Polen gibt im EU-Raum am meisten für Verteidigung aus

josef

Administrator
Mitarbeiter
#1
Kampfroboter und KI: Wie Polen das modernste Abwehrsystem Europas aufbauen will
Kein EU-Land gibt mehr für Verteidigung aus als Polen. Unter dem Druck der russischen Bedrohung entwickelt es sich zum Labor für Sicherheitstechnologien

Die unbemannten Panzerfahrzeuge, die in Polen entwickelt werden, kommen in vielen Ländern zum Einsatz, unter anderem in der Ukraine. Im Bild das Modell Ibis des Forschungsinsituts Łukasiewicz-PIAP.
Lukasiewicz – PIAP

Der Wurfroboter liegt gut in der Hand. Er ähnelt eher einer Hantel als einer ferngesteuerten Hightech-Waffe auf Rädern, wiegt eineinhalb Kilo und kann im Fall des Falles in Gebäude, Keller oder Schächte geworfen werden. "Um zu schauen, ob es Verletzte oder Geiseln gibt", erklärt Adam Szepczyński. Der stämmige Marketingbeauftragte führt durch die Präsentationshalle des Forschungsinstituts, die mit automatisierten Kriegsgeräten jeder Größe vollgestellt ist. Fotografieren ist nicht erlaubt.

Bestseller des auf militärische Forschung spezialisierten Instituts PIAP in Warschau sind wendige Mini-Panzer auf Ketten, ausgestattet mit Robotergreifarm und Kameras. Sie dienen der Aufklärung, Bombenentschärfung und "Neutralisierung" in verschiedensten Kontexten, wie Szepczyński es ausdrückt. Der kleine Kampfroboter kann je nach Bedarf aufgerüstet werden: mit einer Art Spieß zum Aufstechen von Reifen, einer Schrotflinte, einem Wasserwerfer oder einem mobilen Röntgengerät. "Roboter bluten nicht", steht auf den Stickern, die an die Delegation aus österreichischen Forschungsinstituten verteilt werden.

Das PIAP, untergebracht in einem Betonkomplex aus den 1960er-Jahren am Stadtrand Warschaus, beliefert Armeen sowie Antiterror- und Polizeieinheiten in 28 Ländern mit Robotern namens Gryf, Ibis oder Tarantula. Einer der Hauptabnehmer ist die Ukraine. Der Fokus liege derzeit jedoch auf Projekten für das polnische Militär, um dessen Bedarf an unbemannten Fahrzeugen zu decken, betont PIAP-Direktor Piotr Szynkarczyk. Dafür habe man auch eine strategische Partnerschaft mit Polens größtem Rüstungskonzern, der staatlichen Polish Armaments Group (PGZ), geschlossen.

Die Forschung konzentriert sich auf autonome Roboter, aber auch auf integrierte Systeme, die Daten von Drohnen KI-gestützt auswerten und schnellere Entscheidungen ermöglichen. "Es braucht nicht nur Drohnen, sondern ein Zusammenspiel von Luft und Boden", betont Szynkarczyk.

Die größte Armee der EU
Aufgeräumt, schick und modern präsentiert sich das Stadtbild Warschaus. Die Skyline aus gläsernen Wolkenkratzern und die zahlreichen Baustellen zeugen vom beeindruckenden Aufschwung, den Polen in den vergangenen Jahren erlebt hat. Besonders in einem Bereich hat das Land alle anderen Staaten Europas überflügelt: Polen verfügt über die größte Armee der EU und nach den USA und der Türkei über die drittgrößte der Nato. Während in der EU seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine um Rüstungsausgaben gerungen wird, pumpt Polen längst Unsummen in die Verteidigung. Mit Investitionen von knapp fünf Prozent des BIP ist das Land unangefochtener Spitzenreiter in EU und Nato.


Die Skyline von Warschau zeugt vom Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre.
Karin Krichmayr

Nicht erst seit im Vorjahr 19 russische Drohnen in den polnischen Luftraum eindrangen und eine Eisenbahnlinie gesprengt wurde, über die Hilfsgüter für die Ukraine durch Polen transportiert wurden, herrscht eine unterschwellige Angst vor russischen Aggressionen. Zu tief verwurzelt sind die historischen Erfahrungen, die Polen immer wieder zum Spielball der Großmächte machten. Die jahrzehntelange sowjetische Herrschaft hat Narben hinterlassen, und bereits seit der Krim-Annexion 2014 wächst die Sorge, Russland könnte auch nach Polen greifen.

Die Grenze zur Ukraine, aber auch jene zu Belarus und zur russischen Enklave Kaliningrad machen Polen zum östlichen Bollwerk der Nato. Gern wird das Bild vom Schutzschild Europas bemüht. Diese Sichtweise wird auch in der Bevölkerung breit geteilt: Trotz aller politischen Gräben herrscht parteiübergreifend Konsens darüber, dass es eine schlagkräftige Verteidigung braucht. Das schlägt sich auch in einer Verschiebung des Forschungsfokus nieder. Ob an Universitäten, in den außeruniversitären Łukasiewicz-Instituten, zu denen auch das PIAP gehört, oder in Start-ups – Innovationen für Sicherheit und Verteidigung haben seit Beginn des Kriegs in der Ukraine oberste Priorität. Auch die Forschungsförderung hat sich militarisiert, Streitkräfte, Wissenschaft und Industrie sind enger zusammengerückt.

44 Milliarden für Aufrüstung
Gleichzeitig tritt die konventionelle Kriegsführung mit schwerem Gerät zunehmend in den Hintergrund. Vergleichsweise billige, aber höchst effektive Drohnen prägen inzwischen die Kriegsführung. Mit dem Antidrohnenwall SAN (System Antydronowy) prescht Polen erneut vor und will bis Jahresende das modernste Abwehrsystem Europas aufbauen. Kostenpunkt: rund 3,5 Milliarden Euro.

