Globaler Bergbau von für die Wirtschaft wichtigen Mineralien erfordert weltweite Materialflüsse

josef

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#1
ROHSTOFFTRANSPORTE
Wie globale Materialflüsse lokal Spuren hinterlassen
Täglich nutzen wir in technischen Geräten Metalle, die vom anderen Ende der Welt kommen. Der Abbau, häufig unweit von Naturschutzgebieten, belastet nicht nur die Umwelt

In den trockenen Regionen Chiles, wo weltweit das meiste Kupfer abgebaut wird, sorgt die Zufuhr der notwendigen Wassermengen aus den Anden für lokale Konflikte.
Foto: AFP

Unser Konsum hat weltweit Konsequenzen für Menschen und Umwelt – was vor allem an der Globalisierung von Produktions- und Handelswegen liegt. Besonders problematisch ist der Abbau metallischer Rohstoffe, die in vielen technischen Geräten verbaut werden. Beispielsweise führt die Montanwirtschaft in Indonesien zur zunehmenden Entwaldung des Inselstaats und gefährdet höchst sensible Ökosysteme. 2019 fand die Hälfte des globalen Bergbaus metallischer Rohstoffe in einem Abstand von weniger als 20 Kilometern zum nächstgelegenen Naturschutzgebiet statt.

Diese räumliche Nähe hat Nachteile: Der Abbau und die Aufbereitung der Rohstoffe sind in der Regel mit großem Flächenverbrauch und hoher Luft- und Wasserverschmutzung verbunden. Acht Prozent, und damit fast 500.000 Tonnen Metalle, wurden gar innerhalb von Naturschutzgebieten gefördert. Zu diesen Schlüssen kam ein Forschungsteam um Stefan Giljum, der an der Wirtschaftsuniversität Wien das Projekt "Fineprint" leitet. Seit nunmehr 15 Jahren zeichnet die Gruppe globale Materialflüsse und ihre ökologischen Auswirkungen in allen Abschnitten der Lieferkette nach.

Giljum kennt daher auch die besonderen Sorgenkinder der Branche. Ein extremes Beispiel sei etwa Nickel. Es wird in vielen Legierungen verwendet und zu rund 50 Prozent in einem Radius von nur fünf Kilometern von Naturschutzgebieten, insbesondere in Indonesien, gefördert. "Unsere Analysen machen deutlich, dass bestehende Schutzbestimmungen in vielen Abbauländern des Globalen Südens nicht oder nicht stark genug eingehalten werden", gibt er Einblick in seine detektivisch anmutende Forschung.

Minen unter der Lupe
Mit "Fineprint" wollen die Forschenden aktuell klaffende Wissens- und Datenlücken schließen. Derzeitige Modelle zur Rückverfolgung von Rohstoffen sind häufig auf die nationale oder sektorale Ebene beschränkt und blenden damit lokalspezifische Umweltfolgen aus.

Aus nationalen Statistiken wisse man, wie viel Kupfer in ganz Chile abgebaut wird. "Die Informationen dazu, in welcher Region eine Mine genau liegt oder welche Fläche sie tatsächlich einnimmt, sind hingegen viel spärlicher", sagt Giljum. Dieses Wissen braucht es jedoch, um die unterschiedlichen Umweltfolgen und die lokalen Auswirkungen globaler Rohstoffgewinnung besser zu verstehen. In großen Ressourcenabbauländern wie Brasilien können ökologische Bedingungen stark variieren. Bei den Auswirkungen auf die Biodiversität macht es einen großen Unterschied, ob Sojaanbau im kürzlich gerodeten, tropischen Regenwald im Amazonasbecken stattfindet oder im Süden Brasiliens, wo seit 300 Jahren Landwirtschaft betrieben wird.

Konflikte um Wasser
In Chile wiederum, dem größten Abbau- und Exportland von Kupfer, erfolgt ein Großteil des Abbaus in sehr trockenen Regionen wie der Atacamawüste. Die Anreicherung von Kupfer erfordert große Wassermengen, die oft aus den Anden zugeliefert werden, was zu Konflikten mit der lokalen Bevölkerung führt.

"All diese Auswirkungen lassen sich nur adäquat analysieren, wenn wir nicht auf der aggregierten nationalen Ebene arbeiten, sondern in die jeweiligen Länder zoomen und die regionalen Gegebenheiten berücksichtigen können", sagt Giljum.

