Bundesdenkmalamt arbeitet an der Erstellung eines Verzeichnisses der Zwangsarbeitslager, KZ-Außenstellen und Kriegsgefangenenlager der NS-Zeit

josef

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#21
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Gmünd:

BEZIRK GMÜND
Zwangsarbeit: Die Erinnerungen sind beinahe vergessen
Dass es auch im Bezirk Gmünd Zwangsarbeiterlager gab, ist vielen unbekannt. Ein Blick an die Orte, an denen Zwangsarbeiter gelebt und gearbeitet haben.
NÖN-Gmünd, von Anna Hohenbichler und Karl Tröstl. Erstellt am 23. Juni 2021


Der ehemalige Getreidespeicher hinter dem Finanzamt in Gmünd war Lager für jüdische Zwangsarbeiter – und ist Sinnbild dieser Zeit.
Foto Stadtarchiv Gmünd
Viele Unterlagen sind vernichtet, auch Zeitzeugen gibt es kaum mehr, und mit dem Thema beschäftigt haben sich nur ganz wenige. Auch wenn Zeugnisse und Erinnerungen verblassen: Im Bezirk Gmünd gab es im Zweiten Weltkrieg wie an so vielen anderen Orten des Landes Zwangsarbeiterlager. Insbesondere zwischen Juni 1944 und Mai 1945 haben ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter zwischen Josefsthal und Angelbach in der Landwirtschaft, in Steinbrüchen und Fabriken gearbeitet. Was an den Orten von dieser Zeit noch übrig ist und warum so vieles in Vergessenheit geraten ist.

Im Volksmund blieb das „Judenteichtl“.
In dieser Zeit wurden etwa 1.200 Frauen, Männer und Kinder aus Ungarn dem Waldviertel zugeteilt. Deren Arbeitsorte und Lebensbedingungen hat Maria Theresia Litschauer im 2006 erschienen Buch „6/44-5/45 – Ungarisch-jüdische ZwangsarbeiterInnen“ skizziert. In Josefsthal bei Litschau haben – wie sie beschreibt – im Sommer 1944 Zwangsarbeiter in einem ehemaligen Wirtshaus gelebt und wurden zur Wald- und Wiesenarbeit am Gut Seilern-Aspang eingesetzt.

Weiter südlich, in Heidenreichstein, gibt es gleich mehrere Orte, an denen Zwangsarbeiter untergebracht waren. Karl Immervoll hat sich mit deren Geschichte beschäftigt. Als ehemalige Lager haben damals ein großer Stadel bei der Heidenreichsteiner Ortseinfahrt (von Schrems kommend), das Gasthaus auf der Margithöhe und eine Baracke am Färbereiweg gedient. Und, so erzählt Immervoll: die drei Steinhäuser im Ottergraben. „Die Leute, die dort untergebracht waren, gingen zum Waschen zum Teich. Im Volksmund wurde er deshalb ‚Judenteichtl‘ genannt.“ Gearbeitet wurde hauptsächlich in der Heidenreichsteiner Strumpfwarenfabrik „Patria“, aber auch in der von Gottfried Jury betriebenen Zementsteinfabrik.

Arbeiter für Fabriken in Alt-Nagelberg und Amaliendorf.
Auch in Alt-Nagelberg waren wegen der Stölzle-Glasfabrik Zwangsarbeiter untergebracht und zur Arbeit in den verschiedenen Produktionsbereichen eingeteilt. Mit dem „Eintragen“ waren vor allem jüdische Frauen beschäftigt: Hohlglasstücke wurden auf Tragen zu einem Ofen gebracht – eine Arbeit bei enormer Hitze und dauerndem Laufen zwischen Glasschmelze und Kühlofen.

In Amaliendorf hat Altbürgermeister Karl Prohaska selbst viel mit inzwischen verstorbenen Zeitzeugen gesprochen: „Es waren viele ungarische Juden in einem eingezäunten und bewachten Lager untergebracht, die in den ehemaligen Strickereien ihre Zwangsarbeit verrichteten.“ Ortsbewohner gaben an versteckten Stellen Essen über den Zaun. Nach dem Krieg übernahm die Firma Spitze die kleinen Strickereien, heute ist das Objekt in Privatbesitz.

Gmünd war Drehscheibe der Zwangsarbeiter-Verteilung.
Auch der als ehemaliger Radebeulewerk im Schremser Gemeindegebiet bekannte Steinbruch ist einer der NS-Opferorte in einer Liste des Bundesdenkmalamtes. Dort arbeitenden Zwangsarbeitern wurden bewachte Baracken als Unterkunft zur Verfügung gestellt. Bis Kriegsende wurde im Steinbruch gearbeitet, seit 1964 ist er im Besitz der Schärdinger Granitindustrie. Es wird immer noch Granit abgebaut.

Gmünd war damals ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Die Zwangsarbeiter für den Einsatz an den anderen Orten wurden meist hier abgeholt. In Gmünd selbst wurden ab Juli 1944 zwischen 20 und 25 jüdische Zwangsarbeiter in der Färberei Heinisch eingesetzt. Drei von ihnen überlebten den Luftangriff auf Gmünd im März 1945, bei dem auch die Färberei getroffen wurde, laut Litschauers Buch nicht. Der größte Teil der jüdischen Zwangsarbeiter – nämlich 144 Personen – war in der Kartoffelverarbeitung tätig.

Einige zeigten sehr viel Menschlichkeit.
Zeitzeugen haben sich – auch in Litschauers Buch – allen Widrigkeiten zum Trotz an kleine Hilfen wie Lebensmittel oder Kleidung der Einheimischen an die ungarischen Zwangsarbeiter erinnert. Einer, der besonders viel Menschlichkeit zeigte, ist der in der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ genannte einstige Amtsarzt Arthur Lanc. Mit Gattin Maria und weiteren Helfern hat er die im Gmünder Getreidespeicher hinter dem heutigen Finanzamt untergebrachten Juden medizinisch versorgt, drei Personen verhalf er zur Flucht.

Weitra: Lebensretter wurden zu Freunden.
Ludwig Knapp hat in Schützenberg ein Sägewerk betrieben. 26 ungarische Juden wurden seinem Betrieb zugeteilt. Kurz vor Kriegsende im April 1945, als die Gestapo alle Juden zur Deportation nach Theresienstadt abholen wollte und dieser Plan das Sägewerk erreichte, wurden die jüdischen Zwangsarbeiter am Dachboden für drei Wochen versteckt und verpflegt. Einer dieser Überlebenden war der damals elfjährige György Karmann, der seine Erinnerungen in einem Buch festgehalten hat. Er und die anderen Geretteten haben sich dafür eingesetzt, dass Ludwig und Maria Knapp eine hohe Ehre zuteil wurde: 1968 wurden auch sie von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
Dass der Kontakt der Familie Knapp zu den Ungarn stets gut war, davon zeugt auch das Grab von Ludwig Knapp am Friedhof Weitra: Hier sind einige kleine Steine abgelegt. Nach jüdischem Brauch wird beim Besuch der letzten Ruhestätte zu Ehren des Verstorbenen ein Stein hinterlassen. In Weitra erinnert heute auch eine Allee an die Knapps.

Die Tochter von Ludwig und Maria Knapp ist 94 Jahre alt und lebt zurückgezogen. Aber auch ihr Sohn Arthur Buchhöcker kennt diese Geschichte bis ins Detail: „Mein Großvater hat gesagt: ‚Diese Menschen haben für mich gearbeitet, daher war ich für sie verantwortlich. Und damit war es klar, dass ich sie retten werde‘“. Er hat damit sein Leben aufs Spiel gesetzt, um 26 Menschen vor dem Tod im Lager Theresienstadt zu retten.
Das Sägewerk wurde vor etwa 15 Jahren abgetragen, das damalige Wohnhaus blieb aber erhalten und wird nun von der Urenkelin des Sägewerksbesitzers bewohnt.
Zwangsarbeit: Die Erinnerungen sind beinahe vergessen
 

josef

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#22
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Waidhofen an der Thaya:

DENKMALSCHUTZ
Mahnmal gegen das Vergessen im Bezirk Waidhofen/Thaya
Auch in Waidhofen/Thaya wurden Juden und Kriegsgefangene von den Nationalsozialisten zur Arbeit gezwungen.
NÖN-Waidhofen/Thaya, von Sebastian Dangl. Erstellt am 23. Juni 2021


Die ehemalige Brauerei Ziegengeist ist heute ein Wohnhaus. Im Brauhauskeller waren von 1944 bis 1945 Juden untergebracht, die zur Arbeit in einem Forstgarten gezwungen wurden.
Foto Sebastian Dangl
Die Zeit des Nationalsozialismus ist eines der düstersten Kapitel in der Geschichte Österreichs. Die Folgen des Antisemitismus und der Kriegsverbrechen und Massenmorde dieser Zeit hielten noch lange nach Kriegsende nach. In Österreich wurde das ehemalige Konzentrations lager Mauthausen zu einer Gedenkstätte der Opfer.

Einen vergleichbaren Ort dieser Größenordnung gab es im Waldviertel zwar nicht, doch auch hier stand die Ausbeutung und Diskriminierung von Ausländern und Juden an der Tagesordnung. Anders als Mauthausen sind diese Orte heutzutage größtenteils nicht mehr existent, beziehungsweise vergessen. Das Bundesdenkmalamt stellte jetzt 2.100 NS-Lager, Zwangsarbeitslager, KZ-Außenstellen und Kriegsgefangenenlager in ganz Österreich unter Denkmalschutz.

„Der am Bauernhof Grötzl untergebrachte polnische Arbeiter Stanislaus besuchte die Familie noch bis in die 1980er Jahre.“ Fritz Kadernoschka über einen dankbaren Kriegsgefangenen
Dazu gehört auch die ehemalige Waidhofner Brauerei Ziegengeist in der Ziegengeiststraße. Zur damaligen Zeit befand sich das Gebäude im Besitz der Schwechater Brauerei, die das Areal als Bierlager nutzte. „Im diesem Keller waren hauptsächlich ungarische Juden untergebracht. Diese mussten in einem Forstgarten in der Vestenöttinger Straße arbeiten“, erzählt der Waidhofner Historiker Harald Hitz. 1945 wurden diese Juden vermutlich nach Mauthausen weiterverlegt.

