Italienische Ikone
EU macht Italiens Kult-Biene den Garaus: Piaggio stellt Produktion der Ape ein
Ein Dreivierteljahrhundert lang wurde sie produziert, und wie ihre kleinere Schwester, die Vespa, wurde sie zur italienischen Ikone. Wegen neuer Sicherheits- und Abgasvorschriften aus Brüssel muss Piaggio nun die Produktion des Dreiradtransporters Ape einstellen
Die Ape hat in der ländlichen Toskana das Licht der Welt erblickt.
Foto: IMAGO/Steinsiek.ch
Diese nostalgischen Zeilen hat am Wochenende die Zeitung Il Tirreno geschrieben, und dass es das toskanische Lokalblatt war, in dem der poetische Abgesang zu lesen war, ist kein Zufall: Die Ape hat in der ländlichen Toskana das Licht der Welt erblickt, in Pontedera bei Pisa, im Jahr 1948. Erfunden wurde das Dreirad vom ehemaligen Flugzeughersteller Piaggio, dem die Alliierten nach dem Krieg die Produktion von Rüstungsgütern verboten hatten. Ein Jahr zuvor hatte Piaggio bereits einen Motorroller vorgestellt, der wegen seines breiten Vorderteils, der engen Taille und des breiten Hinterteils Vespa getauft wurde. Für die Konstruktion der pummeligeren "Biene" – so lautet die Übersetzung von "Ape" – wurde der hintere Teil der Vespa abgeschnitten und durch eine Starrachse mit zwei Rädern und eine Ladefläche ersetzt. Die Motorisierung war identisch mit jener der Ur-Vespa: Für – gemächlichen – Vortrieb sorgte ein 125-ccm-Motor mit zwei PS.
Ikone der Nachkriegszeit
Die Vespa und die Ape wurden zu Ikonen der Nachkriegszeit und des italienischen Wirtschaftswunders. Während der Fiat 500 vor allem dem urbanen Italien zur Massenmobilität verhalf, wurde die Ape für das Gewerbe und die Bauern auf dem Land zum Transportvehikel Nummer eins. Sie kostete damals zwar mehr als einen Jahreslohn, aber dank der von Piaggio gewährten Ratenzahlung war der Dreiradtransporter dennoch beinahe für jeden Bäcker, Klempner, Maurer und Maler erschwinglich. Die Bauern haben mit der Ape ihr Gemüse und ihre Früchte zu den Märkten gebracht, die Oliven zur Ölmühle gefahren und das Holz für den Ofen aus dem Wald geholt – und tun das bis heute. Die Ape ist klein und wendig und kann auch in den engen Gassen der Dörfer und Städte eingesetzt werden. Mit anderen Worten: Sie kann alles, was vor ihr die Esel erledigten – und ist gleichzeitig weniger störrisch.
Schon das erste Modell der Ape hatte eine Nutzlast von 200 Kilo, im Lauf der Jahre kamen immer neue Modelle dazu. 1956 gab es erstmals eine Kabine, die vor Regen schützte – aber das Gefährt blieb spartanisch: Eine Heizung oder gar ein Autoradio hatte die Ape nicht zu bieten. Die Nutzlast erhöhte sich sukzessive auf bis zu 700 Kilo, 1984 kam ein Ein-Zylinder-Dieselmotor dazu, dessen unverwechselbarer Klang für viele Italiener heute noch Musik in den Ohren bedeutet. Bei Jugendlichen erfreut sich die 1969 vorgestellte Ape 50 mit 50-ccm-Zweitaktmotor großer Beliebtheit, weil sie bereits ab 14 Jahren und ohne Führerschein gefahren werden darf. Die Ape 50 Cross hatte sogar ein Radio und einen Überrollbügel; im Internet findet sich bis heute eine Unzahl von verbotenen Tuning-Kits, mit denen die Maximalgeschwindigkeit von 40 km/h erheblich erhöht werden kann.
chon das erste Modell der Ape hatte eine Nutzlast von 200 Kilo, im Lauf der Jahre kamen immer neue Modelle dazu.
