Feste Anlagen (FAn) - Allgemein

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N1E7A

Guest
An Varga

Danke für deine Info.

Auch wenn vieles überholt ist sagt es für mich klar aus, dass FAN heute
nur mehr wenig Sinn machen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr Schweizer noch neue Bunker in die Berge grabt und bessere Geschütze einbaut.

Laut dem Dokument sind die Erdüberdeckungen schon damals fraglich gewesen
und moderne Lenkwaffen und Bunkerbuster würden auch die Super Schweizer FAN relativ schnell neutralisieren.

Daher sage ich ja, dass FAN heutzutage relativ sinnlos geworden sind da ich
mir denke, die Schweizer Bunker stammen noch u.a. aus der Zeit des WK II,
und damals war die Sprengkraft der Artillerie und Fliegerbomben eine andere als jetzt.

Und die Österreichischen FAN, welche manche noch schlechter gepanzert waren, wären ebenso weg gewesen.

Will jetzt nicht darüber nachdenken, was gewesen wäre aber ich schätze, bis Ende der 80er Jahre hatten FAN noch einen Sinn.

Würde man heute noch FAN planen und bauen, müssten die mörderischt gepanzert sein, den ein Angriff würde heute nur mehr Fluglenkwaffen mit GPS-Zielerfassung und gewaltiger Sprengkraft unterwegs sein.

Und ich denke, auch der beste und dickste Stahl einer FAN hat bei so einer Rakete keine Chance mehr.
 

josef

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@N1E7A schrieb:
Will jetzt nicht darüber nachdenken, was gewesen wäre aber ich schätze, bis Ende der 80er Jahre hatten FAN noch einen Sinn.
Meiner Meinung nach hätten FAn in bestimmten Geländeabschnitten auch damals keinen Sinn mehr gehabt! So etwa im Bereich der „Brucker- und Wiener Neustädter (Eisenstädter-) Pforten“. Das relativ ebene Gelände in diesen Räumen begünstigte einen Frontalangriff der MotSchützen- und Panzerverbände des angenommenen Aggressors aus dem Osten auf breiter Front! Dazu wäre die absolute Luftüberlegenheit des Angreifers gekommen. Durch Luftlandungen hinter den Verteidigungslinien z.B. auf den Flugplätzen Wiener Neustadt, Vöslau, Schwechat… wären die Sperrtruppen des ÖBH vom Hinterland abgeschnitten und eventuelle länger Widerstand leistende FAn-Gruppen von hinten aufgerollt worden… Ein weiteres Problem des österreichischen „Ostraumes“ stellte die Bundeshauptstadt Wien dar! Die praktisch in Sichtweite der Ostgrenze zur damaligen CZ und H gelegene Großstadt sollte als „offene Stadt“ neutralisiert bzw. vor der Zerstörung bewahrt werden. Zu heftiger Widerstand an den beiden Befestigungslinien hätte als Gegenreaktion sicher zu (Luft-) Angriffen auf die Stadt geführt…

Gewisse Chancen hätte es sicher in den Tälern des alpinen Bereiches gegeben. Die Bewegungsflächen in engen Talschaften hätten keine Entwicklung des Angreifers in die Breite zugelassen, ein Vorwärtskommen wäre nur in der Kolonne möglich gewesen. Durch geschickt die Geländeformationen ausnützende FAn hätten solche Marschkolonnen viel leichter gestoppt/bekämpft werden können, wie ein im Flachland in voller Breite entwickelter Angreifer! Auch die volle Luftüberlegenheit des Eindringlings wäre im Bergland nicht zum Tragen gekommen. Jedenfalls wäre eine Verzögerung bzw. Brechung des „Angriffsschwunges“ möglich gewesen, die Frage ist nur, wie lange, um welchen Preis usw. !

Da könnte man noch lange herumphilosophieren…
- Grundsätzlich Status ÖBH – Mannschaftsstärke, Ausrüstung, fehlende Luftkomponente usw. …
- Thema Wien, Linz, Salzburg… als „offene Städte“…
- Wie lange sollten gewisse Räume gegenüber übermächtigen Feind gehalten werden – Verantwortung unsinniger Opfer/Zerstörung
- Wäre Hilfe gekommen – von der NATO ?
- Sprengung der Donaubrücken und sonstiger Verkehrswege – volkswirtschaftlicher Schaden…
- Versorgungslage Truppe – Bevölkerung
- Zivilschutz
- Einsatz von A-Waffen auf österreichischem Territorium
- und, und, und…

lg
josef
 
Die Verteidigungsstellungen in den beiden Pforten hatten 0-Kampfwert und die dort eingesetzten Soldaten wären schlicht und einfach verheizt worden.

