamten mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten und Denkweisen bzw. politischen Umständen der damaligen Zeit.

Gleich zu Beginn machen sich die Autoren Gedanken darüber, inwieweit eine biografische Betrachtung Hitlers überhaupt sinnvoll und gangbar ist: „Die Gefahr eines biografischen Blicks auf die Person Hitlers besteht immer darin, die Gesellschaft oder zumindest große Teile der Gesellschaft zu exkulpieren und die Verantwortung auf einen Einzelnen zu konzentrieren.“

Bis 1914 formten sich Hitlers Charakter und Weltbild
Es gebe aber durchaus einen Grund, in diesem Fall die Person „Hitler“ in den Vordergrund zu stellen: „In der Zeit bis 1914 formen sich sein Charakter und sein Weltbild. Was immer Erster Weltkrieg und Revolution zur Radikalisierung Hitlers beigetragen haben mögen, die Grundlagen sind bereits vorhanden.“

Fotostrecke mit 6 Bildern:

Verlag Alinari
Adolf Hitler, Michaelerplatz in Wien, Aquarell


Verlag Alinari
Adolf Hitler, Parlament in Wien, AquarellVerlag Alinari


Adolf Hitler, Hofbräuhaus in München, Aquarell


Nachlass August Kubizek in Kooperation mit dem DÖWA
Adolf Hitler, Villa für August Kubizek, Skizze


Nachlass August Kubizek in Kooperation mit dem DÖW
Postkarte Adolf Hitlers an August Kubizek: „Dir und deinen werten Eltern sende ich hiemit die herzlichsten Glückwünsche zu den Feiertagen mit vielen Grüßen Hochachtungsvoll Adolf Hitler"


Nachlass August Kubizek in Kooperation mit dem DÖW
Vorderseite der Postkarte, die Adolf Hitler an August Kubizek sendete

So folgen die Autoren der Kindheit und Jugend ihres Protagonisten von Braunau, Lambach, Leonding, Linz und Steyr bis später zu den Aufenthalten in Wien. Der Schwerpunkt liegt aber eindeutig in Oberösterreich, wo Hitler zunächst in einer gut situierten Mittelstandsfamilie aufwächst. Der Leser erfährt vom jähzornigen Vater, der seinen Sohn häufig schlägt, von Adolfs Vorliebe für Karl May bzw. dessen Häuptling Winnetou, der Schmerzen stoisch erträgt, von der Mutter, die sich um den schwächlichen Adolf auch aufgrund des frühen Todes von vier Geschwistern übermäßig sorgt. Das böte genug Stoff für jede Menge Küchenpsychologie, derer sich die Autoren aber enthalten.

Leidinger/Rapp über Hitler: „Hedonistischer Lebensstil“
Vielmehr zeichnen sie detailliert die Schullaufbahn Hitlers nach – von den Anfängen als guter Volksschüler, der allerdings als Rädelsführer bei diversen Streichen und Sachbeschädigungen hervortritt, bis zum späteren Scheitern in der Realschule. „Regulative, Normen, Anweisungen, Ein- und Unterordnen, Einfügen in eine Gruppe, geregelte Arbeits- und Zeitpläne: Das alles lehnt er zugunsten eines hedonistischen und unregelmäßigen Lebensstils ab. Nur was Spaß macht, zählt“, heißt es etwa. Auch dem gesellschaftlichen Abstieg nach der Pension bzw. dem Tod des Vaters bzw. der späteren Geldnot widmen die Autoren immer wieder Raum.

