US-Unabhängigkeit
Naserümpfen und Neugier in Wien
Die „Unanimous Declaration of the thirteen united States of America“ vom 4. Juli 1776 hat für die Weltgeschichte enorme Auswirkungen gehabt, doch in der Habsburger-Monarchie wurde sie zunächst wenig wahrgenommen. Nachrichten verbreiteten sich langsam. Für die etablierten Herrscher auf dem alten Kontinent war die neue Macht in Übersee ohnehin nur ein Werk von Abtrünnigen und Rebellen. Doch gab es auch am Wiener Hof Neugier gegenüber den revolutionären Umtrieben, so der Historiker Jonathan Singerton zu ORF.at.
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US-Unabhängigkeit: Naserümpfen und Neugier in Wien
Naserümpfen und Neugier in Wien
Die „Unanimous Declaration of the thirteen united States of America“ vom 4. Juli 1776 hat für die Weltgeschichte enorme Auswirkungen gehabt, doch in der Habsburger-Monarchie wurde sie zunächst wenig wahrgenommen. Nachrichten verbreiteten sich langsam. Für die etablierten Herrscher auf dem alten Kontinent war die neue Macht in Übersee ohnehin nur ein Werk von Abtrünnigen und Rebellen. Doch gab es auch am Wiener Hof Neugier gegenüber den revolutionären Umtrieben, so der Historiker Jonathan Singerton zu ORF.at.
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„Wir haben Nachricht aus Amerika, welche melden, daß der Generalkongreß … sich endlich mit einer kleinen Mehrheit von Stimmen für die Unabhängigkeit erklärt habe“, schrieb das „Wienerische Diarium“ am 17. August 1776 etwas verharmlosend. Die Mehrheit war gar nicht klein, zwölf der 13 Kolonien hatten beim bereits Zweiten Kontinentalkongress die Loslösung von der britischen Krone per Resolution auf Schiene gebracht, nur New York hatte sich enthalten.
Die Vorgängerin der „Wiener Zeitung“, das wichtigste Medium der Monarchie, aber wollte die Bedeutung der Entwicklungen wohl herunterspielen. Die Revolutionäre informierten die europäischen Höfe über die Unabhängigkeitserklärung und schickten das Dokument in zahlreicher Ausfertigung über den Ozean. Den Gründervätern war es auch ein Anliegen, den Kampf gegen das britische Königshaus zu rechtfertigen.
ANNO/Österreichische Nationalbibliothek
Anders als im vorrevolutionären Frankreich, wo das Interesse an den Vorgängen in den USA enorm war, wurde in der Habsburger-Monarchie die Unabhängigkeitserklärung absichtlich nicht allzu prominent zur Kenntnis gebracht. Dem antimonarchischen Schreckgespenst wollte man zunächst besser wenig Beachtung schenken.
„Leben, Freyheit und das Recht, Glück zu befördern“
Das „Wienerische Diarium“ berichtete sechs Wochen nach der Unabhängigkeit erstmals beiläufig darüber, ohne zunächst den Text der US-Erklärung abzudrucken. Am 31. August veröffentlichte das Blatt dann die Schlusspassagen des Dokuments, im September folgte die Präambel: „Wir halten an und für sich selbst diese Wahrheiten genugsam bewiesen, daß alle Menschen gleich erschaffen sind, daß sie von dem Schöpfer mit gewissen, ihnen nicht zu nehmenden Rechten begabt worden, unter welchen das Leben, die Freyheit und das Recht, ihr Glück zu befördern, befindlich ist“.
Eigentlich war der erste Bericht noch im August desselben Jahres für die damalige Zeit „ziemlich flott“, so Singerton zu ORF.at. Der walisische Historiker forscht derzeit an der Vrije Universiteit Amsterdam und ist Autor von „The American Revolution and the Habsburg Monarchy“. Auf dem Kaiserthron in Wien saß die absolutistische Kaiserin Maria Theresia, ab 1765 war ihr reformorientierter Sohn Joseph II. ihr Mitregent.
Geist der Rebellion könnte sich „wie die Pest verbreiten“
Dass man mit Informationen eher spärlich umging, habe freilich politische Gründe gehabt. „Maria Theresia fürchtete die destabilisierenden Auswirkungen der Amerikanischen Revolution in Europa“, so Singerton. Die Sorge vor einem Flächenbrand und neuen Kriegen war groß, auch wenn die Unabhängigkeitserklärung damals noch gar nicht so sehr als eine Revolution der Demokratie angesehen worden sei, wie es heute der Fall ist.
