Juri Gagarin in voller Montur, bevor er in der Wostok-1 als erster Mensch die Erde umrundete. Auf diesem Bild ist sein Helm noch makellos weiß. Erst wenige Minuten vor dem Start wurden noch die kyrillischen Buchstaben CCCR (für UdSSR) in roter Farbe per Hand auf den Helm gemalt – aus Sorge, dass er nach der Landung für einen westlichen Spion gehalten werden könnte.
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Sein breites Lächeln war ein Versprechen. Für eine ganze Generation stand es für Freiheit und einen Aufbruch, der raketengleich in eine Zukunft voller Wohlstand führen sollte. Doch selbst als sich diese Vorstellung – zumindest in der damaligen Sowjetunion – als Utopie herausstellte, blieb Juri Gagarin ein Symbol für große Träume.
Es waren 108 Minuten, die den 27-jährigen Luftwaffenpiloten auf einen Schlag weltberühmt machten. Am Morgen des 12. April 1961 rief er seinen Mitstreitern noch das berühmte "Pojechali!" ("Auf geht's!") zu, bevor er um 9.07 Uhr im Raumschiff Wostok-1 vom Testgelände in Tjuratam, dem heutigen Baikonur, in die Höhe schoss. Als erster Mensch überwand er die irdischen Grenzen der Gravitation und umrundete die Erde. Was zuvor Stoff für Science-Fiction gewesen war, wurde plötzlich zur Realität. Der Weg war frei für das neue Raumfahrtzeitalter, das gerade mit der Artemis-Mission ein Revival erlebt.
Während KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow Gagarin zum "Kolumbus unserer Tage" erhob, waren die USA konsterniert. Gagarins epochaler Flug fiel in die Hochphase des Kalten Kriegs: Wenig Monate später begann der Bau der Berliner Mauer und ein Jahr später die Kubakrise. Die USA, die gerade erst den Sputnik-Schock von 1957 verdaut hatten, mussten sich angesichts des Triumphs des charismatischen Kosmonauten beim Wettlauf ins All vorerst geschlagen geben. Der US-Amerikaner Alan Shepard saß zwar schon seit Februar 1961 in den Startlöchern, doch aufgrund von Problemen mit der Rakete Mercury-Redstone 3 hatte das Nasa-Team um den aus Deutschland stammenden Raumfahrtingenieur Wernher von Braun aber auf einem weiteren unbemannten Testflug bestanden.
Juri Gagarin wurde mit seinem Allflug zum hochdekorierten "Helden der Sowjetunion" katapultiert.
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Kennedys Reaktion
Nur wenige Monate nach Gagarins Flug schlug US-Präsident John F. Kennedy dem Kongress vor, noch vor Ende des Jahrzehntes "einen Mann auf den Mond zu schicken" – was zu diesem Zeitpunkt auf wenig Begeisterung stieß. Erst Kennedys berühmte Rede 1962, in der er an den Pioniergeist und die Selbstbestimmung der USA appellierte, riss die Menschen mit: "Wir entscheiden uns, zum Mond zu fliegen, nicht weil es einfach ist, sondern weil es schwierig ist."
65 Jahre nach dem historischen Flug Gagarins um die Erde waren Anfang April erstmals seit dem von Kennedy angestoßenen Apollo-Programm wieder Menschen in Richtung Mond unterwegs.
Die Artemis-2-Mission führte eine vierköpfige Crew um den Mond herum, wo sie so weit in den Weltraum vordrang wie noch nie ein Mensch zuvor. In der Nacht auf den 11. April wasserte sie planmäßig im Pazifik. Gegenüber dem zehntägigen Flug der Artemis-Crew, der in eine Entfernung von rund 407.000 Kilometer führte, erscheint Gagarins elliptische Rundreise, die ihn maximal 327 Kilometer von der Erde wegbrachte, wie ein Katzensprung.
Der Start der Wostok-1 am 12. April 1964 erfolgte im heutigen Baikonur in Kasachstan.
