Römisches Brückenkopfkastell und Reste römischer Donaubrücke in Stopfenreuther-Au gefunden

josef

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#1
Reste verschollener römischer Brücke gefunden
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Im Nationalpark Donau-Auen haben Archäologen die Fundamente einer römischen Brücke ausgegraben. Nach diesem Donau-Übergang wurde seit Jahrzehnten gesucht, weil die Brücke auf der Marc-Aurel-Säule in Rom abgebildet ist. Nun wurde das Rätsel ihrer Position gelöst.
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Nur wenige Mauerreste sind noch sichtbar, von einem einst beachtlichen römischen Brückenkopfkastell aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. Im Nationalpark Donau-Auen in der Nähe von Stopfenreuth (Bezirk Gänserndorf) konnten Archäologinnen und Archäologen im Herbst die Mauerreste erstmals wissenschaftlich untersuchen. Ausgegraben wurden dabei unterirdische Fundamente, die auf eine zwei bis drei Hektar große Wehranlage hindeuten.
en wurden dabei unterirdische Fundamente, die auf eine zwei bis drei Hektar große Wehranlage hindeuten.

„In dieser Zeit sind die römischen Kastelle im sogenannten Spielkartenformat angelegt worden“, erklärt der Archäologe Christian Gugl vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI), „sie waren im Grunde rechteckig mit abgerundeten Ecken.“ In Stopfenreuth wurde nun die Nordecke freigelegt, inklusive eines Wehrturms. Die Längsseiten der gesamten Anlage dürften um die 100 Meter lang gewesen sein, 500 römische Soldaten könnten in dem Brückenkopfkastell Dienst versehen haben, glauben die Archäologen.

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ORF/Tobias Mayr
Die einzigen sichtbaren Mauerreste, die den Hinweis zu den Fundamenten lieferten
Land NÖ/ÖAI
Zwischen September und November 2024 legte ein sechsköpfiges Archäologinnenteam weitere Grundmauern frei

Manfred Rosenberger
Der abgerundete Eckturm des Kastells gilt als typisch für die Zeit

Manfred Rosenberger
Gefunden wurde nur ein Bruchteil dieser beachtlichen Wehrburg

Manfred Rosenberger
Neben der militärischen Überwachung galt die Brücke auch als Zollpunkt für den Handel auf der Bernsteinstraße

Manfred Rosenberger

Manfred Rosenberger

ORF/Tobias Mayr
Mittlerweile ist das gesamte Grabungsareal wieder renaturiert

Erstes Brückenkopfkastell Österreichs
Nie zuvor wurde ein römisches Brückenkopfkastell in Österreich dokumentiert, derartige Anlagen sind bisher nur stromabwärts der Donau bekannt. „Ein Brückenkopfkastell diente, wie der Name sagt, zur Sicherung eines Donauübergangs“, sagt Gugl. Die Wissenschafter können deshalb darauf schließen, dass sich eine seit Jahrzehnten gesuchte Donaubrücke in unmittelbarer Nähe befunden haben muss.

Denn dass im Umkreis des Römerlagers Carnuntum (Bezirk Bruck an der Leitha) eine Brücke existierte, ist historisch gut belegt. Szenen der Donauüberquerung sind auf der Marc-Aurel-Säule in Marmor gemeißelt, die in 23 Windungen Abbildungen der Markomannenkriege zwischen 172 und 175 n. Chr. zeigt. Die Markomannen, ein germanischer Stamm, der im Marchfeld beheimatet war, eroberte in dieser Zeit römische Gebiete bis nach Norditalien hinunter.