Dass sich die Geschichte wirklich so zutrug, soll ein Stück Papier belegen. „Auf diesem bedankten sich die verschleppten Juden bei einigen hilfsbereiten Menschen, die ihnen trotz Verbotes Nahrungsmittel brachten“, erklärt Hitz. Dazu hätten unter anderem ein Wagnermeister, eine Lehrerin und eine Pfarrhaushälterin gezählt. Weitere Informationen seien aber rar gesät. „Das Traurige daran ist, dass diese Zeit immer totgeschwiegen wurde. Ich wollte vor 30 Jahren schon weitere Nachforschungen anstellen, aber ich stieß nur auf eine Mauer des Schweigens“, schildert Hitz.

Ein weiterer Ort des Geschehens befand sich in Groß Siegharts. Hier wurden die Juden in der ansässigen Textilindustrie ausgebeutet. „Ungarische Juden mussten in verschiedenen Fabriken arbeiten und waren auch gleich dort untergebracht“, erklärt Historiker Hans Widlroither. Dazu gehörten unter anderem die ehemalige Textilfabrik Adensamer und ein Teppichwerk, das sich heute im Besitz der Zlabinger Textil GmbH befindet. Die Fabrik Adensamer ist mittlerweile zu einer Industrieruine verkommen.

„Die hier arbeitenden Juden wurden vom Rest der Bevölkerung abgeschirmt und durften nicht heraus“, erzählt Widlroither. Viele Menschen hätten deshalb nicht davon gewusst. Mit dem Vormarsch der Russen seien die Juden dann abermals verlegt worden. „Manche entkamen aber doch zuvor und fanden in der Stadt Unterschlupf“, meint Widloither.

Neben den jüdischen Zwangsarbeitern verschleppten die Nationalsozialisten auch zahlreiche Kriegsgefangene ins Waldviertel. Fritz Kadernoschka widmet sich in der Gemeindezeitung von Ludweis-Aigen ebenfalls dem Thema. „Da sehr viele junge Männer zum Militärdienst eingezogen wurden, fehlte deren qualifizierte Arbeitskraft an allen Ecken und Enden.“ Um diesen Ausfall von Arbeitskräften zu kompensieren, wurden Kriegsgefangene aus Frankreich, Belgien oder auch Polen hergebracht.

„Auch in unserer Gemeinde waren sehr viele dieser abschätzig als ‚Polaken‘ bezeichneten Zwangsarbeiter eingesetzt. Sie waren der Willkür ihrer ‚Arbeitgeber‘ ausgesetzt und hatten keinen Anspruch auf irgendwelche Grundrechte, wie zum Beispiel eine medizinische Versorgung“, erklärt Kadernoschka. „Wie meine Mutter öfter erzählte, behandele ein Bauer in ihrem Heimatdorf einen Zwangsarbeiter sehr schlecht. Dies hätte ihm nach Kriegsende 1945 fast das Leben gekostet.“

Laut Kadernoschka gab es aber auch positive Beispiele, wie in Oedt: „Der am Bauernhof Grötzl untergebrachte polnische Arbeiter Stanislaus besuchte die Familie noch bis in die 1980er-- Jahre.“ Aus Dankbarkeit für die guten Behandlung in den Kriegszeiten hätte er sogar bei seinen Besuchen immer wieder in der Landwirtschaft mitgeholfen. „Einmal half er sogar in unserer ehemaligen Wagnerei bei der Reparatur eines Gummiwagens der Familie Grötzl.“
Mahnmal gegen das Vergessen im Bezirk Waidhofen/Thaya
 

josef

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#23
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Zwettl:

BEZIRK ZWETTL
Sehr sorgsamer Umgang mit dem Erbe
Im Lager Edelbach und in Haimschlag waren französische Soldaten in Gefangenschaft. Die einen studierten, die anderen bauten Baracken.
NÖN-Zwettl, von Karin Pollak. Erstellt am 23. Juni 2021


Am 21. Juni besuchten der mit der Führung des TÜPl Allentsteig betraute Oberst Herbert Gaugusch und Stadtamtsdirektor in Ruhe Anton Kraus das ehemalige Kriegsgefangenenlager in Edelbach.
Foto Fritz Schiller
Not, Elend und viele Tote brachte der Zweite Weltkrieg, ebenso eine Vielzahl an Kriegsgefangenen, die in Lagern untergebracht waren. Vom Bundesdenkmalamt wurden über 2.100 Orte ausgemacht, an denen es NS-Lager gab – zwei davon befanden sich im Bezirk Zwettl: In Edelbach am heutigen Truppenübungsplatz Allentsteig und in Haimschlag (Gemeinde Echsenbach).


Friedrich Huber aus Vitis kann sich an die Franzosen erinnern, die in Echsenbach gearbeitet haben.
Foto Karin Pollak
„Diese Zeit darf man nicht vergessen. Es ist wichtig, dass die junge Generation erfährt, was damals passiert ist“, zeigt der Allentsteiger Bürgermeister Jürgen Koppensteiner auf. In seiner Gemeinde wurden im Lager Edelbach zwischen 1939 und 1945 um die 6.000 Offiziere aus Frankreich und auch aus Polen festgehalten. Dieses Lager „OFLAG XVII A Edelbach“ ging laut dem ehemaligen Stadtamtsdirektor Anton Kraus, der sich mit der Geschichte von Allentsteig auseinandergesetzt hat, als eines der größten Offizierskriegsgefangenenlager des Dritten Reiches in die Geschichte ein.

Gedenkfeiern mit Franzosen.
An dieses Lager erinnern heute nur Grundmauern der ehemaligen Baracken und ein Teil des Friedhofes. „Dieses Areal wird von uns gepflegt“, betont Herbert Gaugusch, Kommandant des Truppenübungsplatzes Allentsteig. „Wir sind ständig mit der Vereinigung der kriegsgefangenen Offiziere, der ‚Mémoire et Avenir‘, in Kontakt, die mit uns Gedenkfeiern durchführt“, betont Gaugusch. Im Vorjahr hätte eine große Feier anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung der französischen Offiziere stattfinden sollen, die coronabedingt einmal verschoben worden ist. „Die Zusammenarbeit mit der französischen Vereinigung funktioniert sehr gut, und wir gehen damit auch sehr sorgsam um“, sagt Gaugusch.

Filme übers Lagerleben.
Vom Lager Edelbach gibt es sehr viele wissenschaftliche Studien. Damit starteten schon die gefangenen Offiziere, die eine „Lageruniversität“ betrieben haben. Die Offiziere dokumentierten auch das Lagerleben und nahmen heimlich Filme auf. Diese Dokumentarfilme wurden nicht nur im Fernsehen und in Ausstellungen in Frankreich gezeigt, sie waren auch Grundlage des Filmes „Franzosen in Gefangenschaft“, der Ende der 1990er-Jahre von Hans Hrabal und Rolf D. Kleinschmidt zusammengestellt worden ist. Dabei wurde auch auf den Fluchtversuch von 143 Gefangenen durch einen selbst gebauten Tunnel eingegangen.

Das Duo Harbal/Kleinschmidt erzählt in dem weiteren Dokumentarfilm „Ein Koffer erzählt“ die berührende Geschichte von Colonel Armand Oldra und seinem Koffer. Der Colonel hat diesen Koffer bei der Familie Kohl in Merkenbrechts, die ihn nach seiner Flucht aus dem Lager aufgenommen hat, zurückgelassen, als er sich auf den Heimweg gemacht hat. Nach Jahren fand man diesen wieder und hat ihn ins Aussiedlermuseum im Schüttkasten Allentsteig gebracht. 1996 wurde der Kofferbesitzer, der mittlerweile 83 Jahre alt war, ausgeforscht und nach Österreich eingeladen. Das Treffen zwischen der Familie Kohl und Armand Oldra nach 40 Jahren war berührend. Davon berichteten die NÖN sowie Medien in Österreich und Frankreich. Der Originalkoffer ist jetzt im Landesmuseum in St. Pölten zu sehen. Oldra erhielt einen Duplikatkoffer samt seinen Dokumenten.
Dieses Ereignis führte dazu, dass sich die Wissenschaft intensiv mit den Kriegsgefangenen in Edelbach auseinandergesetzt hat. Aufgrund der archäologischen Arbeit des Krahuletz-Museums Eggenburg wurden dadurch weitgehend die Lager-Grundmauern entdeckt.

„Über dieses Lager gibt es viele Berichte und Studien, und es gab einige Ausstellungen darüber“, weiß der 84-jährige Anton Kraus. „Es war ein sehr friedliches Lager, von dem am 17. April 1945 viele Offiziere als Kriegsgefangene in Richtung Westen marschiert sind und so in Freiheit kamen.“
Unter diesen Offizieren befand sich Pierre Delorme, der diesen Marsch genau aufgezeichnet hat. Diese Aufzeichnungen brachten seinen Sohn Denis 2015 dazu, sich auf die „Reise in die Vergangenheit“ zu machen. Begleitet wurde er von Angehörigen. Sie „erwanderten“ den Weg ihres Vaters und Großvaters von Edelbach bis nach Rychnov in Tschechien (die NÖN berichtete).

Franzosen errichteten Baracken.
Weniger bekannt ist das Lager in Haimschlag, das sich am Areal der heutigen Firma Hartl-Haus befunden hat. „Hartl-Haus hat mit seiner über 120-jährigen Geschichte auch einen großen Teil der Geschichte mitgetragen, darunter auch die Zeit der Weltkriege. Für unsere Firma war das eine sehr schlimme Zeit“, betont Hartl-Haus-Pressesprecherin Cornelia Bauer. Damals wurde die Firma Hartl in Kriegswirtschaftspflicht genommen und zum Barackenbau angehalten. „Es wurden während der Kriegsjahre Mannschaftsunterkünfte, Wohnhäuser und Behelfsunterkünfte für Bombenopfer gebaut. Dadurch fanden viele Menschen Arbeit und Unterkunft“, so Bauer. 1943 bereitete ein Großbrand dieser Produktion ein Ende. Das Unternehmen wurde wieder aufgebaut.