Ein Großteil der Mittel soll aus dem neuen EU-Programm SAFE (Security Action for Europe) kommen. Trotz eines Vetos des nationalkonservativen Präsidenten Karol Nawrocki und Protesten der PiS, die vor einem zu großen Einfluss Brüssels warnten, hat die Mitte-links-Regierung unter Donald Tusk Anfang Mai als erstes EU-Land ein Darlehensabkommen unterzeichnet. Damit sicherte sich Polen bis 2030 eine Finanzspritze von 44 Milliarden Euro für die Aufrüstung – nahezu ein Drittel der Gesamtsumme. Voraussetzung ist, dass vor allem europäische Lieferanten zum Zug kommen.


Besucher derDefence24 Days, einer Messe für Verteidigung und Sicherheit, die Anfang Mai in Warschau stattfand, bewundern eine Überwachungsdrohne made in Polen. Ein Großteil der Bevölkerung steht hinter der massiven Aufrüstung.
AFP/WOJTEK RADWANSKI

Der Krieg in der Ukraine hat auch Polens Entwicklung zu einem Frontstaat der Digitalisierung beschleunigt. Milliardenschwere Investitionen fließen in die Cyberabwehr, seit 2022 wird zudem ein spezialisiertes Cyberkommando aufgebaut, das auch offensiv agieren soll. Laut dem Thinktank Rand Europe gehört Polen den Ländern, die weltweit den meisten Cyberattacken und Desinformationskampagnen ausgesetzt sind. Das Verteidigungsministerium hat eine bis 2039 angesetzte Militär-KI-Strategie ausgegeben, die einen technologischen Vorsprung schaffen soll. Um die große Nachfrage nach IT-Fachleuten zu decken, wurden finanzielle Anreize für Spezialisten, die sich der Armee anschließen, geschaffen und eine Militär-IT-Schule in Warschau gegründet. Zusätzlich hat Polen den Zuschlag für zwei KI-Fabriken in Posen und Krakau bekommen, die Start-Ups und Unternehmen direkten Zugang zu Supercomputern geben sollen.

Antrieb für Innovation
Während in der westeuropäischen Forschungscommunity Dual Use – also die Entwicklung von Technologien mit sowohl zivilem als auch militärischem Nutzen – nach wie vor verpönt ist, gehört der Begriff hier ganz selbstverständlich zum Repertoire. Allein über das National Centre for Research and Development (NCBR), die wichtigste Förderagentur für angewandte Forschung und industrielle Innovation, verteilt das Verteidigungsministerium 100 Millionen Euro. Man erhofft sich, dass die immensen Verteidigungsausgaben auch das Innovationssystem insgesamt ankurbeln.

Zumindest in der Militärforschung sei der Krieg zu einem Innovationstreiber geworden, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des PIAP-Instituts. Ein persönliches Interview vor Ort wurde kurzfristig abgesagt, zu heikel sei das Thema. "Der Konflikt zeigt, dass die Entwicklungszyklen im Verteidigungsbereich deutlich verkürzt werden müssen. Technologien werden nahezu in Echtzeit getestet, weiterentwickelt und eingesetzt", heißt es weiter. Die Grenzen zwischen Forschung und operativem Einsatz würden zusehends verschwimmen.

Die Zeiten, in denen Polen als billige Werkbank Europas galt, neigen sich dem Ende zu. Ob die Militarisierung der Forschung tatsächlich einen breiten Innovationsschub auslöst, ist allerdings fraglich. Fachleute warnen davor, dass der technologische Fortschritt in anderen Bereichen auf der Strecke bleibt und vor allem die Rüstungsindustrie profitiert – der staatliche Einfluss ist groß. Auch wenn die polnische Regierung verstärkt auf lokale Technologieentwicklung setzt, bleibt die Abhängigkeit von ausländischer Technologie, insbesondere aus den USA, hoch.

Zu kleinteilige Lösungen
Nur eine konzertierte Neuausrichtung der europäischen Rüstungspolitik, die sich auf die Beschaffung europäischer Innovationen konzentriert, könne Europa in Verteidigungsfragen unabhängiger machen, argumentieren deutsche Experten in dem kürzlich veröffentlichten Strategiepapier Sparta 2.0. Dabei müsse systematisch auf Start-ups statt auf etablierte Anbieter gesetzt werden.

Europa brauche eine gemeinsame Strategie, um am Weltmarkt bestehen zu können, betont auch Iris Filzwieser, Präsidentin des Forschungsnetzwerks ACR (Austrian Cooperative Research), das die Studienreise nach Polen veranstaltete. "Europa ist kleinteilig strukturiert, und vielleicht werden auch innovative Lösungen zu kleinteilig gedacht." Die jeweiligen Stärken müssten gebündelt werden, dann könne daraus ein Vorteil entstehen.

"In Europa ist es üblich, strategisch zu forschen. Hier hat man das Gefühl, dass der Fokus auf Verteidigung eine Notwendigkeit ist", räumt Filzwieser ein. Ob sich Polen angesichts der Bedrohungen zu einem Innovationshub entwickelt, wird sich zeigen. Zumindest wenn es um Sicherheitsforschung in Europa geht, führt an Polen allerdings kein Weg vorbei.
(Karin Krichmayr, 30.5.2026)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach Warschau erfolgte auf Einladung von Austrian Cooperative Research.

Weiterlesen
Lücken in der Sicherheitsarchitektur: Europa allein schreckt Russland noch nicht genug ab
USA entsenden zusätzlich 5000 Soldaten nach Polen

Kampfroboter und KI: Wie Polen das modernste Abwehrsystem Europas aufbauen will
 
Oben