Marc-Aurel-Säule zeigt Donauüberquerung
„Das war die erste große Krise des Römischen Reichs“, sagt Eduard Pollhammer, wissenschaftlicher Leiter der Römerstadt Carnuntum. Kaiser Marc Aurel brauchte eine Möglichkeit, rasch Truppen ins Feindesland, das sogenannte Barbaricum, nördlich der Donau zu überstellen. Auf der Säule ist abgebildet, wie die römischen Legionäre über eine schwimmende Pontonbrücke marschieren.
Das sei die einfachste Form gewesen, über einen Fluss zu gelangen, erklärt Pollhammer: „Mehrere Schiffe wurden miteinander vertäut und dann mit Brettern und verschiedenen Brückenbauelementen versehen.“ So konnten rasch Truppen auf das andere Donauufer verlegt werden, um aufsässige Germanenstämme, die Markomannen, in Schach zu halten.

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ORF/Anna Wohlmuth
Die Marc-Aurel-Säule wurde um 190 n. Chr. angefertigt, sie steht auf der Piazza Colonna in Rom
privat
Dargestellt sind Szenen aus den Markomannenkriegen, ganz unten die Donauüberquerung bei Carnuntum 172 n. Chr.

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Die Abbildung zeigt eine für die Zeit typische Pontonbrücke, bestehend aus einzelnen Kähnen

Lage der Brücke bestimmt
Doch Überreste einer solchen Pontonbrücke sind entsprechend schwieriger zu finden als jene einer gemauerten Überquerung. Deshalb war die Position der Brücke Marc Aurels bei Carnuntum bis zum Fund des Brückenkastells reine Spekulation. Warum gerade Stopfenreuth als Donauüberquerung gewählt wurde, liegt für die Archäologen in der Geografie. „Die Donau bildet hier eine natürliche Engstelle“, sagt Pollhammer, das dürfte bereits im Zweiten Jahrhundert der Fall gewesen sein. Zudem galt das Marchfeld als strategische Puffer- und Kontaktzone zu den germanischen Territorien.

Der Fund mache nun die römischen Maßnahmen im Kampf gegen die markomanischen Eroberer, die in verschiedenen historischen Quellen überliefert sind, erstmals archäologisch nachvollziehbar, sagt Gugl, „weil wir im Grunde eigentlich nicht wissen, wie diese Interaktion zwischen dem Römischen Reich, zwischen Carnuntum und dem Limes Vorfeld wirklich stattgefunden hat.“


ORF/Tobias Mayr
Zahlreiche Ziegel tragen die Inschrift der 14. Legion. Auch Schmuck und Schnallen der Soldaten wurde in Stopfenreuth sichergestellt.

Handelsweg entlang der Bernsteinstraße
Die Fundstücke, die nun ausgewertet werden, geben erste Anhaltspunkte über die militärischen Manöver Marc Aurels im Marchfeld. Dieser weilte satte drei Jahre in Carnuntum, um die Unruhen an der Nordgrenze unter Kontrolle zu bringen. Es gilt deshalb als wahrscheinlich, dass auch der Kaiser selbst, die Donaubrücke bei Stopfenreuth nutzte.

Auch für den Handel dürfte die Brücke von großer Bedeutung gewesen sein, weil sie das römische Reich mit der Bernsteinstraße verband. Die Bernsteinstraße, eine der wichtigsten Handelsstraße der Antike, führte vom Baltikum über ein verzweigtes Wegesystem bis nach Carnuntum und weiter durch das römische Reich. „Bei dem Brückenkopf-Kastell konnten Personen und der Warenverkehr kontrolliert werden, es konnten eventuell auch Exportverbote überwacht werden. Daher nimmt dieses Brückenkopf-Kastell eine ganz wichtige strategische Bedeutung ein“, sagt Pollhammer.

