Besetzung der Tschechoslowakei 1968 durch WAPA-Truppen

josef

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#1
Hallo;
Habe gerade einen interessanten Link gefunden,schöne Bilder in SW zum Grenzeinsatz des ÖBH 1968.
Der Link beinhaltet einen Einsatz zur Grenze nach Tschechien im Waldviertel.
Link: http://www.bundesheer.at/download_archiv/photos/inlandseinsatz/galerie.php?id=1267&currRubrik=136

Ja, CZ 1968 Besetzung durch WAP-Truppen. BH durfte damals nicht direkt an die Grenze, musste auf Anordnung der damaligen Bundesregierung auf einer Linie 30 km hinter der Staatsgrenze bleiben...

lg
josef
 
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josef

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#3
CZ-Krise 1968, BH Plan "Urgestein"

Wenn ich die Bilder seh steigt wieder der Zorn in mir hoch. Wenn die Operation Urgestein nicht für das völlige Versagen der österreichischen Politik steht dann weiss ich auch nicht...
Die Operation "Urgestein" an sich wäre in Ordnung gewesen, nur die Politiker hatten die "Hosen voll" und würgten die bereits seitens des Heeres angelaufene Aktion ab!

lg
josef
 

josef

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#4
"WAP-Invasion" CZ 1968 - BH Einsatz

Fortsetzung (Auszug) aus der gleichen Quelle wie voriger Beitrag:

1968
Bereitstellung nach Alarmierung während der Niederschlagung des "Prager Frühlings" durch Truppen des Warschauer Paktes.


Nachdem 1956 das Bundesheer ein Übergreifen von Kämpfen an der ungarischen Staatsgrenze verhindern musste, war es zwölf Jahre später schon wieder soweit: 1968 entschloss sich die Kreml-Führung, die "sanfte Revolution" des Alexander Dubcek in der Tschechoslowakei (CSSR) militärisch zu beenden.

Mit acht sowjetischen Divisionen aus Deutschland, fünf Divisionen aus dem Militärbezirk Karpaten, einer Luftlandedivision aus Leningrad und Teilen der vier Divisionen in Ungarn, sowie vier polnischen, zwei ungarischen und Teilen einer bulgarischen Division - insgesamt 460 000 Soldaten - drang der Oberkommandierende des Warschauer Paktes, Marschall Jakubovsk, in die CSSR ein. Als in der Nacht zum 21. August Grenzlandbewohner das Rasseln russischer Panzer von drüben hörten, reagierten sie entsetzt und überrascht. Weniger überrascht war man beim Österreichischen Bundesheer. Es war die einzige Armee der westlichen Hemisphäre, die Dank des Heeresnachrichtenamtes schon frühzeitig auf den Überfall vorbereitet war. Dem Heeresnachrichtenamt war nämlich nicht entgangen, dass die offiziell angekündigte Versorgungsübung "Memel/Njemen" vom 23. Juli bis 10. August und zwei ebenfalls angekündigte Luftverteidigungsübungen in der Ostsee und in der Sowjetunion zur Verschleierung des Aufmarsches für eine Invasion dienten. Diesmal gab es aber im Gegensatz zur Ungarn-Krise keine Sicherheitsgarantien der westlichen Allierten. Schon am 29. März 1968 holte sich Generaltruppeninspektor Erwin Fussenegger in einem Gespräch mit dem US-amerikanischen Unterstaatssekretär Fred Wyle bezüglich einer NATO-Unterstützung gegen einen sowjetischen Angriff eine klare Abfuhr. In Vietnam wären starke Kräfte gebunden, die NATO habe Strukturprobleme, und Österreich sei als neutraler Kleinstaat alleine für seine Sicherheit verantwortlich. Die NATO wäre für einen Einsatz auch nicht vorbereitet gewesen. Laut einer Analyse des Heeresnachrichtenamtes war zu Beginn der CSSR-Invasion bei den insgesamt 26 Divisionen vorerst überhaupt keine Reaktion feststellbar. Die militärische Aktivität beschränkte sich dann auf verstärkte Aufklärungstätigkeit der 7. (US) Armee in der BRD im Grenzbereich zur CSSR. Beim IV. italienischen Korps in Bozen wurden der Bereitschaftsgrad erhöht und Alarmübungen angeordnet. Aus den USA verlegte eine Staffel "Phantom"-Jagdbomber in die BRD und die Türkei und Griechenland verstärkten in einer historisch seltenen Einigkeit ihre Sicherungsmaßnamen gegenüber Bulgarien.

Das war´s. Für einen eventuellen Einsatz in Österreich waren keine Truppen vorgesehen.

Unter diesen Rahmenbedingungen wurde die Verteidigung der Staatsgrenzen geplant und vorbereitet. Tausende rot-weiß-rote Fähnchen zum Markieren der Staatsgrenze wurden gedruckt und schweres Gerät auf Truppenübungsplätze ausgelagert. Auch Sicherungsräume wurden detailliert erkundet. Am 24. Juli war der Operationsplan mit dem Decknamen "Urgestein" fertig.

An die Nacht zum 21. August erinnerte sich später die damals 57-jährige Hausschneiderin Maria Kunstmann aus Linz mit Schaudern. "In dieser Nacht war ich bei Freunden in Haslach im Mühlviertel - gegen sechs Uhr früh haben plötzlich die Feuerwehrsirenen geheult. Wir sind auf die Straße gelaufen, da hieß es: Jetzt kommen die Russen." Der Rest war nackte Angst: "Wir sind im Haus gesessen und haben auf das Bundesheer gewartet - aber es kam nicht." Es konnte nicht kommen, weil die Generäle mit der Suche nach den Ministern beschäftigt waren. Denn gerade als es los ging, war die Regierung auf Urlaub. Oder gerade deswegen? Brigadier Johann Freihsler im Verteidigungsministerium dauerte die Ministersuche zu lange. Er löste um 3 Uhr 30 die Operation "Urgestein" aus. Die 3. Panzergrenadierbrigade aus Mautern, die 4. Panzergrenadierbrigade aus Ebelsberg und die 1. Jägerbrigade machten sich auf den Marsch zur Staatsgrenze.

Wo waren die Politiker?
Innenminister Franz Soronics konnte inzwischen in einem Hotel in Tirol erreicht werden. Verteidigungsminister Georg Prader wurde von einem Gendarmen in seinem Sommerhaus am Erlaufsee aufgespürt. Bundeskanzler Josef Klaus wurde vom damaligen Sekretär Thomas Klestil aus seinem Sommerhäuschen in Wolfpassing im Tullnerfeld geholt. Der seinerseits fand den Bundespräsidenten Franz Jonas in seinem Sommersitz in Mürzzuschlag. Alle mussten nun rasch "einrücken". Nur Vizekanzler Hermann Withalm durfte für den Fall, dass die Regierung gewaltsam ausgeschaltet würde, als Personalreserve in seinem Domizil in Gösing bleiben. Wohl in der Annahme, dass die Russen Gösing nicht so rasch finden würden. Im Kommandoraum im Innenministerium wurde in den Vormittagsstunden eine Art Regierungssitz eingerichtet. Inzwischen marschierte aber auch der Sowjet-Botschafter Boris Bozderob bei Kanzler Klaus mit ein paar handfesten Drohungen auf.

