Schottland: 1800 Jahre alte römische Befestigung am Antoninuswall entdeckt

josef

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Überfälle aus den Highlands
Schottland: Römisches Kastell zum Schutz vor den Stämmen aus dem Norden entdeckt
Bauarbeiten in einem Wohnviertel beförderten Überreste einer 1800 Jahre alten Befestigung am Antoninuswall ans Licht – die letzte Grenze vor dem freien Norden

Die grafische Rekonstruktion zeigt, wie das kleine römische Kastell ausgesehen haben könnte. Vermutlich nur eine Handvoll Soldaten sollten von hier aus den Norden im Blick behalten.
Illustr.: Eduardo Pérez-Fernández / GUARD Archaeology

Wer heute durch Bearsden spaziert, einen ruhigen Vorort von Glasgow, sieht gepflegte Reihenhäuser und grüne Gärten. Wenig scheint darauf hinzudeuten, dass man über geschichtsträchtigen Boden geht: Vor rund 2000 Jahren verlief durch dieses unscheinbare Fleckchen Schottland der Antoninuswall, eine Grenzbefestigung, die den Römern die Kaledonier aus dem schottischen Norden vom Hals halten sollte. Rund 62 Kilometer lang erstreckt er sich von der Firth of Forth im Osten bis zur Firth of Clyde im Westen. 142 n. Chr. auf Befehl von Kaiser Antoninus Pius errichtet, sicherte der Wall die nördliche Flanke des Römischen Britannien und erweiterte die Provinz zumindest vorübergehend um etwa 160 Kilometer nach Norden hin.

Anders als sein bekannterer Bruder, der Hadrianswall weiter südlich, bestand der Antoninuswall nicht aus Stein, sondern aus aufeinander geschichteten Rasensoden und Holzpallisaden auf einem Steinfundament. Davor lief ein tiefer Graben, dahinter eine Militärstraße. Entlang der gesamten Trasse lagen Kastelle und kleinere Befestigungen, von denen aus Patrouillen die Grenze überwachten und Bewegungen im nordschottischen Hinterland beobachteten. Lange Bestand hatte der Wall allerdings nicht: Die Römer hielten die Linie nur rund zwei Jahrzehnte, in den 160er-Jahren zogen sie sich wieder nach Süden zum Hadrianswall zurück, und der Antoninuswall verfiel.


Die Überreste des Antoninuswalls zwischen dem Firth of Forth und dem Firth of Clyde befindet sich an vielen Stellen unter dicht besiedeltem Gebiet.
Maureen C. Kilpatrick

Zur Grabung gezwungen
Was blieb, liegt heute meist tief unter der Erde. 2017 stieß ein Team von Guard Archaeology, einem unabhängigen Unternehmen für kommerzielle Archäologie, in den rückwärtigen Gärten von drei Wohngrundstücken in Bearsden auf Strukturen, die zunächst kaum spektakulär wirkten: eine lineare Steinbasis mit klar definierten Kanten, darunter Fragmente römischer Keramik. Der East Dunbartonshire Council hatte die Ausgrabungen zur Bedingung für die jeweiligen Baugenehmigungen gemacht. Nun wurden die Grabungsergebnisse präsentiert – und die zeigen, dass die planungsrechtlichen Auflagen für die archäologische Forschung ein Glücksfall waren.

Historic Environment Scotland, die schottische Denkmalschutzbehörde, erkannte schnell das Potenzial der freigelegten Überreste und finanzierte eine erweiterte Grabungsphase samt geophysikalischer Prospektion. Diese bestätigte, dass die Steinbasis ursprünglich einen Wall aus Rasensoden getragen hatte und ein Graben parallel dazu verlief. Beide Strukturen lagen rechtwinklig zur bekannten Trasse des Antoninuswalls, was für das Forschungsteam nur den Schluss zuließ, dass man es mit einem bisher völlig unbekannten römischen Kleinkastell zu tun hatte.


Das Forschungsteam legte im Garten eines Wohnhauses unter anderem dieses Steinfundament der Befestigungsanlage frei.
GUARD Archaeology

Freie Sicht nach Norden
Das Holz aus dem Grabengrund wurde radiokarbondatiert und fiel in den Zeitraum zwischen 127 und 247 n. Chr. – ein Intervall, das sich mit der Bauphase des Walls und den Jahren unmittelbar nach dessen Aufgabe deckt. Die römische Keramik, stratigrafisch unterhalb der Steinbasis gelegen, untermauerte diese Datierung.

Das Kastell stand auf einem erhöhten Geländeabschnitt in direktem Kontakt mit der Walltrasse. Laut topografischen Analysen hatten die Römer von dort aus freie Sicht in die nördlich gelegenen Gebiete, wo die Highland-Stämme zuhause waren, gefürchtet für ihre Raubzüge. Zugleich bestand Sichtkontakt zum größeren Kastell von Bearsden, das sich auf einem niedrigeren Niveau in geringer Entfernung weiter westlich befindet.

Die Anordnung bestätigt die übliche römische Strategie: Größere Kastelle wurden durch kleinere Außenposten ergänzt, von denen aus kleine Truppenkontingente die lückenlose Beobachtung des Grenzstreifens übernahmen. Dieses Netz war das Rückgrat der römischen Grenzkontrolle.


Holz aus einem Graben wurde mithilfe der Radiocarbonmethode auf die Zeit zwischen 127 und 247 n. Chr. datiert. Damit fällt das Gebäude ungefähr in die Nutzungszeit des Antoninuswalls.
GUARD Archaeology

Wälder und Graslandschaften
Botanische Rückstände und Überreste von Insekten aus dem Grabensediment lieferten weitere interessante Details: Die Umgebung zur Bauzeit war offenes Weideland mit Bereichen teilweise gerodeten Waldes, in dem Erle, Hasel und Weide dominierten. Eiche und Birke kamen seltener vor. Wo bereits gerodet worden war, hatten sich Graslandschaften entwickelt.

Der Fund führe auch die Probleme des archäologischen Erbes vor Augen, meinte das Team. Vieles davon liege nicht in abgelegenen Feldern oder entlegenen Moorlandschaften, sondern unter bewohntem Gebiet. Ohne die kommunale Auflage zur archäologischen Voruntersuchung wären die geplanten Häuser gebaut und das Kleinkastell unbemerkt zerstört worden.

Der Antoninuswall steht seit 2008 als Teil des Weltkulturerbes "Grenzen des Römischen Reiches" unter UNESCO-Schutz – gemeinsam mit dem Hadrianswall und dem Obergermanisch-Raetischen Limes. Das neue Kleinkastell von Bearsden ist nun Teil des offiziellen Bestandes für diesen Abschnitt der nördlichsten römischen Grenze. (Thomas Bergmayr, 18.3.2026)
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