Infrastrukturprojekte wie jene in China oder in den USA dienen nicht nur der Wirtschaft, sie können ungewollte militärische Folgen haben

josef

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#1
Highways to Hell: Wie Handelswege und Krieg zusammenhängen
Infrastrukturprojekte wie jene in China oder in den USA können ungewollte militärische Folgen haben
wurde China erstmals von der Nato als Bedrohung eingestuft. Die Militärexperten Chinas und der Nato beobachten wohl schon seit längerem die militärischen Kapazitäten des jeweils anderen Blocks. Doch auch das wirtschaftspolitische Handeln von Staaten kann Sicherheitsfragen aufwerfen.

China präsentiert gern seine "One Belt, One Road"-Initiative (BRI) als ein rein wirtschaftliches Handelsprojekt. Es handelt sich um ein globales Infrastrukturprogramm aus geplanten und bereits fertiggestellten Straßen und Zugverbindungen ("belts") sowie Hafenanlagen entlang wichtiger Schifffahrtsrouten ("roads"), das China mit seinen Handelspartnern im Westen verbinden soll. Kritik gibt es (wenn überhaupt) nur wirtschaftlicher Art. Eine neue Studie rund um die Harvard-Ökonomin Carmen Reinhart kritisiert die ungleichen Handelsverträge, die für teilnehmende Staaten hohe Kreditbelastungen gegenüber China bedeuten könnten.¹

Militärisch statt wirtschaftlich interessant?
Der "Economist" ging vor einigen Wochen einen Schritt weiter und präsentierte eine von der Zeitschrift selbst durchgeführte Analyse über den möglichen militärischen Nutzen des maritimen Teils der Belt-and-Road-Initiative.² Untersucht wurde die genaue geografische Position von 22 geplanten oder bereits fertiggestellten Hafenanlagen – also wo genau auf der Weltkarte die Belt-and-Road-Initiative Häfen und maritime Versorgungsstützpunkte errichtet.

Wenn die maritime Komponente der BRI allein wirtschaftlichen Zielen dient, müssten die Häfen in der Nähe von für China wichtigen Schifffahrtsrouten liegen oder an Orten, von denen aus China die für seine Wirtschaft wichtigen Rohstoffe bezieht. Die Lage der Häfen und Versorgungspunkte scheint allerdings anderes gewählt zu sein. Nach Berücksichtigung aller Faktoren findet der "Economist" keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der geografischen Lage der von China finanzierten Hafenanlagen und seinen Handelsrouten oder Rohstoffinteressen.

Im Umkehrschluss lässt sich die Lage eines Hafens (etwa in Libyen) vorhersagen, wenn man militärische Interessen einbringt. Im Falle eines internationalen Konflikts könnten feindlich gesinnte Staaten, also solche ohne chinesischen Handelshafen, ihre territorialen Gewässer für chinesische Schiffe sperren. Je nach Lage bedeutet das hohe Kosten und Verzögerungen für Chinas Handelsschiffe. Laut dem "Economist" erklären diese potenziellen Ausfallskosten die Lage der maritimen Stützpunkte besser als wirtschaftliche Faktoren.

Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis Ökonomen diese Hypothese in einem größeren Modell testen. Ein Problem ist, dass wenige verlässliche Daten über Chinas wirtschaftspolitische Maßnahmen verfügbar sind. Einige Staaten im Westen denken hier weiter und veröffentlichen detaillierte Datensätze. Schweden oder die USA sind darunter – Österreich hat noch Aufholbedarf.


Straßen, Häfen, Handelsrouten – nicht alles ist nur wirtschaftlich getrieben.
Foto: APA/AFP/dpa/PETER KNEFFEL

Der Einfluss von Straßen
Eine zweite neue Studie bedient sich guter Datensätze in den USA und untersucht damit die militärischen und sicherheitsrelevanten Folgen des Straßenbaus – und zwar diesmal die unerwünschten Folgen.³ Nach ihrem Sieg im Irak-Krieg investierten die USA 1,2 Milliarden Dollar in den Straßenbau und in Kommunikationstechnologien. Das Geld war Teil eines gewaltigen Wiederaufbauprogramms mit dem Ziel, die Wirtschaft des Irak schnell wieder auf die Beine zu bringen. Tatsächlich wuchs das Straßennetz des Irak in den Jahren 2002 bis 2011 um 21 Prozent. Die meisten Ökonominnen und Ökonomen stimmen überein, dass Investitionen in den Straßenbau (inklusive der Wiederherstellung von zerstörten Straßen) die Wirtschaft ankurbeln, Wohlstand schaffen und damit indirekt die Sicherheitslage verbessern. Die Ökonomin Tamar Gomez vom Imperial College London ist anderer Meinung. Ihre Studie untersucht den Zusammenhang zwischen der geografischen Ausbreitung von neuen und reparierten Straßen im Irak mit den Orten und Zeitpunkten von Anschlägen. Ihren Ergebnissen zufolge führte der Straßenbau im Irak zu mehr Gewaltakten und Anschlägen. Mögliche positive wirtschaftliche Auswirkungen der Straßen wirken dem nicht ausreichend stark entgegen. Offenbar profitieren Terroristen ebenso wie Wirtschaftstreibende von der neuen Infrastruktur, weil gute Straßen rasche Anschläge und eine schnelle Flucht ermöglichen. Viele der Anschläge waren auf die neuen Straßen selbst gerichtet, vielleicht weil sie am sichtbarsten die US-Präsenz im Land repräsentierten.

Die beiden Studien zeigen, dass Infrastrukturprojekte gewollte, aber auch ungewollte militärische Folgen haben können. In der Forschung ist das ein Thema, das in der Zukunft seiner Aktualität wegen leider an Bedeutung gewinnen könnte. (Valentin Seidler, 21.1.2020)

Valentin Seidler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Makroökonomie der WU Wien. Nach der Promotion im Jahr 2011 folgten Forschungsaufenthalte in Princeton, Warwick und Groningen. Von 2002 bis 2011 arbeitete Seidler für das Rote Kreuz in Osteuropa, Afrika, Asien und in Brüssel.

¹ Horn, Reinhart, Trebesch (2019) "China’s Overseas Lending", NBER working paper 26050.
² "China’s maritime road looks more defensive than imperialist" (The Economist)
³ Gomez (2018) "Highways to Hell are Paved with Good Intentions: Road Building and Violence in Iraq", unpublished working paper, Imperial College London.
Highways to Hell: Wie Handelswege und Krieg zusammenhängen - derStandard.at
 

t3atnö

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#2
Dieses Problem ist schon aus der Zeit der Römer bekannt durch die Perfekten Strassen konnte man die Truppen besser und schneller dort einsetzen wo man sie gerade benötigte.
Allerdings kamen dadurch auch Roms Feine viel schneller nach Rom (Plünderung Roms) !
 
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