Ungarnkrise 1956

josef

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#2
Niederschlagung Ungarnaufstand 1956 - BH-Einsatz

Für den Fall, dass die Beiträge auf der ÖBH-Homepage einmal verschwinden:

Auszug aus "Meilensteine des Österreichischen Bundesheeres":

1956
Sicherungseinsatz an der Staatsgrenze zu Ungarn nach der sowjetischen Invasion - erster Einsatz von Soldaten des Bundesheeres im Inland.


Dem 1955 gegründeten Bundesheer war keine Aufbauphase gegönnt. Im Herbst 1956 - nur ein Jahr nach dem Abzug der Alliierten - gab es zwar noch keine Rekruten und keine Luftwaffe, wohl aber schon einen Schießbefehl auf "sowjetrussische Einheiten". Denn die junge Republik war durch die Ungarn-Krise bedroht.

Seit 1948 war Ungarn eine so genannte "Volksrepublik". Ab dem 23. Oktober 1956 rebellierten die Ungarn gegen die kommunistische Zwangsherrschaft. Nach anfänglichem Zögern entschied sich der russische KP-Chef Nikita Chruschtschow zur Niederschlagung des Aufstandes. Den Ausschlag dürfte gegeben haben, dass in jenen Tagen Briten, Franzosen und Israelis gemeinsam Ägypten angriffen.

Die österreichische Bundesregierung reagierte - ganz anders als bei der CSSR-Krise zwölf Jahre später - mit aller Entschlossenheit. Am 26. Oktober wurde ein offizieller Appell an die Sowjetunion gerichtet, die Kampfhandlungen einzustellen. Außenminister Leopold Figl überreichte den Appell an den neuen sowjetischen Botschafter Sergej J. Lapin gleichzeitig mit dem Beglaubigungsschreiben. Figl erklärte auch, dass Österreich alle Maßnahmen ergriffen hätte, um seine Neutralität und sein Territorium zu schützen. Außerdem, so Figl, hätte das Bundesheer einen Schießbefehl und würde beim Übergreifen von Kampfhandlungen auf österreichisches Gebiet von der Waffe Gebrauch machen. Zehn Minuten nach dem Abtritt des Sowjet-Botschafters im Außenamt waren auch die Botschafter der drei westlichen Staatsvertragssignatare angetreten.

Ab dem 27. Oktober häuften sich die Grenzübertritte. Deshalb wurde am Tag darauf eine "Sperrzone" verfügt und die Grenze mit rot-weiß-roten Fähnchen gekennzeichnet. Es war der erste, erfolgreiche Einsatz der "Nachrichtengruppe" des Heeres, dem späteren Heeresnachrichtenamt. Den Spähern gelang es trotz der noch mangelhaften Ausrüstung, ein exaktes Lagebild aus Ungarn zu liefern.

Sowjetpanzer an der Grenze
Dieses Lagebild war an Dramatik nicht zu überbieten. Am 27. Oktober titelte der "Kurier": "Seit heute früh: Panzerlärm an der österreichischen Grenze." Die sowjetischen Truppen waren durch Kräfte aus der CSSR und der Ukraine verstärkt worden. Den Sowjets war es unter schweren Verlusten gelungen, bis zur österreichischen Grenze vor zu dringen. Dort erwarteten ungarische Freiheitskämpfer die Entscheidungsschlacht. Dramatik verbreitete auch der ungarische Rundfunk: "Schießt nicht auf Ärzte und Krankenschwestern. Schießt nicht auf die Krankenwagen, schießt nicht auf die Feuerwehr!" Die größten Rundfunk- und Fernsehanstalten schickten ihre Korrespondenten nach Nickelsdorf, um einen Blick über die Staatsgrenze zu werfen. Ungarn bot sich "neblig und lichtlos wie eine riesige Totenkammer", berichteten sie. Denn in Ungarisch-Altenburg hatten ungarische Polizisten in einer Menge friedlicher Demonstranten mit Maschinenpistolen und Handgranaten ein Blutbad angerichtet. 80 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Ungarische Sanitätsfahrzeuge kamen bei Nickelsdorf über die Grenze und wurden mit Blutkonserven und Medikamenten beladen. Ein Reporter berichtete: "Einen Meter weit auseinander stehen die schwer bewaffneten Soldaten Ungarns und Österreichs. Sie nicken sich freundlich zu." Am 26. Oktober waren nämlich die ersten Bundesheereinheiten alarmiert und in Marsch gesetzt worden. Bis zum 13. November wurde unmittelbar an der Staatsgrenze eine Stärke von 2 740 Soldaten erreicht. "Ich hatte damals im Cafe Forstig in Mattersburg meinen Gefechtsstand", erinnerte sich später Oberstleutnant Karl Wohlgemuth. Durch ihre Sehschlitze beobachteten die Aufklärer aus Hörsching die Bewegungen sowjetischer Panzer auf der anderen Seite. "Es war das erste Mal, dass wir den neuen T-54 zu Gesicht bekamen." Drei Gruppen wurden gebildet. Die Gruppe I hatte den Auftrag, im Falle eines Eindringens von Sowjeteinheiten einen hinhaltenden Kampf Richtung Wien zu führen und die Donaubrücken zu sprengen. Die Gruppe II sollte kämpfend auf den Raum Klagenfurt zurück gehen, die Gruppe III aus Salzburg an der Enns abriegeln.

Vorerst galt es aber zu verhindern, dass Kampfhandlungen auf Österreich übergriffen. So wie dies etwa bei Hatvan passiert war, wo sowjetische Truppen von ungarischen Freiheitskämpfern über die CSSR-Grenze abgedrängt wurden. Außerdem musste verhindert werden, dass sich bewaffnete Verbände der Ungarn in Österreich sammelten. Das hätte zweifellos einen sowjetischen Einmarsch provoziert.

Das Bundesheer unterstützte auch die Entladung von Hilfsgütern am Flughafen Wien-Schwechat und richtete Flüchtlingslager in Kleßheim sowie in der Stift-Kaserne in Wien ein.

180 000 Ungarn flüchten. Darunter auch Soldaten der Honved, die entwaffnet werden mussten. Für sie wurden Internierten-Sammelstellen gemäß der Haager Landkriegsordnung von 1907 errichtet.

