Weinviertel - Untersuchungen zur "Schiefergasförderung" - Montanuni will sauberes Fracking ermöglichen

josef

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#1
Rund um Poysdorf und Herrnbaumgarten vermutet man große Vorkommen von Schiefergas:

Umstrittene Gasbohrungen geplant
Im Weinviertel sollen gewaltige Gasreserven schlummern. Etwa in Poysdorf (Bezirk Mistelbach) will die OMV in Zukunft das sogenannte Schiefergas fördern. Die Methoden für dessen Gewinnung sind jedoch umstritten.
3.500 Mal hat die OMV bereits in heimischen Böden gebohrt, um Gas und Öl zu gewinnen, vor allem im Marchfeld, etwa bei Gänserndorf. Mit Gas meint die OMV Erdgas - jetzt aber interessieren sich deren Experten auch für Schiefergas - also Gas in festem Gestein.
Gefunden wurde passendes Gestein im Wiener Becken und im Weinviertel - rund um Poysdorf und Herrnbaumgarten könnte es große Mengen Schiefergas geben.


Umstrittene Chemikalien zur Gasgewinnung
Die Förderung des Schiefergases ist jedoch deutlich komplizierter, als die von Erdgas: Schiefergas wird mit viel Wasser und Chemikalien mit einem Knickbohrer aus der Tiefe geholt. Diese Methode nennt man „Fracking“. Wegen der Chemikalien ist sie jedoch nicht unumstritten - in Frankreich sogar verboten.
Möglicher Kritik will die OMV vorbeugend begegnen: Man habe sich in der Region in den letzten Jahrzehnten einen guten Ruf aufgebaut, den man nicht zerstören wolle, sagt Christopher Veit, Geschäftsführer der OMV Austria, „und deswegen werden hier sicher nur Chemikalien verwendet, die umweltverträglich sind.“


Befürchtungen in den Gemeinden
„Dieses Verfahren, das in Amerika angewendet wird, wird sehr kritisiert“, gibt auch Christian Frank, Bürgermeister von Herrnbaumgarten, zu bedenken. Einige der verwendeten Chemikalien seien krebserregend, die OMV habe jedoch auch der Gemeinde versichert, dass solche Stoffe definitiv nicht verwendet werden. „Es wird einen Vertrag geben mit der Servicefirma, in dem das definitiv ausgeschlossen wird,“ sagt Frank.
Die Bewohner der betroffenen Gemeinden sehen sowohl Vor-, als auch Nachteile: Neue Arbeitsplätze stehen Befürchtungen wegen erhöhtem Verkehrsaufkommen und Gefahren für das Grundwasser gegenüber. Auf diese Fragen soll es Anfang 2012 bei Informationsveranstaltungen für die Bürger Antworten geben.


Fix sei die Gasförderung im Weinviertel ohnehin noch nicht, sagt Christopher Veit von der OMV: „Hier sprechen wir ausdrücklich von einem Pilotprojekt und die Probebohrungen sollen feststellen, ob das Gas wirtschaftlich und technisch förderbar ist.“ Wann es Probebohrungen geben könnte, darauf legt sich die OMV noch nicht konkret fest.
Quelle: Umstrittene Gasbohrungen geplant
 
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#2
Energie-Zukunft Schiefergas?

Dazu ein Prorammhinweis:
Mittwoch 23.11.2011
ORF - FS2
22.30h im "Weltjournal"

Der ausgebeutete Planet

Energie bis ins 24. Jahrhundert! Atomkraftwerke können stillgelegt werden, die Abhängigkeit von arabischem Erdöl und russischem Erdgas ist Geschichte und CO2-Emissionen lassen sich mit einem Handstreich drastisch reduzieren. Die neue Wunderressource hört auf den Namen „Schiefergas“. Es ist in tiefen Gesteinsschichten eingelagert und wird mit einer speziellen Methode, dem „Fracking“, gefördert. Die unerwünschten Nebenwirkungen: Mit krebserregenden Substanzen verseuchtes Trinkwasser, das sich sogar anzünden lässt, und für Jahrhunderte kontaminierte Landstriche. In den USA sehen Kritiker das Trinkwasser von knapp 20 Millionen Menschen im Großraum New York in Gefahr.