Fotostrecke mit 7 Bildern
Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com
Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet von einem Mitschüler namens Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905


ÖNB Wien
Hitlers Mutter Klara, geborene Pölzl (1860-1907), um 1885/90


ÖNB Wien
Hitlers Vater Alois (1837-1903), in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890


Nachlass August Kubizek in Kooperation mit dem DÖW
Hitlers Jugendfreund August Kubizek (1888-1956)


ANNO/Österreichische Nationalbibliothek
Arztzimmer im Männerheim Meldemannstraße in Wien, 1910


ANNO/Österreichische Nationalbibliothek
Fußwaschraum im Männerheim Meldemannstraße in Wien, 1910


ANNO/Österreichische Nationalbibliothek
Gang in den Schlafsälen des Männerheims Meldemannstraße in Wien, 1910

Den Charakter Hitlers lassen sie etwa seinen damals einzigen Freund aus Jugendtagen, August Kubizek, beschreiben: Ihn „beschäftigte und beunruhigte“ alles, ihm „blieb nichts gleichgültig“. „Harmlose Dinge, ein paar unbedachte Worte etwa, konnten Zornesausbrüche bei ihm hervorrufen, bei denen meiner Ansicht nach der Gefühlsaufwand in keinem Verhältnis zu der Geringfügigkeit der Sache stand.“

Gleichzeitig wird Hitler in seinem gesellschaftlichen Umfeld verortet – vom antislawischen Abwehrkampf gegen Tschechen in Linz bis zum schwelenden bzw. offenen Antisemitismus. So ist damals in christlich-sozialen Zeitungen etwa zu lesen, wenn „dem Judentum die Geldzufuhr abgeschnitten wird, dann muß es selbst weichen und Österreich wird von der ekligen Läuseplage befreit“.

Hitler hat Feindbilder „verarbeitet und verinnerlicht“
Besonders antisemitisch eingestellt war der junge Hitler allerdings nicht, konstatieren die beiden Autoren. „Alles in allem besteht kaum ein Zweifel: Hitler hat sich in Oberösterreich ‚weder eine geschlossene antisemitische Weltanschauung angeeignet‘, wie er in ‚Mein Kampf‘ vorgibt, noch ist bei ihm zu dieser Zeit eine gerade auch unter Deutsch-Österreichern verbreitete judenkritische Haltung ausgeprägt.“

Buchhinweis
Hannes Leidinger/Christian Rapp, Hitler – Prägende Jahre. Kindheit und Jugend 1889-1914. Residenz Verlag, 224 Seiten, 24 Euro
Allerdings: Eine Reihe von Feindbildern der Jahrhundertwende, insbesondere den Hass auf die Slawen und Juden, habe Hitler verarbeitet und verinnerlicht, schreiben Leidinger und Rapp. „Ungeachtet seiner Distanz zur Parteipolitik und seines allgemeinen Mangels an sozialem Engagement in den ersten Lebensdekaden sind frühe weltanschauliche Orientierungsmuster erkennbar. Vor allem das ‚völkische‘ Denken ist Teil seines wenig originellen Weltbildes.“ Etwas weniger detailliert verfolgen die Autoren die Spuren Hitlers in Wien. Zäsur des Buches ist schließlich das Ende des Ersten Weltkriegs und Hitlers Aufbruch nach München.
19.02.2020, red, noe.ORF.at/Agenturen

Link:
Hitler: „Prägende Jahre eines Diktators“
 

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#3
Schau bietet neuen Blick auf Hitlers Jugend
Sowohl Adolf Hitlers persönliche Erfahrungen als auch die gesellschaftlichen Entwicklungen bis zu seinem 25. Lebensjahr sind Thema einer Schau im Haus der Geschichte in St. Pölten. Einige Exponate wurden noch nie zuvor ausgestellt.
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Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren ist der Anlass für die Sonderausstellung in St. Pölten. Anhand von Hitlers Jugendjahren soll die charakterliche und politische Entwicklung jenes Mannes gezeigt werden, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs zu verantworten hat. Von Hitlers Geburt 1889 in Braunau in Oberösterreich bis zu seinem Eintritt in den Ersten Weltkrieg 1914 in der Bayerischen Armee zeigt die Schau, wie ihn zuerst sein familiäres Umfeld, später seine Schulausbildung in Linz und das Leben in Wien prägten.