Die "Prader-Linie"
Daraufhin wurde die Parole ausgegeben: "Den russischen Bären nicht reizen". Damit war der ausgefeilte Operationsplan "Urgestein" mit einem Schlag Altpapier. Prader legte seine berühmte "Prader-Linie" fest. Ein Streifen im Abstand von 30 Kilometern zur Staatsgrenze, die das Heer nicht überschreiten dürfe. Dadurch kam die 1. Jägerbrigade im Raum Großenzersdorf - Mistelbach - Hollabrunn zum Stehen. Die 3. Panzergrenadierbrigade lagerte in den Wäldern von Allentsteig, Zwettl und Horn. Die 4. Panzergrenadierbrigade ging zwischen Unterweissenbach, Freistadt, Hellmonsödt und Neufelden in Stellung. Damit war es auch wertlos, dass die Post schon die Telefonleitungen zu den vorgesehenen Gefechtsständen verlegt hatte. Denn da wären die Stäbe vor den eigenen Truppen gelegen. Auch die Grenzschutzkompanien wurden nicht einberufen. Scharenweise hatten sich die Reservisten bei ihren Kasernen eingefunden. Einige hatten den Italien-Urlaub abgebrochen und waren die ganze Nacht durchgefahren - um dann wieder weggeschickt zu werden.

Damit war der gesamte Grenzraum zwar wehrlos, doch wenigstens die Schlüsselstellen sollten gehalten werden. General Otto Seitz ordnete den Einsatz von Fliegerabwehreinheiten auf den wichtigsten Flugplätzen an. Denn die Sowjets hatten die Invasion der CSSR mit Luftlandeunternehmen begonnen.

Am zweiten Tag der Invasion herrschte im Krisenstab im Innenministerium ernsthafter Invasionsalarm. Als beunruhigend wurden schon sowjetische Frachtkähne mit Panzerersatzteilen gewertet, die auf der Donau vor Anker lagen. Außerdem hatte eine ungarische Staatsfirma fast 1 000 Tonnen Fleisch in Kühlhäusern in Wien, Linz und Salzburg gelagert. War es bereits die Truppenverpflegung für zwei Panzerdivisionen, die sich im Raum Pressburg bereit hielten? Nun hieß es aber auch noch in einem Bericht des Heeresnachrichtenamtes in typischem Beamtendeutsch: "Die Ereignisse des 23. und Zuführung weiterer Truppen des Warschauer Paktes, Truppenansammlungen in Ungarn und systematische Luftaufklärung über Österreich deuten darauf hin, dass es sich bei der Invasion in der CSSR nicht um einen Einzelvorgang handelt, sondern um einen Teil eines Ganzen, wobei darunter eine Gesamtlösung für Ost- und Südosteuropa im sowjetischen Sinne zu verstehen ist." Oder mit anderen Worten: Es wurden wesentlich mehr Truppen in Marsch gesetzt, als für eine Besetzung der CSSR erforderlich waren. Daher hätte mit einem Stoß durch Österreich das blockfreie Jugoslawien besetzt und gleichzeitig das stets widerwillige Rumänien diszipliniert werden können. Bundeskanzler Josef Klaus verhängte eine Informationssperre und ließ auch bei der 9. Panzergrenadierbrigade scharfe Munition ausgeben.

Im September beruhigte sich zwar die Lage. Bundeskanzler Klaus verfügte aber eine Verlängerung des Präsenzdienstes der abrüstenden Rekruten bis zum 21. Oktober.

Der Überfall auf die CSSR veränderte das geostrategische Weltbild. Nun standen auch in der CSSR starke Verbände der Roten Armee, was vorher nicht der Fall war. Gleichzeitig wurden die Truppen in Ungarn und Polen massiv aufgestockt. Dadurch reduzierte sich die militärische Vorwarnzeit für die NATO von sechs Tagen auf 48 Stunden.

Österreich blieb von einer Invasion nur verschont, weil sich die Tschechoslowakische Volksarmee (CVA) passiv verhielt. Wären CVA-Verbände auf österreichisches Gebiet ausgewichen, hätten die Sowjets ihre Einmarschvorbereitungen zweifellos umgesetzt.
 
H

Harald 41

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#5
Na da hat es ja ganz schön gekrieselt im 68er Jahr,da fällt einem die Lade runter wenn man das Liest.

LG Harry
 

Stoffi

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#7
mein Vater war '68 beim Bundesheer an und ist "verlängert" worden und mußte ins Waldviertel an die Grenze. ... Leider hab ich ihn auf keinem der offiziellen Fotos gefunden ... hihi...
lg stoffi
 
#8
"Marschmusik fuer Glockenspiel" - Oesterreich am Rande des Krieges, ein sehr lesenswertes Buch ueber eine Zeit die fuer Oesterreich gluecklich ausging.
 

josef

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#9
Literaturhinweis

"Marschmusik fuer Glockenspiel" - Oesterreich am Rande des Krieges, ein sehr lesenswertes Buch ueber eine Zeit die fuer Oesterreich gluecklich ausging.
Kurt Tozzer, Günther Kallinger
"Marschusik für Glockenspiel" - 1968 Österreich am Rande des Krieges
NÖ.Pressehaus; St. Pölten 1998
ISBN 3-85326-089-6


Lg
josef
 

josef

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#11


1968: Der „Prager Frühling“ wird brutal beendet
In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei ein und beendeten gewaltsam den „Prager Frühling“. Zwei große Veranstaltungen finden dazu in Niederösterreich statt.
Mit Waffengewalt wurde der Reformbewegung Reformbewegung der tschechoslowakischen KP-Führung unter Alexander Dubcek damit ein Ende gesetzt. Der „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ wurde brutal unterdrückt. Die Militäraktion spaltete die kommunistische Welt und weckte in der österreichischen Bevölkerung Befürchtungen vor einem Einmarsch auch in Österreich.

Was hatte man in Niederösterreich zu befürchten?
Anlässlich des 50. Jahrestags gibt es zwei hochkarätige Veranstaltungen. Am Sonntag, den 5. August, findet auf Schloss Weitra im Waldviertel eine öffentliche Diskussionsrunde statt, die vom Verein zur Dokumentation der Zeitgeschichte organisiert wird. Geladene Diskussionspartner sind etwa der ehemalige Staatspräsident der Tschechischen Republik, Václav Klaus, ebenso Pavol Dubček, der Sohn des ehemaligen ČSSR-Ministerpräsidenten Alexander Dubček und Martin Eichtinger (ÖVP), der Landesrat für internationale Beziehungen.

Ein weiteres Symposium wird vom Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung (BIK) und dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde in Kooperation mit dem Davis Center for Russian and Eurasian Studies der Harvard Universität am 9. August veranstaltet. Es handelt sich dabei um eine wissenschaftliche Tagung bei freiem Eintritt in der Landesbibliothek in St. Pölten.


Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften
Welche Auswirkungen hätte der Einmarsch von Warschauer-Pakt-Truppen im Nachbarstaat CSSR im August 1968 auch für Niederösterreich haben können?

Vor zehn Jahren führte das BIK eines der größten internationalen Forschungsprojekte zum „Prager Frühling“ durch. Zahlreiche Publikationen in deutscher, englischer und vielen anderen Sprachen erschienen damals. Auf dieser internationalen Tagung ziehen Historiker und Historikerinnen Bilanz über den Stand der Forschung. Weitere Beiträge widmen sich insbesondere den Ereignissen vor 50 Jahren in Niederösterreich.

Was geschah am 21. August 1968 in der CSSR?
Der „Prager Frühling“ erlebte seinen Höhepunkt am 27. Juni 1968, als der Schriftsteller Ludvik Vaculik und weitere 67 Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler das sogenannte „Manifest der 2000 Worte“ veröffentlichten: eine Abrechnung mit 20 Jahren KP-Herrschaft in der Tschechoslowakei und eine Aufforderung, die Entwicklung nicht zu stoppen. Das Manifest verstärkte auch im Zentralkomitee der KPdSU in Moskau die Stimmung für eine militärische Lösung. Die politische Entscheidung fiel am 15. Juli 1968 beim Treffen der fünf „Bruderstaaten“ in Warschau. Die fünf Parteien sandten einen Brief an die KPC, in dem sie ultimativ eine Kurskorrektur forderten. Bulgariens Parteichef Todor Schiwkow verlangte die Besetzung der CSSR durch Truppen des Warschauer Paktes - dem widersprach kein anderer Parteiführer mehr.



Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften

Als Zeichen der Solidarität mit den Prager Reformern stattete vom 9. bis 11. August Tito der CSSR einen Besuch ab, am 16. August kam Rumäniens Nicolae Ceausescu. In der Presse gab es Gerüchte über eine mögliche engere Zusammenarbeit der drei „Donaustaaten“ Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien. Am 17. August beschloss das Politbüro des Zentralkomitees der KPdSU einstimmig die militärische Intervention. In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 begann die „Operation Donau“. Die Prager Führung um Dubcek wurde verhaftet und nach Moskau gebracht. Staatspräsident Antonin Svoboda ersuchte um einen Besuch im Kreml. Svoboda, der als Held der Reformbewegung galt, fiel dort Dubcek in den Rücken: „Wenn er zurücktritt, wäre es für uns alle besser.“

Die Freiheit wurde mit Panzern niedergewalzt
In der Nacht auf den 21. August 1968 rollten dann tatsächlich die Panzer in die CSSR. Die Truppen des Warschauer Pakts wollten die Versuche unterbinden, einen totalitären Kommunismus zu reformieren. Die Operation mit dem Decknamen „Donau“ wurde von fünf Staaten getragen. Bulgarien, die DDR, Ungarn, Polen und die Sowjetunion schickten zusammen 100.000 Soldaten. 2.300 Panzer und 600 Flugzeuge überfielen die Tschechoslowakei in der ersten Phase. Die Zahl schwoll auf 750.000 Mann und 6.000 Panzer an. Einige Bürger stellten sich ihnen in den Weg - gewaltfrei. Die Menschen drehten Straßenschilder um, damit die Panzer wieder zurück nach Polen fuhren, diskutierten mit den Soldaten, beschimpften sie oder überreichten ihnen Blumen. Die Invasion diente offiziell der „Bruderhilfe“.



Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften

Die Parteiführung in Prag wurde verhaftet und nach Moskau gebracht. Dort wurde sie verpflichtet, die Reformen rückgängig zu machen und auf die sowjetische Linie einzuschwenken, wie Dubcek nach seiner Rückkehr verkündete. Eine Welle der Auswanderung setzte ein. Tausende Tschechen und Slowaken kamen nach Österreich. Mitte Oktober 1969 wurde die Emigration gestoppt, der „Eiserne Vorhang“ fiel wieder herab. Dubcek musste abdanken.

Die sogenannte „Normalisierung“ begann. Medien wurden gleichgeschaltet, Erziehung im Sinne der Liebe zur Partei setzte ein. Intellektuelle, die sich nicht beugen wollten, verloren ihren Arbeitsplatz, wurden Fensterputzer, Heizer oder Hilfsarbeiter. Viele bekamen keine Chance auf angemessene Bildung, keine Wohnung. Viele verloren auch das Interesse an der Politik. Sie arrangierten sich mit dem System, gaben sich mit einem Wochenendhäuschen, ihren Ladas und Skodas zufrieden.

23 Jahre blieben die sowjetischen Truppen im Land. Erst zwei Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, am 27. Juni 1991, verließ der letzte sowjetische Soldat das Land. Der Warschauer Pakt löste sich auf. 21 Jahre nach der Invasion schafft es Moskau, sie zu verurteilen. Der Einmarsch sei eine „Einmischung in die inneren Angelegenheit der Tschechoslowakei gewesen“.

Reinhard Linke, noe.ORF.at

Links:
Publiziert am 31.07.2018





















Alle Fotos vom Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften
1968: Der „Prager Frühling“ wird brutal beendet
 

josef

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#12
Vor 50 Jahren... kurzer Zeitzeugenbericht:


foto: imago/ctk photo
21. August 1968: Panzer auf den Straßen von Brno.


Das Ende des Prager Frühlings:
"Ihr solltet so schnell wie möglich heimfahren"

Vor 50 Jahren, in der Nacht auf den 21. August 1968, besetzten Soldaten aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien die Tschechoslowakei. Erich Neuwirth erinnert sich an das abrupte Ende seiner damaligen ČSSR-Reise
50. Jahrestag des 21. August 1968, also des Einmarschs der Warschauer-Pakt-Truppen in die ČSSR. Ich bin Zeitzeuge. An diesem Tag war ich in der ČSSR, allerdings nicht sehr lange. Mit einem Freund und Studienkollegen fuhr ich am 11. August nach Prag. Wir übernachteten in einem Studentenheim, sahen uns Sehenswürdigkeiten an, besuchten die Laterna Magica – eine frühe Multimedia-Show –, hörten am Abend Musik in Jazzkellern. Eher zufällig waren wir am Hradčín dabei, als Nicolae Ceaușescu, damals ziemlich frisch gewählter Generalsekretär der KP Rumäniens, zu einem Besuch bei Alexander Dubček eintraf. Die Menge am Hradčín jubelte ihm zu, er wollte ja wie Dubček eine erweiterte politische Autonomie der Warschauer-Pakt-Staaten.

Eilige Abreise
Wir blieben bis 20. August in Prag, und wir hatten die ganze Zeit das Gefühl, dass es den Prager Frühling wirklich gab. Die Leute waren überall voller Hoffnung, offen und freundlich. Hinweise auf eine radikale Änderung der politischen Lage konnten wir nirgends entdecken. Mit diesem Gefühl fuhren wir am 20. August nach Brno und quartierten uns dort wieder in einem Studentenheim ein. Am Abend saßen wir dann noch länger mit einer Gruppe von Studenten aus der DDR beisammen und unterhielten uns recht gut.

Um etwa 4 Uhr früh klopfte es an unsere Zimmertür. Wir waren überrascht. Vor der Tür standen unsere neuen DDR-Freunde vom Abend davor. Sie sagten: "Die Russen kommen. Wir können ja nicht so einfach weg, aber wir glauben, dass ihr so schnell wie möglich heimfahren solltet." Wir packten also (sehr eilig) und fuhren in Richtung Grenze los.

Truppentransportflugzeuge über unseren Köpfen
Bei der Fahrt durch die Stadt mussten wir schon einige Male um Panzer herumfahren. Von der Stadt bis zur österreichischen Grenze fuhren wir etwa eine Stunde. Während der ganzen Fahrt flogen im Minutenabstand Truppentransportflugzeuge über uns. Der tschechische Grenzbeamte hat uns sehr freundlich und schnell abgefertigt. Der österreichische Grenzbeamte begrüßte uns mit den Worten: "Ihr seid wohl froh, dass ihr wieder daheim seid." Ceaușescu hat noch am 21. August den Einmarsch sehr deutlich verurteilt. Ich hüte immer noch meinen alten Pass mit Visum und Ausreisestempel als historisches Dokument.


foto: erich neuwirth
Ein persönliches historisches Dokument.