Während in den USA erste Bohr- und Förderstopps verhängt werden, wird das Verfahren von Industriekonzernen wie Halliburton oder ExxonMobile exportiert. Polen, Frankreich, Deutschland sowie China, Indien und Australien gelten als erfolgsversprechende Zielgebiete für die Förderung von Schiefergas. Auch in Österreich gibt es Schiefergas – Terry Engelder, führender Fracking Geologe, erklärt das Wiener Becken zum Hoffnungsgebiet für die Gasindustrie. Ein verzweifeltes Festhalten an fossilen Brennstoffen, nicht zu Absicherung, sondern auf Kosten der Zukunft? Dieser Frage geht Markus Wailand im WELTJOURNAL nach.

Ein weiteres Hoffnungsgebiet für riesige Energievorkommen ist Grönland – der Klimawandel und die große Eisschmelze machen es möglich. Der Druck der großen Energiekonzerne auf Förderrechte in den sensiblen arktischen Ökosystemen ist enorm. Umweltschützer schlagen Alarm, doch im Sommer haben bereits die ersten Tiefseebohrungen begonnen, berichtet Nick Lazaredes.
Quelle: http://tv.orf.at/program/orf2/20111123/540500701/325744/
 

josef

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#3
Schiefergasbohrungen ab 2020
Der Öl- und Gaskonzern OMV will den riesigen Schiefergas-Vorrat im nördlichen Weinviertel in NÖ ab dem Jahr 2020 ausbeuten, falls das Vorhaben nach den Probebohrungen technisch, wirtschaftlich sowie ökologisch vertretbar zu realisieren ist.

Man wolle dabei einen österreichischen Weg gehen, der ohne jede schädliche Chemie auskommt, bekräftigen Vertreter der OMV sowie ein Experte der Montan-Uni Leoben vor Journalisten in Poysdorf (NÖ). Die Kritik vor allem an den US-Förderpraktiken sehe man sich genau an. Mit den Vorräten könnte ganz Österreich rund 30 Jahre lang versorgt werden.

Förderung ganz ohne Chemie
Ab Sommer 2013 sollen zwei Probebohrungen bei Herrnbaumgarten und danach beim benachbarten Poysdorf bis in zirka 6.000 Meter Tiefe vorgetrieben werden, die Gesamt-Investitionssumme liegt bei 130 Mio. Euro.
Bis Anfang 2015 soll die technische Machbarkeit klar sein, dann will man bis 2018/19 die Wirtschaftlichkeit prüfen. 2019/20 könne man dann sagen, ob eine Förderung darstellbar sei, wobei über allem die Ökologie stehe, sagte Christopher Veit, Geschäftsführer der OMV Austria, die in der Region seit Jahrzehnten vor allem Öl gewinnt.

Nur Wasser, Sand und Maisstärke werden eingesetzt
Die beiden Bohrplätze seien jeweils zirka drei Hektar, also 30.000 m2, groß - etwas größer als bei normalen Bohrungen, die selten so tief gehen. Etwa zwei Hektar würden für die Bohranlagen, ein Hektar für die Wassertanks benötigt, erläuterte Spörker am Montag in Poysdorf. Auch bei nachfolgenden Bohrungen werde man auf einen möglichst geringen Flächenbedarf achten, man plane lediglich einen Sondenplatz (mit bis zu 25 Bohrungen) pro 25 km2, also einen Abstand von fünf Kilometer.

Beim „Aufbrechen“ des Schiefergesteins, damit das Erdgas auch herausfließen kann, werde man gänzlich ohne Chemie und auch ohne Biozide auskommen, sagten OMV-Deep-Gas-Abteilungsleiter Hermann Spörker und Univ.Prof. Herbert Hofstätter von der Montan-Uni, an dessen Institut das umweltschonende Verfahren maßgeblich mitentwickelt wurde.