IMAGO/Depositphotos
Und nun ist es, nach mehr als zwei Millionen produzierten Ape, vorbei. Oder wie es der Tirreno ausdrückt: "Eine Epoche geht zu Ende." Wegen neuer Sicherheits- und Abgasvorschriften der EU wird die Produktion in Pontedera per Jahresende eingestellt. Die langsam vor sich hintuckernde Ape hätte zum Beispiel mit einem Airbag und mit einem Bremsassistenten ausgerüstet werden müssen, als wäre sie ein Ferrari. Das will in Italien den wenigsten einleuchten, am wenigsten den Gewerkschaften. Der Regionalsekretär der Gewerkschaft UIIM, Samuele Nacci, ist der Meinung, dass in Brüssel "vielleicht einige Gesetze ein wenig übereilt eingeführt" worden seien. Immerhin: In Indien, wo Piaggio seit 25 Jahren eine Ape-Fabrik besitzt und wo die Vorschriften weniger streng sind, wird die Ape weiter produziert – auch mit Elektroantrieb und Erdgasmotoren.
Tröstlich ist, dass die Ape trotz des Aus in Pontedera nicht so schnell aus dem Straßenbild Italiens verschwinden wird. Das Gefährt ist unverwüstlich, und viele der Ape, die heute vor allem in ländlichen Gebieten des Belpaese noch im Einsatz sind, haben mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel. Bis die letzte Ape auf dem Schrottplatz enden wird, werden noch weitere Jahrzehnte vergehen. "Die Wahrheit ist doch, dass die Ape perfekt zu unserem Nationalcharakter passt, zwischen ungezügeltem Individualismus und Familiensinn. Man fühlt sich im Fahrerhäuschen allein wohl, mit der Ware oder dem Handwerkszeug im Rücken. Aber man fährt darin auch zu zweit, enger aneinander und mit einem Hauch von Intimität. Oder, allen Vorschriften und Sicherheitserwägungen zum Trotz, zum Feiern in Zusammenkünften mit Freunden", schreibt die Zeitung La Repubblica. Der Mythos hat nun zwar ein Ablaufdatum, aber er lebt noch.
(Dominik Straub aus Rom, 2.12.2024)
EU macht Italiens Kult-Biene den Garaus: Piaggio stellt Produktion der Ape ein
EU macht Italiens Kult-Biene den Garaus: Piaggio stellt Produktion der Ape ein
Ein Dreivierteljahrhundert lang wurde sie produziert, und wie ihre kleinere Schwester, die Vespa, wurde sie zur italienischen Ikone. Wegen neuer Sicherheits- und Abgasvorschriften aus Brüssel muss Piaggio nun die Produktion des Dreiradtransporters Ape einstellen
"Wer von uns hat nicht auch Großeltern gehabt oder einen Onkel oder Freunde, die mit einer Ape herumgefahren sind, als wäre es eine Vespa oder ein Auto? Einfach um sich mit der Ehefrau oder der Verlobten an der Seite von A nach B zu bewegen? Wer von uns hat nicht eine mit Trikoloren beflaggte Ape im Siegeskonvoi gesehen, auf deren Ladefläche die Leute den Triumph bei einer WM gefeiert haben? Wer hat nicht eine schwer beladene Ape ein steiles Sträßchen hinaufschnaufen gesehen, immer kurz vor dem Steckenbleiben, und dann hat sie es doch geschafft? All das wird eingemeißelt bleiben in unserer Erinnerung. Und keine von Kosten und Vorschriften und Betriebsergebnissen geprägte Entscheidung wird das je auslöschen können."
Die Ape hat in der ländlichen Toskana das Licht der Welt erblickt.
Foto: IMAGO/Steinsiek.ch
Diese nostalgischen Zeilen hat am Wochenende die Zeitung Il Tirreno geschrieben, und dass es das toskanische Lokalblatt war, in dem der poetische Abgesang zu lesen war, ist kein Zufall: Die Ape hat in der ländlichen Toskana das Licht der Welt erblickt, in Pontedera bei Pisa, im Jahr 1948. Erfunden wurde das Dreirad vom ehemaligen Flugzeughersteller Piaggio, dem die Alliierten nach dem Krieg die Produktion von Rüstungsgütern verboten hatten. Ein Jahr zuvor hatte Piaggio bereits einen Motorroller vorgestellt, der wegen seines breiten Vorderteils, der engen Taille und des breiten Hinterteils Vespa getauft wurde. Für die Konstruktion der pummeligeren "Biene" – so lautet die Übersetzung von "Ape" – wurde der hintere Teil der Vespa abgeschnitten und durch eine Starrachse mit zwei Rädern und eine Ladefläche ersetzt. Die Motorisierung war identisch mit jener der Ur-Vespa: Für – gemächlichen – Vortrieb sorgte ein 125-ccm-Motor mit zwei PS.