Um zu solchen Einsichten zu kommen, arbeiten die Wissenschafter unter anderem mit globalen Datenquellen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Uno und Satellitendaten der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Diese auszuwerten sei zwar aufwendig, reduziere aber die Unsicherheiten, die sich in der Analyse der enorm komplexen Lieferketten von Bergbauprodukten und den daraus fabrizierten Gütern häufig zeigen. So stecken in einem Handy bis zu 15 verschiedene Metalle aus unterschiedlichen Herkunftsnationen, die meist in asiatischen Ländern weiterverarbeitet werden. Hier den Überblick zu behalten sei bislang nahezu unmöglich, was es für Konsumenten und Politik schwierig macht, informationsbasierte Entscheidungen zu treffen.

Wandel durch Transparenz
Die vorherrschende Intransparenz ist oft nicht ganz ungewollt, erleichtert sie Großkonzernen doch, Verantwortung von sich zu weisen. Dennoch bemerkt Giljum auch seitens der Montanwirtschaft ein Umdenken. Im Bergbau gebe es zunehmend Zusammenschlüsse von Unternehmen wie das International Council on Metals and Mining. Sie feilen an freiwilligen Maßnahmenkatalogen, um etwa Wasserressourcen zu schonen oder die Artenvielfalt zu sichern. "Selbst große Unternehmen spüren, dass es einen Trend zur Nachhaltigkeit gibt, dem sie sich nicht entziehen können", sagt der Projektleiter.

Positiv sieht er die am 1. Jänner in Kraft getretene EU-Verordnung zu Konfliktmineralien, die Gold, Wolfram, Tantal und Zinn umfasst. Importeure und verarbeitende Unternehmen haben dadurch eine Nachweispflicht über den Ursprung der Rohstoffe. Relevant ist das in afrikanischen Abbaugebieten, wo Gewinne aus illegalen Exporten mitunter bewaffnete Konflikte finanzieren.

Globale Spielregeln ändern
Der rechtliche Vorstoß könnte eine Wende hin zu mehr Transparenz markieren. Experten halten es für möglich, dass große Rohstoffbörsen wie die London Metal Exchange künftig auf diesen Zug aufspringen und nur mehr Unternehmen einbeziehen, die transparente Liefer- und Handelsketten nachweisen können. Durch diese Entwicklung können sich auch weiterverarbeitende Betriebe nicht mehr vor der Frage drücken, woher die Rohstoffe ursprünglich stammen. "Das ist eine wichtige Voraussetzung für die Etablierung und Einhaltung von Standards im ökologischen und sozialen Bereich", sagt Giljum.

Als wichtigste Stellschraube sieht er die Änderung gesellschaftlich-politischer Rahmenbedingungen und Spielregeln auf globaler Ebene. Nicht zuletzt gehe es aber auch um eine Reflexion des immer noch dominierenden Wachstumsparadigmas, denn Wirtschaftswachstum habe bislang immer zu mehr Ressourcenverbrauch geführt: "Letztendlich muss sich auch jede und jeder Einzelne die Frage stellen, wie viel Konsum für ein gutes, glückliches Leben notwendig ist."
(Marlene Erhart, 14.7.2021)

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#2
HOHE ROHSTOFFPREISE
„Zombieminen“ sollen wiederbelebt werden
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Angesichts der hohen Rohstoffpreise sollen bereits stillgelegte Minen, „Zombieminen“ genannt, von Europa über Australien bis nach Südafrika wiederbelebt werden. Auch dank neuer Technologien hoffen die Bergbaukonzerne auf Gewinne in den alten Stollen.
Online seit heute, 6.33 Uhr
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Die „Zombieminen“ wurden aus den unterschiedlichsten Gründen geschlossen – von Preisverfall über Konkurs bis zu politisch bedingten Sperrung reicht die Palette, wie der Finanzdienst Bloomberg schreibt. Die laufende Erholung der durch die CoV-Pandemie angeschlagenen Weltwirtschaft mit den USA und dem rohstoffhungrigen China an vorderster Front schlägt sich infolge der erhöhten Nachfrage auch auf die Preise nieder.