In den Wienerwaldeingängen sah die Situation anders aus, jedoch nach Auswertung von Angriffsplänen - vor allem der Ungarn - hätten sich die Truppen des WAPA nicht lange mit den FAn abgegeben - der Einsatz der Luftstreitkräfte, vor allem aber massiver C-Waffen-Einsatz, teilw. taktische A-Waffen und das Problem wäre nicht mehr bestanden. Teilweise wären auch Spezialeinsatzkräfte gegen FAn angesetzt worden - hierbei war jedoch vor alle Ziel die Aktivierung von Sperren zu verhindern. Die Truppen des WAPA hatten nämlich großen Respekt vor den vorbereiteten Sperren.

Und ja, die NATO wäre natürlich zu Hilfe gekommen - atomare Abriegelung an der Enns-Linie!

In diesem Zusammenhang Buchempfehlung:
Dieter Krüger
Brennender Enzian - Die Operationsplanungen der NATO für Österreich und Norditalien 1951 - 1960
ISBN 978-3-7930-9626-9
 
Das mit der NATO und der Enns-Lienie stimmt nicht ganz!
Die Franzosen hatten die Lechlinie, bis dahin und keine Schritt weiter - und wir Bewohner zwischen Lech und Österr. Landesgrenze hätten die "PLUTON-Raketen" zu spüren bekommen! Die NATO-Richtlinien sahen nicht vor - auf österreichisches Gebiet atomare Waffen einzusetzten - bzw unsere Truppen dorthin in Marsch zu setzten - nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung!!
Mit den FAn wurden auch hauptsächlich die geplanten und bekannten "Durchmarschstraßen" des Warschauer Pakte in gewisse Richtungen gewiesen um österr. Hoheitsgebiet - so weit als möglich - von Kampfhandlungen freizuhalten!
So wurde mit der FAn am Paß Luegg der Zugang zu den Tauern von Salzburg / Golling - gesperrt! Die Straßensperre am Walserberg sollte u.a. auch uns aus dem Berchtesgadener Raum hindern, die Österr. Luftschutzanlagen in Salzburg (wir hatten und haben ja keine) in einer art Massenansturm - abzuwehren!
Genauso wurde durch die Festen Sperren inm Bereich Lofer der Zugang zum Pinzgauer Tal verwehrt.
Man muß sich mal die Aufmarschstraßen des Warschauer Paktes auf der Karte ansehen - dazu die FAn auf österr. und deutscher Seite ansehen - und man kann den eigentlichen Zweck der österr. FAn erkennen!
Ich muß mal im Archiv nachsehen - ob ich die Karten noch finde!

Fan sollten also nicht Bewegungen und Einmärsche verhindern - sondern bewußt hindern für weitere Maßnahmen!

mfg Fred
 
Nichts für Ungut, aber bitte nicht als Deutscher glauben über die österreichische Raumverteidigung besser Bescheid zu wissen als ein Österreicher.

1. Lt. oben erwähnten Buch (und der Übungsanlage einer Übung der Franzosen aus den späten 80 er-Jahren) lagen die Ziele für die Atomwaffen der NATO sogar noch ostwärts der Enns.

2. Die FAn im Bereich Paß Lueg zB (aber auch im Rm Klaus, weil es in einem anderem thread um diesen Raum geht) dienten dazu den Zentralraum (als Restösterreich im Zuge einer feindlichen Invasion) zu behaupten - sei es gegen NATO oder WAPA-Kräfte - und nicht dazu irgendjemand irgendwo hinzulenken.

3. Die Anlagen am Walserberg und anderen Grenzübergangstellen zur BRD waren aus neutralitätspolitsichen Gründen notwendig - die Sowjets haben mehrmals die geringe Anzahl der gegen die NATO gerichteten Anlagen kritisiert.