Propaganda
Gegen Österreich führte die Sowjetunion einen Propagandakrieg. Laut Radio Moskau wären vom Flughafen Wien-Schwechat unter dem Deckmantel von Hilfslieferungen Waffen nach Ungarn gebracht worden. Wien sei der Herd und Salzburg das Zentrum der ungarischen Emigration, und Österreich hätte damit seine Neutralität verletzt. Als Zeugen wurden österreichische Journalisten genannt. Und zwar die von der kommunistischen Volksstimme. Dieses Zentralorgan der KPÖ löste mit seiner Sowjet-Propaganda Unruhe unter der Bevölkerung aus. Es kam zu Hamsterkäufen. Die Regierung ließ das Blatt beschlagnahmen. Die Staatsanwaltschaft Wien erhob Anklage wegen "Aufruhr und Hochverrat".

Die österreichischen Maßnahmen an der Grenze wurden von den Sowjets aber respektiert. Am 7. November 1956 berichtete eine große österreichische Tageszeitung: "Peinlich achten die russischen Soldaten die österreichische Grenze. Noch nirgends ist es zu Zwischenfällen gekommen, weil sich die Sowjets in der Regel nur auf einen Kilometer dem Grenzstreifen nähern." Es kam nur zu irrtümlichen Luftraumverletzungen durch sowjetische Maschinen. So wurden über Gleisdorf in der Oststeiermark - 70 Kilometer von der Grenze entfernt - Flugzettel abgeworfen. Sie waren für die ungarische Bevölkerung bestimmt. Am 13. Dezember überschritt ein sowjetischer Soldat bei Andau die österreichische Staatsgrenze, zog sich aber bald wieder zurück. Bei Szent Gotthard stellten die Kommunisten Lautsprecher an die Grenze, und forderten die nach Österreich geflüchteten Arbeiter einer Seidenfabrik zur Rückkehr auf. Die Grenze zu überschreiten wagten sie nicht.

Ein Zwischenfall
Die Lage schien sich zu entspannen und am 23. November wurde der Befehl zur Reduzierung der Kräfte gegeben. Am gleichen Tag drangen aber bei Rechnitz drei sowjetische Soldaten auf österreichisches Staatsgebiet vor und versuchten, ein junges Mädchen zu berauben und zu vergewaltigen. Ein Russe wurde von Gendarmeriebeamten erschossen, einer festgenommen, der dritte konnte fliehen. Zur allgemeinen Beruhigung und zum Schutz der Bevölkerung wurde ein Zug des Infanteriebataillons 2 eingesetzt.

Der Grenzeinsatz geht weiter
Am 24. Dezember verlegte das Feldjägerbataillon 13 als letzter Verband zurück in die Heimatkaserne. Es kam aber am neuen "Eisernen Vorhang" ständig zu Zwischenfällen. Deshalb reiste im Jänner 1957 eine Delegation von Bürgermeistern nach Wien zu Verteidigungsminister Ferdinand Graf, um Soldaten für die Grenze zu fordern. Denn ungarische Grenzsoldaten hatten - mit Maschinenpistolen feuernd - bei Nikitsch auf österreichischem Gebiet eine Gruppe von Flüchtlingen verfolgt und nach Ungarn zurück verschleppt. Darauf hin wurden Soldaten zur Unterstützung der Zollwache abgestellt. Der Grenzeinsatz wurde erst am 23. April 1957 offiziell beendet.
Quelle: Auszug aus http://www.bmlv.gv.at/truppendienst/ausgaben/artikel.php?id=330
 

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#3
60 Jahre Ungarnaufstand - Buch erinnert

60 Jahre Ungarnaufstand - Buch erinnert

Im Herbst jährt sich der Ungarnaufstand zum 60. Mal. Zigtausende Menschen flüchteten damals innerhalb weniger Tage über die Grenze. Polizeisprecher Wolfgang Bachkönig dokumentierte diese Ereignisse in seinem neuen Buch.

Die Flucht aus Ungarn im Jahr 1956 war für viele ein Wettlauf mit dem Tod, nicht alle schafften es ins Burgenland. Nachdem die Sowjetarmee dort den Volksaufstand niederschlug, machten sich rund 200.000 Menschen auf den Weg.

„Berührendes“ Schicksal
Wolfgang Bachkönig beleuchtet in seinem neuesten Buch, wie Gendarmerie, Zollwache Bundesheer und Hilfsorganisationen die Situation an der Grenze bewältigten. „Mich berührt dieses Schicksal deshalb besonders, weil meine Großeltern und meine Mutter im Jahr 1946 Ungarn verlassen mussten. Sie haben ihre Heimat verloren“, so Bachkönig.

„Für mich war das ein großes Abenteuer“
„Heimat, warum musste ich dich verlassen“ - diese Frage versucht Bachkönig in seinem Buch mit Zeitzeugen zu beantworten. Neben Sicherheitsbeamten und Helfern, erzählen Flüchtlinge ihre berührende Geschichte. Einer davon kam 1956 in Bildein an - und zwar Emmerich Koller: „Ich war der erste, hinter mir war meine Familie. Wir waren zehn zu der Zeit. Ich war 14 Jahre alt, für mich war das ein großes Abenteuer.“

Koller lebt heute in Amerika. Vor 60 Jahren flüchtete er am 4. November nach der Sonntagsmesse von Pernau nach Bildein (Bez. Güssing). Die Worte seines Vaters hat er heute noch im Ohr: „Er hat plötzlich gesagt, dass wir sofort von zuhause weg müssen. Wir waren sieben Geschwister. Wir sollen packen, was wir packen können - und sofort über die Grenze, wir hatten keine Zeit zu verlieren. Das hat unser ganzes Leben verändert.“

Wichtiges Zeitdokument
Bachkönig veranschaulicht in seinem Buch nüchtern und gleichzeitig dramatisch, was Flucht für die Menschen hinter aber auch an einer Grenze bedeutet. Mitinitiatoren sehen darin ein wichtiges Zeitdokument. „Es ist wichtig, der nächsten Generation zu zeigen, wie es vor 60 Jahren gewesen ist und dass wir es im Burgenland viel besser hatten“, sagt Walter Temmel, Bürgermeister von Bildein.
http://burgenland.orf.at/news/stories/2796099/
 

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#5
Vor 60 Jahren - Aufstand in Ungarn

Hunderte Hinrichtungen

Was am 23. Oktober 1956 in Budapest als friedliche Studentendemonstration begonnen hat, hat sich rasch zu einem blutigen und gleichsam einschneidenden Wendepunkt in der Geschichte Ungarns und Europas entwickelt. Auf die durch den Beginn der Entstalinisierung befeuerten Proteste, an denen sich immer mehr Menschen beteiligten, reagierte die kommunistische Regierung mit Waffengewalt, auf die Ausrufung der Neutralität durch die Aufständischen folgte eine brutale Invasion der Sowjetarmee mit Hunderten Hinrichtungen. Und obwohl der Westen seine Solidarität mit dem Widerstand bekundete, schritt er nicht ein - auch aus taktischen Gründen.