Teils stünden die Bergbaufirmen auch durch notwendige Investitionen in ihre Infrastruktur, etwa durch die Umstellung auf saubere Energie, unter Zugzwang, wie Bloomberg weiter schreibt. Die Wiedereröffnung alter Minen scheint da gerade recht. So soll etwa die Silbermine Vares in Bosnien-Herzegowina wieder geöffnet werden. Die Mine war in den 1990er Jahren im Zuge des Bürgerkriegs durch den Zerfall Jugoslawiens geschlossen worden, wie Bloomberg schreibt.

AP/CTK/Lubos Pavlicek
Ein Blick in das Innere einer modernen Mine

Investorenanfragen an Platinmine
Die Mine im Besitz von Adriatic Metals mit Sitz in London könnte bereits Ende 2022 wieder in Betrieb gehen, wie der Chef von Adriatic Metals, Paul Cronin, zu Bloomberg sagte. So habe das Vares-Projekt Zufahrtsstraßen und einen Bahnanschluss, auch die Stromleitungen funktionierten noch. Der Preis für Silber stieg im letzten Jahr um rund 40 Prozent. Das Edelmetall ist derzeit stark gefragt, es wird etwa für Solarpanele und Akkus für Elektroautos verwendet. Adriatic Metals ist auch an einem Zinkprojekt in Serbien beteiligt.

In Südafrika gibt es ebenfalls Erwägungen, Minen wieder zu reaktivieren: Der nach dem Wert größte Platinpoduzent Anglo American Platinum Ltd. wurde bereits von mindestens vier Investorengruppen auf den Verkauf der Bokoni-Mine in Südafrika angesprochen, wie Bloomberg schreibt. Platin ist sehr selten und wird jährlich in nur geringen Mengen gewonnen. Es wird etwa in der Produktion von Fahrzeugkatalysatoren eingesetzt.

Auch Australien rüstet sich
Auch in einem der größten Bergbauländer der Welt, in Australien, will man alte Minen wieder öffnen. So schlossen die beiden Rohstoffriesen Panoramic Resources und Mincor Resources 2016 ihre Nickelminen wegen zu niedriger Weltmarktpreise. Die Minen wurden allerdings in der Zwischenzeit nicht dem Verfall preisgegeben, sondern gepflegt und gewartet, wie Bloomberg schreibt. Eine rasches Aufsperren sollte unter diesen Bedingungen kein Problem sein. Auch die Honeymoon-Uranmine – sie wurde wegen des ebenfalls gesunkenen Uranpreises 2014 geschlossen – könnte innerhalb von zwölf Monaten wieder aufsperren, wie das Unternehmen Boss Energy mit Verweis auf eine auf unterschiedlichen Weltmarktpreisen basierende Machbarkeitsstudie mitteilte.

AP/CTK/Lubos Pavlicek
Eine offene Uranmine in Niger

Im Vergleich kostensparend
Die Vorteile seien auch bei seit Jahrzehnten stillgelegten Bergbaustätten nicht von der Hand zu weisen, so Cronin weiter. So gebe es oft noch eine fertige und funktionierende Infrastruktur. Diese gelte es nur zu erneuern, und das sei im Vergleich zum Aufbau neuer Infrastruktur kostensparend. Auch neue Technologie könne dabei helfen, dass die geschlossenen Stollen wieder Gewinn abwürfen, so Cronin zu Bloomberg weiter, ohne genauer auf die neuen Techniken einzugehen.

Das Anziehen der Preise habe die Betreiber dazu veranlasst, ihre alten Minen nochmals nach möglichen wirtschaftlichen Aussichten zu durchforsten, so auch Gavin Wendt, Gründer des Bergbauberatungsunternehmens MineLife. Bisher seien hauptsächlich kleinere Minen wieder aufgesperrt worden, so Wendt, da sei es aber unwahrscheinlich, dass das Auswirkungen auf die Märkte – sprich auf die Preise – habe. Das Risiko, eine kleine Mine wieder zu öffnen, sei auch viel geringer, als eine große wieder zu eröffnen.

Wie lange bleiben die Preise hoch?
Bei den geschlossenen Minen seien viele am oberen Rand der Kosten gewesen, deshalb seien sie auch geschlossen worden, so Wendt. Das zeige auch die Anfälligkeit für die schwankenden Preise. Wenn die Infrastruktur noch in Takt sei, sei das Wiederaufsperren eine Strategie mit einem relativ geringen Risiko – im Vergleich zur Erschließung neuer Ressourcen, so Wendt.