Das Brückenkastell selbst dürfte vermutlich für 100 Jahre bestanden haben. „Wir haben nur noch ganz vereinzelt Funde aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts und dann ist wirklich Schluss“, sagt Gugl. Das weitere Schicksal von Kastell und Brücke ist noch nicht bekannt.
14.04.2025, Tobias Mayr, noe.ORF.at
Reste verschollener römischer Brücke gefunden
 

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#2
...und ein etwas detaillierterer Bericht bei DERSTANDARD:

Wichtige Befestigungsanlage
Mauerreste an der Donau gehörten zu römischem Kastell
Schon vor 150 Jahren wurde vermutet, dass die Ruinen des "Öden Schlosses" zu einem Brückenkopfkastell gehörten. Das ließ sich nun bestätigen

Das "Öde Schloss" an der Donau, von der Luft aus gesehen. Wie schon vor 150 Jahren vermutet, handelte es sich um ein römisches Brückenkopfkastell.
APA/LAND NÖ/H. WRAUNEK

Bekannt sind die Mauerreste an einem Nebenarm der Donau nahe Stopfenreuth in Niederösterreich schon lange. Doch worum es sich bei der als "Ödes Schloss" bekannten Anlage handelt, war bisher unsicher. Schon vor 150 Jahren gab es allerdings die Vermutung, dass die Überreste zu einem römischen Kastell gehört hatten.

Nach Grabungen im vergangenen Jahr ließ sich dieser Verdacht nun bestätigen. Es handelt sich, wie bereits vermutet, um ein römisches "Brückenkopfkastell". Es ist damit das erste auf österreichischem Boden.

Heute sind von der Befestigung, die bereits Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts von Archäologen unter die Lupe genommen wurde, nur noch die nördlichsten Seitenmauern erhalten. Rund um die Überreste in der Stopfenreuther Au, von denen nur eine Mauer bei Niedrigwasser sichtbar ist, gab es immer wieder Spekulationen, erklärt Christian Gugl vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). So sprach man teils von möglichen mittelalterlichen Burgresten oder einer Befestigung, die bis in den "Ersten Türkenkrieg" bestanden haben könnte. "Es blieb also unklar, ob es sich wirklich um ein römisches Kastell handelt", so der Wissenschafter von der Forschungsgruppe Archäologie der römischen Provinzen im lateinischen Westen.

Donaubrücke auf "Mark-Aurel-Säule" in Rom
Dass es dort schon damals einen Donauübergang gegeben haben könnte, lag nahe. Denn gerade dieser Bereich, rund vier Kilometer von dem Legionslager Carnuntum entfernt, eignete sich über lange Zeit vermutlich recht gut, um in der einst noch von deutlich mehr Nebenarmen durchzogenen Region über den Hauptstrom überzusetzen. Dazu gibt es auf der um das Jahr 190 nach Christus in Rom errichteten "Mark-Aurel-Säule" eine Darstellung einer Pontonbrücke über die Donau bei Carnuntum. Diese Konstruktionen basieren auf schwimmenden Elementen, die vertäut werden und über die dann der Weg übers Wasser führt.

Die damalige Zeit war geprägt von Einfällen von Germanengruppen, die im Rahmen der Markomannenkriege teils bis Oberitalien vordrangen und das Riesenreich gehörig unter Druck brachten. Die Donau bildete damals die umkämpfte Grenze zwischen dem römischen Reich im Süden und den germanischen Gebieten im Norden. Die Auseinandersetzungen brachten einst auch die Kaiser Mark Aurel und später Gallienus ins heutige Ostösterreich.

Brückenkopfkastell außer Zweifel
Genau in diese Periode können die Experten vom ÖAI und dem Archäologischen Park Carnuntum das "Öde Schloss" jetzt einreihen. Auf Basis der letztjährigen Grabungen, bei denen Mauerreste freigelegt werden konnten, die bis zu 2,65 Meter hoch sind, ist nun klar, dass es sich ohne Zweifel um ein Brückenkopfkastell handelt.

Zu welcher Brückenkonstruktion der "Kopf" aber gehört hat, sei offen, betont Gugl, der eher dazu tendiert, der Darstellung auf der Mark-Aurel-Säule Glauben zu schenken: "Eine feste Brücke ist eher infrage zu stellen." Der Befund sei jedenfalls speziell, denn: Die nächste ähnliche Kastell-Anlage findet sich bei Iža-Leányvár in der Slowakei.