An diese Zeit kann sich Friedrich Huber aus Vitis noch sehr gut erinnern. „Mein Vater war Werkmeister bei der Firma Hartl, und ich habe ihn oft zur Arbeit begleitet“, erzählt der 84-jährige Vitiser, der 46 Jahre bei Hartl-Haus gearbeitet und an der Chronik dieser Firma mitgewirkt hat. Die Kriegsgefangenen hätten eineinhalb Barackeneinheiten pro Tag gefertigt, die am Bahnhof verladen worden sind. „Einige Franzosen haben bei unserem Hausbau in Vitis geholfen. Für sie haben wir Lebensmittelmarken aufgespart, damit wir ihnen etwas zu essen geben konnten“, erzählt Huber.

In der Bevölkerung sei das Lager kein Thema mehr, betont Bürgermeister Josef Baireder.
Sehr sorgsamer Umgang mit dem Erbe
 

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#24
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Gänserndorf:

BEZIRK GÄNSERNDORF
NS-Zeit: Gras wächst über die ehemaligen Lager
30 Lager betrieben die Nazis einst im Bezirk Gänserndorf. Das größte befand sich in Strasshof: Dort litten über 20.000 jüdische Gefangene.
NÖN-Gänserndorf, von Ulla Kremsmayer. Erstellt am 23. Juni 2021


Ankunft französischer Zwangsarbeiter 1943 im Durchgangslager in Strasshof: Die Geschichte des Lagers geriet nach Kriegsende vor Ort in Vergessenheit.
Foto privat
Das Bundesdenkmalamt hat über 2.100 Orte in Österreich ausgemacht, an denen die Nationalsozialisten einst Zwangsarbeitslager, KZ-Außenstellen und Kriegsgefangenenlager betrieben. Auch im Bezirk Gänserndorf gab es mehrere dieser unmenschlichen Lager, nämlich genau 30. Was ist eigentlich in der Folge an diesen Orten passiert? Sind sie noch erhalten? Gibt es Gedenktafeln? Die NÖN hörte sich um.

An die ehemaligen beiden Lager in der Bezirkshauptstadt erinnert heute nichts mehr. Wo genau das Zwangsarbeiterlager für Juden stand, ist nicht einmal bekannt. Immerhin weiß man, wo sich das sogenannte „HEILAG XVIIa“, ein Heimkehrerlager für jugoslawische Kriegsgefangene, befand – nämlich in der Wiener Straße 7, dort, wo derzeit das Gänserndorfer SPÖ-Bezirksbüro angesiedelt ist. Von hier wurden damals die jugoslawischen Gefangenen nach Hause in ihre Heimat entlassen.

In der Gemeinde herrscht Unwissenheit
Eine Gedenktafel gibt es nicht. Bürgermeister René Lobner darauf angesprochen: „Ich höre von diesem Lager zum ersten Mal. Mich hat auch noch nie jemand darauf angesprochen.“ Vermutlich leben nur noch wenige Gänserndorfer, die von der Existenz des Lagers wissen. Lobner: „Gedenktafeln haben wir bei unserer ehemaligen Synagoge und dem Jüdischen Friedhof.“
Das größte NS-Lager im Bezirk war zweifellos das Durchgangslager (DULAG) in Strasshof, eines der zentralen Lager für ausländische Zwangsarbeiter aus ganz Europa. Zehntausende Menschen wurden zum Teil unter Zwang, zum Teil unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dorthin gebracht und auf die unterschiedlichsten Arbeitsstätten im Osten Österreichs verteilt.

Hunderte kamen vor Ort zu Tode. 1944 wurden zudem über 20.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Ungarn nach Strasshof zur Zwangsarbeit deportiert. Vor allem ältere Menschen und Kinder entgingen damit ihrer Ermordung in Auschwitz und konnten den Holocaust überleben. Die Geschichte des Lagers geriet nach Kriegsende vor Ort in Vergessenheit.

Strasshofer Verein arbeitet Geschichte auf
Gestrüpp und Gras wachsen heute über den letzten baulichen Resten des Durchgangslagers, einem Leidensort Tausender Menschen. Bürger der Gemeinde Strasshof haben sich auf die Suche nach den Spuren dieses nationalsozialistischen Verbrechens gemacht, im Jahr 2009 den Verein Arbeitsgruppe Strasshof (VAS) gegründet und 2011 ein Erinnerungsmal für die Opfer errichtet, damit deren Schicksal nicht vergessen wird.
„Wir pflegen regelmäßig persönlichen Kontakt mit den vorwiegend ungarischen Opfern. Seit 2013 findet jährlich eine Gedenkfeier beim Erinnerungsmal statt, die aber im Vorjahr wegen Corona abgesagt werden musste. Wir hoffen, dass die Feierlichkeiten heuer stattfinden können“, erklärt VAS-Obmann Bernhard Blank.

Auch in Groß-Enzersdorf gab es mehrere NS-Lager für Zwangsarbeiter. Bei der Gutsverwaltung Lobau in der Lobaustraße (heute landwirtschaftlicher Betrieb der Stadt Wien), in der Lobau selbst, beim Donau-Oder-Kanal sowie beim Tanklager beim Ölhafen. Im Groß-Enzersdorfer Stadtgebiet in der Rutzendorfer Straße sowie auf Gutshöfen in Rutzendorf und in Matzneusiedl sowie auf Schloss Sachsengang.

Wechsel der Eigentümer brachte Mantel des Schweigens
Die Orte lagen damals alle auf Wiener Gebiet, aber unter der Hoheit des Bezirkes Groß-Enzersdorf, heute Donaustadt. Auch in Raasdorf (Ortsteil Pysdorf) sind zwei Lager verzeichnet. „In Groß-Enzersdorf ist da ein Mantel des Schweigens über diese Dinge gelegt worden“, sagt Bürgermeisterin Monika Obereigner-Sivec: „Viele Häuser und Äcker haben die Besitzer gewechselt, das wirkt bis heute.“
Einige der neuen Eigentümer seien dann auch im Gemeinderat gesessen und waren nicht daran interessiert, dass da etwas aufgearbeitet würde. Erst mit der Judenausstellung vor wenigen Jahren habe man begonnen, die Geschichte ernsthaft zu beleuchten. „Groß-Enzersdorf war ein wichtiger Baustein der jüdischen Geschichte in Ostösterreich. Wir wollen an der Darstellung schon weitermachen.“

Vom Bundesdenkmalamt wurde die Gemeinde nicht kontaktiert: „Wir werden aber nachfragen. Die Ergebnisse sollten auch für uns nutzbar gemacht werden.“ Nachfragen beim Stadtarchivar Josef Redl ergaben wenig. „Man konnte annehmen, dass auf den Gutshöfen Zwangsarbeiter eingesetzt waren, aber Genaues wissen wir nicht.“ Zeitzeugen sind kaum noch am Leben.

Polin erzählte von „schönsten Jahren“
Markus Niemann, einer der Mitbesitzer von Schloss Sachsengang, weiß nur, „dass der Gutshof von seinem Großvater an die deutsche Südzucker – heute Mehrheitseigentümer der Agrana – verpachtet war: „Dafür gab es sicher Zwangsarbeiter.“ Und: „Einmal kam eine Polin auf Besuch zu meiner Mutter und erzählte dankbar, dass die Jahre am Sachsengang zu ihren schönsten in der Kriegzeit gehörten. Was muss die Frau sonst noch durchgemacht haben ...“

Auch Gerhard Riesch, Lebensgefährte der Heimatforscherin Sophie Schwindshackl, konnte sich an Zwangsarbeiter im Gut Sachsengang erinnern. Sein Vater kam als Verwalter aus Deutschland hierher. „Gerhard hat mir erzählt, dass er aus Pferdedecken Decken für die Zwangsarbeiter nähte, damit sie in den kalten Nächten nicht frieren mussten“, so Schwindshackl. Ihr eigener Vater, ein Baumeister in Eßling, beschäftigte „französische Fremdarbeiter, mit denen konnte man sich nett unterhalten“.
NS-Zeit: Gras wächst über die ehemaligen Lager
 

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#25
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Hollabrunn:

BEZIRK HOLLABRUNN
NS-Zeit: „Geht nicht darum, zu verurteilen“
„In unserer Gegend ist eine Aufarbeitung nie passiert“, sagt Guntersdorfs Bürgermeister Roland Weber.
NÖN-Hollabrunn, von Sandra Frank, Sarah Marie Piskur und Christoph Reiterer. Erstellt am 23. Juni 2021


NOEN
Göllersdorf, Guntersdorf, Immendorf, Großkadolz, Pulkau, Rohrendorf/Pulkau, Pleissing, Obersteinabrunn, Niederfladnitz, Mitterretzbach und Kleinweikersdorf: Unter den 2.100 Orten, in denen es nach jüngster Auflistung des Bundesdenkmalamtes NS-Lager gab, finden sich auch einige im Bezirk Hollabrunn. Eine Aufarbeitung hat es hier bis heute jedoch kaum gegeben, oft sind diese Schatten der Vergangenheit selbst bei Gemeindevertretern gänzlich unbekannt, wie der Hollabrunner Historiker Ernst Bezemek bestätigt: „Ich habe für ein Heimatbuch recherchiert. Man hat gar nichts darüber gewusst oder nichts wissen wollen.“

Gesichert scheint: Es hat sich durchwegs um Zwangsarbeitslager für ungarische Juden gehandelt, die ganz am Ende des Zweiten Weltkriegs installiert wurden. Stätten, an denen jüdische Bürger, Kriegsgefangene und Feinde des Regimes gefangen gehalten, gefoltert und getötet wurden.

Standorte sind weitgehend unbekannt
Die meisten dieser Stätten sind heute nicht mehr erhalten und deren Standorte sind weitgehend unbekannt. Die Orte gerieten in Vergessenheit. Eines der am besten erhaltenen Zwangsarbeitslager, ist jenes in Pulkau. Ungarische Juden wurden hier ab 1944 zu Arbeiten im Steinbruch gezwungen.

Obwohl die Lage des einstigen Lagers in Niederfladnitz laut Bundesdenkmalamt theoretisch bekannt ist, lassen sich dort heute keine Spuren mehr erkennen. Bürgermeister Friedrich Schechtner erklärt im NÖN-Gespräch, dass kaum etwas über die NS-Zeit in seinem Heimatort bekannt ist. „Der Überlieferung nach gab es auch in Niederfladnitz Zwangsarbeiter, welche während des Tages in den Betrieben arbeiteten und am Abend im damaligen Gasthaus interniert und bewacht wurden“, erzählt er über spärliche Aufzeichnungen.