Fraglich ist allerdings, wie lange sich das hohe Niveau bei den nun sehr nachgefragten Metallen hält. So stemmt sich die chinesische Regierung gegen eine drohende stärkere Inflation im Sog des Rohstoffpreisbooms der vergangenen Monate und hat im Juni Verkäufe staatlicher Kupfer-, Zink- und Aluminiumbestände an Metallproduzenten angekündigt.

Adriatic-Metals-Chef Cronin sieht indes offenbar auch einen Umweltschutzfaktor. Einige der alten Bergbaustätten weltweit seien einfach verlassen worden und daher ein großes Problem. „Sie schaffen potenzielle Umweltprobleme, die gelöst werden müssen“, so Cronin. Wenn man es hinbekomme, die „Zombieminen“ in etwas zu verwandeln, das die Umweltproblme löse und damit auch einen neuen Wert schaffe, würden auch die Aktionäre und Aktionärinnen mitziehen, wenn das Vorgehen auch Gewinn abwerfe, so Cronin.
18.07.2021, baue, ORF.at

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Hohe Rohstoffpreise: „Zombieminen“ sollen wiederbelebt werden
 

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#3
MANGANKNOLLEN
Tiefseebergbau: Der ungehobene Schatz am Meeresgrund
Die Automobil- und Elektronikbranche schielt auf Millionen an wertvollen Metallen am Meeresgrund. Doch die Ausbeutung könnte unbekannte Ökosysteme zerstören
Zugegeben, wie ein Schatz sehen Manganknollen auf den ersten Blick nicht aus. Fein mit Sand überzogen, nur wenige Zentimeter groß, liegen sie auf dem Meeresboden. Ihr Wert kommt zum Vorschein, wenn man sie zersägt: Dann zeigen sich Strukturen, die an die Jahresringe eines Baumes erinnern. Zu rund einem Drittel aus Mangan und einem Fünftel aus Eisen bestehen die grauen Knollen, dazu etwas Kupfer, Titan, Nickel und Kobalt. Über Jahrmillionen haben sich die zuvor im Meerwasser gelösten Metalle um einen Keim, etwa einen Muschelsplitter, abgelagert.
Weil die Metalle begehrt sind, wollen vor allem die Automobil- und die Elektronikindustrie die Manganknollen massenweise aus der Tiefsee holen. Das zerstöre unbekannte Lebensräume und könnte fatale Folgen haben, kritisieren NGOs und Forschende. Nur mit ihnen gelinge der Umstieg auf Elektromobilität, propagieren Bergbauunternehmen.


Der Abbauroboter Patania II soll demonstrieren, wie Tiefseebergbau bald im großen Maßstab funktionieren könnte.
Foto: Reuters/GSR/Johan Roggeman

Manganknollen liegen in mehreren Tausend Metern Tiefe vor der peruanischen Küste, unweit der Cookinseln im Indischen Ozean. Die reichsten Vorkommen birgt die sogenannte Clarion-Clipperton-Zone, die sich von Hawaii bis an die mexikanische Westküste erstreckt. Bis zu 21 Milliarden Tonnen Knollen vermutet man hier. In ihnen könnten über fünf Milliarden Tonnen Mangan stecken – zehnmal mehr als an der Erdoberfläche. Dazu kommen 274 Millionen Tonnen Kupfer und 44 Millionen Tonnen Kobalt.


Metalle für Autos und Handys
Diese Metalle braucht man für die Herstellung von Akkukathoden, wie sie in Smartphones oder Elektroautos verbaut sind. 56 Kilogramm Nickel, 85 Kilogramm Kupfer und sieben Kilogramm Mangan stecken in der Batterie eines durchschnittlichen E-Autos. Zwar wollen Hersteller den Kobaltanteil in ihren Batterien senken, schon allein aus Kostengründen. Dennoch werden Nickel und Kobalt immer begehrter. Bis 2050 könnte die Autoindustrie rund 800.000 Tonnen Kobalt benötigen, mehr als siebenmal so viel wie derzeit an Land gefördert wird. Die unscheinbaren Knollen in der Tiefsee sind für Bergbauunternehmen deshalb wahre Schätze.

Das Schicksal der Tiefsee entscheidet sich in Kingston, Jamaika. Dort sitzt die International Seabed Authority (ISA), eine internationale Organisation mit 168 Mitgliedern. Sie soll den Tiefseebergbau verwalten, etwa Lizenzen vergeben.

