Mobilmachung auf Schiene
Welche Bedeutung die Bahn für das Bundesheer hat
Die Zusammenarbeit zwischen Militär und Bahn wird in Österreich angesichts aktueller Konflikte verstärkt diskutiert
Strategische Schienenverbindungen und Übungen sollen Verteidigungsfähigkeit stärken, wünschen sich die Logistiker beim Österreichischen Bundesheer.
(Symbolbild) Images/iStockphoto
Es sind wohl die kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Tage, in erster Linie aber der Krieg, den Russland fast vor unserer Haustüre gegen die Ukraine führt, was die Menschen in Österreich sensibilisiert. Im Zuge eines Umdenkens wird die Verbindung zwischen Heer und Eisenbahn hierzulande stärker zum Thema.
Das zeigte sich beim Forum Verkehr, das vom Veranstaltungsinstitut imh in Wien abgehalten wurde: Zum einen war erstmals ein hoher Offizier des Österreichischen Bundesheeres als Referent zu dieser Mobilitätsveranstaltung eingeladen worden. Zum anderen zeigte sich nach dem Vortrag großes Interesse seitens des Fachpublikums.
Brigadier Andreas Stupka, zuständig für die logistische Bereitstellung im Bundesheer, bezeichnete die Schiene als strategische Lebensader in Europa. Vieles an militärischem Personal und an Heeresgütern werde durch einzelne Länder geschleust. Dies gelte insbesondere für Österreich: "Wir müssen, wenn wir uns verteidigen wollen, im Ausland einkaufen, weil wir unsere Rüstungs- und Munitionsfabriken geschlossen haben", sagte Stupka.
"Steinener Gast"
Hinzu kommt die Entfremdung zwischen Bahn und Armee in der jüngsten Vergangenheit, als allgemein angenommen wurde, Europa werde künftig nicht mehr von Kriegen betroffen sein: "Wir haben in den letzten 30, 40 Jahren viele Rampen abgebaut", klagte der Logistik-Offizier. 1991 habe die Zusammenarbeit anlässlich der Jugoslawienkrise noch hervorragend geklappt. "Aber 31 Jahre lang wurde das nicht geübt, das müssen wir jetzt wieder aktivieren", sagte Stupka.
Gleichzeitig warnte der Offizier, dass die Bevölkerung den Frieden inzwischen als Normalzustand betrachte, der Krieg aber immer der "steinerne Gast" in der Menschheitsgeschichte sei. Stupka nannte drei strategische Drehscheiben, auf die Österreichs Verteidigung ihr Augenmerk legen müsse: Das Wiener Becken, das Eferdinger Becken und die Mur-Mürz-Furche mit dem Grazer Becken.
Die Drohne habe das Kriegsbild in letzten drei Jahren so fundamental verändert wie der Panzer im Gefolge des 1. Weltkriegs oder die Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Da helfe Österreich auch seine Neutralität nichts: "Wenn man zeigen will, dass man mitten in die Nato ohne Gegenwehr schießen kann, dann nimmt man sich die Schweiz oder Österreich", sagte Stupka.
Logistische Herausforderung
Deshalb regte er eine intensive Zusammenarbeit zwischen Heer und Bahn an. Jedoch: "Wir können keine Truppen zum Schutz vor Gleisanalagen abstellen, das muss die Bahn als Werkschutz machen. Es wäre wichtig, das Bahnpersonal militärisch auszubilden, weil es im Ernstfall ein Ziel sein könnte." Denkbar wäre es nach Stupkas Meinung, Bahnbedienstete nach absolviertem Wehrdienst in der Miliz nicht für den Kampfeinsatz, sondern bei der Bahn zu verpflichten.
Brigadier Andreas Stupka hielt einen Vortrag beim Forum Verkehr.
Stefan May
Im Ernstfall werde bei der Eisenbahn nicht mehr alles funktionieren, sagte Stupka. Deshalb sei das Ziel im Sinn von Autarkie, Low Tech, nur so viel Technik wie nötig. Darum müssten auch Diesellokomotiven vorgehalten werden. "Anzustreben wären gemeinsame Übungen mit der Bahn", schlug der Heeres-Logistiker vor. Für die Armee wären zudem Durchgangslinien notwendig. Deshalb bezeichnete es Stupka als "Drama für militärische Planung", dass es etwa keine direkte Schienenverbindung mehr zwischen Sankt Pölten und Wiener Neustadt gebe.