Für meine Familie ging die Geschichte auch in Österreich noch weiter. Ein paar Monate später stand eine vierköpfige Familie aus der ČSSR – die Frau war eine Cousine meines Vaters – mit zwei Töchtern, elf und dreizehn, bei uns vor der Tür. Sie waren legal ausgereist und erklärten, in Österreich bleiben zu wollen. Sie suchten um Asyl an und bekamen Jahre später auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Um ihnen Traiskirchen zu ersparen, nahmen meine Eltern die Familie in der Wohnung auf. Ich half dem Mann, einem ausgebildeten Fotografen, bei der Jobsuche. Einige Jahre später machte er sich gemeinsam mit seiner Frau selbstständig und war wirtschaftlich angemessen erfolgreich. (Userartikel Erich Neuwirth, 20.8.2018)

Erich Neuwirth ist Statistiker, Mathematiker und Informatikdidaktiker. Vor dem Ruhestand war er Leiter des Informatik-Fachdidaktikzentrums der Uni Wien. Im STANDARD bloggt er zu seinem Themengebieten Mathematik und Statistik.
Das Ende des Prager Frühlings: "Ihr solltet so schnell wie möglich heimfahren" - derStandard.at
 

josef

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#14
Prag ’68: Mit Panzern gegen den Bruderstaat
Am 21. August 1968 marschierte eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts im Bruderstaat Tschechoslowakei ein, beendete damit den „Prager Frühling“ und die Hoffnungen auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.
Die Ereignisse des Jahres 1968 in West- und Osteuropa haben große Auswirkungen für die Entwicklung der liberalen Demokratie bis in die Gegenwart. Das trifft sowohl für die Studentenunruhen als auch für den „Prager Frühling“ zu, der im August vor 50 Jahren gewaltsam niedergeschlagen wurde. Die Grundidee seiner Betreiber war es, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen.


Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften

Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich die Tschechoslowakische Republik (CSR/bis 1948) bzw. die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR/1948 bis 1989) unter dem Einfluss der Sowjetunion. 1948 begann die Diktatur der Kommunistischen Partei (KSC). Es waren keine anderen Parteien als die KSC erlaubt, Proteste gegen die Partei oder das sozialistische System wurden unterdrückt und bestraft. Es gab keine Presse- und Meinungsfreiheit und auch keine freien Wahlen, die Wirtschaft wurde verstaatlicht.

1968: Das Jahr der Liberalisierung in der CSSR
Nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin im Jahre 1953 wurden zu Beginn der 1960er Jahre vorsichtige Wirtschaftsreformen durchgeführt. Auch die strenge Medienzensur wurde etwas gelockert, beispielsweise wurden Diskussionssendungen im Fernsehen in Kooperation mit dem ORF übertragen („Stadtgespräche“, 1964). Zudem wagten es Journalisten und Künstler immer öfter, die Kommunistische Partei und ihre Alleinherrschaft zu kritisieren.

Unter diesen Vorzeichen wurde Alexander Dubcek im Jänner des Jahres 1968 zum Vorsitzenden der Kommunistischen Partei bestimmt. Mit dem Aufstieg Dubceks begann der sogenannte „Prager Frühling“. Es war der Versuch, den Sozialismus zu reformieren und zu demokratisieren. Medien durften wieder frei berichten, Meinungsfreiheit war wieder erlaubt, ebenso Reisen aus der CSSR in westliche Länder. Das Machtmonopol der Kommunistischen Partei blieb jedoch erhalten, es war weiterhin keine andere politische Partei zugelassen.


EPA/CTK/Libor Hajsky

Ein Höhepunkt des Reformprogramms des „Prager Frühlings“ war das „Manifest der 2000 Worte“ im Juni 1968. Tschechische Schriftsteller stellten darin den Sozialismus als System und die führende Rolle der Kommunistischen Partei infrage. Die KSC um Dubcek distanzierte sich vom Manifest, ging aber nicht gegen dessen Verfasser vor. Die Partei weigerte sich auch, dem wachsenden Druck der anderen sozialistischen Staaten nachzugeben. So beschlossen fünf Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts - Sowjetunion, Polen, Ungarn, die DDR und Bulgarien - letztlich, den Reformkurs in der Tschechoslowakei militärisch zu beenden.

Der „Reformeifer“ wurde gewaltsam beendet
In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 begann der Einmarsch sowjetischer, polnischer, bulgarischer und ungarischer Truppen in die Tschechoslowakei. Die tschechoslowakische Armee leistete keinen Widerstand, als wichtige Einrichtungen, Radiostationen und Zeitungsredaktionen besetzt wurden. Menschen kletterten auf Panzer, übermalten Straßenschilder, um den Soldaten die Orientierung zu erschweren, und errichteten Barrikaden. Unzählige Radiosender halfen dabei, den Widerstand zu organisieren. Bei Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und der Bevölkerung kamen dennoch mehr als 100 Menschen ums Leben. Hunderte wurden schwerer verletzt.

Unterdessen suchten unzählige Tschechen in der Österreichischen Botschaft in Prag Schutz. Zwar gab Außenminister Kurt Waldheim (ÖVP) die Anweisung, keine Visa auszustellen - doch der damalige österreichische Botschafter in Prag, Rudolf Kirchschläger, ignorierte dies. Der spätere Bundespräsident entschied, seinem Gewissen zu folgen, und stellte Fluchtwilligen etwa 50.000 Visa aus.



Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften

Botschaftergattin Herma Kirchschläger sorgte zudem für die Flüchtlinge in der Prager Botschaft. Sie schaffte unter anderem zwei große Kühltruhen an, um Nahrungsmittel und Essensvorräte für Flüchtlinge bereitzuhalten, und stellte einen ausreichenden Vorrat an Trinkwasser bereit. Insgesamt flüchteten 1968 96.000 Menschen nach Österreich, weitere 66.000 Urlauber kehrten nicht aus Österreich in die Tschechoslowakei zurück.

Unwiderruflich beendet war der „Prager Frühling“, nachdem Dubcek Ende August aus Moskau zurückgekehrt war. Am 26. August hatte die sowjetische Führung um Parteichef Leonid Breschnew die Mitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei zur Unterzeichnung des Moskauer Protokolls gezwungen. Damit sollten Reformen wie Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit wieder rückgängig gemacht werden.

Der Fall des Kommunismus dauerte noch 21 Jahre
Im Zuge der vom neuen KSC-Generalsekretär Gustav Husak initiierten Säuberungen innerhalb der Partei wurde als erster Schritt knapp einer halben Million Parteimitgliedern das Parteibuch entzogen. Dubcek wurde als Generalsekretär der Kommunistischen Partei abgesetzt, die neu bestimmte Führung der KSC machte die Reformen Schritt für Schritt wieder rückgängig.

Die Proteste gegen die Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit flammten mit der „Charta 77“ wieder auf. Die Erklärung wurde 1977 veröffentlicht und zeigte auf, wie Grund- und Freiheitsrechte in der Tschechoslowakei unterdrückt wurden. Die Bewegung, die hinter der Charta 77 stand, spielte eine wichtige Rolle beim Wandel der Tschechoslowakei von einer sozialistischen Herrschaftsform hin zu einer Demokratie, der mit der „Samtenen Revolution“ im Jahre 1989 seinen Abschluss fand.


ORF

Die Auswirkungen auf Niederösterreich
Mit dem Einmarsch wurde das Experiment der Reformer in Prag beendet, Moskau sorgte für Ruhe im Bruderstaat. Unvorstellbares war zur Realität geworden, noch wenige Monate zuvor hatten die Tschechoslowaken auf ein Leben „wie im Westen“ gehofft.

Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgen-Forschung in Graz, sagte bei einem internationalen Symposium Anfang August in St. Pölten, das ihr Institut gemeinsam mit dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde veranstaltete: „Die Möglichkeit, Rockmusik zu hören, lange Haare zu tragen, die Antibabypille - das alles hat zu diesem 68er Jahr dazugehört. Das heißt, politisch, kulturell und gesellschaftlich war alles in Bewegung, es gab eine optimistische Aufbruchstimmung.“

Was 1968 mit der Forderung nach Freiheit, Demokratie und bürgerlichen Rechten begann, wurde erst mehr als 20 Jahre später mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ Wirklichkeit. Stefan Karner von der Österreichisch-Russischen Historikerkommission: „Was mich immer ganz besonders fasziniert hat: Dass das Wort, die Macht des bloßen Wortes, in der Lage ist, ein System zum Einsturz zu bringen, das auf Bajonetten und Panzern aufgebaut ist.“


Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften

Was hatte man vor 50 Jahren in Österreich und in Niederösterreich zu befürchten? Die Bundesregierung ließ das Bundesheer aufmarschieren, aber 30 Kilometer vor der Staatsgrenze hieß es Halt für die österreichischen Soldaten, weil man die Sowjets nicht provozieren wollte. Peter Ruggenthaler vom Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung: „Es gab Gerüchte, dass die Sowjets nach Jugoslawien durchmarschieren wollen. Diese Gerüchte wurden forciert, die Bevölkerung hatte zu Recht Angst, 13 Jahre nach dem Abzug der Alliierten. Das ist zu verstehen, auch wenn man heute sagen kann, dass die Ängste unbegründet waren.“

Welche Gedanken hatten damals junge Menschen im Waldviertel? Reinhard Preißl aus Seyfrieds bei Heidenreichstein (Bezirk Gmünd) war 14 Jahre alt: „Ich würde es nicht als Angst bezeichnen, aber eine gewisse Sorge hat man schon gespürt, weil die Menschen befürchtet haben, dass es auch in Österreich zu kriegerischen Auseinandersetzung kommen könnte.“

Ein Jahr älter, nämlich 15 Jahre, war Wilhelm Matzinger aus Waidhofen an der Thaya: „Mich haben vor allem die militärischen Aspekte interessiert. Ich bin mit einer Zeitung im Stadtpark gesessen, habe mir die Fotos der Panzer angeschaut und mit meinen Freunden darüber geredet.“ Werner Neuwirth aus Thaya (Bezirk Waidhofen an der Thaya) war 20 Jahre alt und studierte Geschichte: „Unsere Fußballmannschaft hat in diesem Jahr den Aufstieg in die Landesliga geschafft und so haben wir uns mehr für das Sportliche interessiert. Angst haben wir nicht empfunden.“

Wer konnte, verließ die Tschechoslowakei, der „Prager Frühling“ hatte ein gewaltsames Ende gefunden. In der Tschechoslowakei mussten die Menschen noch weitere 21 Jahre warten, bis 1989 der „Eiserne Vorhang“ und der Ostblock Geschichte waren.

Reinhard Linke, noe.ORF.at

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Publiziert am20.08.2018
Prag ’68: Mit Panzern gegen den Bruderstaat
 

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#15
Chronologie der Ereignisse

Im August 1968 wird die sozialistische Reformbewegung des Prager Frühlings gewaltsam erstickt. Im Folgenden die wichtigsten Stationen der Entwicklung, die Einfluss auf Generationen hatte:

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5. Jänner 1968: Alexander Dubcek wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSC). Er steht für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

5. April 1968: Das KSC-Zentralkomitee beschließt ein Aktionsprogramm, das große Erwartungen hervorruft. Es sieht gesellschaftliche und wirtschaftliche Reformen vor.

8. April 1968: Ernennung der neuen Regierung unter Ministerpräsident Oldrich Cernik (1921-1994). Sie hebt in der Folge die staatliche Pressezensur auf.

20. August 1968: Als Flugzeuge der Aeroflot getarnte sowjetische Maschinen landen als Vorhut am Abend auf den Flughäfen in Prag und Brno. Ab 23.00 Uhr überschreiten die ersten Warschauer-Pakt-Truppen die Grenze zur Tschechoslowakei.

21. August 1968: Die tschechoslowakische Armee bleibt in ihren Kasernen. Der Vormarsch dauert die ganze Nacht an. In der Früh bringen die Besatzer die Straßen der Hauptstadt Prag unter ihre Kontrolle.

26. August 1968: Die tschechoslowakische Führung unter Dubcek wird zur Unterzeichnung des Moskauer Protokolls gezwungen. Es macht die Reformen weitgehend rückgängig.

17. April 1969: Der moskautreue Hardliner Gustav Husak wird Nachfolger von Dubcek als Generalsekretär der KSC.

29. Mai 1969: Der Slowake Husak wird neuer Staatspräsident. Die von den Machthabern als „Normalisierung“ bezeichnete Rückkehr zu den alten Strukturen erreicht ihren Höhepunkt.

17. November 1989: Die blutige Niederschlagung einer Studentendemonstration wird zum Auslöser der Samtenen Revolution, der demokratischen Wende in der Tschechoslowakei.

29. Dezember 1989: Der Dissident und Dramatiker Vaclav Havel wird erster frei gewählter Präsident der Tschechoslowakei.

1. Jänner 1993: Teilung der Tschechoslowakei in die zwei Staaten Tschechien und Slowakei.

Link:
red, ORF.at/Agenturen
Publiziert am 21.08.2018
Der Prager Frühling und seine Folgen
 

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#16
Einsatz des Bundesheeres während der „krisenhaften Situation“ in der CSSR 1968
HORST PLEINER, HUBERT SPECKNER

(FOTO: HBF/MONTAGE: RIZZARDI)
Die Lage in der Tschechoslowakei, dem nördlichen Nachbarstaat Österreichs, war im Frühjahr 1968 aus militärischer Sicht nicht gerade „rosig“. Der „Prager Frühling“ mit seinen Versuchen, das Land etwas zu „demokratisieren“ und „liberalisieren“, hatte zahlreiche Nachbarstaaten des Verteidigungsbündnisses „Warschauer Pakt“ auf den Plan gerufen.

Besonders „kritisch“ standen die Führungen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), Polens und Bulgariens den Bestrebungen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gegenüber. Die Gewährung der Reisefreiheit auch in westliche Länder und eine gewisse Pressefreiheit wurden mit höchstem Argwohn betrachtet und als Gefahr für das eigene System gesehen.

Der Warschauer Pakt reagierte umfassend: Im März 1968 waren 14 bis 16 Divisionen vor allem der Roten Armee sowie der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA), der Polnischen Volksarmee (PVA) und der Ungarischen Volksarmee (UVA), an umfangreichen Truppenbewegungen in der Ceskoslovenská Socialistická Republika (CSSR) - offiziell im Zuge von „Manövern“ und „Stabsrahmenübungen“ - beteiligt. Zum Vergleich: Beim Einmarsch und der Besetzung der Tschechoslowakei im August 1968 durch Truppen des Warschauer Paktes waren 20 bis 28 Divisionen beteiligt.

AM 21. AUGUST 1968 ERFOLGTE DIE ALARMIERUNG ALLER FÜR DIE OPERATION „URGESTEIN“ VORGESEHENEN EINHEITEN DES BUNDESHEERES. (FOTO: HBF)
HERSTELLUNG DER EINSATZBEREITSCHAFT. (FOTO: HBF)

Die Gruppe Nachrichtenwesen des Bundesministeriums für Landesverteidigung (BMLV) legte daher am 22. März 1968 dem Bundesminister für Landesverteidigung, Dr. Georg Prader, sowie dem Bundespräsidenten, Dr. Franz Jonas, und dem Bundeskanzler, Dr. Josef Klaus, eine „Sonderinformation“ über die Entwicklungen in der CSSR vor und schloss darin ein „wesentliches Einwirken“ der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) in der CSSR nicht aus.

In der Umsetzung dieser Beurteilung wurden Überlegungen zu allfälligen Reaktionen und Vorbereitungsmaßnahmen des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) angestellt und im Hinblick auf die Vermeidung einer „Beunruhigung der Bevölkerung“ als „nicht zweckmäßig“ beurteilt und demzufolge nicht empfohlen, allerdings wurden „Permanenzdienste“ in den wesentlichen Dienststellen angeordnet.