Doch die ISA soll die Vorkommen eigentlich auch schützen. "Die Ressourcen sollen für nachfolgende Generationen noch zur Verfügung stehen. Die ISA soll auch überwachen, ob der Abbau nachhaltig ist", erklärt Alice Vadrot, Poltikwissenschafterin und Expertin für internationalen Meeresschutz. Die Organisation steht jedoch in der Kritik, den Schutz hintanzustellen und eher die Interessen der Industrie zu vertreten.

Enorme Eingriffe
Denn nach Seerechtskonvention sind die Knollen ein gemeinsames Erbe der Menschheit. In der Clarion-Clipperton-Zone sind 1,4 Millionen Quadratkilometer Meeresgrund geschützt, fast doppelt so viel sind zur Exploration freigegeben.
Um sie erkunden und in Zukunft ausbeuten zu können, braucht ein Unternehmen den Segen eines Mitgliedsstaats. 19 Staaten haben einen solchen bereits erteilt, darunter Deutschland, Frankreich, Russland und China. Auch Nauru, ein pazifischer 10.000-Einwohner-Inselstaat, hält eine Erkundungslizenz in Kooperation mit dem kanadischen Bergbauunternehmen TMC.

Bergbauunternehmen propagieren Tiefseebergbau als weniger umweltschädlich als den Abbau in Minen. TMC sagt sogar, dass nur durch ihn der Wechsel zum dekarbonisierten Verkehr zu schaffen wäre. Liegt die Lösung für den Umstieg auf grüne Mobilität also in der Tiefsee?
Forschungen zeigen, dass das wohl zu kurz gedacht ist. Denn Tiefseebergbau wird Lebensräume zerstören, über die wir weniger wissen als über die Oberfläche des Mondes. Eine Studie fand etwa vielfältige Lebensgemeinschaften, in denen die Manganknollen eine wichtige Rolle spielen. Ohne sie könnten Spezies aussterben. Der Lebensraum kaum erforschter Arten wie der Schuppenfußschnecke und des Dumbo-Oktopus würden zerstört. Denn der Eingriff durch den Abbau ist enorm.


Das Geld liegt nicht auf der Straße, sondern am Meeresgrund: In den unscheinbaren Manganknollen verbergen sich wertvolle Metalle.
Foto: Reuters/GSR

Mähdrescher am Meeresgrund
Mit "Mähdreschern, die über den Acker fahren" vergleicht Gerhard Herndl, Professor am Department für funktionelle und evolutionäre Ökologie der Universität Wien, die riesigen Kollektoren, mit denen die Knollen geerntet würden. Mähdrescher, die laut WWF so groß wie Einfamilienhäuser werden können.

Sie raspeln Seegurken und Korallen ab, zerstören die Bodenfauna, wirbeln Sediment auf. Mit fatalen Folgen: "Tiefseebergbau wäre ein Desaster für das örtliche Ökosystem. Tiefseeorganismen filtern durch ihren Kiemendarm die Nahrung aus dem Wasser. Wird dieser mit Schlamm verstopft, ist das desaströs", sagt Herndl. Das führe in weiterer Folge zum Verlust von Biodiversität am Meeresgrund. Dazu kommt Lärm, der auch Delfinen oder Walen zusetzen würde. Und: Tiefseebergbau kann toxische Elemente freisetzen, wie Ergebnisse des internationalen Forschungsprogramms Midas zeigen. Meeresfrüchte könnten kontaminiert werden, Abwässer der Schiffe durch den Ozean ziehen. Forscher und NGOs, aber auch einige große Unternehmen wie Google oder BMW, rufen deshalb immer wieder nach Moratorien.

Die Bergbauunternehmen stehen hingegen bereits in den Startlöchern. Vergangenes Frühjahr raspelte ein Kollektor des belgischen Bergbauunternehmens Global Sea Mineral Collectors erfolgreich Manganknollen aus 4,5 Kilometern Tiefe. In Amsterdam wird gerade ein ehemaliges Bohrschiff zum ersten Tiefseebergbauschiff der Welt umgerüstet. Sein Besitzer, die TMC, macht jetzt Druck.