Ebenfalls in der Gemeinde Hardegg, in Pleißing, sollen laut dem Bundesdenkmalamt zwischen 15 und 20 jüdische Frauen untergebracht gewesen sein. Welche Arbeiten sie dort verrichten mussten, wo sie untergebracht waren oder wie es ihnen in der Zeit erging, ist dem Bürgermeister nicht bekannt.

Berichte über Verstecke im Wald
Obwohl viele der Lagerstätten in Vergessenheit geraten sind, zeichnet sich in der Stadtgemeinde Hardegg die Menschlichkeit der ansässigen Bürger ab, die trotz des Krieges nicht verloren ging. Schechtner erzählt von Aufzeichnungen aus der Chronik: „Dort wird auch von Verstecken im Wald nahe der Thaya berichtet. Es gab einige verfolgte Personen, die dort untergekommen sind und von mutigen Ortsbewohnern versorgt wurden.“
„Bei uns wurden ukrainische Juden den Bauernhöfen zugeteilt“, weiß Guntersdorfs Bürgermeister Roland Weber. Wenn etwa eine Bäuerin einen Hof alleine zu bewirtschaften hatte, weil ihr Mann im Krieg war oder er gefallen war. Ein Denkmal oder Ähnliches findet sich in der Gemeinde aber nicht. „Alle Akten wurden in den letzten Kriegstagen verbrannt“, sagt Weber. Was blieb, sind Geschichten, aber keine Dokumente. „Ich hätte kein Problem damit, diese Geschichten aufzuarbeiten“, betont der Familienvater. „In unserer Gegend ist eine Aufarbeitung nie passiert“, weiß Weber. Meist aus Angst oder Scham. „Es geht aber nicht darum, jemanden zu verurteilen, sondern um Geschichte.“


NS-LAGER IM BEZIRK HOLLABRUNN
Göllersdorf: Heute befindet sich darin die Justizanstalt Göllersdorf; war ein Zwangsarbeitslager und Gefängnis; Schlossgasse 17
Großkadolz: Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden, Arbeiten für Johann Hardegg, genaue Lage unklar;
Guntersdorf: Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden; Frauen für landwirtschaftliche Arbeiten; genaue Lage unklar; Eröffnung: (vermutlich) 1944
Immendorf: Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden, landwirtschaftliche Arbeiten bei Gutsverwaltung Baron Rudolf von Freudenthal; 15 bis 20 Personen, genaue Lage unklar; Eröffnung: Juni 1944; Schließung: 20. April 1945
Kleinweikersdorf: Zwangsarbeitslager für ungarische Juden, Kanalisierungs- und Planierungsarbeiten; genaue Lage unklar; Juni 1944 bis 10.4.1945.
Mitterretzbach: Zwangsarbeitslager für ungarische Männer und Frauen; Kaffeegasse 21, in einem (damaligen) Rohbau; heute teilweise überbaut; Eröffnung: Herbst 1944; Schließung: Mitte April 1945; 10 bis 12 Personen.
Niederfladnitz: Zwangsarbeitslager für ungarische Juden, Einsatz für Croysche Gutsverwaltung; vermutet im Bereich des Schlosses Niederfladnitz; (heute Privatgelände); 1.7.1944 bis 12.4.1945.
Pulkau: Lager für ungarische Juden, vorrangig Arbeiten im Steinbruch; Steinbruch Roggendorf, Dambachstraße Großreipersdorf
Pleißing: Zwangsarbeitslager für ungarische Jüdinnen; genaue Lage unklar; Eröffnung: 20.6.1944; Häftlinge wurden 1945 ins Ghetto Theresienstadt „evakuiert“; 15 bis 20 Frauen.
Rohrendorf: Zwangsarbeitslager für ungarische Juden; Männer Frauen und Kinder; vor allem Dränage- und landwirtschaftliche Arbeiten; genaue Lage unklar; Eröffnung: Juli 1944 Schließung: April 1945.
Quelle: Liste der NS-Opferorte in Österreich, bda.gv.at

NS-Zeit: „Geht nicht darum, zu verurteilen“
 

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#26
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Korneuburg:

BEZIRK KORNEUBURG
NS-Lager: Ein Mantel wurde zum Symbol
In Gerasdorf hat man die Geschichte des großen Zwangsarbeiterlagers penibel aufgearbeitet und dokumentiert.
NÖN-Korneuburg, von Herwig Mohsburger. Erstellt am 23. Juni 2021


Zur Einweihung des Gedenksteins im Jahr 2016 kam auch István Gábor Benedek. Er ist der letzte Überlebende des Lagers in Gerasdorf. Der Ehrenbürger der Stadt zeigt die Namen der Opfer.
Foto Höberth/Archiv
Das Bundesdenkmalamt hat über 2.100 Lager der Nationalsozialisten, Zwangsarbeitslager, KZ-Außenstellen und Kriegsgefangenenlager ausgemacht und aufgelistet. Auch im Bezirk Korneuburg gab es NS-Lager, das bekannteste in Gerasdorf. Sonst sind die Quellen ungenau und widersprüchlich, zu den Lagern in und um Gerasdorf gibt es hingegen sehr genaue Aufzeichnungen.

Der Fliegerhorst erstreckte sich über den gesamten Ortskern von Seyring. Am Gelände fand sich ein Lager für italienische und jugoslawische Zwangsarbeiter. Es gibt allerdings keine eindeutigen Reste davon.

EU-Abgeordneter Lukas Mandl hat in seinem Garten einen Brunnen, von dem es heißt, er habe zum ehemaligen Fliegerhorst gehört. Sonst gibt es keine Hinweise auf den Flugplatz. Allerdings hatten zum Zeitpunkt der Ungarn-Krise 1956 Flüchtlinge alte Karten, auf denen noch ein Flugplatz eingezeichnet war. Sie landeten dann mitten auf den Feldern.

„Die jüdischen Feldarbeiter haben bei uns ganz normal mitgegessen.“ Josef Schilk, Zeitzeuge, Gerasdorf
Mandl war sehr engagiert, als es darum ging, die Geschehnisse rund um das Zwangsarbeiterlager von ungarischen Juden in Gerasdorf aufzuarbeiten. „Wir haben mit Zeitzeugen gesprochen, unterstützt von der Akademie der Wissenschaften und dem Simon-Wiesenthal-Institut“, erzählt er. An der Aufarbeitung sei die ganze Stadt beteiligt gewesen, auch die Neue Mittelschule Gerasdorf nahm im Zuge eines Schulprojekts daran teil. Höhepunkte waren im Jahre 2016 die Enthüllung eines Gedenksteins und eine Festschrift, die detailliere Informationen über die damaligen Verhältnisse liefert.

Insgesamt 281 ungarische Juden – Männer, Frauen und Kinder – waren im Jahr 1944 von März bis Oktober in dem Lager untergebracht. Haupteinsatz für die Männer war bei der Feldarbeit, Frauen wurden auch zum Nähen, in Bäckereien und bei der Firma Rütgers eingesetzt, bei der Bahnschwellen mit Teer konserviert wurden.

Bekannt ist auch, dass sich zwischen der Lagerinsassin Rózsa Braun und der Familie Anna und Matthias Seidl sowie deren Nachbarin Maria Neumayr eine freundliche Beziehung entwickelt hat. So wurde Brauns Sohn István Gábor Benedek ein Wintermantel geschenkt, durch den er die folgenden Aufenthalte in KZs in den Wintermonaten überleben konnte.

Erinnerung an Opfer bewusst am Bahnhof platziert
„Im Unrechtsstaat wurde auch Menschliches getan“, kommentiert Mandl Taten wie diese. Brauns Namen trägt heute eine Gasse beim Bahnhof Gerasdorf, Sohn Benedek war bei der Enthüllung des Gedenksteins vor fünf Jahren anwesend. „Wir haben den Stein mit den Namen aller Opfer bewusst am Bahnhof platziert, damit ihn alle sehen können“, sagt Mandl.


Das Lager der ungarischen Juden in Gerasdorf auf einem Luftbild: der helle Komplex unten im Bild neben dem Bahnhof.
Foto Gemeinde Gerasdorf

Er findet es positiv, wie sich die Stadt mit dieser dunklen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Ein Zeitzeuge ist der 88-Jährige Josef Schilk aus Gerasdorf. „Am Sonntag bin ich immer mit meinem Vater zum Verwalter des Lagers gegangen. Da haben wir dann die Helfer für den Montag bestellt“, erinnert er sich. Soweit die Menschen arbeiten konnten, mussten sie bei den Bauern mithelfen. „In der Einfahrt haben die Frauen Mohnkapseln geöffnet“, erzählt Schilk. Die Arbeit auf den Feldern war deutlich schwerer, „die Bauern mussten ja auf Befehl Gemüse anbauen“.

Besser versorgt als erlaubt
Die Unterkünfte für die Juden waren laut Schilk Erdäpfelbunker direkt neben dem Bahnhof, die Versorgung war sehr bescheiden. Allerdings wurden die Feldarbeiter verbotenerweise von den Bauern besser versorgt. Schilk: „Die jüdischen Feldarbeiter haben bei uns ganz normal mitgegessen. Man brauchte ja Kraft für die Arbeit.“

An einem Sonntagnachmittag im Herbst war dann völlig überraschend Schluss: „Die Juden wurden auf Lkws abtransportiert“, erinnert sich Schilk. Über mehrere Stationen kamen sie in Konzentrationslager.
ZUM THEMA
Fest steht, dass mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Juden beraubt, vertrieben oder ermordet wurden. Der Korneuburger Historiker Klaus Köhler schreibt in seinem Buch „Ein schrecklich zerrissenes Leben ...“ von 84 jüdischen Bürgern, die im Bezirk beheimatet waren und Opfer der Shoah wurden. Laut seinen Unterlagen gab es im Bezirk 50 „Arisierungen“ von Häusern und Grundstücken. Die Restitution sei in vielen Fällen unvollständig oder unklar gewesen. Manchmal sei sie ganz unterlassen worden.

Sehr ungenau sind hingegen Vorkommnisse wie jenes Ende Jänner 1945 im Gebiet von Hausleiten. Insgesamt fünf Tote wurden nahe der Bahngleise gefunden, zwei von ihnen wurden erschossen, andere waren vom Zug abgesprungen, alle stammten offenbar von einem Gefangenentransport. Die Gendarmerieposten von Stetteldorf und Hausleiten waren sich über Datum und Transport nicht einig. Laut Pfarrchronik wurden alle in Hausleiten bestattet, anderen Quellen zufolge waren sie dort nur aufgebahrt und wurden in Stockerau beigesetzt.