Selbstüberschätzung und beginnender Größenwahnsinn ziehen sich bereits durch die frühen Jahre. Niederlagen oder Rückschläge gab es in Hitlers (1889-1945) subjektiver Wahrnehmung nicht. Laut Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte, zeigt sich dieser Charakterzug Hitlers bereits sehr früh: „Er strebt dann immer das Nächsthöhere an, wenn ihm etwas misslingt. Er hat eine große Sorge, sich zu blamieren.“

Originalobjekte aus dem Nachlass August Kubizeks
Seinem Jugendfreund August Kubizek erzählte Adolf Hitler etwa nicht, dass er 1907 von der Akademie der bildenden Künste abgelehnt wurde. Als Hitler das zweite Mal scheiterte, tauchte er unter und verließ die gemeinsame Wohnung. In der Ausstellung wird der letzte Brief Hitlers an Kubizek gezeigt. Darin findet sich aber kein Hinweis darüber, dass Hitler ausgezogen war. Er hatte finanzielle Probleme und zog im Alter von 20 Jahren in ein Obdachlosenasyl in Wien-Meidling.

ORF/Pöchhacker
August Kubizek ist der wichtigste Zeuge für die Jugendjahre Hitlers und seiner Zeit in Wien

Die Schau wurde in Zusammenarbeit mit dem Historiker Hannes Leidinger erstellt. Für ihn ist Hitlers Sozialisation in Österreich ausschlaggebend für sein späteres Leben: „Er ist 56 Jahre alt geworden und hat die Hälfte seines Lebens in Österreich verbracht. Er muss doch von Österreich in dieser Zeit auch geprägt werden, wir alle werden ja in unserer Jugend geprägt.“ Bestehende Hitler-Biografien würden zudem auf seine frühen Jahre nur sehr kurz eingehen und erst mit seiner Zeit in München starten.

Dabei entwickelten sich die späteren Charakterzüge in der Jugend, so Leidinger: „Dieser Hitler, den wir von den Reden kennen, dieser teilweise lächerliche, teilweise dämonische, jedenfalls unangenehme Redner, auch ein charakterlich erstarrter Mensch – der ist sehr, sehr früh in seiner Jugend schon erkennbar.“ Christian Rapp und Hannes Leidinger fassten Hitlers Entwicklung in seinen Jugendjahren auch in einem Buch zusammen.

Berührungspunkte mit Antisemitismus
Bereits in seiner Kindheit in Oberösterreich ist Hitler in einem antisemitischen Milieu aufgewachsen, so Christian Rapp. Sein Geburtsort Braunau spielte in seinem Leben eigentlich eine untergeordnete Rolle, so Kuratorin Andrea Thuile: „Sein Vater war Zollbeamter. Als Hitler drei Jahre alt war, ist die Familie von Braunau nach Passau, dann von Passau wieder nach Österreich, gezogen. Linz hat ihn dann in seiner Schulzeit stark geprägt.“ In der Schau erzählen ehemalige Schulkollegen in Audioaufnahmen aus den 1970er-Jahren von Hitlers Verhalten in der Schule. Schon damals habe er immer der Anführer sein wollen und die Klasse in Germanen und Nicht-Germanen geteilt.

Fotostrecke mit 5 Bildern
ORF/Pöchhacker
Adolf Hitlers Leben zieht sich anhang großer schwarzer Blöcke durch die Ausstellung. Eingebettet sind seine wichtigsten biografischen Stationen in die historischen Entwicklung der Zeit
ORF/Pöchhacker
Seine Mutter Klara Hitler ist die wichtigste Bezugsperson in Adolfs Jugendjahren. Er pflegt sie bis zu ihrem Tod 1907
ORF/Pöchhacker
Die Schau zeigt das Prüfungsprotokoll der Akademie der bildenden Künste aus dem Jahr 1907
ORF/Pöchhacker
Neben Hitlers Namen fügen die Professoren das Urteil „ungenügend“ hinzu
ORF/Pöchhacker
In der Linzer Realschule hält sich Hitlers schulischer Erfolg in Grenzen. Er besteht zwar eine Wiederholungsprüfung in Französisch, trotzdem wird ihm nahe gelegt, die Schule zu verlassen