4. Die Anlagen in den SZ33, 34, 41 und vor allem 35 aber auch 62 um auch eine gegen die NATO-Bedrohung gerichtet SZ zu erwähnen, dienten sehr wohl dazu den Feind zum Stehen zu bekommen (oder in der Fachsprache: zu verteidigen ("Verteidigung ist eine Einsatzart mit dem Zweck in einem festgelegten Raum Feindangriffe abzuwehren und dabei möglichst starke Feindteile zu vernichten") und nicht dazu ihn umzuleiten. (Außer man sieht es großräumiger: Die Verteidigungsvorbereitungen zielten letztendlich dahin gehend ab, dass der WAPA österr. Hoheitsgebiet überhaupt ausspart) - "Der Igel ist ein stachelig Tier, rühr ihn nicht an, rate ich dir!"
 
N

N1E7A

Guest
Fan

Nana, bitte nicht gleich auf die "Deutschen" losgehen.

Das ist ein bissi net gut ;-) vetragst euch bitte.

Zurück zum Thema.

Ich denke der grund, warum man nicht massive budgetmittel ausgegeben hat war wahrscheinlich die Überlegung, dass es im ernstfall sowieso keinen Sinn macht.

Ich denke auch, dass die östlichen verteidigungslinien sofort überollt worden wären, mit Luftlandetruppen von hinten sozusagen neutralisert worden wären.

Eine massive Luftunterstützung hätte mit C-Waffen und Brandbomben (Napalm) die FAN von oben bekämpft und sofort die Goldhaube zerbombt.

Die NATO hätte mit taktischen Nuklearwaffen dicht gemacht, da wären die FAN gleich mit weggewesen.

FAZIT: Der Durchmarsch wäre halt statt Tage nur Stunden zu verhindern gewesen. Und dafür massig Geld zu verbauen und 100.000 Menschen zu opfern?

Es war für mich eher Plazebo für Politik und Volk. genützt hätte es wenig.

Und wenn Österreich den Alpenraum wie die Schweiz um sündteueres Geld mit wirklich wirksamen Bunkern gesichert hätte, wäre ein Durchmrasch halt ein Tag länger zu verhindern gewesen.
Auch die Schweiz wäre bei einem massiven Angriff genauso mit der Zeit in die Knie zu zwingen gewesen, es hätte halt nur eine zeit gedauert und viel Material und Menschen benötigt.
Aber ich denke, die NATO oder WAPA hätten das Potential gehabt, aber nicht den Willen.

Die politische Debatte hätte aber zu Tage bringen müssen, dass die Ostösterreicher ungeschützt gewesen wären während die Bergösterreicher (Achtung Ironie: Nicht die Bergdeutschen ;-)) im Westen einen schweizerischen Schutz a la Reduit gehabt hätten.

Ich glaube daher, dass man in der Fläche einen minimalen Grundschutz gemacht hat anstatt wirklich massiv zu investieren.

Im Ernstfall hätte es halt für mehrere Tage gereicht und nicht für Stunden.

Das ist meine Einschätzung.

Jetzt könnt ihr über mich herfallen ;-))

Und Ja, ich war Ende der 80er beim Bundesheer in der Landwehr.
 
Interessant Deine Meining zum Walserberg - aber warum haben wir immer am gleichen Grenzübergang ins benachbarte Ausland und ganz speziell nach Österreich auch vorbereitete Straßensperren eingerichtet - wahrscheinlich um außer den Warschauer Pakt Staaten auch ... abzuweisen ? Als Soldat der Bundeswehr im Zeitraum des "Kalten Krieges" (ich 1966-1974) wurden wir immer wieder in diese Sperranlagen eingewiesen - und es wird derzeit über diesen Zeitraum der FAn auf österreichischer Seite und der vorbereiteten Straßensperren auf Bayrisch-Deutscher Seite zusammen mit Fachleuten aus Österreich/Salzburg und Bayern - eine ausführliche Dokumentation erarbeitet!

mfg Fred
 
@FredR: tut mir leid, aber die Antwort verstehe ich nicht ganz.
Dass die BW vorbereitete Sperren errichtet hat, ist ja nachvollziehbar - man hat den Österreichern nicht zugetraut die WAPA-Kräfte tatsächlich aufzuhalten.
 
ich bin auch der Meinung, dass man jede Zone anders betrachten muß.