Von den Kriegsgefangenen gibt es sehr wenige Überlieferungen, wo sie untergebracht waren. Zum Teil waren sie in kleinen Gemeinden zur Feldarbeit bei Bauern eingeteilt. Da entwickelten sich durchaus auch Freundschaften, für Kinder wurde gerne geschnitzt.
Rund 150 Kriegsgefangene mussten neben etwa 400 holländischen, französischen und jugoslawischen Gastarbeitern in der Werft Korneuburg arbeiten.

Auch in Gerasdorf waren Franzosen interniert, die zu Arbeitsleistungen herangezogen wurden.
NS-Lager: Ein Mantel wurde zum Symbol
 

josef

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#27
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Mistelbach:

BEZIRK MISTELBACH
Zwangsarbeiterlager: Viele versuchten zu helfen
Bei den Bauern hatte man Verständnis für die Gefangenen und steckte Essen zu.
NÖN-Mistelbach, von Michael Pfabigan. Erstellt am 23. Juni 2021


Bilddokumente der Zwangsarbeiterlager der NS-Zeit sind rar; hier ein Arbeitslager in Laa.
Fotoarchiv Herbert Jaitner
Insgesamt 13 Zwangsarbeiterlager soll es im Bezirk Mistelbach gegeben haben, die Geschichte der Lager ist weitgehend nicht aufgearbeitet. Und in zwei Fällen gibt es bislang überhaupt keine Quellen.

Vor allem im Dreiländereck waren ungarische Juden eingesetzt: Jene im Lager in Altlichtenwarth wurden ab 1944 zum Ausheben von Schützen- und Panzergräben eingesetzt, in Hausbrunn für Künettenarbeiten. „Meine Großmutter hat erzählt, dass KZ-Häftlinge Künetten gegraben haben“, sagt der Altichtenwarther Richard Edl: „Da hat sie dann öfter einen Laib Brot in diese Künetten rollen lassen, aber man musste höllisch aufpassen und durfte ja nicht erwischt werden“.

Ein Standort eines Lagers in Altlichtenwarth ist ihm nicht bekannt, aber es gibt die Vermutung, das die KZ-Häftlinge in verschiedenen Bauernhöfen untergebracht waren. Konkrete Infos über diese Zeit hat man in den Gemeinden allerdings heute keine. Das Lager in Reintal soll sich im Theimhof befunden haben. Von dem heute zu Tschechien gehörenden Gehöft wurden die ungarischen Juden als Zwangsarbeiter auf den Ländereien der Liechtensteiner eingesetzt. „Der Theimhof gehörte damals zum Gemeindegebiet von Reintal“, sagt Gerhard Wimmer aus Reintal: Von einem Lager im heutigen Reintal ist ihm nichts bekannt.

Kriegsgefangene im Schloss Ladendorf
In Ladendorf diente ab 1939 das Schloss als Lager für etwa 70 polnische Kriegsgefangene. In der Folge wurden dort auch Flüchtlinge und Kriegsverwundete untergebracht. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurden zwischen Juni 1944 und April 1945 ungarische Juden als Zwangsarbeiter für landwirtschaftliche Tätigkeiten und für Kanalisierungsarbeiten herangezogen.

„Es gab in Laa ab 1941 mehrere Kriegsgefangene, die an mehreren Stellen untergebracht waren“, weiß Stadthistoriker Rudolf Fürnkranz: „Die Unterbringung der ungarischen Frauen, meines Wissens waren keine Männer dabei, im Pfarrhof dauerte bis Anfang April 1945, dann wurden sie nach Westen abtransportiert.“

Frauen und Mädchen im Pfarrhof Laa untergebracht
Im Sommer 1944 waren ungarische Juden nach Laa gebracht worden, hauptsächlich Frauen und Mädchen, die den Laaerinnen sehr elegant vorkamen, wie Fürnkranz aus seinen Recherchen weiß. Sie lebten ebenfalls im Pfarrhof und wurden täglich in der Früh an den Eisteichen vorbei auf Wegen außerhalb des verbauten Gebietes zur Arbeit in den Ziegelofen geführt. Frauen, die bei der Mühle Schanzarbeiten verrichten mussten, trachteten, ihnen Essbares zuzustecken.
„Der Aufseher erwies sich jedoch als fanatisch und unterband alle Versuche. Frau Fischer, die eine Greißlerei am Stiftungsplatz betrieb, wo die Juden immer wieder vorbei kamen, fragte Vertraute nach nicht benötigten Lebensmitteln und steckte sie den Juden heimlich zu. Diese waren sehr dankbar und nickten den ihnen wohlwollenden Menschen im Vorbeigehen zu“, schildert Fürnkranz, der die Geschichte der jüdischen Zwangsarbeiter in seiner Stadtgeschichte der Stadt Laa akribisch aufgearbeitet hatte.

Das in der Liste des BDA genannte Lager in Bockfließ ist vermutlich das Großlager in Strasshof , vermutet Historiker Stefan Eminger, allerdings gab es noch Lager in Obersdorf für serbische Kriegsgefangene, in Ulrichs-kirchen in der Bergmühle/Kronbergerhof.

Lager waren nicht dokumentiert, Erzählungen gibt es
Keine Quellen gibt es zu den mutmaßlichen Lagern in Schrick und Großkrut . Sie sind auf der vom Bundesdenkmalamt veröffentlichten Liste der Gedenkorte enthalten, zumindest in Großkrut will man heute nichts mehr von einem Judenlager wissen. In Schrick gibt es zwar auch keine handfesten Belege für ein Zwangsarbeiterlager, man kennt aber die Erzählungen, dass der Einschnitt im Schricker Berg zwischen dem Ort und Gaweinstal an der alten Brünnerstraße von Zwangsarbeitern gemacht worden sein soll. Damit wurde einer der drei wesentlichen Berge (Wolkersdorfer Berg, Schricker Berg, Erdberger Berg) entlang der alten Brünnerstraße entschärft.

Nicht auf der Liste des BDA, aber in einem Buch von Johann Rieder erwähnt, ist ein Lager für Kriegsgefangene im Poysdorfer Basch-Haus am Josefsplatz 14. Im Wetzelsdorfer Ziegelofen waren französische Kriegsgefangene untergebracht: „Um 6 Uhr morgens war Abmarsch der Gefangenen vom Lager, begleitet wurden sie von zwei bewaffneten Landesschützen“, schreibt Rieder: Sie marschierten zu ihren Arbeitsorten, wo sie bis 19 Uhr arbeiteten. Nach dem Abendessen wurde der Gefangene von einer Begleitung des Hauses ins Lager gebracht: „Die meisten Bauern hatten für die Gefangenen größtes Verständnis. Sie arbeiteten gemeinsam und aßen alle von einem Tisch“, schreibt der Poysdorfer Johann Rieder.

DIE LAGER IM BEZIRK
Altlichtenwarth: 26.7.1944-8.3.1945. Lage ist unklar. Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden, Ausheben von Schützengräben.
Bockfließ: Lage ist unklar, Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden, Männer, Frauen und Kinder, auf einem Staatsgut, landwirtschaftliche Arbeiten
Großharras: Juni 1944-Ende Juli 1944. Lage ist unklar, Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden, Landwirtschaftliche Arbeiten für Erwin und Willhelm Riedl, Gutsbesitzer, Männer und Frauen.
Großkrut: Lage ist unklar, Judenlager.
Hausbrunn: 1944-April 1945, Lage im Ortszentrum, Zwangsarbeiterlager für 60 ungarische Juden, Männer Frauen und Kinder, Einsatz bei Erd- und Kanalisierungsarbeiten.
Laa: 1.7.1944-20.4.19445. Standort im Garten des Südtrakts des bestehenden Pfarrhofes und im ehemaligen Pferdestall am Kirchenplatz. Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden, 110 Männer und Frauen, Arbeit in Ziegelei Fa. Rudolf Scheiner.
Ladendorf: ab 10.1944. Lage: Schloss Ladendorf, Am Schloßberg 1: Kriegsgefangenenlager im Schloss.
Mistelbach 1: Juli 1944 bis April 1945: Lage: Im Forstgarten an der B46 Richtung Siebenhirten. Ungarische Juden, Einsatz bei Bauunternehmen, in der Kaserne und im Spital.
Mistelbach 2: September 1944 bis April 1945. Lage unklar, ungarische Juden. Ein direktes Außenlager des KZ Mauthausen dürfte es in Mistelbach nicht gegeben haben.
Reintal: Juni 1944 -15.9.1944, Lage ist unklar. Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden, Männer, landwirtschaftliche Arbeiten Gutsverwaltung Fürst Liechtenstein
Schrick: Lage unklar: Zwangsarbeiterlager.

Quelle: www.bda.at

Zwangsarbeiterlager: Viele versuchten zu helfen
 

josef

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#28
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Baden:

AUFARBEITUNG
Bezirk Baden: Die vergessenen Lager
Über 2.100 NS-Opferlager sind österreichweit dokumentiert. Die Geschichte dieser ist vielerorts nicht vollends aufgearbeitet. Im Bezirk Baden soll sich dies nun ändern.
NÖN-Baden, von Simon Weiß. Erstellt am 23. Juni 2021


Ein Überbleibsel der Reichsautobahn (RAB) bei Heiligenkreuz im Wienerwald.
Foto NOEN
Das ehemalige Konzentrationslager in Mauthausen ist wohl den meisten Österreicherinnen und Österreichern ein Begriff. Wenngleich es das bekannteste, größte und am besten erhaltene aller österreichischen NS-Lager darstellt, ist es nur eines der 2.113 auf der kürzlich aktualisierten Dokumentationsliste des Bundesdenkmalamtes. Viele der einst dunklen Orte sind in Vergessenheit geraten, doch auch im Bezirk Baden manifestierte sich das grausame Regime der Nationalsozialisten in Form von Zwangsarbeitslagern, Straflagern und anderen NS-Bauten.