Viele Höflinge hätten sich am antimonarchischen Unterton gestoßen und daran, dass die US-Unabhängigkeit mit Anklagen gegen den britischen König Georg III. verknüpft wurde. Staatskanzler Fürst Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg etwa zeigte sich öffentlich besorgt, die Unabhängigkeitserklärung enthalte „außergewöhnliche Passagen, die den Geist der Rebellion wie die Pest verbreiten könnten“.
ANNO/Österreichische Nationalbibliothek
Briten vereitelten ersten Besuch
Die allgemeine Reaktion aber seien Neugier und sogar Bewunderung gewesen, selbst am Wiener Hof, so Singerton. Jeder „Faulpelz“ sei für die Amerikaner, habe der britische Botschafter in Wien beklagt. Auch Joseph II. sei neugierig gewesen. Zudem sei ihm bewusst gewesen, dass Handelsbeziehungen zu den ehemaligen britischen Kolonien künftig von großem Vorteil sein könnten.
Und so habe Joseph II. während einer Reise nach Paris zu seiner Schwester Marie Antoinette sogar versucht, Benjamin Franklin zu treffen. Der Gründervater war dort in diplomatischer Mission. Jede offizielle Begegnung der beiden hätte jedoch als stillschweigende Anerkennung der Vereinigten Staaten durch den Kaiser ausgelegt werden können, also liefen die Vorbereitungen privat. „Letztendlich erfuhren die Briten in Paris von den Plänen für ein Treffen bei einer Tasse heißer Schokolade und hielten den Kaiser an diesem Morgen absichtlich so lange auf, dass er seinen Termin mit Franklin verpasste“, sagte Singerton. „Franklin traf zwar ein und wartete, gab aber auf, bevor der österreichische Herrscher eintraf.“
Kampf um die öffentliche Meinung
Auf das offizielle Wohlwollen der bedeutsamen Habsburger mussten die USA noch lange warten. Einen ersten Gesandten aus Übersee, William Lee, ließ der Hof 1778 auf Betreiben der Briten gar nicht erst vor, man kanzelte ihn als Aufständischen ab. Joseph II. war gerade nicht im Lande und „Maria Theresia hätte Lee sicherlich nicht willkommen geheißen“, so Singerton. Das hätte ihre Befürchtungen eines größeren europäischen Krieges infolge sich überschlagender Allianzen nur weiter geschürt.
Lee aber sei ein willkommener Gast in den Wiener Salons und bei Abendgesellschaften gewesen. Den britischen Vertretern in der Stadt habe die Aufmerksamkeit für den exotischen Revolutionär zur Verzweiflung getrieben, sie fürchteten, den Kampf um die öffentliche Meinung zu verlieren.
Handelsbeziehungen zwischen Österreich und den USA wurden zwar bald aufgenommen, doch erst 1783 begannen Gespräche über diplomatische Kontakte – erfolglos. Die gegenseitige Einrichtung von Gesandtschaften erfolgte schließlich 1838. Der aus einer angesehenen Politikerfamilie stammende lutherische Pastor Henry A. P. Muhlenberg war immerhin zwei Jahre lang der erste amerikanische Gesandte am Kaiserhof.
Public Domain
Henry A. P. Muhlenberg
Die Monarchie erwiderte die Geste durch die Entsendung von Wenzel Philipp Freiherr von Mareschall nach Washington – da war die Unabhängigkeitserklärung bereits 65 Jahre alt.
04.07.2026, Caecilia Smekal, ORF.at
Die Vorgängerin der „Wiener Zeitung“, das wichtigste Medium der Monarchie, aber wollte die Bedeutung der Entwicklungen wohl herunterspielen. Die Revolutionäre informierten die europäischen Höfe über die Unabhängigkeitserklärung und schickten das Dokument in zahlreicher Ausfertigung über den Ozean. Den Gründervätern war es auch ein Anliegen, den Kampf gegen das britische Königshaus zu rechtfertigen.
ANNO/Österreichische Nationalbibliothek
Anders als im vorrevolutionären Frankreich, wo das Interesse an den Vorgängen in den USA enorm war, wurde in der Habsburger-Monarchie die Unabhängigkeitserklärung absichtlich nicht allzu prominent zur Kenntnis gebracht. Dem antimonarchischen Schreckgespenst wollte man zunächst besser wenig Beachtung schenken.
„Leben, Freyheit und das Recht, Glück zu befördern“
Das „Wienerische Diarium“ berichtete sechs Wochen nach der Unabhängigkeit erstmals beiläufig darüber, ohne zunächst den Text der US-Erklärung abzudrucken. Am 31. August veröffentlichte das Blatt dann die Schlusspassagen des Dokuments, im September folgte die Präambel: „Wir halten an und für sich selbst diese Wahrheiten genugsam bewiesen, daß alle Menschen gleich erschaffen sind, daß sie von dem Schöpfer mit gewissen, ihnen nicht zu nehmenden Rechten begabt worden, unter welchen das Leben, die Freyheit und das Recht, ihr Glück zu befördern, befindlich ist“.