„Wir setzen nur Wasser, Sand und Maisstärke ein.“ Das Grundwasser sei nicht in Gefahr, diese Schichten lägen viel höher und seien ausreichend geschützt, hieß es. Das zum „Aufbrechen“ des Gesteins (Fracking) eingebrachte Wasser werde mit UV-Licht keimfrei gemacht. Rückgeholtes Wasser und gefördertes Gas würden über Pipelines bzw. in geschlossenen Kreisläufen abtransportiert.
Montanuni-Professor Herbert Hofstätter aus Leoben zerstreute Bedenken hinsichtlich einer möglichen Kontaminierung mit radioaktivem Material aus dem Boden, etwa Radium. Im Wiener Becken gebe es keine Radioaktivität, das wisse man aufgrund der mittlerweile 70-jährigen Bohr-Erfahrung in diesem Raum.

Gegend geologisch erfolversprechend
Die Gegend um Poysdorf/Herrnbaumgarten im nördlichen Weinviertel ist geologisch gesehen besonders erfolgversprechend was Erdgas betrifft, sagte OMV-Deep-Gas-Abteilungsleiter Hermann Spörker. Weiter westlich seien Druck und Temperatur erdgeschichtlich nicht hoch genug gewesen, um aus organischem Material Gas entstehen zu lassen, weiter östlich Richtung Slowakei und Tschechien lägen die gasführenden Schichten in zu großer Tiefe (8.000 bis 9.000 Meter), um an eine Förderung zu denken.
Eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ist keine nötig, man plane aber eine unabhängige Umwelt- und Sozialverträglichkeitsstudie, so Veit.

OMV: „Region könnte profitieren“
Schiefergas-Förderung durch „Fracking“ komme etwa vier- bis fünfmal teuerer als eine konventionelle Gasgewinnung, bestätigte Christopher Veit, Geschäftsführer der OMV Austria, die im Wiener Becken in den vergangenen Jahrzehnten rund 3.500 Bohrungen vorgenommen hat und aktuell 1.200 Bohrtürme stehen hat.
Laut Veit beschäftigt sie 700 eigene Mitarbeiter und weitere 700 als Contracting-Personal. „80 Prozent der Leute, die bei uns arbeiten, kommen aus der Region“, sagt der OMV-Vertreter. Die Kommunen könnten durch die Kommunalsteuerpflicht über den Verband der Erdölgemeinden profitieren, direkte Zahlungen an Poysdorf oder Herrnbaumgarten gebe es aber nicht.

Auch Politik werde überzeugt

Wenn es der OMV gelinge, die Shale-Gas-Förderung ökologisch vertretbar mit „Clean Fracking“ durchzuführen, werde auch die Politik gewonnen werden können, zeigte sich Veit optimistisch - angesprochen auf Kritik von Umweltminister Niki Berlakovich (V), während Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (V) einer solchen Gewinnung positiv gegenüber steht. Mehr dazu in Schiefergas entzweit Ministerien. Zudem würde dieser Methode dann auch international die Industrie folgen, meinte der OMV-Experte.

Eine Erdbebengefahr schloss Spörker aus, angesprochen auf Vorkommnisse bei Shale-Gas-Bohrungen bei Blackpool in Großbritannien. Dort bestünden andere geologische Gegebenheiten, außerdem seien die Erdstöße dort mit 1,5 und 2,5 nach Richter sehr schwach gewesen, alles unter 3 sei vom Menschen nicht spürbar. „Wir erwarten keine Erdbeben“, so Spörker.