Der Arbeitskräftemangel in der Rüstungsindustrie führte dazu, dass vielerorts Kriegsgefangene ebendiesen kompensieren musste. So gab es beispielsweise in der Marktgemeinde Hirtenberg ein Zwangsarbeitslager spezifisch für Frauen, wie der Chronist der Gemeinde, Erich Strobl, erzählt: „Ursprünglich gab es das Arbeitslager am Weinberg. Gefangene wurden dafür eingesetzt, Patronen für die Wilhelm-Gustloff-Werke herzustellen.“Am 28. September 1944 wurde ein Bereich innerhalb des bestehenden Waffen-SS Arbeitslagers durch einen elektrischen Stacheldrahtzaun vom restlichen Teil abgegrenzt. Dieser stellte ein Nebenlager des KZ-Mauthausen dar.

„In diesem neuen Teil waren bis zu 459 Frauen inhaftiert, die ebenfalls allesamt Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten mussten. Die Frauen waren überwiegend politische Gefangene aus Russland, der Ukraine, Italien und Polen“, so Strobl. Zu Tode kamen drei Frauen, vermutlich aufgrund diverser Verletzungen, die sie sich bei der Arbeit zugezogen hatten. Ehe das Nebenlager Hirtenberg geschlossen wurde, erschossen Männer der Schutzstaffel (SS) sieben Russinnen, als diese flüchten wollten.

„Die Erinnerung soll bleiben.“ Erich Strobl
Lange Zeit lang sei dieser Abschnitt der Geschichte Hirtenbergs in Vergessenheit gewesen, erst im Jahr 2005 habe man langsam begonnen die Geschehnisse aufzuarbeiten, erzählt Erich Strobl: „Es gab einige Gedenkfeiern. Nun bereiten wir die Errichtung einer Gedenkstätte vor, damit man einen immer währenden Zugang zu dem Lager hat, um daran zu erinnern, dass hier Leute gegen ihren Willen inhaftiert waren.“ Überreste des Lagers seien heute nur mehr vereinzelt sichtbar, etwa im Winter, wenn das Areal nicht zugewachsen oder mit Laub bedeckt ist.

Unweit des Stifts Heiligenkreuz im Wienerwald erinnert eine monumentale Stahlbetonröhre an die Zeit des Nationalsozialismus. Mittlerweile von Dickicht umringt und mit üppigem Moos bewachsen, war die Tunnelröhre ursprünglich als Teil der Reichsautobahn (RAB) konzipiert. Die Röhre ist 51 Meter lang, vier Meter hoch und ebenso breit. Sie sollte als Unterführung der Reichsautobahn „Salzburg - Linz - Wien“ dienen, welche jedoch nie fertiggestellt wurde.

Das Stift Heiligenkreuz litt massiv unter dem Bau der RAB, musste es schließlich einiges seines Grundes an das NS-Regime abtreten. Die Stille des Klostergartens gehörte ab nun der Vergangenheit an. Rund um das Stift wurden zudem Baracken für Zwangsarbeiter und ein Gefangenenlager errichtet. 49 jüdische Menschen mussten im Wald schuften, oder Arbeit in der Lagerküche verrichten. Zwölf der Gefangenen waren Kinder. Die Aufarbeitung der Gräueltaten der Nationalsozialisten ist unabdingbar, um das Bewusstsein für das hohe Gut der Freiheit zu schärfen.
Bezirk Baden: Die vergessenen Lager
 

josef

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#29
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Bruck an der Leitha:

ZWANGSARBEIT IN NS-ZEIT
36 Nazi-Lager im Bezirk Bruck
Einige Standorte der Terror-Maschinerie sind durch das Denkmalamt gut dokumentiert.
NÖN-Bruck, von Max Stepan, Peter Gerber Plech, Otto Havelka und Gerald Burggraf. Erstellt am 23. Juni 2021


Die letzten Überreste der „Schuhmann-Bude“. Es wird vermutet, dass dort die jüdischen Zwangsarbeiter untergebracht waren.
Topothek Moosbrunn
71 Lager für Juden, Zwangsarbeiter aus ganz Europa oder politische Gefangene gab es in Niederösterreich. Knapp zehn Prozent davon sollen laut einer Liste des Bundesdenkmalamts im Brucker Bezirk gewesen sein, wobei der Großteil im Raum Schwechat lag. Bei vielen ist der genaue Standort allerdings nicht mehr eruierbar.

Deutliche erkennbar sind hingegen noch die Überreste der sogenannten „Schuhmann-Bude“ in einem Waldstück in Moosbrunn. Bis 1927 war die namensgebende Fabrik zur Seidenbanderzeugung der Familie Schuhmann in Betrieb, der Weltwirtschaftskrise geschuldet. Das danach ungenutzte Gelände wurde durch den antisemitischen Staatsapparat als jüdisches Eigentum eingestuft und beschlagnahmt.

Zeitzeugen berichten von „Umschulungslager“
In weiterer Folge wurde das Gelände schließlich zu einem Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden. Ein Zeitzeugenbericht einer ungarischen Jüdin berichtete über die Inhaftierung und den Weg vom Ghetto Debrezen über das Durchgangslager Strasshof bis nach Moosbrunn. Dem Bericht zufolge wurden die Zwangsarbeiter zwölf Stunden lang zur Arbeit in der örtlichen Glasfabrik eingesetzt, die Unterbringung erfolgte auf dem Schuhmann-Gelände. Mehrere Zeitzeugen, die damals in dem Lager inhaftiert waren, berichteten außerdem von einem „Umschulungslager“.
Hauptsächlich wurden die rund 260 jüdischen Gefangenen aber zur Verrichtung von Zwangsarbeit, wie der Demontage rostiger Maschinen oder im Straßenbau im Ort eingesetzt. In den letzten Kriegsjahren wurden die rund 100 Jugendlichen fast alle in Ghettos oder Vernichtungslager deportiert. Gegen Kriegsende kam es am Gebiet der Schuhmann-Fabrik zu Kämpfen zwischen deutschen und sowjetischen Truppen, bei denen das Areal fast völlig zerstört wurde.

Zwangsarbeiterlager gab es auch auf Gutshöfen der Umgebung wie dem Schwerthof in Himberg, dem Katharinenhof in Mannswörth, dem Antonshof in Schwechat oder der Gutsverwaltung Marenzi in Ebergassing

100 Kriegsgefangene schufteten am Feld
Über Letzteres findet sich ein interessantes Dokument des „Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. Demnach waren auf dem Gutshof der Marenzi ungefähr hundert Kriegsgefangene zu Erntearbeiten eingeteilt. Der ehemalige SPÖ-Bürgermeister Stefan Steinle, der ab 1965 insgesamt 21 Jahre lang Ortschef war, wird darin wie Folgt zitiert: „Während der ganzen Zeit gab es keine Todesfälle, da sich unter den Lagerinsassen auch 2-3 Ärzte befanden. Nicht arbeitsfähige Juden wurden von Sophie und Franziska Marenzi im Schloß versteckt.“

Ein Arbeitserziehungslager der Gestapo wurde 1941 auf dem Gelände des Elisabeth-Asyls in Lanzendorf (heutige Caritas) eingerichtet. Wie Gemeinde-Historiker Michael Komarek zu berichten weiß, kamen einige Hundert Menschen darin zu Tode. Unter den Inhaftierten befanden sich damals etwa der serbische Schriftsteller Milo Dor oder der Rundfunkmoderator Günther „Howdy“ Schifter.
Kommandant war ab 1942 Karl K. auf dessen Befehl drei Jahre später während des Marsches nach Mauthausen etwa 50 Häftlinge getötet wurden. 1950 wurde er zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt, aber nur fünf Jahre später vom damaligen Bundespräsident Theodor Körner begnadigt. Danach arbeitete er für die Creditanstalt.

Sieben NS-Lager im Stadtgebiet Schwechat
Gleich sieben NS-Standorte der Nazis gab es in Schwechat. Das Größte war das Arbeitslager „Wien-Schwechat 2“, das sich am heutigen Areal des Flughafens befand. In der Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen schufteten zwischen 1943 und 1945 mehr als 3.000 Häftlinge aus zehn Nationen für die deutsche Rüstungsindustrie. Ein Gedenkstein, der auf eine Initiative des früheren Schwechater Stadtarchivars Adolf Eszöl zurückgeht, vor dem Hauptgebäude von Austrian Airlines (AUA) erinnert bis heute daran.

Ebenfalls als Außenposten des KZ Mauthause fungierten die Zwangsarbeitslager „Santa I“ und „Santa II“ in Schwechat. Ersteres befand sich in alten Bierkellern der Brauerei Schwechat, zweiteres in der Bruck-Hainburgerstraße 26. Laut Ezsöls Recherchen dürften Mitte März 1944 die ersten Häftlinge in den Lagern eingetroffen sein – Schätzungen gehen von 200 aus. Sie mussten Arbeiten an Maschinen für die „Flugmotorenwerke Ostmark“ verrichten.
36 Nazi-Lager im Bezirk Bruck
 

josef

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#30
NÖN-Bericht über das in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene KZ-Außenlager beim "Flugmotorenwerk Ostmark":

KZ-ZWANGSARBEITER
Flugzeugmotorenwerk Ost: Ein Tagebuch des Grauens
Die Geschichte des Flugzeugmotorenwerks Ost im Bezirk Mödling wurde lange verdrängt. Gedenkverein treibt Aufarbeitung voran.
NÖN-Mödling von NÖN Redaktion. Erstellt am 23. Juni 2021


Richtfest des Fabriksbaus der Flugzeugmotorenwerke Ost im Oktober 1941. Die Herren an der Spitze in Uniform sind Generalbauinspektor Albert Speer und Generalluftzeugmeister Ernst Udet.
Archiv Wiener Neudorf
In den Jahren 1943-45 schufteten 18.000 Zwangsarbeiter im Werk für Flugmotoren der Nazis im Bezirk Mödling. Das Werk selbst stand großteils auf Wiener Neudorfer Gemeindegebiet, Zwangsarbeiter- und Konzentrationslager waren in Guntramsdorf, später auch in Wiener Neudorf untergebracht. Der Grund: Die Baracken der Zwangsarbeiter aus dem KZ Mauthausen wurden 1944 bei einem Bombenangriff getroffen.
Die KZ-Häftlinge wurden daraufhin in ein Barackenlager nach Wiener Neudorf verlegt. Archivar Peter Csendes aus Wr. Neudorf weist darauf hin, dass es Zwangsarbeitslager in den Gemeinden rund um die Flugzeugmotorenwerke Ost gab, etwa auch im Kloster St. Gabriel, das von den Nazis aufgelassen wurde. Der Großteil der Häftlinge kam aus Polen, es waren aber auch viele Österreicher, Deutsche, Franzosen und Holländer unter den Gefangenen.