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Dabei war bei weitem nicht alles nach Plan verlaufen. Noch im Oktober 1960 waren bei einer Explosion am geheimen Raketentestgelände im heutigen Kasachstan rund hundert Menschen ums Leben gekommen. Es war nur einer von vielen Un- und Vorfällen, die vertuscht wurden und erst Jahrzehnte später an die Öffentlichkeit gelangten. Von den rund 30 Hunden und zahlreichen anderen Tieren, die vor Gagarin zu Testzwecken ins All geschossen wurden, waren nur wenige lebend zurückgekehrt.
"Genossen, ich brenne"
Auch Gagarin war eher Versuchspilot als Kosmonaut. Der Flug wurde weitgehend automatisch gesteuert, die manuelle Steuerung war blockiert und nur über einen Code zugänglich, wobei die Gagarin die ersten drei Ziffern kannte, während drei weitere Stellen in einem Umschlag versteckt waren. Die Sowjet-Experten gaben ihm weniger als 50 Prozent Überlebenschance.
Viel zu tun hatte er ohnehin nicht, wissenschaftliche Aufgaben waren noch nicht vorgesehen. Dafür konnte er als erster Mensch ausgiebig die Erde, die er als erster als "blauen Planeten" bezeichnete, aus der Außenperspektive betrachten. Kurz nach Eintreten in die Erdumlaufbahn gab er an die Bodenstation durch: "Ich sehe die Erde! Ich sehe die Wolken, es ist bewundernswert, was für eine Schönheit!"
Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre kam es zu ernsthaften Komplikationen, wie ebenfalls erst später bekannt wurde. Die Kabel zwischen Landekapsel und Versorgungsmodul lösten sich nicht wie vorgesehen, wodurch das Raumschiff bis zur Abtrennung zehn Minuten um die eigene Achse trudelte. "Genossen, ich brenne", teilte er noch mit, als er Flammen um die Kapsel sah, bevor er sich wie geplant in 7000 Metern Höhe per Schleudersitz aus der Kapsel katapultierte und mit dem Fallschirm auf einem Kartoffelacker nahe dem Dorf Smelkowka landete.
Auswahl für Geheimprojekt
Es passte ganz gut, dass er von der Waldarbeiterin Anna Tachtarowa und ihrer sechsjährigen Enkelin entdeckt wurde. Schließlich war er selbst ein Bauernbub, der es von der Kolchose bis in den Kosmos geschafft hatte. Juri Alexejewitsch Gagarin, geboren am 9. März 1934 nahe Smolensk, hatte als Kind die Besetzung durch die deutsche Armee erlebt und schloss später eine Ausbildung zum Gießer ab. 1957 trat er den Luftstreitkräften bei, im selben Jahr heiratete er die Ärztin Walentina Gorjatschowa, mit der er zwei Töchter bekam. Er wurde KPdSU-Mitglied und diente als Jagdflieger in Murmansk.
Juri Gagarin 1966 mit seinen Töchtern Elena und Galina.
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Nach intensiven Tests wird er 1960 mit 19 anderen Männern für ein streng geheimes Projekt ausgewählt, die Kosmonautenausbildung. "Bescheiden, zeigt einen hohen Grad der intellektuellen Entwicklung, fantastisches Gedächtnis. […] Er wirkt, als würde er das Leben bereits besser verstehen als viele seiner Freunde", heißt es in seiner Beurteilung. Die Auswahl wird dann noch einmal auf eine "Vorhut" von sechs Männern reduziert.
Erst drei Tage vor dem Flug fällt die Entscheidung für Gagarin, sein Ersatzmann ist German Titow. Der sympathische Familienvater zeichnet sich nicht zuletzt durch seine Gelassenheit aus. Am Weg zur Startrampe legt er noch spontan eine Pinkelpause ein und erleichtert sich am Hinterreifen des Busses – ein Ritual, das noch heute von Kosmonauten praktiziert wird.