NGO weiterhin strikt dagegen
Derzeit befindet sich die OMV zu ihrem Mega-Gasfund in der Informationsphase, „wir suchen das Gespräch mit den Menschen in der Region und auch mit den NGO’s“, so Veit. Für Montagabend ist eine erste große Info-Veranstaltung geplant. Dennoch „schießen“ sich Umweltorganisationen weiter auf die seit Herbst bekannten OMV-Pläne ein. Greenpeace verlangte vorige Woche auch für Österreich ein Verbot für die Förderung von Schiefergas, wie es in Frankreich und Bulgarien bestehe. Global 2000 erneuerte am Montag die Kritik, verlangte ein Moratorium, und legte der OMV nahe, sie solle „statt auf riskante Technologien zu setzen lieber in erneuerbare Energie wie etwa Geothermie investieren“ - was die OMV ohnedies tut. Vor allem dürfe es keine Bohrung ohne UVP geben, verlangt Global 2000.
Quelle: http://noe.orf.at/news/stories/2518182/
 

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#4
Montanuni will sauberes Fracking ermöglichen
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Die Montanuni Leoben hat ein Verfahren entwickelt, das eine umweltschonendere Förderung von Gas aus Tausenden Metern Tiefe ermöglichen soll. Dieses „Fracking“ ohne Chemie könnte angesichts der Gas-Krise neuen Aufwind bekommen.
Online seit heute, 18.05 Uhr
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Im nördlichen Niederösterreich gibt es Schiefergasvorkommen, die Österreich jahrelang mit Gas, das in mehreren Tausend Metern Tiefe in schwer zugänglichen, porösen Gesteinsschichten liegt, versorgen könnten.

Umstrittenes Verfahren
Die zur Förderung notwendige Fracking-Technologie wurde vor zehn Jahren schon intensiv diskutiert – und wieder begraben. Jetzt könnte das an der Montanuni Leoben vorgestelltes Verfahren, das eine umweltschonendere Förderung ermöglichen soll, durch die Gasproblematik mit Russland wieder zum Zug kommen.

Fracking ist ein heiß umstrittenes Verfahren zur Erdgasförderung: Von den einen wird diese Technologie zur Förderung von Erdgas- und Erdölvorkommen aus tiefer liegenden Gesteinsschichten – etwa aus Schiefergestein – als vielversprechende Zukunft der Erdgasgewinnung gesehen. Kritiker betonen dagegen die Umweltrisiken und sehen in der Ausweitung der fossilen Energiebasis ein Hemmnis für den Übergang zu erneuerbaren Energien.

Bei dem Verfahren wird das sogenannte Fracfluid – ein Gemisch aus Wasser, Quarzsand und diversen Chemikalien unter hohem Druck in tiefliegende Gesteinsschichten gepresst. Dabei werden feine Risse (Fracs) im Gestein erzeugt, durch die das Gas oder lagernde Öl zufließen kann. Die Methode ist umstritten, weil in der herkömmlichen Anwendung potenziell umweltbelastende Chemikalien zum Einsatz kommen um die Fracking-Flüssigkeit zu stabilisieren und ihre Stützfähigkeit zu erhalten. Skeptiker kritisieren auch, dass zu viel Wasser verbraucht wird und wenige Erkenntnisse über mögliche Umwelt-und Gesundheitsgefahren der Fracking-Methode vorliegen.

Leobener Verfahren ohne schädliche Chemie
Diese Bedenken kann Herbert Hofstätter vom Lehrstuhl für Petroleum and Geothermal Energy Recovery übersetzt auf sein Verfahren nicht nachvollziehen. Er hat an der Montanuniversität Leoben vor mehr als zehn Jahren eine Methode entwickelt, die ohne schädliche Chemie auskommen und das Verfahren umweltfreundlicher machen soll. Es sei ein neuer Weg zur sauberen Energiegewinnung unter Verwendung biologischer Substanzen, ohne den Einsatz umweltschädlicher Chemikalien, wie es Hofstätter gegenüber der APA formulierte. Zudem soll es nicht nur für die Gewinnung von Erdgas einsetzbar sein, sondern auch, um die Erdwärme für die thermische Energienutzung zu erschließen. „Dazu haben wir ein fertiges Konzept“, so der Leobener Professor.

Spezielle Stützmittel
„Bio Enhanced Energy Recovery“ (BEER) hat Hofstätter seine Alternative zu herkömmlichen Fracking-Verfahren genannt. Als Fracking-Flüssigkeit, die zur Erzeugung der Frakturen im unterirdischen Gestein und zum Transport der Stützmittel dient, wird Wasser mit Kaliumkarbonat herangezogen und mit hohem Druck in die Erde gepumpt.