Studenten, Arbeiter, Bürgerliche
Vor 60 Jahren, am 23. Oktober 1956, hat der Ungarische Volksaufstand, gleichzeitig bürgerlich-demokratische Revolution und Freiheitskampf, seinen Lauf genommen. Studenten, Arbeiter, Bürgerliche und Intellektuelle bäumten sich gemeinsam gegen die Regierung der kommunistischen Partei und die sowjetische Besatzungsmacht auf – nach einem ungeplanten Beginn mit vorübergehendem Erfolg und blutigem Ausgang.

Der Aufstand hatte freilich eine Vorgeschichte. Drei Jahre nach dem Tod des Diktators Josef Stalin fand im Februar 1956 in Moskau der erste Parteitag der KPdSU nach dem Tod des Diktators statt. Ein Wendepunkt: Denn dessen Nachfolger als Parteichef, Nikita Chruschtschow, prangerte die Verbrechen des Stalin-Regimes in einer fünfstündigen Geheimrede an und leitete so die Entstalinisierung ein. Die kommunistischen Satellitenstaaten schöpften Hoffnung und erhofften sich für ihre Zukunft mehr Freiheiten von Moskau.

Dennoch: Welche Ausmaße die Demonstration, die von Studenten der Technischen Universität Budapest im Oktober 1956 in der ungarischen Hauptstadt organisiert worden war, annehmen sollte, konnte trotz dieses Hintergrunds wohl kaum jemand erahnen. Bei der wohlgemerkt angemeldeten und von der kommunistischen Regierung genehmigten Veranstaltung wollten die jungen Menschen vordergründig ihre Solidarität mit dem polnischen Arbeiteraufstand im Juni 1956 bekunden.

14-Punkte-Resolution
Am Vorabend jedoch verabschiedeten die Studenten eine 14-Punkte-Resolution, die im Rahmen der Demonstration verlesen werden sollte: Dabei forderten sie unter anderem den Abzug der sowjetischen Truppen, Neuwahlen und eine neue Regierung unter Imre Nagy. Dieser hatte sowohl als Landwirtschaftsminister als auch als Ministerpräsident der kommunistischen Partei für Reformen in dem nach dem Zweiten Weltkrieg am wirtschaftlichen Abgrund taumelnden Land gesorgt.

Aufgrund innerparteilicher Querelen wurde er allerdings 1955 zunächst seiner Ämter enthoben und schließlich gänzlich aus der Partei ausgeschlossen. Nagy galt für viele Ungarn als Reformer und Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft, und auch mit den anderen Punkten der Liste der Studenten konnten sie sich identifizieren. Im Laufe des 23. Oktober, einem Dienstag, nahmen immer Menschen an dem Umzug teil.

Soldaten und Offiziere liefen über
Einige zogen bereits Richtung Parlament, die meisten jedoch marschierten Richtung Rundfunkgebäude, wo die Forderungen über den staatlichen Radiosender verkündet werden sollten. Stattdessen wurden aus dem Gebäude Schüsse abgeben, es gab die ersten Toten zu beklagen. Der kommunistische Parteichef Ernö Gerö hatte zwar versprochen, keine Waffen einzusetzen, aber letztlich selbst den Schießbefehl erteilt.

Dennoch liefen Soldaten und Offiziere zu den Aufständischen über und versorgten diese mit Gewehren. Es kam zu Straßenschlachten. Der Journalist Paul Lendvai, der damals im Zuge der Revolution über Prag und Warschau nach Wien floh, schrieb vor zehn Jahren zum 50. Jahrestag des Volksaufstands in der „Zeit“, dass auch die Parolen im Laufe des Tages immer nationalistischer und radikaler wurden: „Russen raus!“, „Bleibt nicht stehen auf halbem Weg, fegt den Stalinismus weg!“, „Bist du Ungar, bist du mit uns!“

Stalin-Denkmal zu Fall gebracht
In der Innenstadt wurde das symbolträchtige Stalin-Denkmal auf dem Heldenplatz zu Fall gebracht und vor das Parlamentsgebäude gezerrt. Einzig die Stiefel der Stalin-Statue blieben auf dem Sockel stehen - ein Motiv, das als Vorbild für ein Mahnmal im Szobor Park bei Budapest dienen sollte. Schließlich gab die Parteispitze dem Druck von der Straße nach und ernannte in der Nacht den einst geschassten Nagy erneut zum Ministerpräsidenten.

Nagy rief die Demonstranten via Radio dazu auf, die Waffen niederzulegen und nach Hause zu gehen - allerdings ohne Erfolg. In der Zwischenzeit beschloss die Sowjetunion, selbst einzugreifen und strategisch wichtige Punkte zu besetzen, die ungarische Bevölkerung widersetzte sich allerdings. In den darauffolgenden Tagen weiteten sich die Aufstände von Budapest auf das ganze Land aus, Arbeiter-, Revolutions- und Nationalräte konstituierten sich, ein überregionaler Generalstreik wurde ausgerufen.

Racheakte nach Schüssen vor Parlament
Vor dem Parlament versammelte sich am 25. Oktober eine unbewaffnete Menschenmenge und wiederholte die in den Tagen davor formulierten Forderungen. Die ungarischen Kommunisten reagierten darauf aggressiv: Sie eröffneten das Feuer auf ihr eigenes Volk. Am gleichen Tag wurde der von den Ungarn verabscheute Gerö abgesetzt und durch Janos Kadar ersetzt, der die Niederschlagung des Aufstands verkündete, denn die Führung der Partei habe „in vollem Einvernehmen dafür gestimmt, den bewaffneten Angriff auf die Staatsmacht mit allen nur möglichen Mitteln niederzuschlagen“.

Bis heute ist dem Portal Zeitgeschichte-online zufolge nicht klar, wer vor dem Parlament die Schüsse tatsächlich abgab. Ob die Rote Armee, der Staatssicherheitsdienst AVH oder andere dahintersteckten, darüber kann lediglich gemutmaßt werden. Fest steht, dass dabei über 100 Menschen ums Leben kamen. Das zog Racheakte nach sich, in deren Rahmen Blutbäder an Geheimpolizisten und Parteifunktionären angerichtet wurden.

Neutralität und Austritt aus Warschauer Pakt
Nagy löste den AVH auf, bildete eine Mehrparteienregierung und erkannte die Revolution offiziell an. Dem Volk versprach er die Wiedereinführung des Mehrparteiensystems, Pressefreiheit, den Abzug der Sowjettruppen und die Entmachtung der Geheimpolizei. Von Moskau wurden ihm auch diverse Freiheiten zugesichert - vorgeblich, wie Nagy bald erkennen musste.

