Mautern - Projekt Neutronenanlage und div. militärische Bauvorhaben

Nachdem ich aus der Gegend komme, kann ich Josefs Recherchen zum konkreten Ort bestätigen. Dieses Objekt wurde ursprünglich 1908 als erstes Elektrizitätswerk für die Stadt Mautern an der Donau errichtet und war bis nach dem Ersten Weltkrieg in Betrieb. Mitte der 1920er Jahre baute man die Maschinenhalle in einen Turnsaal für die nahe Volksschule um. Für das Buch "Beiträge zur Stadtgeschichte von Mautern an der Donau 1918-1955" habe ich allerdings im örtlichen Stadtarchiv keinen einzigen Hinweis auf die hier diskutierte Nutzung während des 2. Weltkriegs gefunden. Ich kann daher nur vermuten, dass das Vorhaben in Mautern nie über das Planungsstadium hinaus gekommen ist, aber vielleicht verrät der Bauakt des Objekts mehr. Interessant wäre die Frage, wie die Wahl für den Ersatzstandort gerade auf dieses Gebäude gefallen ist...
 

josef

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Für das Buch "Beiträge zur Stadtgeschichte von Mautern an der Donau 1918-1955" habe ich allerdings im örtlichen Stadtarchiv keinen einzigen Hinweis auf die hier diskutierte Nutzung während des 2. Weltkriegs gefunden. Ich kann daher nur vermuten, dass das Vorhaben in Mautern nie über das Planungsstadium hinaus gekommen ist, aber vielleicht verrät der Bauakt des Objekts mehr. Interessant wäre die Frage, wie die Wahl für den Ersatzstandort gerade auf dieses Gebäude gefallen ist...
Hat mich auch gewundert, dass das Projekt in dem wirklich gut recherchierten Buch nicht erwähnt wird...!

Danke für den Hinweis zur Entstehungsgeschichte des Gebäudes!

lg
josef
 
28.09.1944 informiert Ortner CHF über den geänderten Standort der Anlage.
Die wichtigsten Rahmenbedingungen einer solchen Anlage sind meiner Meinung nach Raumgrösse und Stromanschluss.
Bei den KWI Instituten und Universitäten in Deutschland haben sich meistens die Institutsleiter, bzw. deren Verwaltung um geeignete Ausweichen gekümmert. RWA oder REM kämen allerdings im konkreten Fall auch in Betracht.
Vielleicht findet sich im Stadtarchiv oder beim zuständigen Landratsamt ein Mietvertrag ?
 
Ich muss zugeben, die hier im Forum abgebildete Skizze ist für mich der erste handfeste Beleg, dass die Geschichte mit der Neutronenanlage und Mautern doch ernst zu nehmen ist. Nachdem wir keine Aktenbelege vor Ort finden konnten, um die Spekulationen zu belegen, sind wir im Mautern-Buch auch nicht darauf eingegangen. Danke daher für die Veröffentlichung an der Stelle! Falls es noch Dokumente gibt, die Stempel und Unterschriften der Mauterner oder Kremser Stadtverwaltung haben, bitte um PN. Helfe gerne bei der Verifizierung.
Zumindest im Stadtarchiv Mautern habe ich keinen Mietvertrag o.ä. gefunden. Nachdem Mautern in jener Zeit Teil von "Großkrems" war, müsste man dort in den Wirtschaftsakten nachforschen. Mir fallen dann noch die Ratsherrenprotokolle der Kremser Stadtverwaltung während des 2. WK als mögliche Quellen ein, diese sind aber angeblich "verschwunden".
Sofern aber wie in dem Fall ein "Reichsamt für Wirtschaftsausbau" das Bauvorhaben betrieben hat (siehe Stempel auf der Skizze), kann es durchaus sein, dass den lokalen Baubehörden gar hier keine Zuständigkeit eingeräumt wurde. So sind etwa zum Bau der Luftwaffenkaserne und dem Barackenlager in Mautern im Gemeindearchiv nur wenige Aktensplitter verblieben, Bauträger war das Luftgaukommando XVII, die Stadt Mautern bzw. Krems waren noch in Grundstückstransaktionen eingebunden, der Rest lief dann über die Luftwaffenbehörden ohne lokale Aktenspuren.
 
Ortner schreibt Juilfs vom RWA in Berlin am 10.10.1944 das er in Stein-Mautern bei Krems/Donau eine geeignete Turnhalle "aufgetrieben" hat. Das bedeutet, dass das RWA mal nicht in die Suche und Auswahl involviert gewesen ist.