Zum anderen werden spezielle Stützmittel wie Keramik, Sand oder Glaskügelchen verwendet, um die neu geschaffenen Risse offen zu halten. Damit das Wasser die entsprechenden Fließeigenschaften bekommt, setzt Hofstätter statt der kritisierten Chemikalien modifizierte Stärke ein. Für das BEER-Verfahren hat die Uni Leoben bereits vor Jahren das Patent angemeldet.

Wieder Interesse
Die OMV wollte dieses Verfahren 2012 eigentlich heranziehen, um im Weinviertel nach Schiefergas zu bohren. Wegen großen Widerstands der Bevölkerung und fehlender Unterstützung durch die Politik kam es schlussendlich aber nicht dazu. Mittlerweile gebe es an dem in Leoben entwickelten Verfahren wieder Interesse – sowohl im Inland als auch von ausländischen Firmen in Nordamerika, wie Hofstätter sagte.
01.05.2022, red, steiermark.ORF.at/Agenturen

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#5
SCHIEFERGAS
Steigende Gaspreise: Kommt jetzt das Fracking zurück?
In Zeiten steigender Gaspreise rechnet sich die umstrittene Förderungsmethode wieder. Was in den USA bereits großflächig eingesetzt wird, ist in Europa nicht so einfach

Eine Probebohrung im englischen Balcombe. Die britische Regierung will angesichts der Gaskrise die Risiken des Frackings reevaluieren.
Foto: AP/Lefteris Pitarakis

Die Geschichte des Frackings in Österreich ist eigentlich schnell erzählt: Rund zehn Jahre ist es her, als die OMV Probebohrungen im Weinviertel durchführen wollte, wo der Mineralölkonzern riesige Mengen an Schiefergas vermutete. Die Bevölkerung protestierte. Als eine Gesetzesnovelle auch noch Umweltverträglichkeitsprüfungen für Probebohrungen vorschrieb, blies die OMV die Sache ab – zu teuer. Das kurze Kapitel Fracking in Österreich wäre damit beendet. Eigentlich.

Doch dann kam der Krieg in der Ukraine, und ganz Europa will plötzlich weg von Putins Gas. Besonders betroffen ist Österreich, das 80 Prozent seines Gases aus Russland bezieht. Die Preise für Erdgas klettern in die Höhe – und aufwendige Fördermethoden zahlen sich wieder aus. Noch wichtiger als die Kosten ist vielen Abnehmern neuerdings aber ohnehin das Label "Not made in Russia".
Die mittlerweile zurückgetretene Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) brachte deshalb Anfang Mai eine Alternative ins Spiel: Man solle die heimische Gasproduktion erhöhen – und sich dabei auch dem Fracking nicht verschließen. Denn derzeit stammt nur ein einstelliger Prozentsatz des hierzulande verbrauchten Gases aus Österreich – und die konventionellen Gasförderstätten geben immer weniger her. Fracking soll das Problem lösen.

Unbekannte Reserven
Als die OMV ihre Frackingpläne noch verfolgte, hieß es, dass die Vorräte bei Poysdorf Österreich rund 30 Jahre mit Gas versorgen könnten. Doch wie viel Schiefergas wirklich unter dem Land lagert, ist schwer zu sagen. Die Probebohrungen fanden schließlich nie statt – und im Weinviertel ist inzwischen Gras über die Sache gewachsen.

Oder eben Wein. Johann Kleibl zeigt auf das Feld voller Reben in Poysdorf, wo die Probebohrung hätte stattfinden sollen. Er war beim Bürgerprotest vor zehn Jahren ganz vorne dabei und ist bis heute Sprecher der Initiative "Schiefes Gas". Wenn er von damals spricht, klingt immer noch Entschlossenheit aus seiner Stimme.