Dokumentiert ist Hitlers großes Interesse am Antisemitismus dann erstmals während seiner Zeit in Wien. Im Alter von 18 Jahren zog er dorthin. Nach Aussagen von August Kubizek trat Hitler einem antisemitischen Verein bei. Was Hitler in sein Weltbild übernahm, sei damals durchaus gesellschaftlicher Mainstream gewesen, so Kuratorin Andrea Thuile: „Er musste nichts erfinden. Er hat Bestehendes radikalisiert, massentauglich gemacht.“

Für die damalige Gesellschaft seien seine Ansätze eigentlich nichts Neues gewesen, sagt Christian Rapp: „Das war in den Tageszeitungen zu lesen. Das hat mich persönlich überrascht. Ob es der Imperialismus war, also die Vorstellung, die Europäer müssen sich ausdehnen können, die Rassenhygiene, die ernst genommen wird, oder ein Antisemitenkongress – das sind alles Dinge, die in der Öffentlichkeit waren.“

ORF/Pöchhacker
In seiner Faszination für Richard Wagner beschließt Hitler, eine Oper zu einer germanischen Sage zu schreiben. Nach Angabe der Kuratoren gibt es keinen Hinweis darauf, dass das Stück jemals vertont wurde.

Notenblatt einer von Hitler komponierten Oper
Ein Exponat ist ein noch nie gezeigtes Notenblatt einer Oper, die Hitler gemeinsam mit Kubizek komponierte. Die beiden lernten sich auch in der Oper kennen. Sie teilten ihre Faszination für Richard Wagner und dessen Werke. Es sei eine asymetrische Bekanntschaft gewesen, so Hannes Leidinger: „Das war keine Freundschaft auf Augenhöhe. Kubizek hat sich untergeordnet. Das zeigt sich beim Schreiben dieser Oper. Hitler hat Befehle gegeben, dass Kubizek das für ihn niederschreiben soll.“

Hitler selbst konnte keine Noten schreiben, er wurde nie musikalisch ausgebildet, war aber trotzdem der Meinung, dass er innerhalb kurzer Zeit dazu in der Lage sei, eine Oper im Wagner-Stil zu komponieren. Kubizek hielt seine „Ideen“ fest. Dieses Notenblatt wird nun erstmals in St. Pölten gezeigt. In der Ausstellungsbeschreibung heißt es dazu: „Es verkörpert wie kein anderes Objekt die bereits in Jugendjahren ausgeprägte Selbstüberschätzung.“
27.02.2020, Nina Pöchhacker, noe.ORF.at
Schau bietet neuen Blick auf Hitlers Jugend
 

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#4
Wie sehr war Hitler durch seine frühen Jahre in Österreich geprägt?
Ein neues Buch sowie eine Ausstellung und ein Symposion in St. Pölten gehen den Lehrjahren des Diktators nach
Der Kalauer des in Wien geborenen US-Regisseurs Billy Wilder ist immer noch gut, zumal im laufenden Beethoven-Jahr: "Die Österreicher haben das Kunststück fertiggebracht, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen."
Wenn es um die Karriere der beiden geht, kann man freilich gut darüber streiten, ob an der österreichischen Verdrehung nicht doch etwas dran ist. Hitler verbrachte zwar seine ersten 24 Lebensjahre – von 1889 bis 1913 – in Österreich. Doch zum rechtsradikalen Politiker wurde er erst in Deutschland. Bleibt die Frage, wie prägend die Zeit in Braunau, Linz und Wien für sein weiteres Leben gewesen ist.

Die bis heute wichtigste Studie zu diesem Thema ist Brigitte Hamanns internationaler Bestseller Hitlers Wien (1996), der den Untertitel "Lehrjahre eines Diktators" trägt. Die in Deutschland geborene Historikerin rekonstruierte darin eindrucksvoll die damalige Atmosphäre der Zweimillionenstadt, die von Zuwanderung geprägt war, und wies auf wichtige politische Vorbilder Hitlers hin wie den christlich-sozialen Bürgermeister Karl Lueger oder den deutschnationalen Politiker Georg von Schönerer, die beide Antisemiten waren.