Der "Antrag auf Ausnahme vom Bauverbot" datiert vom 20.10.1944 und ist an das Landratsamt des Kreises Krems gerichtet.
Bauherr RWA vertreten durch Ortmann, Bauunterlagen : Längsschnitt, Grundriss, Querschnitt, Lageskizze.

Ansprechpartner vor Ort war der Baumeister Witzmann, Adolf-Hitler-Strasse 39 in Krems/Donau, welcher dann den Materialbedarf kalkuliert hat.
7 cbm Holz, 800 Kg Eisen laut Berechnung vom 01.11.1944. Gesamtbausumme 9.000 RM

Am 23.12.1944 wurde die Ausnahmebewilligung erteilt. Az : ZI.I. 12.659

Am 03.01.1945 informiert die OT Einsatzgruppe Südost den OB Krems/Stadtbauamt mit der Bitte um baupolizeiliche Genehmigung.

OB Krems informiert RWA über die Erteilung der baupolizeilichen Genehmigung am 29.01.1945. Az : 466/Dez.6

Während der Bau sich gut belegen lässt, bleiben die genauen Umstände der Ortswahl offen. So wie ich das auf der Karte sehe hat man aber in Richtung Westen verlegt.
 
Zuletzt bearbeitet:
Der bürokratische Vorlauf klingt plausibel und erklärt anhand der handelnden Parteien auch, warum im lokalen Archiv hierzu bislang nichts zu finden war. Bleibt immer noch die Frage offen, ob nach der finalen Baufreigabe Ende Jänner 1945 tatsächlich noch bauliche Aktivitäten in Mautern stattgefunden haben. Gibt es dazu auch Dokumente, z.B. Baufortschrittsberichte, Abrechnungen o.ä.?
Habe mir auch Luftaufnahmen der Alliierten vom 8.4. und 4.5.1945 angesehen, wo man auch die Turnhalle gut erkennen kann. Daraus traue ich mir aber keine Einschätzung zu, ob hier Bauarbeiten durchgeführt wurden, zumindest sind keine Fahrzeuge zu sehen. Die Auflösung der Lubi gibt einfach nicht mehr Details her. Was man sagen kann ist, dass die Turnhalle beim sowjetischen Luftangriff auf Mautern am 17. April 1945 keinen unmittelbaren Treffer abbekommen hat, die Zerstörungen werden sich - wie bei umliegenden Gebäuden - in erster Linie auf kaputte Fensterscheiben beschränkt haben.
Wo hatte denn die zitierte "OT Bauleitung Südost" im Jänner 1945 ihren Sitz? Verrät der Schriftverkehr dahingehend etwas? Die "OT Bauleitung Südost" wäre zuerst in Belgrad verortet gewesen und ist mit Sicherheit im Zuge der Räumung des Balkans nach Norden z.B. in den Wehrkreis XVII verlegt worden.
 
Dokumente zum Bau selbst liegen mir nicht vor. Lt. Plan wären in der Halle Zwischenwände gezogen worden, etc.
M. E. nach war aber im Januar/Februar 1945 absehbar, dass eine unmittelbare Lieferung der Anlage nicht realistisch gewesen ist. U. A. waren die verfügbaren Dringlichkeitsstufen nicht ausreichend.
Insofern würden meiner Meinung nach die Ausführung von Baumaßnahmen keinen Sinn machen.

In der Anlage der Briefkopf des Schreibens.
Im Schreiben selbst heißt es : "Abteilung Nachschub der OT-Oberbauleitung Niederdonau, Wien IV, Wohllebengasse 8"
 

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Ich kann daher nur vermuten, dass das Vorhaben in Mautern nie über das Planungsstadium hinaus gekommen ist, [...]
In Beitrag 100 habe ich ein Dokument zitiert, das für den 27. November 1944 zumindest dokumentiert, dass die Bauarbeiten begonnen haben. Ob es sich um Fundamentierungsarbeiten für die Anlage oder Umbauten in der Turnhalle handelte, geht daraus nicht hervor, wenngleich im oberen Absatz die Kosten grob verwendungsmäßig aufgeschlüsselt werden.
 