Johann Kleibl von der Bürgerinitiative "Schiefes Gas" vor dem Feld, wo die Probebohrung wohl hätte stattfinden sollen.
Foto: Philip Pramer

"Wir wollen in ein paar Jahrzehnten klimaneutral sein", sagt Kleibl. Wenn man jetzt mit dem Fracking anfängt, könne man die Klimaziele gleich vergessen. "Das brauchen wir stattdessen", sagt der Niederösterreicher und deutet auf den Windpark hinter dem Weinfeld. Anstatt die Milliarden autoritären Regimen in den Rachen zu werfen, müsste man erneuerbare Energie ausbauen, lokale Arbeitsplätze schaffen, uns unabhängiger machen. Aber Fracking? Darüber kann Kleibl heute wie damals nur den Kopf schütteln.

Aber natürlich geht es Kleibl nicht nur um das Weltklima. Dass bei der Frackingdebatte die Wogen hochgehen wie sonst nur bei Atomkraft, liegt an den Bildern aus den USA – brennendes Wasser aus dem Wasserhahn, verschmutzte Flüsse, verkraterte Landschaften. Kleibl hat sie auf seinem Laptop gespeichert. Den sanften Tourismus, auf den das Weinviertel so stolz ist, könnte man sich dann aufmalen, murmelt er beim Durchklicken.

Umstrittene Methode
Beim Fracking wird sogenanntes unkonventionelles Gas, das in undurchlässigem Gestein gespeichert wird, verfügbar gemacht. Dazu muss man Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in den Untergrund pressen. Das Gestein bricht dadurch auf und wird gasdurchlässig, ein Stützmittel in dem Gemisch hält die Risse offen, wodurch das Gas aufgefangen werden kann. Kritiker fürchten, dass sich die teils krebserregenden Chemikalien mit dem Grundwasser vermischen und dieses langfristig unbrauchbar machen.



Herbert Hofstätter vom Lehrstuhl für Petroleum and Geothermal Energy Recovery an der Montanuniversität Leoben kennt und versteht diese Ängste. Doch die Horrorbilder aus den USA hätten mit der Realität in Europa nichts zu tun, sagt er. Einerseits lagern die für Fracking interessanten Gesteinsschichten in Österreich viele Tausend Meter unter dem Grundwasser – ganz im Gegensatz zu Nordamerika, wo in geringerer Tiefe gefrackt wird.

Das von Hofstätter entwickelte Verfahren namens "Bio Enhanced Energy Recovery" will ohne Chemikalien auskommen und arbeitet stattdessen mit Maisstärke und Kaliumkarbonat, das auch in der Lebensmittelindustrie und als Düngemittel eingesetzt wird. "Das ist 100 Prozent umweltkompatibel", sagt Hofstätter.

Auch damals im Weinviertel hätte das Verfahren zum Einsatz kommen sollen. Doch als der damalige OMV-Austria-Chef Christoph Veit in Poysdorf vor versammeltem Saal demonstrativ Maisstärke aus einem Glas trank, war die Stimmung bereits gekippt. Anwohner wie Kleibl fürchteten auch das sogenannte Lagerstättenwasser, das mit dem Gas an die Oberfläche kommen kann. Darin können sich zwar natürlich vorkommende, aber trotzdem giftige Stoffe befinden.

Boom in den USA
Vor allem in den USA wird Fracking bereits in großem Maßstab eingesetzt, wo sie das Wiedererstarken der dortigen Ölproduktion getragen hat. In den zehn Jahren bis 2020 hat sich die Förderung des Landes auf etwa 13 Millionen Fass Rohöl pro Tag mehr als verdoppelt, erklärt Oleg Galbur, Ölanalyst bei Raiffeisen Research. "Dieser Anstieg wurde von der Schieferindustrie getragen." Es wird auch viel Erdgas aus Schiefergestein durch Fracking gefördert, der Anteil an der gesamten US-Gasproduktion lag im Jahr 2021 bei 79 Prozent.