zB bei uns in Tirol:
Die Bunker im Unterinntal bzw. Raum Kufstein wären sicher kein (großes) Hindernis für die Deutschen bzw. die Nato gewesen, während die Anlagen (FAn und Sperren) gegen Italien am Brenner und am Reschenpass, aber auch jene gegen Deutschland über den Fernpaß, bei Scharnitz oder beim Achensee sowie die Sperren im Arlbergtunnel alleine aufgrund der dortigen Geländeverhältnisse den Einmarsch/Durchmarsch größerer Truppenteile - meiner Meinung nach - sehr wohl empfindlich verzögern hätten können. Und das war ja auch der Zweck der oben erwähnten Anlagen.

erstaunlich finde ich immer wieder, dass man in den (im Verhältnis zu Ostösterreich) weit weniger bedrohten 6er Zonen doch auch derartig viele Bunker und auch technisch sehr aufwändige und anspruchsvolle Anlagen (Brenner) gebaut bzw. in den Berg getrieben hat.


@Fred: bitte um Info hier im Forum wenn diese Dokumentation fertig ist und wo sie zugänglich ist. Danke
 
Das blieb vom Kalten Krieg

Herzliches Grüß Gott an Alle!

Dieser Artikel aus der deutschen Zeitschrift 'die Zeit' ist zwar schon etwas älter, gefällt mir aber so sehr das ich mich nach kurzer Rücksprache mit Josef dazu entschlossen habe ihn trotzem hier einzustellen.

Viel Spass beim Lesen!

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Das blieb vom Kalten Krieg

Immer wieder sind Wanderer an ihr vorbeigekommen. An der unscheinbaren Hütte auf der Spandl-Alm im Salzburger Lungau. Zwei Tische mit Holzbänken vor der Veranda luden zur Rast nach dem Aufstieg vom Tauernpass. Auf einer schwarzen Tafel versprach der Wirt dem Gast Käse, Most und Brot aus eigener Erzeugung. Doch ein Schild machte jede Hoffnung zunichte: »Heute Ruhetag«. Was die Wanderer nicht wussten: Diese Raststation hatte immer Ruhetag. Hinter der versperrten Holztür herrschte auch keine alpine Gemütlichkeit in der Gaststube. Hier lagerten Waffen in einem geheimen Bunker: Maschinenpistolen, Scharfschützengewehre, Granatwerfer, Panzerabwehrrohre. Ein Geschütz stand bereit, das Tal in sein Visier zu nehmen.

Bis 1995 gab es in ganz Österreich, auf Bergen und in Wäldern versteckt, insgesamt 550 solcher Militärdepots. Das waren die Sperranlagen des österreichischen Bundesheeres, die das Land in eine Festung verwandeln sollten. Heute sind davon noch rund 90 erhalten. Überreste aus der Zeit des Kalten Krieges, in dem der neutrale Kleinstaat von Nato-Truppen und den Armeen des Warschauer Pakts umzingelt war. Für die Militärplaner war es damals nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer bewaffneten Konfrontation auf österreichischen Boden kommen würde. In den Sperranlagen sollten sich die Soldaten verschanzen und die Festung Austria verteidigen – eine Zeit lang zumindest. Die Schanzarbeiten waren streng geheim, nur die Staatsspitze war eingeweiht. Das Bundesheer hatte das Gelände rund um die jeweiligen Trutzstellungen für 99 Jahre gepachtet. Die Grundbesitzer ließ man im Ungewissen.

Das größte Sperrfort befand sich am Wurzenpass in Kärnten: insgesamt sieben Bunker, befestigte, teilweise unterirdische Laufgräben, Flugabwehrstellungen, Lazarett und Stromaggregate. Nach einem der alten Operationspläne hätten über diesen Alpenübergang etwa ungarische Truppen in das italienische Kanaltal vordringen sollen, wie auch eine historische Studie der ETH Zürich belegt.