All das bewegte Nagy zu einem historischen und, wie sich herausstellen sollte, folgenschweren Schritt: Vom Balkon des Parlaments verkündete er am 1. November 1956 die Neutralität Ungarns und den Austritt aus dem Warschauer Pakt. Zudem suchte er bei den USA und bei der UNO um Hilfe an. Über Radio Free Europe war den Aufständischen militärische Unterstützung vom Westen versprochen worden. Diese traf aber nie ein.

Keine Hilfe von USA beabsichtigt
Mehr noch: Laut US-amerikanischen Regierungsdokumenten war das auch zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt. US-Präsident Dwight D. Eisenhower befand sich mitten im Wahlkampf und wollte es sich ohnehin nicht mit den Sowjets verscherzen. Verbale und moralische Unterstützung war den Ungarn gewiss, was zumindest ein Ansporn zu einer Verlängerung der Kämpfe wurde.

Auch die restlichen Westmächte hatten zu diesem Zeitpunkt an anderen Fronten zu tun. Briten und Franzosen waren in die Sues-Krise involviert und konnten sich ohnehin nicht auf eine Linie mit den USA einigen, schon gar nicht bei einem etwaigen Vorgehen bezüglich des Ungarn-Aufstands. Eine militärischen Intervention galt es vor allem im Hinblick auf die Sowjetunion unbedingt zu vermeiden.

Sowjetische Panzer, Flugzeuge, Artillerie
Die Sowjets ihrerseits wussten von der westlichen Lage Bescheid und nutzten diese aus. In den frühen Morgenstunden des 4. November marschierten Truppen der Roten Armee - 6.000 Panzer, Flugzeuge, Artillerie - in Budapest ein, begannen, den Volksaufstand niederzuschlagen, und besetzten das ganze Land. Vor allem in der ungarischen Hauptstadt tobten heftige Kämpfe.

In Summe verloren im Laufe der Revolution 25.000 Menschen ihr Leben, 150.000 wurden verletzt. Drei Tage nach dem Einmarsch floh Nagy in die jugoslawische Botschaft, Mitte November mussten die Ungarn das Scheitern der eigentlich zufällig zustande gekommenen Revolution einräumen. Während sich an einzelnen Orten, etwa im Gebirge, die Kämpfe bis Anfang 1957 hinzogen, setzte eine Massenflucht nach Österreich ein - von 180.000 Geflüchteten blieben laut UNHCR lediglich 18.000 dauerhaft.

230 vollstreckte Todesurteile
Nagy wurde am 22. November festgenommen, und obwohl ihm ursprünglich Straffreiheit zugesprochen wurde, wurde er nach einem Schauprozess 1958 hingerichtet. Die Folge der Revolution, von der bis 1989 nur als „Konterrevolution“ gesprochen werden durfte, waren Gerichtsverfahren gegen 35.000 Personen, außerdem 230 vollstreckte Todesurteile, 26.000 Gefangene und 100.000 Internierte.

Der moskautreue Kadar wurde Ministerpräsident und kommunistischer Parteichef. Letzteres sollte er bis 1988 bleiben. Gesprochen werden durfte über die Ereignisse im Herbst 1956 bis 1989 nicht. Erst unter dem damaligen ungarischen Staatsminister und Chefreformer Imre Pozsgay war auch offiziell von einem Aufstand und nicht von einer Konterrevolution die Rede.

Vom Volksverräter zum Volkshelden
Nagy wurde offiziell rehabilitiert, exhumiert und am 16. Juni 1989 kurz vor dem Tod seines Gegenspieles Kadar in einem Ehrengrab feierlich neu bestattet - und vom Volksverräter zum Volkshelden. Die Umbettung von Nagys Leichnam von einem Massen- in ein Ehrengrab war schon lange zuvor gefordert worden, unter anderem 1988 vom Budapester Studentenführer. Der Name des Mannes, der fürderhin mit seiner Partei FIDESZ und als ungarischer Ministerpräsident nationalkonservative Positionen vertreten sollte: Viktor Orban.


Christian Kisler, ORF.at
Text u. Bilder http://orf.at/stories/2362080/2362079/

1. 200.000 Menschen gingen am 23. Oktober 1956 auf die Straße
2. Während des Aufstands wurde das Stalin-Denkmal zu Fall gebracht
3. Imre Nagy wurde zur Schlüsselfigur des Aufstands
 

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#6
"Profil-Artikel" v. 14.10.2006

Zum 50. Jahrestag vor 10 Jahren erschien nachfolgender Artikel im "Profil":
Zeitgeschichte: In großer Stunde - 50 Jahre Ungarn-Aufstand - Drama an der Grenze

Österreichs Verhalten während des Ungarn-Aufstands 1956 ist ein Mythos der Zweiten Republik. Drohte damals tatsächlich der Einmarsch der Sowjets? Neue Dokumente werfen ein etwas anderes Licht auf die Ereignisse vor 50 Jahren



Es dunkelte früh an jenem 28. Oktober 1956, einem Sonntag, an dem Außenminister Leopold Figl noch schwere Stunden bevorstanden. Gleich würde der sowjetische Botschafter Sergej Lapin am Ballhausplatz vorfahren, und Figl wird ihm eine diplomatische Note der Bundesregierung übergeben. Ihr Inhalt: Sollten Soldaten der Roten Armee die Grenzen zwischen Österreich und Ungarn verletzen und nicht unverzüglich die Waffen niederlegen, werde das Bundesheer das Feuer eröffnen.

Keine eineinhalb Jahre war es her, dass Figl im Belvedere – „Österreich ist frei!“ – den Staatsvertrag hochgehalten hatte. Erst vor einem Jahr hatte der letzte Besatzungssoldat das Land verlassen, vor zwei Wochen waren die ersten 12.000 Präsenzdiener eingerückt. Und jetzt der Schießbefehl: „Gegen sowjetrussische Einheiten, die Flüchtlingen auf österreichisches Gebiet nachdrängen … ist das Feuer zu eröffnen.“

Oktober 1956 – kein anderes Datum in der Zweiten Republik ist so behaftet mit Erinnerungen an Heldentum und Hilfsbereitschaft. Eine „nationale Bewährungsprobe“ habe das Land in der Ungarn-Krise bestanden, ein leuchtendes Beispiel an Menschlichkeit in schwerer Stunde gegeben, heißt es in den Geschichtsbüchern. Zwei Wochen währte das Drama, in denen niemand wusste, ob am Ende die Sowjetarmee wieder im Land stehen würde; zwei Wochen, in denen die Österreicher dieses neue Modewort „Neutralität“ zu begreifen glaubten, das sich in seiner ganzen Unschärfe bis zum heutigen Tag ins Bewusstsein der Nation eingebrannt hat.