Der größte Unterschied besteht im Lebenszyklus, sagt Galbur. Die Entwicklungsperiode für ein konventionelles Ölfeld liegt ihm zufolge bei rund zehn Jahren, dann könne 20 bis 40 Jahre gefördert werden. Bei Fracking geht alles schneller: die Exploration, die Zeit zum Hochfahren der Förderung aus einem Bohrloch, aber auch dessen Versiegen. Schon nach etwa einem Jahr beginnt die Fördermenge langsam abzunehmen, weshalb man regelmäßig neue Bohrlöcher benötigt.

Katastrophale Klimabilanz
Die machen Fracking im Übrigen besonders schädlich für das Klima. Denn werden die alten Bohrlöcher schlecht abgedichtet, was in den USA passierte, kann dadurch weiter Methan entweichen, das als Treibhausgas 30-mal schädlicher ist als CO2. Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 dürfte der Frackingboom in den USA bis zu einem Drittel der jährlichen globalen Methanemissionen beigetragen haben.

Auch ohne die Einpreisung dieser Kollateralschäden für das Klima ist Fracking teurer als die konventionelle Erdgasförderung, weshalb vor allem US-Frackingunternehmen als "Swing Producer" gelten. Bei hohen Preisen über 100 US-Dollar je Fass Öl wie derzeit wird so viel wie möglich gefördert. Sinkt der Preis stark, werden die Fracking-Bohrlöcher vorübergehend stillgelegt, was das Ölangebot auch entsprechend verringert.
Galbur beziffert die durchschnittlichen Förderkosten von Schieferöl mit etwa 50 US-Dollar je Barrel – darunter lohnt sich die Produktion über Fracking nicht mehr. Steigt der Preis wieder über die Erzeugungskosten, wird die Produktion wieder hochgefahren.

Keine Pläne in Europa
Dass sich Europa mit Fracking-Öl selbst versorgen kann, glaubt Galbur nicht. Auch bei Erdgas ist er skeptisch, viele Pilotprojekte wie in Polen seien wieder eingestellt worden. Nennenswerte Erzeugung in Europa gibt es derzeit nicht. Auch weil das Schiefergestein in Europa tiefer liegt, ist die potenzielle Förderung hierzulande vermutlich deutlich teurer als in den USA, erklärt der Geophysiker Götz Bokelmann von der Uni Wien.


Fracking polarisiert.
Foto: AP/Victor R. Caivano

Bokelmann bedauert allerdings, dass die OMV 2011/12 von den Probebohrungen absah. Denn so wüsste man jetzt über die vermuteten Vorkommen im Bezirk Mistelbach besser Bescheid, hätte eine Ahnung von den Förderkosten und müsste – wenn man denn wollte – nicht wieder bei null anfangen. Bokelmann, dessen Spezialgebiet die Seismologie ist, kann immerhin ein mit Fracking assoziiertes Risiko ausschließen: dass es in den Gegenden, wo Fracking betrieben wird, auch zu signifikanten Erdbeben kommt. Die seien zwar spürbar, aber harmlos.

Bereits 2012 kam die EU-Kommission zum Schluss, dass Europa über Frackinggas nicht zum Selbstversorger werden könne – und selbst im besten Fall könne die Abhängigkeit von Importen nur auf 60 Prozent gesenkt werden. Auch in Österreich gibt es keine neuen Frackingpläne. "Das lässt sich nicht über Nacht machen", erklärte OMV-Konzernchef Alfred Stern – eben auch angesichts der Tatsache, dass es vor zehn Jahren keine Probebohrungen gab.

Zu spät für Österreich
Sollte man sich jetzt für Fracking entscheiden, könne die Förderung von Erdgas frühestens 2030 beginnen – also nur eine Dekade vor der angestrebten Klimaneutralität. Dann würden nur zehn Jahre für die Nutzung bleiben. "Das ist so ähnlich, wie wenn Sie mit 95 beschließen, sich noch ein neues Haus zu bauen", vergleicht Stern.

Wenn es politisch wirklich gewollt und morgen die Genehmigung für Fracking im Weinviertel erteilt wäre, könnte aber schon in ein bis zwei Jahren Gas fließen, sagt Hof stätter von der Uni Leoben. Dass das selbst in Zeiten der Gaskrise unrealistisch ist, weiß er selbst. Er will sein Verfahren nun im Ausland verkaufen, US-Unternehmen hätten bereits Interesse bekundet. Auch für Geothermie könnte die Technik "mit Copy-and-paste" eingesetzt werden, wie er sagt.