Umweltschützende kritisieren Tiefsee-Bergbau scharf, wie hier im Mai 2021 beim Test von Patania II.
Foto: Greenpeace/Marten van Dijl

Das winzige Nauru, hinter dem das Unternehmen steht, sorgte im vergangenen Juni für Aufregung. "Der Inselstaat hat eine Zweijahresklausel geltend gemacht. Nun muss die ISA bis Juni 2023 einen Mining-Kodex verabschieden", erklärt Politikwissenschafterin Vadrot. Darin schreibt die "juristische und technische Kommission" fest, wie man die Tiefsee in "umweltbewusster Weise" ausbeuten will.

Den Kodex muss die Versammlung der 168 ISA-Mitgliedsstaaten im Konsens abstimmen. In dem Entwurf, in den die Autorin Einsicht nahm, sind wichtige Begriffe wie "damage to the marine environment" noch nicht definiert. Ob die Ausbeutung 2023 beginnt, ist also noch offen. Die ISA könnte sich auf höhere Gewalt berufen. Das Argument: Wegen der Pandemie konnte man sich kaum treffen und den Kodex nicht rechtzeitig fertigstellen.

Verursacher sollen zahlen
Bevor die Ausbeutung beginnt, sollten Staaten zudem eine Umweltverträglichkeitsprüfung einreichen. Daran gibt es allerdings Kritik – auch von Politikwissenschafterin Vadrot: "Selbst wenn sie in der Lage sind, diese durchzuführen, hat die ISA keinen Mechanismus, um Ergebnisse zu bewerten. Der Großteil der Forschung in der Clarion-Clipperton Zone wird von der Tiefseebergbauindustrie finanziert." Eine weitere Frage ist, was passiert, wenn Ökosysteme schwer beschädigt werden. Im Entwurf des Kodex steht aktuell noch ein "Polluter pays"-Prinzip. Nach diesem sollen Vertragseigentümer "Ausgleichsmaßnahmen" setzen müssen. Doch wie stellt man einen Lebensraum wieder her? Vor allem einen, über den man kaum etwas weiß?

Auch wenn man noch nicht genau weiß, wann – die Manganknollen werden geschürft werden. Schließlich steckten Unternehmen und Staaten schon Unmengen Geld in ihre Erkundung.

Die Tiefseeökosysteme werden sich wohl lange nicht davon erholen. Das zeigt ein Experiment aus dem Jahr 1989. Damals simulierten Forscher im Perubecken die Entnahme von Manganknollen mit einer Pflug-Egge. Nach 26 Jahren war die Diversität und Zusammensetzung der Spezies noch immer gestört, der Boden tief zerfurcht. Dazu kommt, dass in der Tiefsee etwa gleich viel Kohlenstoff gespeichert ist wie in der Atmosphäre. Welche Folgen es für unser Leben auf dem Festland haben wird, wenn der Tiefseeboden umgegraben wird? Das bleibt ein weiterer dunkler Fleck in der unbekannten Welt auf dem Meeresboden.
(Laura Anninger, 21.2.2022)
 

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#4
MEER UND TIEFSEEBERGBAU
Meeresforscher Haeckel: "Wir finden bei jeder Forschungsfahrt 100 neue Arten"
Am Meeresboden lagert mit Manganknollen ein Schatz begehrter Metalle. Ihr Abbau könnte gravierende Folgen für Ökosysteme bringen, sagt Matthias Haeckel

Manganknollen bestehen vorwiegend aus Eisen- und Manganverbindungen, daneben enthalten sie Kupfer, Nickel, Kobalt und Metalle der seltenen Erden. Unzählige der begehrten Knollen lagern am Meeresgrund, wo sie künftig geborgen werden sollen.
Foto: Reuters / Christ Helgren

Bergbauunternehmen wollen bald Manganknollen in der Tiefsee schürfen. In ihnen stecken wertvolle Metalle, die etwa für die Herstellung von Akkus verwendet werden.

Was der Tiefseebergbau für das dortige Ökosystem bedeutet, erforscht Matthias Haeckel vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Er koordiniert mit Mining Impact das weltweit größte unabhängige Forschungsprojekt zu den ökologischen Folgen des Tiefseebergbaus.

STANDARD: Was ist über den Lebensraum in der pazifischen Clarion-Clipperton-Zone, in der Manganknollen abgebaut werden sollen, bekannt?