Das Heidentor ist das markanteste Bauwerk Carnuntums. Das Brückenkopfkastell an der Donau dürfte für Carnuntum eine wichtige Rolle gespielt haben.
imago images/Bilderbox

Mehrere Bauphasen
Zum niederösterreichischen Kastell konnten nun jedenfalls einige Fragen geklärt werden: So zeichnen sich zwei Bauphasen ab. Die erste um die Jahre 170 bis 180 n. Chr. Damals ließ Kaiser Mark Aurel die Grenze verstärken. Um das Jahr 260 n. Chr. legte dann Kaiser Gallienus nach. Gefunden wurden bei den aktuellen Grabungen auch gestempelte Ziegel der Legionsverbände XIV und XV, Münzen, Keramik sowie kleinere Bronze-Funde. "Sie belegen die große strategische Bedeutung Carnuntums innerhalb des römischen Militärsystems und liefern neue Erkenntnisse über die militärische Sicherung der Nord-Süd-Verbindung", wird der wissenschaftliche Leiter in Carnuntum, Eduard Pollhammer, am Montag in einer Aussendung zitiert.

Für Gugl heißt es nun: "Wir müssen unseren Gesamtplan jetzt wieder auf die Region Stopfenreuth ausdehnen." Denn ob in diesem Gebiet am Nordufer der Donau wirklich nennenswerte römische Aktivitäten stattfanden, war lange unklar. Dass hier auch auf der quasi anderen Donau-Seite offenbar mehr, auch mit starken Truppenverbänden besetzte Steinkastelle errichtet wurden, "verändert unser Bild des Limes doch auch in entscheidender Weise". So könnte Stopfenreuth einerseits "das Tor ins freie Germanien" und andererseits der erste Angriffspunkt bei Überfällen auf die römische Flussseite gewesen sein, so Gugl.

Das Kastell dürfte jedenfalls noch lange Zeit eine Rolle gespielt haben. Auch 100 Jahre nach den Markomannenkriegen wurde dort gebaut – in einer Zeit, in der Gallienus das Reich nur mit Mühe zusammenhalten konnte. Erst gegen Ende des vierten Jahrhunderts "endet auch die Geschichte des Stopfenreuther Kastells", sagt der Archäologe. Danach verlor auch Carnuntum an Bedeutung.
(red, APA, 14.4.2025)
Mauerreste an der Donau gehörten zu römischem Kastell
 

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#4
Das Weinviertel als Brennpunktregion römisch-germanischer Kontakte
Wie das Weinviertel zwischen Römern und Germanen zum Schauplatz militärischer Feldzüge, kultureller Begegnungen und ritueller Säuberungen wurde
In diesem Gastblogbeitrag berichtet Archäologe Stefan Groh über das Weinviertel als historische Brennpunktregion römisch-germanischer Kontakte. Er beleuchtet die militärischen Feldzüge Roms, die germanischen Widerstandsstrategien, archäologische Fundplätze wie Feldlager und Schuppenpanzerfunde sowie die rituellen Säuberungen der Germanen nach dem Rückzug der Römer. Groh zeigt, wie das Weinviertel zwischen 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. zum Schauplatz von Expansion, Begegnung und Konflikt wurde.
Die Region des heutigen Weinviertels war in der Antike ein heiß umkämpftes Gebiet. Über vier Jahrhunderte hinweg kam es zu kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen Interaktionen zwischen den in dieser Region ansässigen germanischen Stämmen und den Römern. Die Grenze zwischen diesen beiden Kulturkreisen bildetet die Donau, die zwar limitierte, aber zugleich auch verband und nie eine undurchlässige Barriere darstellte. Zweimal, im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr., versuchte Rom jenseits der Donau germanische Gebiete zu erobern. Das Ziel war wahrscheinlich die Einrichtung einer neuen Provinz "Marcomannia", benannt nach den hier siedelnden Markomannen. Beide Male scheiterte dieser Versuch. Im Weinviertel bezeugen daher die zahlreich vorhandenen römischen Fundplätze eine Geschichte des Scheiterns.