Man habe damals verabsäumt, die Bevölkerung im Weinviertel richtig zu informieren, denkt Hof stätter rückblickend über das gescheiterte Projekt. Was man nicht kennt, werde eben sofort verteufelt.

Auch Johann Kleibl von der Bürgerinitiative kritisiert die damalige Informationspolitik der OMV. Er denkt an die Zeit zurück, als das Thema Poysdorf gespalten hat. Die einen erhofften sich Wohlstand und Arbeitsplätze, die anderen fürchteten sich vor Umweltzerstörung und dem Wertverlust ihrer Häuser. "Da sind Leute nicht mehr gemeinsam am Wirtshaustisch gesessen, Freundschaften zerbrochen", sagt er.

An ein Comeback des Frackings im Weinviertel glaubt auch er nicht. Er ist aber überzeugt, dass die Poysdorfer im Ernstfall noch viel vereinter gegen Fracking kämpfen würden. Denn die Anwohner haben sich nun eben selbst informiert.
(Philip Pramer, Alexander Hahn, Klaus Taschwer, 3.6.2022)

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#6
Industriellenvereinigung (IV) fordert Erdgas-Fracking im Weinviertel
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Die Industriellenvereinigung (IV) fordert eine Machbarkeitsstudie, um die Gasreserven im Weinviertel mittels Fracking zu fördern. Pläne dazu hatte es zuletzt 2012 gegeben. Die OMV möchte das Projekt derzeit nicht wieder aufnehmen.
Obwohl die OMV bereits abgewunken hat, liebäugelt die Industriellenvereinigung mit dem Fracking-Gas im Weinviertel und fordert eine Machbarkeitsstudie. „Uns ist bewusst, dass das ein politisch sensibles Thema ist, aber was wir zumindest erwarten ist, dass es mit Ernsthaftigkeit geprüft wird“, sagte IV-Generalsekretär Christoph Neumayer am Donnerstag. Zuletzt hatte ein Professor der Montanuniversität Leoben mit einem Vorschlag zu umweltverträglichem Fracking aufhorchen lassen – mehr dazu in „Nachhaltiges“ Fracking für Erdwärme (noe.ORF.at; 22.5.2022).

Die IV will wissen, wie groß die Gasvorkommen in dem Schiefergestein sind und wie schnell es verfügbar wäre. Bereits 2012 herrschte in den Gemeinden Prinzendorf, Schönkirchen (beide Bezirk Gänserndorf) und Poysbrunn (Bezirk Mistelbach) helle Aufregung wegen angeblicher Probebohrungen. Die OMV legte die Pläne nach heftigem Widerstand der Bevölkerung und wegen fehlender Unterstützung durch die Politik ad acta.

OMV: Umsetzung dauert Jahre
Die OMV denkt jedoch auch jetzt nicht daran, die Fracking-Pläne aus der Schublade zu holen. OMV-Chef Alfred Stern sagte zur APA: „Das lässt sich nicht über Nacht machen. Wir können nicht ins Weinviertel rausfahren und anfangen, Löcher zu bohren, sondern das dauert mehrere Jahre und erfordert intensive Investitionen, um an diese Vorkommen heranzukommen.“

Vor Ende dieses Jahrzehnts könnte nichts gefördert werden, und 2040 wolle man ja in Österreich klimaneutral sein, dann würden für die Nutzung nur noch zehn Jahre bleiben. „Das ist so ähnlich, wie wenn Sie mit 95 beschließen, sich noch ein neues Haus zu bauen.“

In der Industriellenvereinigung sorgt man sich nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine um die Energieversorgung des Kontinents. Zusätzlich verteuert sich der Import fossiler Brennstoffe aufgrund der Abwertung des Euros.
22.07.2022, red, noe.ORF.at

Links:
IV fordert Erdgas-Fracking im Weinviertel
 
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