Matthias Haeckel: Wir finden auf jeder unserer Forschungsfahrten bis zu hundert neue Arten, von Seesternen und Anemonen über Ruderfußkrebse und Fadenwürmer bis hin zu Mikroorganismen. Viele Tiefseelebewesen kommen überall in dieser 5000 Kilometer langen Bruchzone vor. Wir wissen aber bis heute nicht, wie diese Populationen zusammenhängen. Dazu kommt: Manganknollen selbst sind ein sehr artenreiches Habitat, darauf lebt einzigartige Fauna. Es ist wichtig für Schlangensterne und andere Tiefseelebewesen.

STANDARD: Kann man Manganknollen jemals ökonomisch sinnvoll und ökologisch vertretbar abbauen?

Haeckel: Ökonomisch sinnvoll wird man es bestimmt irgendwann hinbekommen. Ökologisch vertretbar finde ich das aber nicht. Bergbauunternehmen planen ihre Abbauoperationen dort, wo Manganknollen dicht an dicht legen. Damit sich das wirtschaftlich lohnt, muss man bis zu zweitausend Stück pro Sekunde ernten. Jedes Unternehmen müsste jedes Jahr pro Operation eine Fläche so groß wie München umgraben. Die Kollektoren würden den Meeresboden mitabtragen. Also auch die oberste Sedimentschicht in und auf der die meisten Lebewesen leben und die für das gesamte Ökosystem wichtig ist. Die wird aufgewirbelt, sinkt ab und begräbt Lebewesen weit über die Abbauflächen hinaus. Die Knollen, die man birgt, werden am Schiff gewaschen. Das Abwasser wird dann wieder eingeleitet. Damit zerstört man pro Jahr größere Flächen als jene, die im Regenwald gerodet werden.

STANDARD: Welche Folgen hat der Abbau für das Ökosystem?

Haeckel: Tiefseebergbau wird langfristigen Schaden anrichten. Ende der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre erforschte das DISCOL-Projekt die ökologischen Folgen des Tiefseebergbaus. Dafür simulierte man im Peru-Becken das Umgraben von Tiefseeboden, auf dem Manganknollen liegen. Mit einer Pflug-Egge grub man eine Fläche von elf Quadratkilometern um. Ich habe meine Doktorarbeit im Rahmen des Projekts geschrieben. Es gab auch kleinere Experimente in der Clarion-Clipperton-Zone. Im Zuge von Mining Impact haben wir uns im Jahr 2015 angesehen, wie der Lebensraum in diesen Gebieten aussieht. Die Flächen sind bis heute nicht wieder besiedelt. Die Mikroorganismen bauen dort viel weniger organisches Material ab. Es wird bis zu 70 Jahre dauern, bis die Dichte an Mikroorganismen wieder hergestellt ist. Sie sind aber die Basis für das gesamte Ökosystem. Bis die Stoffflüsse wieder funktionieren, dauert es einige tausend Jahre.


Der Tiefseebergbauroboter Patania II beim Testlauf in der pazifischen Clarion-Clipperton-Zone. Bei den dunklen Punkten im Lichtkegel handelt es sich um Manganknollen.
Foto: REUTERS/GSR

STANDARD: Letztes Jahr haben Sie den Test von Patania II, ein Tiefseebergbauroboter des belgischen Unternehmens Global Sea Mineral Resources (GSR), wissenschaftlich begleitet. Was waren die Erkenntnisse?

Haeckel: Die Sedimentwolke, die aufgewirbelt wurde, blieb in den unteren zehn Metern über dem Boden. Sie wurde durch die Strömung verteilt und sank bis zu 1000 Meter entfernt wieder ab, das sieht aus wie eine Schneedecke. Seesterne buddeln sich daraus wieder aus. Einige Schwämme und Korallen können ihre Oberfläche durch Schleim reinigen. Nach monatelangem Abbau schaffen sie das aber nicht mehr. Man muss wissen: Ein Großteil der Fauna am Tiefseeboden filtert seine Nahrung aus den Schwebstoffen im Wasser. Die Sedimentwolke verklebt ihre Filterorgane, weil die Sedimentkonzentration millionenfach höher ist als das klare Tiefseewasser. Wir wissen noch nicht, wie gut die Lebewesen damit klarkommen.

STANDARD: Gibt es genug Daten, um die Auswirkungen von Tiefseebergbau beurteilen zu können?