Anhand von Beispielen demonstrierte der Brigadier, welche enormen Mengen im Verteidigungsfall durch das Militär auf der Schiene bewegt werden müssten: So verbrauche etwa ein Bergepanzer 600 Liter Superbenzin auf 100 Kilometern. Die Eisenbahn sei deshalb unabdingbar für den Transport von militärischem Material.
100 Tonnen Munition
Der Truppenaufmarsch mit Fahrzeugen und schwerem Gerät betreffe Nach- und Abschub, Munition, Verpflegung, Verwundete und Personen insgesamt. Eine Brigade mit 5.000 Soldaten und 900 Kraftfahrzeugen brauche 100 Tonnen Munition pro Tag. Gewichtsmäßig bedeute das: Eine Granate sei 50 Kilogramm schwer. Ein Container mit 30 Paletten zu je acht Granaten wiege 13 Tonnen. Der Drohnenverbrauch liege im Ukrainekrieg bei 10.000 bis 15.000 Stück pro Monat auf jeder Seite. Russland schiebe 3000 Tonnen Munition pro Tag nach.
Bei der kämpfenden Truppe sei mit 15 bis 25 Prozent Ausfällen zu rechnen, davon 25 Prozent Toten. Fünf Prozent würden aufgrund der Kampfeinwirkungen aus psychischen Gründen nicht mehr verwendbar sein, 25 Prozent würden schwer verwundet. Sie alle müssten hinter die Front zurückgebracht werden.
Wichtig sei laut Stupka ein verdeckter Aufmarsch, also der Transport von militärischem Gerät in gedeckten Güterwagen. Die Oberleitung helfe gegen Drohnen, weil diese sich darin verfingen. Auch Eisenbahntunnel seien für die Verteidigung wichtig: "Sie sollten so ausgebaut sein, dass man drinnen verdeckt umschlagen kann", sagte Stupka. "Anzudenken wären Gefechtsstandzüge. Die Schweiz hat das zum Teil." Das Fazit des Bundesheeroffiziers: "In weiten Bereichen sind wir derzeit dabei, auf beiden Seiten wieder zu lernen. Wir brauchen ein schnelles Zusammenwachsen zwischen Heer und Bahn." Wie stark dieses Bedürfnis derzeit auch auf der anderen Seite ist, bewies der rege Austausch von Visitenkarten mit dem Referenten nach dessen Vortrag.
(Stefan May, 18.3.2026)
Welche Bedeutung die Bahn für das Bundesheer hat
Welche Bedeutung die Bahn für das Bundesheer hat
Die Zusammenarbeit zwischen Militär und Bahn wird in Österreich angesichts aktueller Konflikte verstärkt diskutiert
Strategische Schienenverbindungen und Übungen sollen Verteidigungsfähigkeit stärken, wünschen sich die Logistiker beim Österreichischen Bundesheer.
(Symbolbild) Images/iStockphoto
Es sind wohl die kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Tage, in erster Linie aber der Krieg, den Russland fast vor unserer Haustüre gegen die Ukraine führt, was die Menschen in Österreich sensibilisiert. Im Zuge eines Umdenkens wird die Verbindung zwischen Heer und Eisenbahn hierzulande stärker zum Thema.
Das zeigte sich beim Forum Verkehr, das vom Veranstaltungsinstitut imh in Wien abgehalten wurde: Zum einen war erstmals ein hoher Offizier des Österreichischen Bundesheeres als Referent zu dieser Mobilitätsveranstaltung eingeladen worden. Zum anderen zeigte sich nach dem Vortrag großes Interesse seitens des Fachpublikums.
Brigadier Andreas Stupka, zuständig für die logistische Bereitstellung im Bundesheer, bezeichnete die Schiene als strategische Lebensader in Europa. Vieles an militärischem Personal und an Heeresgütern werde durch einzelne Länder geschleust. Dies gelte insbesondere für Österreich: "Wir müssen, wenn wir uns verteidigen wollen, im Ausland einkaufen, weil wir unsere Rüstungs- und Munitionsfabriken geschlossen haben", sagte Stupka.
"Steinener Gast"
Hinzu kommt die Entfremdung zwischen Bahn und Armee in der jüngsten Vergangenheit, als allgemein angenommen wurde, Europa werde künftig nicht mehr von Kriegen betroffen sein: "Wir haben in den letzten 30, 40 Jahren viele Rampen abgebaut", klagte der Logistik-Offizier. 1991 habe die Zusammenarbeit anlässlich der Jugoslawienkrise noch hervorragend geklappt. "Aber 31 Jahre lang wurde das nicht geübt, das müssen wir jetzt wieder aktivieren", sagte Stupka.