Am 13. Mai 1968 besprach General Fussenegger (Generaltruppeninspektor des ÖBH) die Lage mit dem Bundesminister: Man befürchtete für das Bundesheer „kritische“ Lagen an den normalerweise personell sehr gering besetzten Wochenenden und war sich bewusst, dass militärische Vorbereitungen „politisch nicht möglich“ wären. Daher gab Minister Prader die Weisung, durch Truppenübungsplatz-Belegungen auch an den Wochenenden stets marschbereite Truppenteile verfügbar zu halten. Die Maßnahmen mussten streng geheim behandelt werden.

Bereits am 31. Mai 1968 informierte die Gruppe Nachrichtenwesen über bevorstehende Warschauer Pakt-Manöver in der CSSR. Daraufhin fand am 4. Juni 1968 eine Besprechung zwischen Bundesminister Dr. Prader und dem Bundesminister für Äußeres, Dr. Kurt Waldheim, zur aktuellen Lage statt. Die Gruppe Nachrichtenwesen legte in der Folge laufend Lageinformationen vor, die an den Bundespräsidenten, den Bundeskanzler, das Außen- sowie das Innenministerium weitergeleitet wurden.

Bundesminister Prader berichtete am 12. Juli 1968 dem Bundespräsidenten über die Einschätzung der Gruppe Nachrichtenwesen zur Lage in und um die CSSR. Demnach waren Anzeichen für eine Intervention gegeben, und eine Bitte konservativer Funktionäre der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSC) an die UdSSR um „Hilfe“ konnte nicht ausgeschlossen werden.

Vorbereitungen eines Bundesheer-Einsatzes
Bundesminister Dr. Prader hielt aufgrund der Lage am 23. Juli 1968 eine Besprechung zur Vorbereitung eines Einsatzes des Bundesheeres im Krisenfall ab. Er hielt eine Intervention des Warschauer Paktes innerhalb von 14 Tagen für möglich, erläuterte seine Vorstellungen für eine Überwachung der Grenze und bestand auf einer Prüfung der Einsatzbereitschaft und der Munitionsbestände bei den Verbänden des Bundesheeres. Prader betonte, dass die Öffentlichkeit nicht durch militärische Maßnahmen beunruhigt werden solle und keine eskalierende Wirkung für die CSSR eintreten dürfe. Zur wichtigen Frage der Verfügungsgewalt über das Bundesheer legte der Minister dar, dass er aufgrund der ihm erteilten Ermächtigung der Bundesregierung zwar eine Alarmierung des Bundesheeres durchführen könne, für die weiteren Schritte aber die Bundesregierung und der Landesverteidigungsrat zu befassen seien. Die Frage eines allfälligen „Schießbefehles“ wäre mit dem Innenministerium zu behandeln.

Während General Fussenegger mit Nachdruck die Fertigstellung der Weisung für die Vorbereitung eines Einsatzes zur Sicherung der Grenze zur CSSR einforderte, blieb Minister Prader mit seiner Auffassung hinsichtlich einer möglichen Intervention in der CSSR in der Bundesregierung jedoch eher isoliert. Man sah dort eine militärische Intervention nur als „unwahrscheinliche“ Möglichkeit und erwartete das Abklingen der Spannungen.

BUNDESMINISTER DR. PRADER. (FOTO: BUNDESHEER)
VERLADEN VON MUNITION. (FOTO: HBF)

Am 24. Juli 1968 erging die von General Erwin Fussenegger genehmigte Weisung unter dem Deckwort „Urgestein“ an die Gruppenkommanden des Bundesheeres. Darin wurde die Absicht zugrunde gelegt, dass im Falle eines Eingreifens von Streitkräften des Warschauer Paktes in der CSSR das Bundesheer den Schutz der Grenzen zum Beweis des Willens zur unbedingten Neutralität zu übernehmen habe. Daher sollte die Nordgrenze mit Schwergewicht an den Grenzübergangsstellen gesichert und das Zwischengelände überwacht werden. Neben der Infanterie war auch das Bedienungspersonal schwerer Waffen und der Artillerie heranzuziehen.

Der Einsatz der Kräfte wurde in drei Phasen vorgesehen: In der ersten Phase hatte die 1. Jägerbrigade (JgBrig) aus Eisenstadt die Grenze im Weinviertel, die 3. PzGrenBrig jene im Waldviertel und die 4. PzGrenBrig aus Linz-Ebelsberg den Anteil im Mühlviertel zu sichern. In einer zweiten Phase waren die 5. (Graz), 7. (Klagenfurt) und 6. (Innsbruck) JgBrig zur Verdichtung einzusetzen und erst in einer dritten Phase sollten die ab 1962 vorwiegend aus „Reservisten“ aufgestellten „Grenzschutzkompanien“ in Niederösterreich und das Grenzschutzbataillon „Mühlviertel“ in Oberösterreich die eingesetzten Truppen ergänzen oder ablösen.

Am darauffolgenden 25. Juli 1968 fand eine Besprechung zwischen Minister Prader und Brigadier Freihsler (Leiter der Gruppe Operation im BMLV) ohne Einbeziehung des Generaltruppeninspektors, General Fussenegger, zur Vorbereitung des Einsatzes des Bundesheeres statt. Dabei wurde nach umfassender Diskussion vom Bundesminister klargestellt, dass die Einheiten des Bundesheeres in einem Abstand von 30 km zur Staatsgrenze zu verbleiben hätten.

Offenbar hatte Bundesminister Prader Rücksprache mit Bundeskanzler Klaus zur Frage des Einsatzes des Bundesheeres und wegen etwaiger außenpolitischer Bedenken gehalten. Diese Information wurde allerdings nicht an die mit „Urgestein“ befassten Gruppenkommanden weitergegeben. Es ist nicht gesichert, ob General Fussenegger von dieser Abänderung überhaupt Kenntnis erhielt. Bundesminister Prader hat diese Einschränkung jedenfalls in den weiteren Besprechungen dieses Tages gegenüber dem General Fussenegger nicht erwähnt. Demgegenüber hat der Minister aber dem Gruppenkommando Luftstreitkräfte die mündliche Weisung zur Sicherstellung der Einsatzbereitschaft von zwei Rotten (vier Flugzeuge) Saab J-29 sowie von vier Transporthubschraubern auf den Bundesheer-Flugplätzen ab dem 26. Juli und zur durchgehenden Luftraumüberwachung durch die Radarstation Kolomansberg ab sofort bis zum 29. Juli einschließlich erteilt. Mit einer weiteren Weisung wurden Vorbereitungen für die Aufnahme von Flüchtlingen in der Kaserne Freistadt sowie auf den Truppenübungsplätzen Bruckneudorf und Allentsteig durch den Bundesminister angeordnet und dabei wurde auf die Geheimhaltung dieser Vorbereitungsmaßnahmen hingewiesen.


WEISUNG „URGESTEIN“. (FOTO: BUNDESHEER)

Vorbereitungen für Intervention
Ab dem 26. Juli 1968 fand ein Treffen der Staats- und Parteiführungen der Warschauer-Pakt-Staaten in Cierna nad Tisou (Schwarzau an der Theiß) und am 3. August 1968 ein Folgetreffen in Bratislava statt, die nach außen hin Einigkeit im Warschauer Pakt signalisierten. Angeblich wurde jedoch am 27. Juli 1968 eine Weisung des Generalstabes der UdSSR zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft und zur Durchführung einer „verdeckten“ Teilmobilmachung in den beteiligten Ländern verfügt.