Eigentlich war der erste Bericht noch im August desselben Jahres für die damalige Zeit „ziemlich flott“, so Singerton zu ORF.at. Der walisische Historiker forscht derzeit an der Vrije Universiteit Amsterdam und ist Autor von „The American Revolution and the Habsburg Monarchy“. Auf dem Kaiserthron in Wien saß die absolutistische Kaiserin Maria Theresia, ab 1765 war ihr reformorientierter Sohn Joseph II. ihr Mitregent.
Geist der Rebellion könnte sich „wie die Pest verbreiten“
Dass man mit Informationen eher spärlich umging, habe freilich politische Gründe gehabt. „Maria Theresia fürchtete die destabilisierenden Auswirkungen der Amerikanischen Revolution in Europa“, so Singerton. Die Sorge vor einem Flächenbrand und neuen Kriegen war groß, auch wenn die Unabhängigkeitserklärung damals noch gar nicht so sehr als eine Revolution der Demokratie angesehen worden sei, wie es heute der Fall ist.
Viele Höflinge hätten sich am antimonarchischen Unterton gestoßen und daran, dass die US-Unabhängigkeit mit Anklagen gegen den britischen König Georg III. verknüpft wurde. Staatskanzler Fürst Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg etwa zeigte sich öffentlich besorgt, die Unabhängigkeitserklärung enthalte „außergewöhnliche Passagen, die den Geist der Rebellion wie die Pest verbreiten könnten“.
ANNO/Österreichische Nationalbibliothek
Briten vereitelten ersten Besuch
Die allgemeine Reaktion aber seien Neugier und sogar Bewunderung gewesen, selbst am Wiener Hof, so Singerton. Jeder „Faulpelz“ sei für die Amerikaner, habe der britische Botschafter in Wien beklagt. Auch Joseph II. sei neugierig gewesen. Zudem sei ihm bewusst gewesen, dass Handelsbeziehungen zu den ehemaligen britischen Kolonien künftig von großem Vorteil sein könnten.
Und so habe Joseph II. während einer Reise nach Paris zu seiner Schwester Marie Antoinette sogar versucht, Benjamin Franklin zu treffen. Der Gründervater war dort in diplomatischer Mission. Jede offizielle Begegnung der beiden hätte jedoch als stillschweigende Anerkennung der Vereinigten Staaten durch den Kaiser ausgelegt werden können, also liefen die Vorbereitungen privat. „Letztendlich erfuhren die Briten in Paris von den Plänen für ein Treffen bei einer Tasse heißer Schokolade und hielten den Kaiser an diesem Morgen absichtlich so lange auf, dass er seinen Termin mit Franklin verpasste“, sagte Singerton. „Franklin traf zwar ein und wartete, gab aber auf, bevor der österreichische Herrscher eintraf.“
Kampf um die öffentliche Meinung
Auf das offizielle Wohlwollen der bedeutsamen Habsburger mussten die USA noch lange warten. Einen ersten Gesandten aus Übersee, William Lee, ließ der Hof 1778 auf Betreiben der Briten gar nicht erst vor, man kanzelte ihn als Aufständischen ab. Joseph II. war gerade nicht im Lande und „Maria Theresia hätte Lee sicherlich nicht willkommen geheißen“, so Singerton. Das hätte ihre Befürchtungen eines größeren europäischen Krieges infolge sich überschlagender Allianzen nur weiter geschürt.
Lee aber sei ein willkommener Gast in den Wiener Salons und bei Abendgesellschaften gewesen. Den britischen Vertretern in der Stadt habe die Aufmerksamkeit für den exotischen Revolutionär zur Verzweiflung getrieben, sie fürchteten, den Kampf um die öffentliche Meinung zu verlieren.
Handelsbeziehungen zwischen Österreich und den USA wurden zwar bald aufgenommen, doch erst 1783 begannen Gespräche über diplomatische Kontakte – erfolglos. Die gegenseitige Einrichtung von Gesandtschaften erfolgte schließlich 1838. Der aus einer angesehenen Politikerfamilie stammende lutherische Pastor Henry A. P. Muhlenberg war immerhin zwei Jahre lang der erste amerikanische Gesandte am Kaiserhof.
Public Domain
Henry A. P. Muhlenberg
Die Monarchie erwiderte die Geste durch die Entsendung von Wenzel Philipp Freiherr von Mareschall nach Washington – da war die Unabhängigkeitserklärung bereits 65 Jahre alt.
04.07.2026, Caecilia Smekal, ORF.at