Expansionspläne seit Augustus
Mit der Einrichtung der Provinzen Noricum und Pannonien in den ersten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts n. Chr. erreichten die Römer die Donau und organisierten die hier gelegenen Siedlungsgebiete neu. Bodenschätze und strategische Überlegungen gaben den Ausschlag, diese traditionell keltisch okkupierten Regionen in das römische Reich einzugliedern. Jenseits der Donau wurde zu diesem Zeitpunkt das Gebiet hingegen schrittweise germanisch angesiedelt. Hier infiltrierten ab 6 v. Chr. die Markomannen das heutige Böhmen, Mähren und schließlich auch das nördliche Niederösterreich (Weinviertel). Ihre Stammesverbände wohnten in von römischen Städten und damit verbundenen Gesellschaftskonzepten deutlich abweichenden Dörfern mit sehr schlichten Holzbauten. Ein solches nachgebautes Dorf kann heute im Freilichtmuseum Elsarn besucht werden.


Das Weinviertel und das angrenzende Mähren in römischer Zeit
ÖAI/ÖAW, H. Sedlmayer

Augustus plante eine weitreichende Expansion römischen Territoriums über die durch wichtige Flüsse markierten Landschaftsgrenzen hinweg. Im Nordwesten war dies der Rhein, der in den ersten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts n. Chr. überschritten wurde, mit der Absicht, bis zur Elbe vorzurücken und das Gebiet der sogenannten Elbgermanen zu erobern. Im Süden erfolgte, quasi in Form einer Zangenbewegung, gleichzeitig ein Vormarsch entlang der March bis zur Thaya. Vereinzelt angetroffene Fundstücke lassen erahnen, dass einzelne Truppenteile sogar bis zur Mährischen Pforte, einem strategischen Nadelöhr der Bernsteinstraße, gelangten.

Zu dieser Zeit existierten weder ein Legionslager, noch eine Stadt in Carnuntum, man errichtete jedoch für die Sammlung der Truppenverbände ein sogenanntes temporäres Lager oder Feldlager in Engelhartstetten. Das Lager bestand aus einem einfachen Graben mit Wall und besaß eine immense Größe von etwa 47 ha. Auf dieser Fläche konnten mindestens zwei Legionen mit etwa 12 000 Mann ihre Zelte aufschlagen.

Engelhartstetten war somit der Angelpunkt und die logistische Drehscheibe für diesen Feldzug. Von hier aus organisierte man den Nachschub auf dem Fluss March und begann am Burgstall in Mušov (heute Tschechische Republik, Mähren) ein Legionslager in Holz-Erde-Technik zu bauen, also eine dauerhafte Struktur für einen Truppenstandort. Neuere Forschungen mit geophysikalischen Messungen und Grabungen ergaben jedoch, dass in diesem befestigten Legionslager zwar ein Valetudinarium (Hospital), ein Badegebäude (Therme) und ein zentrales militärisches Verwaltungsgebäude (Principia) errichtet, aber das Lager selbst und wahrscheinlich auch diese Holzgebäude nur zu einem Teil fertiggestellt wurden. Die geopolitische Lage und vor allem die Niederlagen im elbgermanischen Gebiet jenseits des Rheins, zwangen Rom, die Expansionspläne gegen die Germanen aufzugeben und hinter die Flussgrenzen Rhein und Donau zurückzuweichen.