Genau 50 Jahre später eröffnen seit Kurzem zugängliche Dokumente des Staatsarchivs einen neuen Blick auf jene dramatischen Tage. Einige dieser Schriftstücke liegen profil vor: von der Zensur der Presse bis zur Sprengung der Donaubrücken – Undenkbares war damals in Erwägung gezogen worden.

Im Sommer 1956 war der erste Film der „Sissi“-Trilogie abgedreht worden, „Sissi, die junge Kaiserin“. Die Ungarn, die so oft gegen Habsburg rebelliert hatten, wurden darin als temperamentvolle, freiheitsliebende Romantiker dargestellt. Viele Österreicher hatten 1956 noch Verwandte in Györ oder Budapest, für viele Ungarn war Wien das geistige Zentrum geblieben, obwohl es das große Reich seit 38 Jahren nicht mehr gab. Und Sopron war noch für fast jeden Ostösterreicher Ödenburg.

Machtvakuum. Seit Herbst 1955 hatten sich die Beziehungen entspannt. Die Ungarn beseitigten den 1949 angelegten Drahtverhau und entschärften die etwa 700.000 Minen. Die letzte Mine wurde am 20. Oktober entfernt. Drei Tage später brach in Budapest der Aufstand gegen das KP-Regime los.

Das politische Machtzentrum am Wiener Ballhausplatz war an diesem 23. Oktober verwaist. Kanzler Julius Raab war in Bonn, Außenminister Leopold Figl in Straßburg, Vizekanzler Adolf Schärf bei einer Tagung in Ostasien.

Am Abend kam es in Budapest zu Gefechten zwischen Demonstranten und Sowjetbesatzern. Das KPÖ-Zentralorgan „Volksstimme“ machte – wie immer, wenn es ernst wurde – am nächsten Morgen eine Parole zur Schlagzeile: „Es gibt nur den Weg des Sozialismus in Ungarn.“

Am nächsten Nachmittag berieten Innenminister Oskar Helmer (SPÖ) und Verteidigungsminister Ferdinand Graf (ÖVP) die Lage. Ihr Beschluss: Die an der Grenze stationierte Gendarmerie sollte sofort durch Heereskräfte verstärkt werden. Freilich hatte Graf neben den eben eingerückten Präsenzdienern nur 7500 Berufssoldaten unter Waffen, davon 900 Offiziere. Die Ausrüstung bestand aus von der U.S.-Army zurückgelassenen Beständen. Das Heer verfügte über kein eigenes Funknetz, man verständigte sich über das öffentliche Telefon, in den burgenländischen Dörfern hielten oft noch Nachrichtentrommler die Leute auf dem Laufenden.

„Im Ministerium teilweise Chaos“, notierte ein hoher Offizier in sein Tagebuch. Mangels geeigneter Kräfte karrte man auch eben Eingerückte zur Grenze: „Keiner von uns konnte mit dem Gewehr umgehen, da wir erst seit zwei Wochen in Ausbildung waren“, gab einer der jungen Rekruten später zu Protokoll. „Zu allem Überdruss neigte Minister Graf dazu, direkt einzugreifen und Truppen an Orte zu schicken, wo ihm nahestehende Bürgermeister ihre Präsenz erbaten. Oft dauerte es Stunden, diese Truppen wiederzufinden“, schreibt der Militärhistoriker Erwin Schmidl im eben erschienenen Sammelband „Die Ungarnkrise und Österreich“ (Böhlau-Verlag) über den ÖVP-Ressortchef.

Massaker und Gerüchte. In Budapest hatte sich die Lage inzwischen zugespitzt: Am 25. Oktober hatten sowjetische Panzer vor dem Parlament ein Blutbad unter den Demonstranten angerichtet. In der KPÖ-„Volksstimme“ hieß das: „Konterrevolutionärer Anschlag abgewehrt“.

Abenteuerlustige Journalisten wie Thaddäus Podgorski, Fritz Molden, der „Wochenschau“-Filmer Otto Pammer und die Fotografen Erich Lessing und Barbara Pflaum machten sich jetzt auf den Weg nach Osten. Aus Wien schoss der Leitartikler Gerd Bacher so wildes Sperrfeuer gegen die Kommunisten, dass im Ministerrat aus außenpolitischen Gründen presserechtliche Beschränkungen erwogen wurden.

In der ungarischen Hauptstadt war die Lage eskaliert: So hatten Demonstranten nach dem von den Sowjets verursachten Blutbad mehrere Geheimpolizisten auf offener Straße gelyncht. Wilde Gerüchte machten die Runde. Jenes, wonach der gefeierte Fußballer Ferenc Puskas, später ein Star bei Real Madrid, bei den Kämpfen ums Leben gekommen sei, empörte die Massen besonders.

Der österreichische Gesandte in Budapest, Walter Peinsipp, wurde zum Helden der Stunde: Er gab Flüchtlingen Unterkunft, lagerte Hilfsgüter und richtete eine Apotheke für verletzte Aufständische ein. Die Beziehungen im diplomatischen Korps Budapests waren einigermaßen skurril. So riet der sowjetische Botschafter Juri Andropow – er sollte 1982 Generalsekretär der KPdSU werden – seinem Amtskollegen Peinsipp, er solle nicht mit dem österreichischen Wappen am Auto durch die Stadt fahren: Die Aufständischen könnten Hammer und Sichel in den Krallen des Bundesadlers für kommunistische Symbole halten.

Nationaler Konsens. In Österreichs schwarz-roter Koalitionsregierung gab es indes völligen Konsens: Man dürfe den russischen Bären nicht reizen, müsse aber klar signalisieren, dass Neutralität nicht Gesinnungslosigkeit bedeutet.

Auch die damals strikt antikommunistischen Jungsozialisten sympathisierten mit den Aufständischen. Der 18-jährige Maturant Heinz Fischer marschierte in Wien an der Spitze einer Juso-Demonstration und meldete sich zu Hilfsdiens-ten im Flüchtlingslager Traiskirchen. Der heutige außenpolitische Sprecher der SPÖ, Peter Schieder, damals 15, schwänzte die Schule und zog in einem SJ-Trupp zur Grenze, um Flüchtlingen mit rot-weiß-roten Fahnen den Weg zu weisen.