Der frühe Hitler: neue Funde
Von eigenen judenfeindlichen Aktivitäten Hitlers aus seiner Österreich-Zeit war aber bis vor kurzem kaum etwas bekannt. Die Historiker Hannes Leidinger und Christian Rapp haben aber noch einmal neue Recherchen angestellt und präsentieren in ihrem im Frühjahr erschienenen Buch Hitler – prägende Jahre neue konkrete Anhaltspunkte, dass er beispielsweise doch schon 1908 einem Antisemitenbund beigetreten sein könnte.
Das neue Buch von Hannes Leidinger und Christian Rapp bietet neue Einblicke in die österreichischen Jahre des Diktators.

Sie werfen dabei auch neues Licht auf sein Linzer Umfeld, zu dem auch prononcierte Deutschnationale gehörten und in dem sich Hitler als früher Wagnerianer zu erkennen gab. Zudem haben die beiden auch auf Basis der neuen Erkenntnisse die Schau "Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators 1889–1914" im Haus der Geschichte in St. Pölten gestaltet, die etliche spannende Objekte aus den österreichischen Jahren Hitlers präsentiert.

Höhepunkt des wissenschaftlichen Begleitprogramms dieser Ausstellung ist ein Workshop, der am 16. September in der Niederösterreichischen Landesbibliothek in St. Pölten stattfindet.

Tagung mit Livestream
Unter dem Titel "Hitler und das Fin de Siècle" werden heimische und ausländische Experten wie Thomas Weber über die österreichischen Jahre Hitlers und die Vor- und Frühgeschichte des Nationalsozialismus in Österreich diskutieren. Aufgrund der Corona-Maßnahmen ist die Teilnehmerzahl auf 50 begrenzt, Anmeldungen unter post.k2veranstaltungen@noel.gv.at. Zudem wird es auch einen Live-Stream auf der Facebook-Seite des Museum Niederösterreich geben.
(tasch, 11.9.2020)

Buchtipp:
Hannes Leidinger und Christian Rapp, "Hitler – prägende Jahre. Kindheit und Jugend 1889–1914". € 24,– / 254 Seiten. Residenz-Verlag, Salzburg/Wien 2020

Sonderausstellung "Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators 1889–1914", Haus der Geschichte in St. Pölten (verlängert bis zum 24.1.2021)
Workshop "Hitler und das Fin de Siècle", 16.9.2020 in der NÖ Landesbibliothek

Weiterlesen
Wie sehr war Hitler durch seine frühen Jahre in Österreich geprägt? - derStandard.at
 

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#8
Hitlers Kindheit und Jugend: "Er ist ein Bösewicht"
Ein Buch und eine Ausstellung im Haus der Geschichte in St. Pölten geben Einsichten über den jungen Hitler und seine prägenden Jahre
REZENSION

Historische Postkarte aus Braunau: Sich mit dem "österreichischen" Teil von Hitler, also den Wurzeln, wenn man so will, auseinanderzusetzen ist zweifellos angebracht.
Foto: Imago / Arkivi

Woher kommt das alles, was wenige Jahrzehnte später zu Krieg und Völkermord geführt hat? Hat das wirklich mit Linz und Wien zu tun? In einer Ausstellungsbesprechung in der französischen Zeitung Le Figaro konnte man von der "verborgenen Seite der Belle Époque" lesen, und zu der gehörten nicht nur Klimt, Schiele, Mahler oder Freud, sondern auch ein gewisser Adolf Hitler. Aber hat das eine mit dem anderen zu tun?

Sich mit dem "österreichischen" Teil von Hitler, also den Wurzeln, wenn man so will, auseinanderzusetzen ist zweifellos angebracht, zumal es nur ein einziges bekanntes seriöses Werk dazu gibt: Brigitte Hamanns Hitlers Wien (erschienen 1996); die Linzer Zeit ist dagegen nie umfassend und nur von zweifelhafter Zeitzeugenschaft, Marke Memoirenliteratur, beleuchtet worden.