Nachdem dieses Wochenende ruhig verlaufen war, glaubten die politischen und militärischen Verantwortungsträger in Österreich nicht mehr an eine etwaige militärische Eskalation. Minister Prader reiste daher in die Bundesrepublik Deutschland, General Fussenegger fuhr mit seiner Familie nach Jugoslawien auf Urlaub und Bundespräsident Jonas begab sich ins Jagdschloss Mürzsteg, dem Sommersitz der österreichischen Bundespräsidenten.

Allerdings hatte die Gruppe Nachrichtenwesen in einer Information vom 1. August 1968 auf den Aufmarsch der Interventionskräfte im Umfeld der CSSR hingewiesen und die Vorbereitungen für eine Intervention als abgeschlossen beurteilt.

So begann in Österreich nach dem friedlichen Ausklang der Konferenz von Bratislava am 3. August 1968 die gewohnte Urlaubsperiode der Bundesregierung, begleitet von den üblichen Parlamentsferien und den Erholungsurlauben der leitenden Beamten. Auch Minister Prader begab sich nach seiner Rückkehr aus der Bundesrepublik Deutschland an seinen Urlaubssitz am Erlaufsee. Am 11. August 1968 begannen in den an die CSSR angrenzenden Räumen Polens und der DDR Überprüfungen der Fernmeldeverbindungen der dort befindlichen Warschauer-Pakt-Truppen, und am 15. August 1968 folgten in Ungarn Manöver, in deren Verlauf weitere Truppen aus dem Militärbezirk Karpaten nach Ungarn verlegt wurden. In Österreich blieb man trotzdem „ruhig“. Die Gruppe Nachrichtenwesen vertrat stets die Auffassung, dass ein etwaiger Einmarsch auf die CSSR beschränkt bliebe.

21. August 1968 - Intervention in der CSSR
Am späten Abend des 20. August 1968 begann die Operation „Donau“ (Dunaj) zur „Abwehr der Konterrevolution“ in der CSSR durch Truppen eines Teiles der Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes. Im BMLV erfolgte um 0150 Uhr des 21. August 1968 eine Vorwarnung der Gruppe Nachrichtenwesen an den Journaldienst des BMLV und um 0240 Uhr die erste Verbindungsaufnahme der Kommandozentrale des BMI mit dem Permanenzdienst des BMLV.


ABLAUF DER INVASION DER TSCHECHOSLOWAKEI DURCH WAPA-TRUPPEN. (FOTO: BUNDESHEER)

Dieser setzte fernmündlich Brigadier Freihsler (Leiter der Gruppe Operation) von der Entwicklung in Kenntnis, der nach Rücksprache mit der Gruppe Nachrichtenwesen deren Beurteilung hinsichtlich des Anlaufens einer Intervention teilte und die Vorwarnung der Kommanden im Sinne der Planungen „Urgestein“ anordnete. Diese erfolgte dann ab 0300 Uhr, und ab 0330 Uhr erging die Weisung zur Alarmierung an die Gruppenkommanden.

Nach weiteren Maßnahmen zur Herstellung der Führungsfähigkeit des BMLV ordnete Brigadier Freihsler die Alarmierung und Information des Bundesministers an. Da jedoch der Zeitpunkt der Mitwirkung des Bundesministers nicht abgeschätzt werden konnte, ordnete Brigadier Freihsler in seiner Eigenschaft als Chef des Stabes des Führungsstabes des Generaltruppeninspektorates und Leiters der Gruppe Operation in der Sektion III zwischen 0330 und 0400 Uhr die Alarmierung der für die Grenzüberwachung vorgesehenen Kommanden und Verbände und die Herstellung der Abmarschbereitschaft aus eigenem Entschluss an.

Da der Bundesminister für Landesverteidigung in seinem Feriendomizil am Erlaufsee telefonisch nicht erreichbar war, wurde ein Gendarmeriebeamter vom Posten Mariazell zu ihm gesandt. Um 0545 Uhr nahm Minister Prader erstmals telefonisch von Mariazell aus Verbindung mit Brigadier Freihsler im BMLV auf und genehmigte die bisher getroffenen Maßnahmen. In Übereinstimmung mit den bisherigen Festlegungen erging daher kein Befehl für einen Einsatz beziehungsweise Abmarsch der Verbände. Prader fuhr dann in Richtung Wien los, telefonierte gegen 0800 Uhr von der Kaserne Spratzern aus mit dem Bundeskanzler und fand sich um 0915 Uhr im Bundeskanzleramt ein.

Alarmierung und Aufmarsch von Bundesheer-Einheiten
EIN GELÄNDEGÄNGIGES PUCH 250 MC-KRAD. (FOTO: HBF)
DIE LEICHTE 10,5-CM-PANZERHAUBITZE M7B2 DIENTE DER MECHANISIERTEN ARTILLERIE ALS PLATTFORM. (FOTO: HBF)

Nach dem Eintreffen der Alarmierung bei der 1. JgBrig (Eisenstadt) um 0530 Uhr war zwar der Chef des Stabes, Major Siegbert Kreuter, verfügbar, der auf Urlaub befindliche Brigadekommandant wurde jedoch durch den Kommandanten des Stabsbataillons 1, Oberstleutnant Bergmann, vertreten.

Kurz nach 0600 Uhr hatten die Radarstation und die Flugmeldezentrale auf dem Kolomansberg ihre Überwachungstätigkeit aufgenommen und konnten oberhalb bestimmter Höhen den Luftraum über Westungarn und der westlichen Slowakei, Mähren, Böhmen und Süddeutschland überwachen. Ebenso wurde um circa 0600 Uhr die Startbereitschaft für die Abfangjäger Saab J-29 F (Spitzname „ fliegende Tonne“; Anm.) angeordnet. Um 0735 und 0745 Uhr starteten die beiden ersten Hubschrauber des Typs „Alouette“ II und H-13 H zu Überwachungsflügen entlang der Grenze in Ober- und Niederösterreich, die in der Folge gemeinsam mit Flächenflugzeugen Cessna L-19 routinemäßig mit ebensolcher Regelmäßigkeit durchgeführt wurden wie die Patrouillenflüge der Saab J-29 F. Das Jagdbomber-(JaBo-)Geschwader bemühte sich von 0800 Uhr bis gegen 1630 Uhr dauerhaft zumindest eine Rotte (zwei Maschinen) der „fliegenden Tonne“ in der Luft zu haben.

Im Bereich der Gruppe III (Salzburg) verlief die Alarmierung, vor allem der 4. Panzergrenadierbrigade (Linz-Ebelsberg), reibungslos. Um 0820 Uhr meldete der Chef des Stabes des Gruppenkommandos III in Salzburg die Abmarschbereitschaft der alarmierten Kräfte. Die Alarmierung der 3. Panzergrenadierbrigade (Mautern) verlief im Allgemeinen ohne Probleme. Die beim Gruppenkommando I vorbereiteten Weisungen an die Brigaden und Gruppentruppen für den Fall „Urgestein“ wurden zwischen 0700 und 0800 Uhr mit Kradmeldern den betroffenen Kommanden zugestellt. Darin waren für die 9. Panzergrenadierbrigade (Götzendorf) und die Verbände in der Garnison Wiener Neustadt Anordnungen zur Sicherung der Flugplätze Wien-Schwechat und Wiener Neustadt enthalten. Um 0840 Uhr konnte der Chef des Stabes des Gruppenkommandos I die gesamte 3. Panzergrenadierbrigade abmarschbereit melden. Somit hatten am 21. August 1968 um 0900 Uhr alle planmäßig vorgesehenen Verbände des Österreichischen Bundesheeres nach längstens fünfeinhalb Stunden die Alarmierung durchgeführt und ihre Abmarschbereitschaft gemeldet. Damit begann für die alarmierten Verbände, Einheiten und Dienststellen das Warten auf weitere Befehle.