Am 28. Oktober beschloss die Regierung nach innerem Ringen in einem Sonderministerrat den Schießbefehl, den Außenminister Leopold Figl an jenem düsteren Oktoberabend am Ballhausplatz UdSSR-Botschafter Lapin übergab.

Inzwischen hatte sich der Wind in Budapest gedreht. Die Sowjets zogen sich zurück, am 30. Oktober verkündete der neue reformkommunistische Ministerpräsident Imre Nagy das Ende des Einparteienstaats und den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt. Danach bat er Österreichs Gesandten Peinsipp zu sich und ersuchte die Wiener Regierung, ja keine Exil-Ungarn, die sich den Aufständischen anschließen wollten, nach Ungarn einsickern zu lassen. „Nagy sucht Bereinigung des Verhältnisses zu Russen auf österreichische Art. Verhandlungen schon weit gediehen“, kabelte Peinsipp nach Wien. Im Klartext: Nagy wollte für Ungarn eine Neutralität nach österreichischem Muster.

Rückzug. Das konnte die Sowjetunion nicht hinnehmen. Im Osten des Landes wurden bis zum 4. November 60.000 Soldaten zur Aktion „Wirbelsturm“ auf die von den „Konterrevolutionären“ gehaltenen Gebiete gesammelt. „Es schien für die Bundesheer-Führung ausgemachte Sache zu sein, dass die Sowjets nicht an der österreichischen Grenze stehen bleiben würden“, schreibt der Historiker Manfried Rauchensteiner.

Im Ministerrat wies Handelsminister Fritz Bock (ÖVP) auf den Ernst der Stunde hin: „„Ich bitte einzugreifen, dass man im Radio nicht lustige Musik spielt.“

In der Nacht vom 5. auf 6. November befahl die Heeresführung den taktischen Rückzug auf die Linie Wien–Semmering. Den Soldaten wurde eine Nachtübung vorgegaukelt. Die geschulten Truppenteile wussten, was lief. „Alarm. Mit dem Einmarsch russischer Truppen kann gerechnet werden“, heißt es im knapp nach Mitternacht erfolgten Eintrag ins Kommandotagebuch der bei Sauerbrunn stationierten Militärakademikerkompanie. Und noch ein Befehl erging in dieser Nacht: Alle Donaubrücken in Nieder- und Oberösterreich sind zur Sprengung vorzubereiten.

Nur die Gendarmen mit ihren Dienstpistolen bewachten nun die Grenze. „Ich stand mit einem Kameraden beim Schlagbaum in Klingenbach“, berichtete einer von ihnen später. „Auf der anderen Seite stand ein russischer Panzer. Wir wussten nicht, was wir tun sollten, also salutierten wir.“

Das Offizierskorps war sich des Ernstes der Lage bewusst: Viele hatten erst vor elf Jahren in der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjets gekämpft, manche waren vor nicht allzu langer Zeit aus der Gefangenschaft heimgekehrt.

Aber planten die Sowjets wirklich den Einmarsch in Österreich? Für diese Annahme gibt es nur vage Belege, etwa eine bei einem gefallenen Russen entdeckte Operationsskizze, auf der die Spitze der Pfeile nach Österreich gerichtet waren. Bruno Kreisky, damals Staatssekretär im Außenamt, berichtet in seinen Memoiren von abgefangenen Funksprüchen tschechischer und ostdeutscher KP-Führer an die Sowjets, in denen dringend um eine Wiederbesetzung Österreichs ersucht wurde. Nach Gesprächen mit US-„Quellen“ kabelte freilich Botschafter Karl Gruber, zuvor ÖVP-Außenminister, in einer profil vorliegenden Geheimdepesche aus Washington nach Wien: „Ich halte Sondervorgehen Sowjetunion gegen Österreich für kaum wahrscheinlich.“

Bis zu jenem so dramatischen 6. November waren erst rund 3000 Flüchtlinge nach Österreich gekommen, meist KP-Bonzen und Geheimpolizisten, welche die Rache der Aufständischen fürchteten. Jetzt kamen die Massen. Rund 180.000 Ungarn strömten in den folgenden Monaten nach Österreich, 70.000 davon über die berühmte Brücke von Andau, die der Autor James A. Michener in einem Roman verewigte. Erst am 21. November, die Kämpfe waren schon beendet, gelang es den Sowjets, die Brücke zu sprengen. Einige Kilometer weiter südlich spitzte sich die Situation noch einmal zu: Bei Rechnitz verfolgten zwei Rotarmisten am 23. November ein 18-jähriges Flüchtlingsmädchen bis auf österreichisches Staatsgebiet. Einer der beiden widersetzte sich der Aufforderung, stehen zu bleiben. Die Gendarmen streckten den 22-Jährigen mit einem Bauchschuss nieder. Wenig später war der Soldat tot. Die Sowjets hielten still, sie wollten keine neuerliche Eskalation.

Die eintreffenden Flüchtlinge werden liebevoll umsorgt. Mit später nie mehr gesehener Hingabe kümmern sich die Österreicher um die Habenichtse aus dem Osten. Die meisten von ihnen wollen ohnehin bald weiter, nach Übersee. Nur 20.000 Ungarn-Flüchtlinge werden bleiben, 1976 werden sie in Wien als autochthone Minderheit anerkannt. „Müsste ich je flüchten, so hoffe ich, dass es nach Österreich sein kann“, schwärmte Autor Michener über die hiesige Gastfreundschaft.

Beschwerden. Die Österreicher präsentieren den armen Verwandten aus Ungarn stolz ihren bescheidenen Wohlstand. Im Dezember veröffentlicht die „Illustrierte Bilderwoche“ die doppelseitige Reportage „Eine ungarische Flüchtlingsfamilie erlebt das weihnachtliche Wien“: leuchtende Augen vor einigermaßen vollen Schaufenstern.

Bald begannen die Mühen der Ebene. „Ich höre nur noch Beschwerden darüber, dass die ungarischen Flüchtlinge gratis Straßenbahn fahren“, ärgerte sich Bürgermeister Franz Jonas im Jänner 1957. „Würde man den Gerüchtefabriken glauben, dann verbrächten 169.500 von ihnen den ganzen Tag im Kaffeehaus“, zitierte die „Arbeiter Zeitung“ eines der gängigen Klischees. „Wer nicht zerlumpt und bis auf die Knochen abgemagert ist, kann kein wahrer Hilfsbedürftiger sein, argumentieren manche“, vermerkte die „Presse“. In Baden und Vöslau beschwerten sich Weinbauern über in Traiskirchen untergebrachte Flüchtlinge, die beim Traubendiebstahl ertappt worden waren.