In Beitrag 100 habe ich ein Dokument zitiert, das für den 27. November 1944 zumindest dokumentiert, dass die Bauarbeiten begonnen haben. Ob es sich um Fundamentierungsarbeiten für die Anlage oder Umbauten in der Turnhalle handelte, geht daraus nicht hervor, wenngleich im oberen Absatz die Kosten grob verwendungsmäßig aufgeschlüsselt werden.
Das dürfte sich meiner Meinung nach auf die Neutronenanlage beziehen. Da war Teilzahlung aus verschiedenen Gründen durchaus üblich. CHF hat teilweise Komponenten von Drittlieferanten bezogen.

Was den "Weg" nach Mautern angeht habe ich noch ein Schreiben Ortners vom 05.09.1944 an den Reichsstatthalter in Niederdonau, Major Reischek, gefunden.
"Einweisung des Radiuminstituts in die Turnhalle in Mautern"

Das Objekt wurde "ausfindig gemacht" und offensichtlich maßgeblichen Personen vor Ort gegenüber skizziert.

Kreisschulrat von Spitz und OB Retter haben demnach den Plan zustimmend zur Kenntnis genommen.
Es wird um Einweisung und Information der Rüstungsinspektion XVII gebeten.
 
Dieser Neutronengenerator verdeutlicht die organisatorische Ineffizienz der Forschung wirklich exemplarisch. Das ähnelt wirklich fatal anderen kernphysikalischen Projekten die mir bekannt sind.

08.08.1944 - Ortner an RFR - Für den Frequenzumformer der Anlage, den CHF bei der AEG bezieht, benötigt er eine DE-Einstufung. Ebenso für die Ausführung des Umbaus am hiesigen Institut. Das bemerkenswerte ist nun, dass er offensichtlich im Besitz von Plänen und Material gewesen ist, aber nicht bauen durfte.

August 1944 war demnach immer Wien erste Wahl.

05.09.1944 - siehe ein Post vorher, Bitte um Einweisung in Mautern.

Am 12.09.1944 mahnt Ortner die Beantwortung seines Schreibens vom 08.08.1944 in Berlin beim RFR an.
Zwischenzeitlich hatte er eine SS 4950 für den Frequenzumformer vom RWA erhalten. Das Ortner sich an den RFR und das RWA gewendet hat führt nun zu einem Problem. Der RFR in Berlin hat zeitnah im August 1944 das RWA über Ortners Bitte informiert.
Am 13.09.1944 erhält er vom RWA den Hinweis, dass der RFR für die VJPI nicht zuständig ist. Das RWA werde sich um eine Klassifizierung nach SS Klasse I bemühen (Ortner war wohl in Klasse III).

Der Reichsforschungsrat antwortet dann knappe 6 Wochen später. Die Baumaßnahme kann nicht beschleunigt werden, dafür Zuständigkeit RWA, aber in Sachen Neutronengenerator und Frequenzumformer wäre etwas möglich.

Für den Neutronengenerator solle er sich an die Kriegswirtschaftsstelle, Dr. Graue, des RFR wenden. Für den Frequenzumformer ist der Bevollmächtigte zuständig. Allerdings seien erst Informationen zum Preis, Materialbedarf, Lieferfirma notwendig. Und, eine Baugenehmigung.

War also alles fast ein wenig so wie in Schilda.
 
In Beitrag 100 habe ich ein Dokument zitiert, das für den 27. November 1944 zumindest dokumentiert, dass die Bauarbeiten begonnen haben. Ob es sich um Fundamentierungsarbeiten für die Anlage oder Umbauten in der Turnhalle handelte, geht daraus nicht hervor, wenngleich im oberen Absatz die Kosten grob verwendungsmäßig aufgeschlüsselt werden.
Wenn man den von Kracher dokumentierten Ablauf folgt und davon ausgeht, dass in der NS-Bürokratie keine Bautätigkeit ohne Freigabe - in diesem Fall dem Bauamt der Stadt Krems - erfolgt, dann ist ein physischer Beginn der Bau- bzw. Umbauarbeiten in Mautern vor Ende Jänner 1945 auszuschließen. Vermutlich sind sie aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse im Frühjahr 1945 auch gar nicht mehr in Angriff genommen worden. Aber ich schau mir den Bauakt zur Turnhalle an, vielleicht finde ich darin weiterführende Hinweise. Info folgt.
 
Erstmal willkommen Etrich Taube. Soweit ich mich erinnere wurde das VJPI für Neutronenforschung am 26. Februar 45 verlagert, also weg von deren ursprüngliche Verlagerung Am Glöcklein. Ich habe auch nur was von Planung in Erinnerung. Unabhängig davon scheint Schintlmeistrs Projekt zu sein. Ich hatte da ELIN in Verdacht aber keine Nachweise.
 
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