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Bemerkenswerte Rettung
Wrackteil aus einer spektakulären Seekriegsepisode im Pazifik entdeckt
Die USS New Orleans verlor bei einem berühmten Seegefecht im Zweiten Weltkrieg vor den Salomonen-Inseln ihren Bug – und schaffte es trotzdem noch bis nach Hause
Am 30. November 1942 stieß die USS New Orleans gemeinsam mit zehn weiteren Kreuzern und Zerstörern unter einem mondlosen, stark bewölkten Himmel nichts ahnend in die Gewässer nahe den Salomonen im südlichen Pazifik vor. "Ein leichter Südostwind kräuselte kaum die Wasseroberfläche", heißt es in einem zeitgenössischen Marinebericht über die Ereignisse dieser Nacht.

Dann kam der Angriff: Acht japanische Zerstörer und eine unbekannte Zahl von U-Booten fielen förmlich über die amerikanischen Schiffe her. Die Schlacht von Tassafaronga begann – einer der katastrophalsten Momente für die US-Marine im Zweiten Weltkrieg. Wenige Minuten nachdem die USS New Orleans das Feuer eröffnet hatte, wurde der führende Kreuzer der amerikanischen Formation, die USS Minneapolis, laut Schadensbericht auf der linken Seite von zwei japanischen Torpedos getroffen.


Die USS New Orleans war ein Schwerer Kreuzer und Typschiff der New-Orleans-Klasse.
Foto: US National Archives

Ein Drittel versank im Meer
Um eine Kollision zu vermeiden, machte die New Orleans eine scharfe Rechtskurve – und wurde selbst von einem japanischen "Long Lance"-Torpedo getroffen. Die Detonation erfasste Munition, die im Bug des Schiffs gelagert war. Die Explosion riss das vordere Drittel des Kreuzers ab. 183 Seeleute kamen dabei ums Leben, drei von ihnen wurden posthum mit dem Navy Cross ausgezeichnet. Das Bugteil wurde kurze Zeit später noch intakt und aufrecht treibend hinter der New Orleans gesichtet, bevor es schließlich sank. Trotz dieser verheerenden Schäden gelang es der überlebenden Besatzung, das Schiff über Wasser zu halten.

"Nach allem, was passiert ist, hätte dieses Schiff eigentlich sinken müssen. Aber durch die heldenhaften Schadensbegrenzungsmaßnahmen ihrer Besatzung wurde die USS New Orleans zu einem der am schwersten beschädigten US-Kreuzer im Zweiten Weltkrieg, der tatsächlich überlebte", erklärte Samuel J. Cox, pensionierter Konteradmiral der US-Marine und Direktor des Naval History and Heritage Command in Washington.


Seit 83 Jahren ruht der Bug der USS New Orleans auf dem Meeresboden in 675 Meter Tiefe.
Foto: Ocean Exploration Trust

In 675 Meter Tiefe
Anfang der Woche entdeckten Forschende den 30 Meter langen gesunkenen Bug der USS New Orleans auf dem Meeresgrund in 675 Meter Tiefe nahe der Salomon-Insel Guadalcanal. Einige Farbreste und ein gravierter Anker reichten aus, um das berühmte Wrackteil zu identifizieren. Das Wissenschafterteam an Bord der Nautilus der NOAA Ocean Exploration Trust erspähte die Überreste während einer vierstündigen Kartierung des Iron Bottom Sound mithilfe eines ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugs.

Der Iron Bottom Sound ist ein Seegebiet nahe den Salomonen, in dem zwischen August und Dezember 1942 fünf große Seeschlachten im Rahmen der Schlacht um Guadalcanal ausgetragen wurden, die einen Wendepunkt im Pazifikkrieg darstellte. In diesen fünf Monaten starben über 20.000 Soldaten. Insgesamt gingen 111 Kriegsschiffe und 1450 Flugzeuge auf beiden Seiten verloren.