Die Ungarn schufen sich ihre eigenen Rückzugsgebiete und Lokale, etwa das heute noch bestehende Ilona-Stüberl in der Bräunerstraße.

Ungarn und die Folgen. Im März 1957 erhob das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den schweren Vorwurf, die österreichische Bundesregierung würde internationale Hilfsgüter abzweigen. Titel der Story: „Ungarnflüchtlinge – das Geschäft des Jahrhunderts“. Kanzler Raab ließ laut einem profil vorliegenden Verschlussakt prüfen, ob die Verbreitung des „Spiegel“ in Österreich beschränkt oder der Korrespondent sogar des Landes verwiesen werden könne.

Schon bald wurden die Ereignisse dem Zeitgeschmack entsprechend im Heimatfilm verkitscht. „Der schönste Tag in meinem Leben“ (1957) erzählt mit Paul Hörbiger in der Hauptrolle von der Aufnahme eines ungarischen Flüchtlingsbuben bei den Wiener Sängerknaben.

Auch wenn der erste Einsatz des Bundesheers als heldenhaft in die Bücher einging, wurde schon damals die Saat des Zweifels am Sinn einer vollwertigen Armee gelegt: Die dramatischen Tage im Herbst ’56 hatten den Verantwortlichen die Unmöglichkeit vor Augen geführt, die Grenzen im Ernstfall auch nur so lange zu halten, „bis die Regierung in Wien Zeit hat, in die Unterhosen zu kommen“, wie Generaltruppeninspektor Erwin Fussenegger das bescheidene Ziel formulierte. Das Bundesheer mag tapfer gewesen sein – aber es wäre wohl innerhalb weniger Stunden aufgerieben gewesen. „Diese Maßnahmen waren improvisiert und auf optische Wirkung abgestellt; militärischer Wert ist sehr beschränkt“, hielt Fussenegger nach Ende der Krise in einem Memorandum fest.

Die Politik ließ denn auch keinen Zweifel daran, dass sie nicht viel ins Bundesheer zu investieren gedachte, und befand sich damit schon damals – lange vor den Eurofightern – im Einklang mit dem Volkswillen. Im Februar 1958, kaum eineinhalb Jahre nach der Ungarn-Krise, stellte Kanzler Raab fest, das Heer sei in erster Linie „ein Erziehungsfaktor für die Jugend“. Der SPÖ-Abgeordnete Otto Probst sekundierte: „Eine symbolische Verteidigung entspricht den österreichischen Verhältnissen am besten.“ Und Handelsminister Bock warnte, man solle ja nicht zu viele Panzer kaufen, „weil der Straßenzustand stark in Mitleidenschaft gezogen werden könnte“.

Eilig wurden die Ereignisse jenem Mythenschatz einverleibt, in dem seit 1955 auch die Reblaus-Schnurre lagert, wonach der Staatsvertrag Ergebnis der Trinkfestigkeit der österreichischen Verhandler gewesen sei. Ein im Spätherbst 1956 kursierender Witz ging so: „Stürzt ein aufgeregter Sekretär ins Arbeitszimmer von Außenminister Figl: ,Herr Minister! Die Russen marschieren ein!‘ Darauf Figl: ,Um Gottes willen, jetzt geht die Sauferei schon wieder los!‘“


Von Marianne Enigl und Herbert Lackner
http://www.profil.at/home/zeitgeschichte-in-stunde-50-jahre-ungarn-aufstand-drama-grenze-153954
 

josef

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#7
Befehl zur Vorbereitung der Sprengung von Donaubrücken

Ungarnaufstand 11.1956:
Handschriftlicher Befehl vom damaligen Generaltruppeninspektor Fussenegger für die Vorbereitung zur Sprengung der Donaubrücken zwischen Tulln und Linz im Falle eines Einmarsches der Sowjettruppen in Österreich! Diese Maßnahmen waren zum Glück nicht notwendig. Der streng geheime Befehl zeigt die Diskrepanz zwischen Militär und Politik! Er wurde ohne Wissen der Bundesregierung erteilt, da der General befürchtete, dass die von ihm für notwendig erachteten Brückensprengungen nicht die Zustimmung der Regierung erhalten würden.

Einige dieser Brücken wurden zu Kriegsende 1945 von der Deutschen Wehrmacht gesprengt und waren erst relativ kurz vor den neuerlich vorzubereitenden Sprengungen wieder hergestellt worden...

Quelle: Screenshot aus der ORF-Doku "Verbunkert, vergraben, vergessen - Das Bundesheer im Kalten Krieg"
 

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josef

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#8
Ergänzung zu "Vorbereitung der Sprengung von Donaubrücken"

Ergänzend noch einige Details zu den Vorbereitungen der Brückensprengungen im Falle eines weiteren Vordringens (Einmarsch) von Sowjettruppen nach Österreich:

Am Abend des 05. November 1956 wurde der Kommandant des damaligen Heerespionier-Bataillons 1 (HPiB 1) aus Melk nach Wien zu Generaltruppeninspektor Fussenegger beordert, der ihm persönlich den streng geheimen Befehl inkl. Details zur Sprengung der Donaubrücken erteilte.

Der Befehl war nur im engsten Kreis des Generaltruppeninspektors und dem Kommandanten des HPiB 1 sowie dessen Adjutanten bekannt. Letztere arbeiteten in der Folge die detaillierten Organisationsbefehle an die Kompaniekommandanten des HPiB 1 aus, die an diese in versiegelten Briefkuverts ausgehändigt wurden.

Soweit überliefert sollte der Alarmierungsbefehl von Wien an das Bataillon in Melk auf das Stichwort „Brückensprengung vorbereiten“ erfolgen. Daraufhin sollte das Bataillon per Telefon sofort an das Kommando der 3. Brigade in Krems das Codewort „Jauerling“ übermitteln. Dieses hätte sofort Einheiten einer Alarm-Infanteriekompanie aus Krems die dortigen (und die Tullner?) Donaubrücken bis zum Eintreffen der gleichzeitig in Melk in Marsch gesetzten Einheiten der 2. PiKp des HPiB 1 einsetzen sollen (-> siehe weiter unten bei den detaillierten Befehlen). Die weiteren damals in Krems stationierten Einheiten (Stab der 3. Brigade und eine „Jungmännerkompanie“ des Feldjägerbataillons 9) sollten ebenfalls eiligst die Donaubrücke Stein-Mautern vor deren Sprengung auf das Südufer überschreiten. Die in der Garnison Horn liegenden 2 Kompanien sollten sich nach SW zu den Rollfähren Melk und Pöchlarn bewegen, um dort die Donau zu übersetzen…

Nach den detaillierten Befehlen sollten die Züge der 1. PiKp des HPiB 1 die Donaubrücken Mauthausen, Steyregg und Linz am Südufer infanteristisch sichern und für eine „Schnellsprengung“ bei weiterer Eskalation der Lage vorbereiten. Eine Pi-Gruppe der sollte für die Sicherung der Kraftwerksbaustelle Ybbs-Persenbeug eingeteilt werden, wo durch den damaligen Stand der Bauarbeiten auch ein leichterer Donauübergang möglich gewesen wäre.