Das Gruppenkommando I in Wien berief für 1000 Uhr die Kommandanten der Gruppentruppen und Brigaden zu einer Besprechung in das Kommandogebäude in Wien. Den Kommandanten wurde eröffnet, dass eine Sicherung unmittelbar an der Grenze nicht vorgesehen war und die offensichtlich bereits zugestellten Weisungen für einen Einsatz im Sinne der Planung „Urgestein“ aufgehoben seien. So wurden in der Folge den Bataillonen Räume bzw. Garnisonen zugewiesen, die sie auf Befehl zu beziehen hatten. Gegen 1200 Uhr war dann diese Besprechung beendet und die Beteiligten begaben sich zurück zu ihren Verbänden, um auf weitere Befehle zu warten.

Im Laufe des Vormittags des 21. August 1968 fanden sich vor allem an den Sammelplätzen des Grenzschutzbataillons „Mühlviertel“ und an den festgelegten Aufstellungsorten anderer Einheiten der Grenztruppen nördlich der Donau Kommandanten und Soldaten dieser Einheiten ein. Den „Grenzjägern“ waren Uniform und Ausrüstung übergeben worden, nur die Handfeuerwaffen waren in den militärischen Depots - allerdings im grenznahen Raum wie in Gendarmeriepostenkommanden gelagert. Die Enttäuschung war groß, als mitgeteilt wurde, es sei vorerst kein Einsatz des Grenzschutzes vorgesehen.

DER 4-CM-FLAK-PANZER M42 WAR BIS ENDE DER 90ER-JAHRE BEIM BUNDESHEER IN VERWENDUNG. (FOTO: HBF)
KAMPFPANZER M60 AUF DER FAHRT IN DEN EINSATZRAUM. (FOTO: HBF)

Ablauf der politischen Entscheidungen am 21. August
Ab 0800 Uhr des 21. August 1968 setzte, der im Tullnerfeld alarmierte, Bundeskanzler Klaus die Beratungen mit den vor Ort befindlichen Bundesministern und Brigadier Freihsler fort. An dieser Besprechung nahm dann ab 0915 Uhr auch Verteidigungsminister Prader teil. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Spitzen der Interventionskräfte in der CSSR bereits eine Reihe von Grenzübertrittsstellen erreicht, und gegen Mittag war die operative Abriegelung der CSSR abgeschlossen. In dieser Vormittagsbesprechung wurden die Lage in ihren grundsätzlichen Aspekten und die Zuständigkeit für einen Einsatzbefehl an die Truppen des Bundesheeres diskutiert. So wurden Zweifel behandelt, ob diese nun dem Bundespräsidenten, der Bundesregierung als Kollegialorgan oder dem Bundesminister für Landesverteidigung zukommen würde.

Dabei lag ein Beschluss der Bundesregierung vom 28. Juni 1966 betreffend Ermächtigung der Bundesregierung an den Bundesminister für Landesverteidigung zur Verfügung über das Bundesheer vor: Sollte es der Bundesregierung nicht möglich sein, rechtzeitig zu einer Beschlussfassung zusammenzutreten, war dem Bundesminister für Landesverteidigung die Handlungsfreiheit eingeräumt worden. In diesem Fall hatte der Minister der Bundesregierung und dem Bundespräsidenten unverzüglich über die getroffenen Maßnahmen zu berichten.
Schließlich wurde festgelegt, den Einsatz des Bundesheeres noch nicht anzuordnen, eine (Teil-)Mobilmachung der Grenzschutzeinheiten nicht vorzusehen und auf eine Einberufung des Landesverteidigungsrates zunächst zu verzichten. Die dennoch erforderlichen Entscheidungen sollten in einem außerordentlichen Ministerrat am frühen Nachmittag getroffen werden.

Um 1230 Uhr traf der sowjetische Botschafter in Wien, Boris F. Podzerob, mit Bundeskanzler Klaus zusammen und betonte, dass keine Gefährdung Österreichs bestehe und erklärte die Beweggründe für den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR aus sowjetischer Sicht. Nach diesem Gespräch begann um 1330 Uhr der außerordentliche Ministerrat, in dem bis 1530 Uhr beschlossen wurde, die alarmierten Verbände des Bundesheeres in Marsch zu setzen. Die Entscheidungen, die Kräfte in einer Linie in einem Abstand von 30 km zur Staatsgrenze „zur Verstärkung der Garnisonsbereiche nördlich der Donau“ bereitzuhalten und auch eine Mobilmachung von Grenzschutzkräften nicht vorzunehmen, wurden zustimmend zur Kenntnis genommen. Nach Einigung in der Kompetenzfrage sollte der Einsatzbefehl an die Verbände des Bundesheeres durch den Bundesminister für Landesverteidigung innerhalb der bestehenden Ermächtigung ergehen.

Um 1700 Uhr fand eine „ad hoc“ einberufene Sitzung des Landesverteidigungsrates unter Vorsitz des Bundeskanzlers statt. Die Mitglieder wurden über die getroffenen Maßnahmen informiert und vom Bundeskanzler wurde vorgeschlagen, die entstandene Lage nur als „krisenhafte Situation“ zu bezeichnen und nicht von der Möglichkeit der Erklärung des „Krisenfalles“ im Sinne der Entschließung des Nationalrates zur „Umfassenden Landesverteidigung“ aus dem Jahre 1965 Gebrauch zu machen.

Die durch das Bundesheer gesetzten Maßnahmen zur Durchführung des Befehles „zur Verstärkung der nördlichen Garnisonen“ werden in diesem Artikel nicht näher beschrieben. Der Einsatz der Soldaten des Bundesheeres im Sommer 1968 stellt allerdings ein Lehrbeispiel dafür dar, wie Soldaten aller Dienstgrade auch in der höchst unklaren Lage vom 21. August bis 8. September 1968 ohne Vorfälle ihren Dienst versahen. Die Enttäuschung über einen Einsatz im Abstand von 30 km zur Grenze war allerdings bei praktisch allen Soldaten groß.

HAUPTWAFFENSYSTEM DER MECHANISIERTEN TRUPPE WAR 1968 DER KAMPFPANZER M60A1.
DIE BUNDESHEER-EINHEITEN MUSSTEN EINEN ABSTAND VON 30 KM ZUR STAATSGRENZE EINHALTEN. „URGESTEIN“ WURDE NICHT DURCHGEFÜHRT. (FOTO: HBF)

Innerösterreichische Folgewirkungen des ÖBH-Einsatzes
Die militärstrategische Lage im Umfeld Österreichs hatte sich mit dem Verbleib von sowjetischen Divisionen auf dem Gebiet der CSSR wesentlich verändert. Damit gewannen Fragen der militärischen Vorwarnzeit, der Einsatzbereitschaft, der Reaktionsmöglichkeiten und der Kampfkraft und Standfestigkeit der eigenen Truppen gegenüber einem modern ausgerüsteten potenziellen Gegner einen wesentlich höheren Stellenwert als im davorliegenden Planungszeitraum. Die Ausprägung einer Abhaltestrategie und des Verfahrens der Raumverteidigung waren nur einige der Konsequenzen.

General i. R. Mag. Horst Pleiner ist ehemaliger Generaltruppeninspektor des Österreichischen Bundesheeres.
Hofrat Mag. Dr. Hubert Speckner ist Forscher am Zentrum für menschenorientierte Führung und Wehrpolitik.


RAST IM FELDLAGER. LETZTLICH KAM DER EINSATZBEFEHL NICHT. (FOTO: HBF)
Quelle: Einsatz des Bundesheeres während der „krisenhaften Situation“ in der CSSR 1968 | Truppendienst
 
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