Das augusteische Legionslager von Mušov (Mähren) anhand geophysikalischer Messdaten und GrabungenA: Principia, B-C: Nebengebäude, D: Valetudinarium, E: Therme, F: Toranlage.
Foto und Plan: ÖAI/ÖAW

Expansionspläne unter Marc Aurel
Gänzlich anders stellt sich die Situation jedoch zur Zeit der Markomannenkriege in den Jahren 166–180 n. Chr. dar. Auf einen Vorstoß germanischer Stämme bis Oberitalien (Aquileia und Opitergium), erfolgte eine römische Gegenoffensive. Zwei neue Legionen wurden ausgehoben und in unserem Raum waren Vindobona (Wien) und Carnuntum die logistischen Drehscheiben für die Organisation und Umsetzung einer territorialen Eroberung des Markomannen-Landes nördlich der Donau. Die Anstrengungen und der finanzielle Impakt waren enorm. Als einer der wichtigsten Transport- und Nachschubwege für diese Feldzüge fungierte der Marchfluss.

Direkt gegenüber von Carnuntum baute man in Stopfenreuth eine sogenannte Kontrakastell, eine Truppenfestung mit Steinmauerwerk. Hier dürfte vielleicht eine Brücke den Flussübergang erleichtert haben. Ab Carnuntum bestand die logistische Infrastruktur der Römer aus unterschiedlichen baulichen Komponenten: In Marchegg dürfte sich ein durch einen Graben gesicherter Stapelplatz und Hafen befunden haben. Weiter nördlich errichtete man ein dichtes Netz temporärer Lager in Baumgarten an der March, Kollnbrunn, Bernhardsthal und zudem in Ruhhof, das bereits an der Thaya gelegen war. Die räumliche Verteilung dieser Lager lässt auf Vormarschrouten entlang der Flüsse March und Thaya sowie von Vindobona aus auf dem Landweg über Kollnbrunn nach Norden schließen.

Eine besondere Bedeutung besaß eine permanente Truppenbesatzung in dem Lager von Stillfried an der March, wo Werkstätten und eine Erzeugung ballistischer Fernwaffen (Schleuderkugeln) nachgewiesen sind. Stillfried lag etwa auf halber Wegstrecke zum nächsten permanenten Truppenstandort in Mušov (Mähren). Im Zuge der Kriegsereignisse definierte Rom eine 15 km breite Sperrzone nördlich der Donau, in der die Germanen nur begrenzten Bewegungsspielraum besaßen und zeitweise keinerlei Versammlungen (Märkte) abhalten durften. Die römischen Sanktionen in Hinblick auf das Marktrecht im grenznahen Gebiet zeigen, wie eng das profitable Miteinander von Germanen und Römern gewesen sein dürfte, bevor der Krieg, ausgelöst durch den Druck germanischer Gruppen aus dem Norden, begann.

An vielen Fundplätzen im Weinviertel und auch in Mähren sind mehrere übereinander gelegene Feldlager dokumentiert, die auf mehrmalige Truppenpräsenz und verschiedene Etappen der Feldzüge schließen lassen, wie es auch historisch überliefert ist. Der Truppeneinsatz ist nur schwer abzuschätzen, doch dürften zahlreiche Legionen und Hilfstruppenverbände beteiligt gewesen sein, also mehrere 10 000 Soldaten.


Schuppenpanzer mit Brustblechen aus Baumgarten an der March
N. Gail, Rekonstruktion: J. Schramm, Grafik: H. Sedlmayer, ÖAI/ÖAW

Spezifisches Fundmaterial, wie die sensationell gut erhaltenen Schuppenpanzer aus Baumgarten an der March, Stillfried und aus Carnuntum, die heute teilweise im MAMUZ und Museum Carnuntinum ausgestellt sind, lassen auf den intensiven Einsatz von schnellen Reitertruppen mit Bogenschützen schließen. Dies war offensichtlich eine innovative Reaktion auf die traditionelle Kampftaktik der Germanen. Die ursprünglich im Nahen Osten beheimateten schnellen mobilen Reitertruppen führten zu großen militärischen Erfolgen im Germanengebiet.