Zwar kommt auch die Museumskultur nicht ohne Effekte aus, und eine Ausstellung über Hitler ist per se ein Drahtseilakt, weil man um die Aufmerksamkeit für seine Person nicht herumkommt. Aber zumindest ist der Blickwinkel ein anderer, wenn er auf die gesellschaftspolitischen Hintergründe gelenkt wird, die die Person erklären oder verständlich machen sollen.

Abnehmende Geschichtskenntnisse
Ob das eine Ausstellung eher zustande bringt als ein Buch oder umgekehrt, ist müßig zu fragen. In beiden Fällen geht es um Information, und die ist angesichts signifikant abnehmender Geschichtskenntnisse in der Gesellschaft dringend notwendig. Zweifelhaft bleibt allerdings, ob man den Abgrund Hitler mit dem Fokus auf dessen österreichische Jugendjahre wirklich erklären kann.

Darauf hat schon Brigitte Hamann nachdrücklich hingewiesen: Hitlers politischer Antisemitismus lässt sich nicht an den Wiener Jahren festmachen und noch weniger an der Zeit in Linz.

Also was könnten uns Ausstellung und Buch vermitteln? Der Blick aufs Milieu ist zweifellos immer erhellend. Da ist einmal der autoritäre Vater, freisinnig, antiklerikal. Und da ist das Linzer Bürgertum, großdeutsch eingestellt, was damals "liberal" hieß. Mit Linz kommt Hitler erstmals 1898 in Berührung, als der Vater in der Nachbargemeinde Leonding ein Haus erwirbt, zwei Jahre später, als Elfjähriger, wird er Schüler der Linzer Realschule, wo er sich lernunwillig zeigt und gleich in der ersten Klasse sitzenbleibt.

Jähzornig und provokant
Schon damals gefällt er sich in der "Führerrolle", er gibt in der Klasse den Ton an, verlangt "unbedingte Unterordnung" von seinen Mitschülern, ist rechthaberisch, anmaßend, jähzornig und provokant.

"Hitler ist ein Bösewicht, er spiegelt mit dem Sonnenlicht", lautet einmal eine Klassenbucheintragung. Später kann er auch auf der Realschule in Steyr nicht reüssieren, zurück in Linz wird er endgültig zum verkrachten, sonderlinghaften Bohemien, den weder die Schule noch das Arbeiten freut.
Umso mehr setzt er sich, neben seinen Künstlerträumen, mit den politischen Strömungen auseinander, und da war die oberösterreichische Landeshauptstadt ein wahrlich prägender Boden. Die Dichte an deutschnationalen, völkischen Vereinen war geradezu erschreckend, überhaupt wurde der Kulturkampf in Oberösterreich besonders heftig geführt (was bis heute auch den hohen Wähleranteil der FPÖ hier erklären mag).

Die ideologische Prägung, die Hitler nicht zufällig in Linz erfahren hat, hat er in Mein Kampf entsprechend hervorgehoben: Das hier erlebte politische Klima habe in ihm den "Beschluss" reifen lassen, "fanatischer Deutschnationaler" zu werden.

Vorausgriff auf den späteren Massenmord
Das sah in der Praxis etwa so aus, dass der Realschüler seine Klassenkameraden in Germanen und Nichtgermanen, Arier und Nichtarier einteilte: Die einen mussten sich links, die anderen rechts aufstellen. Dass das im Buch nur am Rande, in einem Satz, vorkommt, überrascht: Der Szene kann man zwar keinen Vorausgriff auf den späteren rassischen Massenmord unterstellen, aber sie erinnert im Nachhinein fatal an die Selektionen in Auschwitz.