Haeckel: Es gibt 17 Explorationsgebiete, die jeweils von den Eigentümern der Lizenzen erkundet werden. Das bedeutet, es gibt wahrscheinlich schon genügend lokale Daten. Viele sind aber nicht öffentlich zugänglich. Dabei sind diese Gebiete nicht voneinander getrennte Ökosysteme. Das hängt alles zusammen. Wir wissen aber noch nicht, wie genau. Wir können nicht sagen, wie das gesamte Ökosystem in dieser Zone geschädigt wird, wenn mehrere Abbauoperationen gleichzeitig laufen. Wir Forscher vom Projekt Mining Impact und verschiedene NGOs fordern seit Jahren, dass alle Explorationsdaten zugänglich gemacht werden müssen.

STANDARD: Ein Großteil der Tiefseeforschung wird von der Industrie finanziert. Weil Forschung in diesen Tiefen kostspielig ist, sei das die einzige Möglichkeit zu forschen, argumentieren einige Wissenschafter. Wo stehen Sie in dieser Debatte?

Haeckel: Bevor man in der Tiefsee abbauen kann, müssen Unternehmen die Gebiete erst erkunden. Dafür werden Wissenschafter angeheuert und bezahlt. Die Daten bekommt die Firma. Das ist ein Graubereich, aber meistens geht es gut. Ich kenne aber Beispiele, wo das kanadische Unternehmen The Metals Company (TMC) nicht zugelassen hat, dass Daten veröffentlicht werden. Kollegen mussten Arbeiten wieder zurückziehen. Ob man so etwas mitmacht, muss jeder Wissenschafter für sich entscheiden. Ich verurteile niemanden. Von uns wird immer gewünscht, dass wir die Brücke zu den Firmen schlagen. Aber in dem Fall kann man dann in ein Spannungsfeld kommen. Ich habe die belgische Firma GSR davon überzeugen können, ihren Test von Mining Impact begleiten zu lassen. Das ist ein unabhängiges Projekt, wird von den Forschungsministerien gefördert. Alle Daten, die wir erheben, kommen in eine öffentlich zugängliche Datenbank. Das war für mich eine Grundvoraussetzung.
Matthias Haeckel erforscht unter anderem im Projekt Mining Impact die Folgen des Tiefseebergbaus für diesen submarinen Lebensraum.
Foto: Matthias Haeckel

STANDARD: Der Knollenabbau wird von der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) reguliert. Sie könnte auf TMC-Initiative gezwungen werden, bis 2023 einen Mining-Codex zu verabschieden. Weiß man bis dahin, was der Abbau für das Ökosystem bedeutet?

Haeckel: Nein. Das wissen wir aber auch in dreißig Jahren noch nicht vollständig. Die Regularien müssen deshalb so gemacht werden, dass man sie anpassen kann, wenn man mehr weiß. Ich würde mir wünschen, dass man bis dahin Regeln vorgibt, die so restriktiv wie nur möglich sind. Aber ich glaube, das ist nicht der Ansatz der ISA.

STANDARD: Seitens von TMC heißt es, wir brauchen die Metalle, die in den Manganknollen stecken, um die Energiewende zu schaffen. Stimmt das?

Haeckel: Folgen wir dieser Erzählung mal. Für die Mengen, die wir benötigen, müsste man 20 bis 30 Operationen parallel durchführen – über die nächsten 20 Jahre. Das ist im Augenblick nicht ökonomisch. Auf dem Level wird das in den nächsten zehn Jahren auch technologisch nicht stattfinden können. Bei den derzeitigen Metallpreisen macht das Mangan etwa 70 Prozent des Wertes der Knollen aus. Mangan braucht niemand in diesen Mengen, so viel davon am Markt ließe den Manganpreis einbrechen. Viele NGOs gehen davon aus, dass Gerard Barron der Meeresbodenbehörde auch deshalb Druck macht, weil er vor kurzem an die Börse gegangen ist. Glaubt man, dass der Abbau der Knollen bald beginnen könnte, treibt das den Aktienkurs nach oben.
(Laura Anninger, 28.3.2022)

Matthias Haeckel erforscht marine biogeochemische Prozesse und ergründet, welchen Einfluss menschliche Aktivitäten darauf nehmen.

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Meeresforscher Haeckel: "Wir finden bei jeder Forschungsfahrt 100 neue Arten"
 
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