So bekannt die Existenz des Werkes war, so still wurde es in der Nachkriegszeit um die Baracken der Zwangsarbeiter und das KZ. „Auf das Flugmotorenwerk war man stolz, unter welchen Umständen das Werk betrieben und gebaut wurde, darüber wurde bis 1993 nicht gesprochen“, erzählt Jürgen Gangoly, Obmann des KZ-Gedenkvereins, der seit 1995 regelmäßige Forschungsarbeit und jährliche Gedenkaktivitäten zu den historischen Geschehnissen durchführt.

2005 wurde ein konfessionell und parteipolitisch unabhängiger Verein gegründet, um aufzuarbeiten, was erst 1993 ans Licht kam: „Zwei ältere Damen sind zu Diakon Andreas Frank nach Neu-Guntramsdorf gekommen und haben vom Konzentrationslager und den Zwangsarbeitern erzählt“, sagt Gangoly, der von Frank aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit im Bereich Antirassismus und Antisemitismus in der EU und im Europarat, in der Sache kontaktiert wurde.

Die beiden fuhren ins Mauthausenarchiv ins Innenministerium um nachzuforschen: „Ein Zivildiener brachte uns eine versiegelte Kiste, die 1955 zuletzt geöffnet wurde. Es war ein Sensationsfund, mit dem Tagebuch des Todesmarsches nach Mauthausen. Darin waren 213 Morde dokumentiert, auch die Täter sind bekannt, Prozesse dazu hat es nie gegeben.“
Flugzeugmotorenwerk Ost: Ein Tagebuch des Grauens
 

josef

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#31
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager in Stadt und Bezirk Wiener Neustadt:

BEZIRK WIENER NEUSTADT
NS-Gedenken: „Nie ich? Nie hier? Nie jetzt?“
In Anhaltelagern & Außenstellen von Konzentrationslagern gab es im Bezirk Wiener Neustadt tausende Zwangsarbeiter.
NÖN-Wiener Neustadt, von Philipp Hacker-Walton und Doris Damböck. Erstellt am 23. Juni 2021


Das Denkmal vor der „Serbenhalle“ in der Pottendorfer Straße. Mittlerweile ist der Blick auf die Halle recht verdeckt.
Markus Grabenwöger
Der Blick auf die Halle selbst ist durch Bäume, Sträucher und Zäune verdeckt. Doch das Denkmal davor ist unübersehbar:
„Immer irgendwo!
Immer irgendwer!
Immer irgendwann!
Nie ich?
Nie hier?
Nie jetzt?“

Die rote Tafel erinnert daran, dass sich hier, wo heute die Autos in der Pottendorfer Straße vorbeirauschen, vor bald 80 Jahren eine der rund 40 Außenstellen des Konzentrationslagers Mauthausen befand.
Bis zu 1.600 KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene mussten hier von 1943 bis 1945 unter unmenschlichen Bedingungen für die Kriegsindustrie arbeiten, auch Raketenteile wurden in der „Serbenhalle“ hergestellt.

„Das besondere an der Serbenhalle ist, dass sie ein Raubgut der Wehrmacht ist“, sagt Historiker Michael Rosecker, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Wiener Neustadt, im Gespräch mit der NÖN. Die Halle wurde in der serbischen Stadt Kraljevo abgebaut und in Wiener Neustadt am Areal der ehemaligen Lokomotivfabrik wieder aufgebaut.

„In Kraljevo wurden im Oktober 1941 von der Deutschen Wehrmacht 1.736 wahllos gefangen genommene Einwohner im Zuge von ,Vergeltungsmaßnahmen‘ für Partisanenaktivitäten ermordet. Mit diesem Verbrechen einerseits und der Zwangsarbeit in Wiener Neustadt andererseits stellt die Serbenhalle die doppelte Repräsentanz der Zwangs- und Gewaltmaßnahmen des NS-Regimes dar“, so Rosecker.
Für die Gedenkpolitik sei die Halle nicht zuletzt aufgrund ihrer Größe (300 Meter lang, 70 Meter breit, 30 Meter hoch) spannend, sagt Rosecker: „Die Halle hatte eine recht dominante Erscheinung in der Stadt. Dennoch wurde das Geschehene relativ stark verdrängt. Es hat lange gedauert, bis es möglich wurde, ein Denkmal und damit einen Gedenkort zu schaffen.“

Im Jahr 2005 wurde das Denkmal durch das Mauthausen Komitee Wiener Neustadt und den Verein „Alltag Verlag“ realisiert. Das Konzept stammt von Künstler Markus Grabenwöger und Historiker Michael Rosecker und „spielt mit dem Thema der Leuchtreklame“, so Rosecker, „mit der Spannung zwischen der riesengroßen Halle und dem nicht ahnen Können, was dort passiert ist.“

Gedenken an jüdische Zwangsarbeiter
Dem Verfall überlassen ist mittlerweile die „Engelmühle“ (benannt nach dem ehemaligen Bürgermeister Julius Engel) in Felixdorf, die sich heute in Privatbesitz befindet. In den letzten Kriegsmonaten, von Ende 1944 bis April 1945, wurde das Mühlenareal als Behausung für 2.000 jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn genutzt. Nur rund hundert von ihnen überlebten, mehr als 1.800 starben in Folge von Kälte, Krankheiten, Unterernährung und den schlimmen hygienischen Bedingungen.

Ein Zugang zur „Engelmühle“ ist nicht möglich. Die Gemeinde hat vor zehn Jahren eine Gedenktafel am jüdischen Teil des Friedhofs aufgestellt, wo viele der Zwangsarbeiter begraben wurden. „Jedes Jahr an Allerheiligen wird ein Kranz niedergelegt, um den Verstorbenen zu gedenken“, sagt Bürgermeister Walter Kahrer zur NÖN.

Ein Gedenkstein am Johann Löchinger-Platz erinnert seit den 1970er-Jahren auch in Lichtenwörth an die Opfer der NS-Zwangsarbeit: Rund 2.500 ungarische Juden – vor allem Frauen – wurden Ende 1944 in den Werkshallen der damaligen Firmen Rothmüller-Mewa und Römert & Co. einquartiert. „Sie haben auf dem Boden geschlafen, es waren katastrophale Zustände“, so Robert Bachtrögl, Leiter des Nadelburg-Museums, zur NÖN. 300 der Insassen des Anhaltelagers starben an Unterernährung und Typhus.
NS-Gedenken: „Nie ich? Nie hier? Nie jetzt?“
 

josef

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#32
Dazu ein NÖN-Bericht über einige in der Liste des Bundesdenkmalamtes aufgenommene Lager im Bezirk Neunkirchen:

MENSCHENLAGER
Horror des II. Weltkriegs auch im Bezirk Neunkirchen
2.100 ehemalige Lager aus der NS-Zeit stehen nun unter Denkmalschutz. Auch im Bezirk Neunkirchen gab es einige davon.
NÖN-Neunkirchen, von Thomas Wohlmuth. Erstellt am 23. Juni 2021


Ein Plan des Zwangsarbeiterlagers in Raglitz. Daneben der Plan der Baracken (rechts), in denen auf rund 50 m² 20 Menschen untergebracht waren. Die Lebensverhältnisse waren katastrophal.
Stadtarchiv Neunkirchen
Erst kürzlich wurden die zahlreichen NS-Lager, Zwangsarbeitslager, Kriegsgefangenenlager und Konzentrationslager-Außenstellen aus dem Zweiten Weltkrieg in ganz Österreich vom Bundesdenkmalamt unter Denkmalschutz gestellt. Auch im Bezirk gab es einige davon. Doch was geschah dort und wie sehen diese Orte heute aus? Die NÖN auf Spurensuche!

Kirchberg
Das Umerziehungslager „Gut Hammerhof“ befand sich in Molzegg, der älteren Bevölkerung ist das noch bekannt. Vermutlich waren dort Frauen und Mädchen untergebracht. Umerziehungslager dienten vorgeblich dem Zweck, auswanderungswillige Juden für die Arbeit in Palästina auszubilden, in Wahrheit wurden sie dort aber wie in den anderen Lagern ausgebeutet und gequält.

Neunkirchen
Hier gab es laut Stadtarchivar Benedikt Wallner mindestens vier, teilweise sehr kleine, Zwangsarbeiterlager. In der Schöllerstraße – dort, wo heute die Mittelschulen sind – befand sich ein Lager für Kriegsgefangene, primär für welche, die an der Ostfront in Gefangenschaft geraten waren. Die Gefangenen wurden für diverse Bauvorhaben im Stadtgebiet eingesetzt.

In der Endphase des Kriegs wurden ab Sommer 1944 hunderttausende ungarische Juden als Arbeitssklaven in das Deutsche Reich verschleppt. Rene Harather berichtet in seinem im Vorjahr erschienenen Neunkirchen-Buch den Historiker Gerhard Milchram zitierend über zwei derartige Transporte, die im Juli 1944 in Neunkirchen eintrafen.

81 Zwangsarbeiter wurden in der bereits 1938 verwüsteten Synagoge in der Rohrbacherstraße untergebracht, 45 wurden in einen Schuppen in der Daneggerstraße 4 gesperrt und für 15 Personen wurde ein Quartier in der damaligen Eltzfabrik, heute Autohaus Orthuber, geschaffen. Diese Zwangsarbeiter waren zu einem Gutteil entweder alte Menschen (24 Prozent der Deportierten) oder Jugendliche unter 15 Jahren (29 Prozent). Eingesetzt wurden diese Zwangsarbeiter bei der Baufirma Rella&Neffe, in der B&U-Schraubenfabrik, der Eltzfabrik oder der Pamfabrik, die auf Rüstungsproduktion umgestellt hatten.

Am jüdischen Friedhof in Neunkirchen sind mindestens acht hierorts verstorbene Zwangsarbeiter beerdigt worden, darunter Peter Kun, der Vater von Andreas Kun, einem jüdischen Arzt, der sich aufopfernd um die Zwangsarbeiter kümmerte.