Gleichzeitig warnte der Offizier, dass die Bevölkerung den Frieden inzwischen als Normalzustand betrachte, der Krieg aber immer der "steinerne Gast" in der Menschheitsgeschichte sei. Stupka nannte drei strategische Drehscheiben, auf die Österreichs Verteidigung ihr Augenmerk legen müsse: Das Wiener Becken, das Eferdinger Becken und die Mur-Mürz-Furche mit dem Grazer Becken.
Die Drohne habe das Kriegsbild in letzten drei Jahren so fundamental verändert wie der Panzer im Gefolge des 1. Weltkriegs oder die Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Da helfe Österreich auch seine Neutralität nichts: "Wenn man zeigen will, dass man mitten in die Nato ohne Gegenwehr schießen kann, dann nimmt man sich die Schweiz oder Österreich", sagte Stupka.
Logistische Herausforderung
Deshalb regte er eine intensive Zusammenarbeit zwischen Heer und Bahn an. Jedoch: "Wir können keine Truppen zum Schutz vor Gleisanalagen abstellen, das muss die Bahn als Werkschutz machen. Es wäre wichtig, das Bahnpersonal militärisch auszubilden, weil es im Ernstfall ein Ziel sein könnte." Denkbar wäre es nach Stupkas Meinung, Bahnbedienstete nach absolviertem Wehrdienst in der Miliz nicht für den Kampfeinsatz, sondern bei der Bahn zu verpflichten.
Brigadier Andreas Stupka hielt einen Vortrag beim Forum Verkehr.
Stefan May
Im Ernstfall werde bei der Eisenbahn nicht mehr alles funktionieren, sagte Stupka. Deshalb sei das Ziel im Sinn von Autarkie, Low Tech, nur so viel Technik wie nötig. Darum müssten auch Diesellokomotiven vorgehalten werden. "Anzustreben wären gemeinsame Übungen mit der Bahn", schlug der Heeres-Logistiker vor. Für die Armee wären zudem Durchgangslinien notwendig. Deshalb bezeichnete es Stupka als "Drama für militärische Planung", dass es etwa keine direkte Schienenverbindung mehr zwischen Sankt Pölten und Wiener Neustadt gebe.
Anhand von Beispielen demonstrierte der Brigadier, welche enormen Mengen im Verteidigungsfall durch das Militär auf der Schiene bewegt werden müssten: So verbrauche etwa ein Bergepanzer 600 Liter Superbenzin auf 100 Kilometern. Die Eisenbahn sei deshalb unabdingbar für den Transport von militärischem Material.
100 Tonnen Munition
Der Truppenaufmarsch mit Fahrzeugen und schwerem Gerät betreffe Nach- und Abschub, Munition, Verpflegung, Verwundete und Personen insgesamt. Eine Brigade mit 5.000 Soldaten und 900 Kraftfahrzeugen brauche 100 Tonnen Munition pro Tag. Gewichtsmäßig bedeute das: Eine Granate sei 50 Kilogramm schwer. Ein Container mit 30 Paletten zu je acht Granaten wiege 13 Tonnen. Der Drohnenverbrauch liege im Ukrainekrieg bei 10.000 bis 15.000 Stück pro Monat auf jeder Seite. Russland schiebe 3000 Tonnen Munition pro Tag nach.
Bei der kämpfenden Truppe sei mit 15 bis 25 Prozent Ausfällen zu rechnen, davon 25 Prozent Toten. Fünf Prozent würden aufgrund der Kampfeinwirkungen aus psychischen Gründen nicht mehr verwendbar sein, 25 Prozent würden schwer verwundet. Sie alle müssten hinter die Front zurückgebracht werden.
Wichtig sei laut Stupka ein verdeckter Aufmarsch, also der Transport von militärischem Gerät in gedeckten Güterwagen. Die Oberleitung helfe gegen Drohnen, weil diese sich darin verfingen. Auch Eisenbahntunnel seien für die Verteidigung wichtig: "Sie sollten so ausgebaut sein, dass man drinnen verdeckt umschlagen kann", sagte Stupka. "Anzudenken wären Gefechtsstandzüge. Die Schweiz hat das zum Teil." Das Fazit des Bundesheeroffiziers: "In weiten Bereichen sind wir derzeit dabei, auf beiden Seiten wieder zu lernen. Wir brauchen ein schnelles Zusammenwachsen zwischen Heer und Bahn." Wie stark dieses Bedürfnis derzeit auch auf der anderen Seite ist, bewies der rege Austausch von Visitenkarten mit dem Referenten nach dessen Vortrag.
(Stefan May, 18.3.2026)