Und hier hätte Andreas Scherer auf die Eindringlinge gewartet. Der 41-jährige Kärntner war bis 1994 Kommandant der Sperrkompanie Wurzen 73. Sein Arbeitsplatz war zwei Kilometer von der slowenischen Grenze entfernt. In dem weitläufigen Stollensystem konnten sich die 250 Männer der Besatzung wie blind bewegen. »Der Sperrwert unserer Anlage war sehr hoch«, sagt Scherer stolz. Sieben Jahre lang bereitete er sich auf den Ernstfall vor. Er war davon überzeugt, mit seinen Soldaten einen Angreifer aufhalten zu können. Zunächst hätten die Verteidiger die Straße mit Stecksperren, die durch den Asphalt tief in das Erdreich eingelassen worden wären, blockiert. Anschließend hätten sie das feindliche Räumkommando unter Feuer genommen und die Hänge links und rechts der Fahrbahn abgesprengt. Die Felstrümmer sollten die vordringenden Kolonnen unter sich begraben. Dann erst wären die Panzerabwehrkanonen zum Einsatz gekommen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch als Hütten getarnt waren. Es hätte kein Entrinnen aus diesem alpinen killing field gegeben. »Wir haben alle an das Konzept geglaubt«, sagt Scherer.

Ein Paralleluniversum aus Stahlbeton und Munitionsschächten

Solche Abwehrgefechte standen im Zentrum der Raumverteidigungsstrategie, die der damalige Armeekommandant Emil Spannocchi von 1970 an entwickelte. Ziel dieser »Spannocchi-Doktrin« war es, einen Aggressor nicht in einer offenen Feldschlacht besiegen zu wollen (was ja angesichts der Kräfteverhältnisse eine Illusion gewesen wäre), sondern ihn in zahllosen Scharmützeln an Sperrstellungen und durch Sprengungen derart zu zermürben, dass er ein mögliches Vorrücken auf österreichisches Territorium als zu verlustreich erachten musste. Dafür errichtete das Bundesheer ein militärisches Paralleluniversum, das weitaus mehr zu bieten hatte als getarnte Panzerkanonen und Bunker. So war das Autobahnnetz bis 1995 mit etwa 150 Sprengschächten ausgestattet. Der Ernstfall wurde alle zwei Jahre geübt. Der entsprechende Autobahnabschnitt wurde als Baustelle getarnt. Soldaten holten den Sprengstoff aus den Depots und stopften ihn in die Schächte unter der Fahrbahn. Fünf Meter von dem Manöver entfernt floss der Verkehr indes ungerührt auf der baustellenverengten Autobahn weiter.

Auch die Bahn war in die Verteidigungsvorbereitungen einbezogen. Die ÖBB musste 150 Dampflokomotiven in Schuss halten. Sie wären bei kriegsbedingtem Stromausfall zum Einsatz gekommen, um Nachschub und Truppentransporte zu sichern. Außerdem sollten sie mit Beton gefüllte Güterwaggons in Tunnels schleppen, denen dort die Achsen weggesprengt worden wären, um eine Durchfahrt zu blockieren.

Sogar eine Ersatzflugpiste war für den Kriegsfall in der Steiermark geplant worden. Im Bereich des Fliegerhorsts Zeltweg verläuft die Murtal-Schnellstraße zwei Kilometer lang kerzengerade, besitzt keine Grünstreifen zwischen den Richtungsfahrbahnen, und jede Brückenquerung fehlt. Im Ernstfall hätten hier die österreichischen Geschwader zu ihrem vermutlich letzten Einsatz starten sollen.

Das Rückgrat der Raumverteidigung bildeten jedoch die geheimen Sperranlagen. 700 Geheimbunker: Unter Holzhütten lauert der Tod betitelte der Kurier, ausgerechnet am 1. April des Jahres 1984, eine Reportage über den Besuch in einer der Stellungen, die im Bundesheer-Jargon »Fanigel« hießen: »Feste Anlage Igel«. Der tiefere Sinn des Codes wurde auch den Rekruten eingetrichtert: »Der Igel ist ein stachlig’ Tier. / Rühr ihn nicht an, das rat ich dir!«, dichteten damals die Poeten in Uniform.

Die Geheimhaltung von »Österreichs bestgehütetem Militärgeheimnis« (Kurier) war in dem neutralen Spionageparadies freilich relativ – und das mit voller Absicht. »Um Respekt zu erlangen, musste man schon die eine oder andere Verteidigungsmaßnahme durchsickern lassen«, meint Bunkerkommandant Andreas Scherer heute. Die österreichische Raumverteidigung war wohl die kleine Schwester des Gleichgewichts des Schreckens der Großen. Viele Jahre später machte Scherer bei einem UN-Einsatz sogar die Bekanntschaft jenes ungarischen Geheimdienstlers, der einst seine Stellung sorgfältig ausgekundschaftet hatte.