Vom Helden zum Unglückspiloten
Nach der geglückten Landung erlebt der smarte Allpionier seine Sternstunden – und wird umgehend in die Sowjet-Propagandamaschinerie eingespannt. Der strahlende "Held der Sowjetunion" geht auf Welttournee durch 40 Länder und wird von der Queen genauso empfangen wie von Fidel Castro. In Österreich begeistert er 1962 Tausende Menschen in der Wiener Stadthalle, besucht die Gießerei in den Linzer Voest-Werken und legt einen Kranz im ehemaligen KZ Mauthausen nieder.
Der Kosmonaut wird am 28. April 1961 von der jubelnden Menga am Wenzelsplatz in Prag empfangen.
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Während ihm Monumente errichtet und unzählige Orte nach ihm benannt wurden, war ihm kein weiterer Allflug vergönnt. Dem galaktischen Aufstieg zum Volkshelden folgte bald ein tiefer Fall in irdische Abgründe: Gerüchte über Affären und Alkoholexzesse machten die Runde. 1966 starb Sergej Koroljow, lange unbekannter Chefkonstrukteur und Mastermind hinter dem sowjetischen Raumfahrtprogramm, dem Gagarin sehr nahe stand.
Gagarin stand Sergej Koroljow (rechts), dem Chefkonstrukteur hinter dem sowjetischen Raumfahrtprogramm, sehr nahe.
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Am 27. März 1968, gerade 34 Jahre geworden, verunglückte Gagarin ausgerechnet bei einem Flugzeugabsturz in einer MiG-15UTI, das als Kampfflugzeug mit der geringsten Absturzquote der UdSSR galt. Die Umstände sind bis heute nicht vollständig erklärt, offiziell ist von einer Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände die Rede. Daneben kursierten zahlreiche Spekulationen und Verschwörungstheorien. Im Bericht der Untersuchungskommission, der erst 2011 zum 50. Jahrestags des Flugs freigegeben wurde, ist von einer Kombination aus grober Fahrlässigkeit, technischen Fehlern und schlechten Wetterbedingungen die Rede.
Neuer Wettlauf zum Mond
Gagarins früher Tod, nur sieben Jahre nach seinem legendären Flug ins All, befeuerte seine Verklärung als globale Popikone. In der Sowjetunion wurde Staatstrauer ausgerufen, Gagarins Urne in der Kremlmauer auf dem Roten Platz in Moskau beigesetzt. Der 12. April ist ein Gedenktag, an dem in Russland jedes Jahr der Tag der Kosmonauten gefeiert wird. Weltweit finden unter dem Titel
Yuri's Night Veranstaltungen statt.
Anlässlich des Tags der Kosmonauten am 12. April, der Gagarin gewidmet ist, wird sein überdimensionale Monument in Moskau auf Hochglanz gebracht.
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Mit der Erdumrundung hob die sowjetische Raumfahrt so richtig ab: Weitere Meilensteine waren
Walentina Tereschkowa als erste Frau im All (1963), der erste Weltraumspaziergang von Alexei Leonow (1965) sowie die Raumstationen Saljut 7 (1971) und Mir (ab 1986). Doch die erste Mondlandung durch die USA war eine Leistung, die alles in den Schatten stellte und den Russen schließlich die Überlegenheit im Weltraum kostete.
Heute ist der Wettlauf zum Mond neuerlich ein Faktor auf der geopolitischen Bühne geworden. Das Artemis-Programm der USA zielt darauf ab, den Konkurrenten, der nun China ist, abzuhängen und bis 2028 Menschen auf den Mond zu bringen. Die Crew der Artemis-2 Mission bekam vor wenigen Tagen
die erdabgewandte Seite zu Gesicht. Ausgerechnet dort befindet sich auch der Gagarin-Krater, benannt nach dem ersten Menschen im All.
(Karin Krichmayr, 11.4.2026)
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