Ikone der Nachkriegszeit
Die Vespa und die Ape wurden zu Ikonen der Nachkriegszeit und des italienischen Wirtschaftswunders. Während der Fiat 500 vor allem dem urbanen Italien zur Massenmobilität verhalf, wurde die Ape für das Gewerbe und die Bauern auf dem Land zum Transportvehikel Nummer eins. Sie kostete damals zwar mehr als einen Jahreslohn, aber dank der von Piaggio gewährten Ratenzahlung war der Dreiradtransporter dennoch beinahe für jeden Bäcker, Klempner, Maurer und Maler erschwinglich. Die Bauern haben mit der Ape ihr Gemüse und ihre Früchte zu den Märkten gebracht, die Oliven zur Ölmühle gefahren und das Holz für den Ofen aus dem Wald geholt – und tun das bis heute. Die Ape ist klein und wendig und kann auch in den engen Gassen der Dörfer und Städte eingesetzt werden. Mit anderen Worten: Sie kann alles, was vor ihr die Esel erledigten – und ist gleichzeitig weniger störrisch.
Schon das erste Modell der Ape hatte eine Nutzlast von 200 Kilo, im Lauf der Jahre kamen immer neue Modelle dazu. 1956 gab es erstmals eine Kabine, die vor Regen schützte – aber das Gefährt blieb spartanisch: Eine Heizung oder gar ein Autoradio hatte die Ape nicht zu bieten. Die Nutzlast erhöhte sich sukzessive auf bis zu 700 Kilo, 1984 kam ein Ein-Zylinder-Dieselmotor dazu, dessen unverwechselbarer Klang für viele Italiener heute noch Musik in den Ohren bedeutet. Bei Jugendlichen erfreut sich die 1969 vorgestellte Ape 50 mit 50-ccm-Zweitaktmotor großer Beliebtheit, weil sie bereits ab 14 Jahren und ohne Führerschein gefahren werden darf. Die Ape 50 Cross hatte sogar ein Radio und einen Überrollbügel; im Internet findet sich bis heute eine Unzahl von verbotenen Tuning-Kits, mit denen die Maximalgeschwindigkeit von 40 km/h erheblich erhöht werden kann.
chon das erste Modell der Ape hatte eine Nutzlast von 200 Kilo, im Lauf der Jahre kamen immer neue Modelle dazu.
IMAGO/Depositphotos
Und nun ist es, nach mehr als zwei Millionen produzierten Ape, vorbei. Oder wie es der Tirreno ausdrückt: "Eine Epoche geht zu Ende." Wegen neuer Sicherheits- und Abgasvorschriften der EU wird die Produktion in Pontedera per Jahresende eingestellt. Die langsam vor sich hintuckernde Ape hätte zum Beispiel mit einem Airbag und mit einem Bremsassistenten ausgerüstet werden müssen, als wäre sie ein Ferrari. Das will in Italien den wenigsten einleuchten, am wenigsten den Gewerkschaften. Der Regionalsekretär der Gewerkschaft UIIM, Samuele Nacci, ist der Meinung, dass in Brüssel "vielleicht einige Gesetze ein wenig übereilt eingeführt" worden seien. Immerhin: In Indien, wo Piaggio seit 25 Jahren eine Ape-Fabrik besitzt und wo die Vorschriften weniger streng sind, wird die Ape weiter produziert – auch mit Elektroantrieb und Erdgasmotoren.
Tröstlich ist, dass die Ape trotz des Aus in Pontedera nicht so schnell aus dem Straßenbild Italiens verschwinden wird. Das Gefährt ist unverwüstlich, und viele der Ape, die heute vor allem in ländlichen Gebieten des Belpaese noch im Einsatz sind, haben mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel. Bis die letzte Ape auf dem Schrottplatz enden wird, werden noch weitere Jahrzehnte vergehen. "Die Wahrheit ist doch, dass die Ape perfekt zu unserem Nationalcharakter passt, zwischen ungezügeltem Individualismus und Familiensinn. Man fühlt sich im Fahrerhäuschen allein wohl, mit der Ware oder dem Handwerkszeug im Rücken. Aber man fährt darin auch zu zweit, enger aneinander und mit einem Hauch von Intimität. Oder, allen Vorschriften und Sicherheitserwägungen zum Trotz, zum Feiern in Zusammenkünften mit Freunden", schreibt die Zeitung La Repubblica. Der Mythos hat nun zwar ein Ablaufdatum, aber er lebt noch.
(Dominik Straub aus Rom, 2.12.2024)