1959 verschrottet
Das entdeckte Bugteil ist das größte noch erhaltene Fragment der New Orleans, erklärte Cory Graff, Kurator und Restaurierungsleiter des National WWII Museum in New Orleans. Der restliche Teil des Schiffs wurde 1959 in Baltimore verschrottet. Bei dem Bug handelt es sich freilich nicht nur um ein Kriegsrelikt, sondern auch um ein Seekriegsgrab. "183 Seeleute der USS New Orleans starben in jener Nacht an Bord, viele von ihnen gingen mit dem vorderen Turm und dem abgetrennten Bug unter", sagte Graff.


Trotz fehlenden Bugs schaffte es die USS New Orleans nach dem Beschuss noch bis zum Hafen der Insel Tulagi, wo sie notdürftig repariert wurde.
Foto: US National Archives

"Das Wrack wurde während der Kartierung des Meeresbodens durch ein unbemanntes Oberflächenfahrzeug entdeckt und kurz darauf von einem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug untersucht", erklärte Daniel Wagner, Chef-Wissenschafter bei Ocean Exploration Trust, in einer Stellungnahme. "Die Bildaufnahmen wurden in Echtzeit von hunderten Fachleuten weltweit verfolgt, die gemeinsam an der Identifizierung mitwirkten."

Schwere Kreuzer wie die USS New Orleans waren Kampfschiffe, konzipiert zur Abwehr von Luftangriffen und zum Beschuss gegnerischer Stellungen. Sie waren kleiner, schneller und günstiger als Schlachtschiffe, aber stärker bewaffnet als Zerstörer. Die USS New Orleans wurde in der Brooklyn Navy Yard gebaut und am 12. April 1933 vom Stapel gelassen. Am 7. Dezember 1941 lag die New Orleans in Pearl Harbor und reagierte auf den japanischen Luftangriff. Später rettete das Schiff während der Schlacht im Korallenmeer Seeleute der USS Lexington aus dem Wasser und begleitete den Flugzeugträger USS Enterprise während der Schlacht um Midway.

Mit Kokosnusspalmen notdürftig repariert
Bemerkenswert ist das Durchhaltevermögen der Besatzung und des Schiffs nach dem Angriff vom 30. November 1942. Nicht einmal der Verlust ihres Bugs konnte den Kreuzer stoppen. Die New Orleans setzte Kurs auf die nahegelegene Insel Tulagi, wo die Matrosen Kokospalmen fällten, um aus den Stämmen einen provisorischen Bug zu zimmern. Dieses improvisierte Bauteil befestigten sie am Rumpf der New Orleans und nahmen Kurs auf Australien – doch es gab ein weiteres Problem: Das Schiff war wegen der schweren Schäden nicht mehr in der Lage, vorwärtszufahren. Die Besatzung musste ihr Schiff also rückwärts steuern.

Video: Tauchgang zum Bug der USS New Orleans
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Rund 3000 Kilometer brachten die Matrosen so hinter sich, ehe sie am 24. Dezember 1942 die Cockatoo-Insel bei Sydney, Australien, erreichten, wo sie umfangreichere Reparaturen vornehmen ließen. Von dort trat das Schiff – weiterhin im Rückwärtsgang – seine lange Reise über den Pazifik zurück in die USA an, mit kurzen Zwischenstopps in Pago Pago und Pearl Harbor. Im Puget Sound Naval Shipyard nahe Seattle wurde die New Orleans fünf Monate lang überholt und repariert. Im August 1943 kehrte das Schiff in den Krieg zurück.

Es nahm an den Bombardierungen von Wake Island, den Marshall- und Karolineninseln sowie an der Schlacht im Golf von Leyte teil. Auch bei den Invasionen von Okinawa und den Philippinen war die New Orleans im Einsatz. 1947 wurde das Schiff außer Dienst gestellt. Die USS New Orleans erhielt 17 Gefechtssterne – eine der höchsten Auszeichnungen, die im Zweiten Weltkrieg an US-Schiffe vergeben wurden.
(Thomas Bergmayr, 9.7.2025)
Wrackteil aus einer spektakulären Seekriegsepisode im Pazifik entdeckt
 
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