Die 2. PiKp des HPiB 1 wäre für die gleichen Aufgaben bei den Donaubrücken Tulln und Krems vorgesehen gewesen. Für Transportabwicklungen sollten wegen der damaligen bescheidenen Fahrzeugausstattung der Kompanien (je 3 Jeeps, 6 GMC-LKW’s und 1 SanKW) in Melk noch zusätzliche Autobusse und LKW’s samt Fahrer für Heereszwecke beschlagnahmt werden.

Die Stabskompanie des HPiB 1 sollte vorerst zur Kasernensicherung in Melk verbleiben und Ausweichräume für sich zurückziehende Einheiten erkunden. Weiters sollten Unteroffiziere der StbKp den damaligen Donaurollfähren Melk und Pöchlarn zugeteilt werden, um nach erfolgten Brückensprengungen in Tulln und Krems die Rückführung von Einheiten aus der im nördlichen NÖ. liegenden Garnison Horn auf das südliche Donauufer sicherzustellen. Die übrigen Donaurollfähren zwischen Tulln und Linz sollten ans Südufer gebracht werden, aus dem „Gierseil“ ausgehängt und in Donauarmen möglichst getarnt verankert werden.

Zum Glück überschritten keine sowjetischen Einheiten die österreichische Staatsgrenze und die geplanten bescheidenen militärischen Maßnahmen durch das 1956 gerade in Aufbau befindliche Bundesheer mussten nicht umgesetzt werden! Der Einsatz des Heeres verlagerte sich auf die humanitäre Ebene zur Mithilfe bei der Versorgung und Unterbringung der zehntausenden Flüchtlinge…

Anzumerken ist noch, dass der erforderliche Sprengstoff noch am 05.11.1956 von der Munitionsanstalt Stadl-Paura in OÖ. abgeholt wurde! 1.972 kg und Zündmittel für die Brücken in OÖ. wurden ins Mun-Lager im „Marinewald“ bei Ebelsberg gebracht und in Bunker gelagert. Für den raschen Transport an die Sprengstellen wurden GMC-LKW’s inkl. Fahrer vor Ort bereitgehalten. Die 2.161 kg Sprengstoff und Zündmittel für die niederösterreichischen Brücken kamen in den frühen Morgenstunden des 06.11.1956 in Melk an. Der Sprengstoff verblieb jedoch auf den GMC-LKW’s und diese wurden unter strenger Bewachung vorerst beim ehemaligen Steinbruch in der Nähe der Pielachmündung hinterstellt. Während des Tages fuhren die LKW’s mit der brisanten Fracht weiter ostwärts und verblieben während der gesamten Einsatzdauer am Gelände des Steinbruchs Kienstock des Strombauamtes, die Bewachung erfolgte durch Kaderpersonal.

Soweit eine Zusammenfassung Kapitels „Der Einsatz des HPiB1 am 5. u. 6. November 1956“ aus
Beiträge zur Bezirkskunde Melk – Band 6; „50 Jahre Pioniere in Melk“; Melk 2006, S. 157-167
 

josef

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#9
60 Jahre "Brücke von Andau“

Festakt „60 Jahre Brücke von Andau“

Anlässlich des Jubiläums „60 Jahre Brücke von Andau“ fand am Freitag ein Festakt in der Gemeinde im Seewinkel statt. Vor 60 Jahren, nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands, flüchteten über die damals kleine Holzbrücke zehntausende Menschen nach Österreich.

An der Gedenkveranstaltung anlässlich des Ungarnaufstandes von 1956 nahmen Bundeskanzler Christian Kern, Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil und Altbundespräsident Heinz Fischer, sowie die gesamte burgenländische Landesregierung, politische Vertreter aus Ungarn und einige Zeitzeugen teil.

Niessl: „Hilfsbereitschaft war sehr groß“
Im Zuge des Ungarischen Volksaufstandes kam es ab dem Sommer 1956 zu einer Flüchtingswelle. Mehr als 200.000 Ungarn flüchteten vor der Diktatur in ihrer Heimat in den Westen, allein im Bereich Andau waren es 70.000 Menschen. Im Burgenland kamen sie in Auffanglager, Schulen und privaten Unterkünften unter.

Die Versorgung der Flüchtlinge sei damals eine Herausforderung gewesen, sagt Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) in seiner Rede. „Im Burgenland gab es damals Dörfer, in denen mehr Flüchtlinge untergebracht wurden, als es Einwohner gab. Die Hilfsbereitschaft der Burgenländer war eine sehr große.“

Kern: „Brücke als Symbol für Freiheit“
Tausende Menschen brachten damals Opfer und gefährdeten ihre Existenz, um in Freiheit leben zu können, betonte Bundeskanzler Christian Kern. „Die Ereignisse von 1956 sind ein Beleg dafür, was möglich ist, wenn wir gemeinsam agieren, wenn die Hoffnung auf den guten Willen trifft, wenn der Mut und Träume der Gewalt und politischer Unterdrückung widerstehen. Und das Symbol dafür ist ein Ort im Burgenland, ist die hölzerne Brücke von Andau.“

Am 21. November 1956 wurde die Holzbrücke bei Andau von ungarischen Soldaten gesprengt. 40 Jahre später wurde eine neue Brücke in Zusammenarbeit ungarischer und österreichischer Soldaten errichtet, im September 1996 wurde sie feierlich eröffnet.

Kranzniederlegung zu Beginn
Noch vor dem offiziellen Festakt wurde bei der Brücke über den Einser-Kanal an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe Andau ein Kranz niedergelegt. Militärpfarrer Alexander Wessely nahm die Segnung vor.

Die sogenannte Fluchtstraße wurde besichtigt, der lange Weg zwischen Andau und der Brücke an dem zahlreiche Künstler aus aller Welt mit ihren Skulpturen und Installationen an die Ereignisse vor 60 Jahren erinnern. Anschließend wurde im Andauer Weingut Scheiblhofer der offizielle Festakt abgehalten.
Text u. Bilder: http://burgenland.orf.at/news/stories/2806882/
 

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