Die Bunker waren an allen strategisch wichtigen Durchmarschpunkten zu finden; am Pyhrnpass und am Tauernpass, von Wörgl bis Kufstein, im Mühlviertel und auf der weststeirischen Pack. Im Umkreis von 50 Metern um jede einsatzbereite Bunkeranlage wurden zur Tarnung Scheunen und Hütten errichtet und diese Scheinstellungen mit Panzerkuppelattrappen aus Plastik bewaffnet. Als dann im Lauf der Jahre Wärmebildkameras zum Standard der Spionage gehörten, musste auch das Bundesheer nachrüsten. In sämtliche Tarnstellungen wurden elektrische Heizungen eingebaut.

Wenn aus Almhütten Bunker werden, liegt die Überlegung nahe, das Bundesheer habe noch andere Überraschungen in seinem Arsenal bereitgehalten. Wie sah es aus mit Brücken, Staudämmen und Kraftwerken? Waren sie zur Sprengung vorgesehen? Eine Flutwelle hätte feindliche Truppen aufhalten können – und Tausende Zivilisten getötet. »Über Sprengungspläne war ich damals nicht informiert«, sagt Walter Fremuth. Von 1983 bis 1991 war er Chef des Verbunds, des Betreibers der Kraftwerke. »Ich hätte einer Sprengung nie zugestimmt.« Bloß: Das Bundesheer hätte ihn wohl auch nie über seine Pläne in Kenntnis gesetzt. »Zu gefährlich, wir wollen die Frage der Sprengung von Laufkraftwerken und Speicherkraftwerken nicht kommentieren«, sagt noch heute ein Sprecher der Verbundgesellschaft, der anonym bleiben will. Zu groß ist die Angst, Terroristen könnten auf falsche Ideen gebracht werden. Noch immer unterliegt das heikle Thema militärischer Geheimhaltung. Hatte das Heer damals tatsächlich geplant, kleine Katastrophen auszulösen? »Krieg ist ein furchtbarer Zustand. Da werden auch schon einmal sehr schlimme Mittel eingesetzt«, philosophiert Scherer kryptisch.

Der Kanzler flieht mit einer geheimen U-Bahn, Wien wird offene Stadt

Wenn es hätte sein müssen, wären sogar ganze Städte geopfert worden. Zum Beispiel Wien. Die Hauptstadt war in der Raumverteidigung gar nicht vorgesehen. Zu flach und zu einsichtig sei das Terrain. »Die offene Feldschlacht im Marchfeld wäre eine Katastrophe und das Ende für das Bundesheer gewesen«, sagt Generalmajor Christian Segur-Cabanac. Seit 1993 ist der Spross einer alten Offiziersdynastie zuständig für alle Einsätze des Bundesheeres im In- und Ausland. So ganz will er Wien aber aus dem Verteidigungsplan nicht ausgespart wissen. Er spricht von »vertikaler Evakuierung«. Demnach hätten die Bewohner während der Gefechte in Schutzbunker flüchten sollen, von denen es jedoch nie genug gab. Im schlimmsten Fall hätte man Wien zu einer »offenen Stadt« erklärt, meint Segur-Cabanac. Übersetzt bedeutet das: Kapitulation.

Für die Bundesregierung gab es im Ernstfall ein Spezialprogramm. Bundeskanzler und Bundespräsident wären über eine U-Bahn-Station unter dem Ballhausplatz, die bis heute besteht (aber so geheim ist, dass erst kürzlich dem ORF eine Drehgenehmigung verweigert wurde), auf einer Abzweigung der Linie U1 evakuiert und zum Regierungsbunker unter dem Heukareck bei St. Johann im Pongau eskortiert worden. Heute entsteht dort ein Backupsystem für die Fahndungscomputer der Schengen-Staaten.

Die Bunker, Sperranlagen und die eingegrabenen Panzergeschütztürme gehören der Vergangenheit an. Die meisten wurden ebenso diskret wieder abgerüstet, wie sie errichtet worden waren. Einige der Befestigungen aus durchschnittlich 165 Kubikmeter Stahlbeton fanden einen friedfertigen Verwendungszweck. Die neuen Besitzer lagern dort Erdäpfel oder züchten Champignons, andere haben sich in ihrem Igel-Loch einen Hobbyraum oder Partykeller eingerichtet. Die letzten Bunker, die das Bundesheer noch besitzt, sollen demnächst verkauft werden. Für rund 17000 Euro kann jeder ein bisschen Kalten Krieg nach österreichischer Art genießen.