Der spätere Antisemitismus, Grundstein in Hitlers Vernichtungsprogramm, scheint im Linzer Milieu indes nicht zu wurzeln, dafür gab es, wie Hitler selbst bemerkte, auch viel zu wenige Juden in der Stadt – was freilich die katholisch und deutschnational ausgerichteten Linzer Zeitungen nicht vor besonders übler antisemitischer Stimmungsmache abhielt. Aber es ist so, wie Hitler es selbst bekundete, dass das Wort "Jude" im väterlichen Hause kaum fiel.

Faszination für das Althergebrachte
In Wien ist Hitler – angeblich – sogar mit Juden befreundet oder verkauft über sie seine mittelmäßigen Postkartenbilder. Es sind die Jahre im Männerheim, in denen der "malende Möchtegernpolitiker" noch enttäuschter seinen Träumen nachhängt. Um nicht zu verhungern, kopiert er Alt-Wien-Motive, typisch für seine rückwärtsgewandte Kunstauffassung.

Das Althergebrachte fasziniert ihn, mit der Moderne kann er nichts anfangen, er ist geradezu deren Antipode, sein Interesse gilt einzig den historischen Formen: Einmal will er Sempers Projekt des Kaiserforums vollenden, das den Heldenplatz imperial hätte abschließen sollen, ein andermal eine Oper komponieren, die Richard Wagner nur angedacht hatte (dabei konnte er nicht einmal Noten schreiben).

Was war dieser Jugendliche anderes, möchte man fragen, als ein armseliger Traumtänzer, größenwahnsinnig und schüchtern zugleich, der am Morgen schwer aus dem Bett fand und dann, wenn er einmal auf war, endlose Monologe zu führen beliebte, völlig unkonzipiert, um sich danach an "grandiosen Projekten bis tief in die Nacht" zu berauschen?

Leidenschaft und Wille
Einzig und allein Leidenschaft und Wille, war Hitler überzeugt, mache das Genie aus. So dilettierte er in fast allen Kunstrichtungen: Er malte Gebäude (in dürftiger Qualität), er schrieb Novellen (obwohl es in Stil und Grammatik bei ihm haperte), er wähnte sich als Städteplaner und entwarf am Reißbrett, perspektivisch nicht immer richtig, monumentale Architekturen (in Linz wollte er gar eine Bogenbrücke von der Gugl bis zum Pöstlingberg spannen), und sogar Klavierunterricht hatte er genommen, weil er sich auch in der Musik zu Höherem berufen fühlte.
Es sind da wie dort lächerliche, von Selbstüberschätzung geprägte Versuche. Dass der Erfolg überall ausblieb, quittierte der dandyhafte, zur Selbststilisierung neigende Einzelgänger mit Tobsuchtsanfällen und Verachtung für alles Bürgerliche.

So bleibt es beim "narzisstischen Lebensentwurf" eines Gescheiterten und Hitler der gesellschaftliche Außenseiter, ein Halbgebildeter, Halbbegabter, der auch für keinen bürgerlichen Beruf taugte, weil es ihm obendrein an Disziplin, Ausdauer und Fleiß fehlte, dem also nichts anderes übrig blieb, möchte man meinen, als Politiker zu werden (mit den bekannten Folgen).

Der "Künstler-Politiker". Das liest sich wie ein bitterer satirischer Lebenslauf, und gewiss muss man sich fragend vor Augen führen, ob sich das wirklich so vereinfachend zusammenfassen lässt. Zum Gescheitesten, das über Hitler geschrieben wurde, gehören Sebastian Haffners Anmerkungen zu Hitler (1978).

Dort heißt es über dessen "persönliche Substanz", die so gut wie "keine Entwicklung und Reifung" durchgemacht habe: "Sein Charakter ist früh festgelegt – ein besseres Wort wäre vielleicht: arretiert – und bleibt sich auf erstaunliche Weise immer gleich; nichts kommt hinzu. Kein einnehmender Charakter."
(Gerhard Zeillinger, 4.10.2020)

Die Ausstellung im Haus der Geschichte in St. Pölten läuft noch bis 24. 1. 2021.
Hitlers Kindheit und Jugend: "Er ist ein Bösewicht" - derStandard.at
 
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