Die Einstellung des Feldzuges im Jahr 180 n. Chr. und der erneute Rückzug der Römer hinter die Donaugrenze war wahrscheinlich eher durch politische, denn militärische Gründe bedingt. Kaiser Mark Aurel, der den Feldzug von Carnuntum und Vindobona aus anführte, starb 180 n. Chr. und Commodus, sein Sohn und Nachfolger, brach die Offensive sofort ab.

Germanische Landnahme
Wie reagierten nun die Germanen auf den wohl auch für sie überraschenden Rückzug der Römer aus dem Weinviertel? Lager für Lager und jede militärische Installation wurden kultisch gesäubert und wieder als markomannisches Siedlungsgebiet annektiert. Diese Purifikationen äußerten sich in der Deponierung von Gegenständen innerhalb der aufgegebenen römischen Bauten.

Die besten Beispiele finden sich in den Lagern von Ruhhof bei Laa an der Thaya und in Stillfried an der March: In Ruhhof deponierte man exakt in den Angelpunkten der Gräben einer Toranlage vier eiserne Schuppen eines Panzers, Schuhnägel von Ledersandalen, einen eisernen Beschlagring und eine fragmentierte Katapultkugel aus Stein zusammen mit germanischen Gefäßen, einem Topf und einer Schüssel. Die römischen Funde stehen als pars pro toto (Teil für das Ganze) für die besiegte römische Infanterie, Kavallerie, Artillerie und die errungene römische Baustruktur.


Kultische Deponierungen der Germanen im Römerlager von Ruhhof
N. Gail, ÖAI/ÖAW

Noch plakativer sind die Reinigungsrituale im Lager von Stillfried an der March, wo sogar Tropaia mit römischen Waffen aufgestellt wurden. Unter Tropaia versteht man meist hölzerne mit Beutewaffen bestückte Gerüste, die an den Stellen errichtet wurden, wo der Feind besiegt oder in die Flucht geschlagen worden war. Teile römischer Schienenpanzer wurden mit Nägeln auf diesen Gerüsten montiert, hinzu kommen Deponierungen von Helmfragmenten, Schildbuckel, Dolch und Schuppenpanzer. Die Funde repräsentieren wiederum die besiegten Truppengattungen der Römer, Infanterie und Kavallerie. Den rituellen Deponierungen gingen Kultmahlzeiten voraus, deren Reste (Tierknochen) mit den römischen Funden in den Gruben entsorgt wurden.


Tropaion mit eisernen Schienenpanzern aus Stillfried an der March
MAMUZ, Rekonstruktion: C. Eibner

Ausblick
Die römerzeitlichen Funde und Baustrukturen im heutigen Weinviertel sind von immenser Bedeutung für die Wissenschaft. Sie öffnen uns, quasi wie ein Fenster, den Blick auf kurze geschichtliche Zeitabschnitte, auf strategische Entscheidungen und politische Absichten römischer Kaiser und deren gescheiterte Umsetzung. Sie zeigen aber auch, mit welcher Verbissenheit die Germanen den römischen Expansionsbestrebungen entgegenwirkten. Die Erleichterung nach der Wiederaneignung ihres Gebietes war enorm und manifestierte sich in unzähligen kultischen Säuberungen des von den Römern über mehrere Jahre okkupierten Landes. Die reichhaltigen römischen Hinterlassenschaften im Weinviertel und in Mähren werden in den kommenden Jahren im Rahmen eines von der EU kofinanzierten Interreg-Projektes (Roman Trails) erlebbar gemacht und somit dieses touristische Potenzial der Region unter einer gemeinsamen Marke gefördert.
(Stefan Groh, 9.10.2025)

Stefan Groh ist Archäologe am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Fragen zur römischen Urbanistik sowie zu ziviler und militärischer Infrastruktur in den römischen Provinzen und in der Wissenschaftsvermittlung. Seit 2008 werden von ihm zahlreiche Forschungsprojekte in Österreich, Ungarn, Frankreich, Slowenien und Italien durchgeführt.
Das Weinviertel als Brennpunktregion römisch-germanischer Kontakte
 
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