Ternitz
In der Stadtgemeinde gab es drei große Zwangsarbeiter-Lager, da das Stahlwerk ein bedeutender Rüstungsbetrieb war. Das sogenannte „Rohrbach-Lager“ befand sich außerhalb von Rohrbach nahe dem dortigen Steinbruch und der heutigen Bahnunterführung. In dem aus mehreren Teilen bestehenden Lager waren bei Kriegsende etwa 1.500 Menschen untergebracht, von denen viele, vor allem Frauen, bei Semperit und in der Rohrbacher Spinnerei arbeiten mussten.

Das „Schneeberg-Lager“ befand sich unmittelbar neben dem Stahlwerk, es bestand aus acht Baracken. Erwähnenswert ist, dass der französische Zwangsarbeiter Francis Jeanno in diesem Lager untergebracht war. Jeanno verfasste ein Tagebuch über das Ende des Lagers in Ternitz und seine Rückkehr nach Frankreich 1945, welches vor einigen Jahren von Christoph Haberl publiziert wurde.
Das „Semmering-Lager“ in Blindendorf war das größte Lager in Ternitz, heute ist dieses Areal von Siedlungshäusern überbaut. Bei Kriegsende dürften dort mindestens 2.000 Zwangsarbeiter in etwa 40 Baracken untergebracht worden sein, diese waren primär bei Schoeller-Bleckmann und in der Semperit-Gummifabrik beschäftigt. Von dem Lager steht noch eine Baracke, die nach einem Umbau heute dem Pensionistenverband als Klublokal dient.

Auch in Raglitz gab es ein Zwangsarbeiterlager in der Nähe des Steinbruchs und der heutigen Firma Weinzettel. Bernhard Pichler vom Dorfmuseum Raglitz berichtet, dass das Lager von 1939 bis 1945 durchgehend bestand, es gab sechs oder sieben Baracken und er schätzt, dass 350 bis 400 Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern dort untergebracht waren. Eingesetzt wurden diese bei allen Rüstungsbetrieben der Region bis hin zur Flugzeug- und Lokomotivfabrik in Wiener Neustadt.

Wimpassing
Der Historiker Rene Harather berichtet in seinem Wimpassing-Buch über ein Barackenlager für die Zwangsarbeiter des Semperit-Werks auf der damaligen „Zierhoferwiese“ nahe der Schwarza. Auf diesem Gelände befinden sich heute Bauhof und Sportplatz. Weiters waren Franzosen im Gasthaus Hanslwirt in St. Valentin untergebracht.

Gloggnitz
Über das Zwangsarbeiterlager in Gloggnitz gibt es laut Historiker Friedrich Brettner keine Aufzeichnungen, es soll sich um lediglich eine Baracke gehandelt haben, welche als Außenlager des KZ Mauthausen geführt wurde und somit der SS unterstand. Gearbeitet haben die Häftlinge in einer Außenstelle der Wiener Neustädter Flugzeugfabrik am Standort des heutigen Lagerhauses in der Nähe des Bahnhofs.
Brettner hat auch schon von einem Lager auf der Bodenwiese gehört, dieses soll auch der SS unterstanden haben, war aber kein Außenlager eines Konzentrationslagers. Die Zwangsarbeiter haben dort Holzkohle hergestellt, mehr kann auch er nicht dazu berichten.

Schottwien
Brettner berichtet auch von zwei Kriegsgefangenenlagern in Schottwien, wovon sich eines unmittelbar am Beginn der Adlitzgräben in einem Stadel befunden hat. Die Kriegsgefangenen arbeiteten in umliegenden Betrieben wie der nahen Lederfabrik Hirsch oder in der Landwirtschaft. Das zweite Lager war in Göstritz.
Horror des II. Weltkriegs auch im Bezirk Neunkirchen
 

josef

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#33
Dazu ein NÖN-Bericht über einige Gedenktafeln und Mahnmale im Bezirk Tulln:

BEZIRK TULLN
Lernen aus Geschichte
Gedenktafeln und Mahnmale verweisen auf dunkle Vergangenheit im Bezirk Tulln.
NÖN-Tulln, von Doris Firmkranz. Erstellt am 23. Juni 2021


Historikerin Ingrid Oberndorfer mit dem Gedenkstein, den sie für Maria Grausenburger, die eine jüdische Familie vor dem sicheren Tod bewahrte, aufstellen ließ. Zwei der fünf Kreise stehen für Maria Grausenburger und die Mutter der vierköpfigen Familie, drei kleinere für deren drei Kinder.
Foto Rapp
Mauthausen ist fast jedem ein Begriff. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass es eine Vielzahl an Außenstellen gab, die weit übers ganze Land verteilt errichtet worden waren. Das Bundesdenkmalamt ist dabei, eine Liste aller NS-Orte in ganz Österreich zu erstellen. Darin sollen Zwangsarbeiterlager, KZ-Außenstellen und Kriegsgefangenenlager erfasst werden, um sie nicht der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Christoph Helfer hat sich intensiv mit den Ereignissen dieser Zeit auseinandergesetzt und gründlich recherchiert.

Hier ein Überblick auf Gedenkstätten und Mahnmale im Bezirk (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
Atzenbrugg-Heiligeneich
: Massengrab, laut Inschrift 33 Ausländer, die während des Weltkrieges 1939-1945 im Bereich des Werkes Moosbierbaum ums Leben kamen. Zudem befindet sich neben dem Friedhof ein Gedenkstein für die Opfer der österreichischen Widerstandsbewegung.

Erpersdorf: Benennung einer Verkehrsfläche in „Lise Meitner-Gasse“ nach einer jüdischen Wissenschaftlerin, die vor dem Nazi-Regime nach Schweden flüchtete.

Grafenwörth : Denkmal im Vorraum des Veranstaltungszentrums im Gedenken an Maria Grausenburger, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens einer vierköpfigen jüdischen Familie auf dem Todesmarsch ins KZ Unterschlupf gewährte und sie somit vor dem sicheren Tod bewahrte.

Großweikersdorf: Gedenktafel in der Kirche für Heinrich Maier, einem „Priester im Widerstand“ und die Benennung einer Verkehrsfläche in „DDr. Heinrich Maier-Straße“ sowie ein Gedenkstein am Friedhof, gewidmet „den Holocaustopfern der Gemeinde Familie Hahn“.

Königstetten: Denkmal für „Gefallene, Vermisste und Heimatopfer, 1995 wurde Regine Fröschl, die als Betroffene der Nürnberger („Rassen“-)Gesetze ins Ghetto Riga deportiert worden war, hinzugefügt.

Reidling: Gedenkstein neben der Kirche „Zum ehrenden Gedenken der im KZ Mauthausen am 27. 4. 1945 ermordeten Patrioten Volksschuldirektor Anton Öllerer, Wilhelm Breuer, Karl Kobanitsch.

Rust im Tullnerfeld: Gemeinschaftsgrab am Friedhof, die Inschrift lautet: Kriegsgrab 1939-1945. 23 Namen sind angeführt, darunter auch jene von 15 sowjetischen und griechischen Zwangsarbeiter (Männer, Frauen und Kinder), die im November 1944 durch einen Luftangriff ums Leben kamen.

Zwentendorf: Mahnmal „Zur Ehrung der Opfer des Faschismus“ am Gelände der Donauchemie Moosbierbaum wurde nach Schließung der Raffinerie im Zuge der Errichtung des Kraftwerkes Dürnrohr abgetragen. Heute befindet sich auf dem Soldatenfriedhof des Ersten Weltkrieges („Rumänenfriedhof“) ein neuer Gedenkstein, Inschrift: „Ehre den Opfern des Faschismus. Diese Helden wurden im Kampfe für die Freiheit der Völker im Jahre 1945 im Vernichtungslager Mauthausen ermordet“, einschließlich 47 Namen der Opfer.

Tulln: Der jüdische Friedhof wurde nach seiner Zerstörung während der NS-Zeit 1992 als Gedenkstätte neu errichtet und wird von der Stadtgemeinde gepflegt. Benennung einer Verkehrsfläche in „Ferdinand Goldmann-Straße“. Goldmann war von 1927 bis 1938 Bürgermeister von Tulln und wurde mit seinen beiden Söhnen aus politischen Gründen einige Tage in Haft genommen.

Doch nicht immer kamen die Betroffenen so glimpflich davon. Viele Schicksale endeten in der Gaskammer oder zumindest in Zwangsarbeit.
Die auf jüdische Geschichte spezialisierte Historikerin Ingrid Oberndorfer ortet eine gewisse Angst vor der Vergangenheitsbewältigung. „Kommt das Thema Nationalsozialismus zur Sprache, zeigt sich eine Mehrheit unangenehm berührt, offensichtlich auch aufgrund eines schlechten Gewissens. Aber auch Uninformiertheit spielt hier eine ganz große Rolle. Man lernt nicht aus der Geschichte, leider. Und wundert sich dann, warum es heutzutage Antisemitismus gibt“, so Oberndorfer .
Eigene Anmerkung: Die Auflistung betrifft, wie oben angeführt, nur Gedenkstätten und Mahnmale, aber keine direkten Hinweise auf Lagerstandorte!
Lernen aus Geschichte
 

josef

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#34
Barackenlager in Göstling an der Ybbs - Massaker an ungarischen Juden

Anlässlich einer Tour durch die "Eisenwurzen" besuchte ich auch den ehemaligen Standort des hier im Beitrag #17 beschriebenen Lagers Göstling:

Das kleine Barackenlager befand sich auf einer heutigen Wiese zwischen Gasthaus und Sägewerk Gusel. An das schreckliche von SS-Männern angerichtete Massaker vom 13. April 1945, bei dem 76 ungarische Juden ermordet wurden, erinnert ein Gedenkstein. Die Schrift der am Stein angebrachten Tafel ist fast nicht mehr lesbar und es wäre eine Auffrischung der Farbe dringend notwendig...

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Der Gedenkstein links neben einer kleinen Kapelle. Auf der heutigen Wiese befand sich das Lager...

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Links: Der Gedenkstein mit der fast unleserlichen Schrifttafel. Rechts: Die Inschrift auf der Tafel.

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Nochmals das ehemalige Lagergelände, rechts das Gasthaus und links außerhalb des Bildes das Sägewerk.
(Fotos vom 12.07.2021)

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Die Lage des ehemaligen Lagers in Göstling an der Ybbs

Noch ein Link zu einem Beitrag aus 2011: Göstling a.d. Ybbs - Lager f. ungarische Juden
 
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