Bunkerkommandant Scherer dient heute als Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit weiter dem Bundesheer. Seine Sperranlage konnte er nie vergessen. Er hat sie gekauft, liebevoll restauriert und vor drei Jahren in dem Grenzwald sein eigenes, privates Bunkermuseum errichtet. Dort verkauft der Leonidas vom Wurzenpass auch Souvenirs. Einen speziellen »Bunkerwein« etwa: einen trockenen Blaufränkischen aus Neckenmarkt, der in einen Behälter in Form einer Granathülse abgefüllt ist.


# Von Gerd Millmann
# Datum 8.8.2008 - 09:50 Uhr
# Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
# link: http://www.zeit.de/2008/33/Spurensuche?page=3.
 

josef

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Anmerkungen zum Artikel in "Die Zeit"

Michael :danke für die Einstellung des Artikels!

Bei einigen Abschnitten ist mit dem Autor wohl die "journalistische Freiheit" durchgegangen bzw. war er mit den örtlichen Gegebenheiten nicht so vertraut!

Es stimmt, dass die ungarische Armee auf einen Durchstoß ins italienische Kanaltal angesetzt war. Aber die Anlagen am Wurzen waren primär zur Abwehr eines Einfalls der ex Jugo-Armee ins Drautal über den Wurzenpass (wie auch am Loiblpass usw.) gedacht! Der Weg ins Kanaltal ist in der Talfurche über Thörl-Maglern nach Tarviso sicher einfacher als über die Berge... Sicher wäre es zu einer Umgehung der italienischen Grenzstellungen über jugoslawisches Gebiet gekommen, aber der Hauptstoß wäre sicher über die "Direttissima" erfolgt!

Nun zur Sprengung von Stauanlagen der Kraftwerke mit tausenden Ziviltoten:
Glaube kaum, dass dafür jemand die Verantwortung übernommen hätte! Natürlich gab es Pläne, soweit mir bekannt, durch gezieltes Absenken der gestauten Wassermassen aus Stauräumen der Donaukraftwerke, Flutwellen zu erzeugen. Dadurch sollte ein Übersetzen vom Nord- zum Südufer mittels Fähren und Booten erschwert bzw. der Bau von Kriegsbrücken verzögert werden. Auch kontrollierte Überschwemmungen der ausgedehnten Aulandschaften des Tullnerfeldes (Kraftwerk Altenwörth) waren vorgesehen. Diese Maßnahmen sollten aber nicht durch Sprengungen, sondern durch Öffnung der Wehrfelder und Schleusen, erfolgen!

lg
josef
 
Eine Frage Josef:

Ich hab das glaub ich auch schon einmal gefragt:
Wieviel Schuß 10,5cm waren in den FAn (pro Turm) gelagert?
Waren überhaupt welche dort gelagert?
Oder wurden die erst in einem Mob-Fall dort eingelagert?

Erstens halten die ja auch nicht ewig und zweitens hat sich auch in der Technik (-> Pfeilgeschoße) ja was getan.
Hat man die immer wieder ausgetauscht oder wie kann man sich das vorstellen.
Vielleicht hast du ja ein paar Antworten.

Fals es hier nicht hereinpasst bitte in den FAN treat verschiben.

Danke erstmal
 

josef

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Mun-Ausstattung

Ich hab das glaub ich auch schon einmal gefragt:
Wieviel Schuß 10,5cm waren in den FAn (pro Turm) gelagert?
Waren überhaupt welche dort gelagert?
Oder wurden die erst in einem Mob-Fall dort eingelagert?

Erstens halten die ja auch nicht ewig und zweitens hat sich auch in der Technik (-> Pfeilgeschoße) ja was getan.
Hat man die immer wieder ausgetauscht oder wie kann man sich das vorstellen.
Genau, du hast schon mal gefragt -> siehe Beitrag #74, dazu Antwort von @Tom69 -> Beitrag #75 und von @Charioteer -> Beitrag #86. Da ging es nur um die Stückzahl. Vielleicht können die "Experten" auch etwas über den "Pfeil" und Austausch der Mun. (Haltbarkeit ?) sagen?

lg
josef
 
Eine Frage Josef:

Erstens halten die ja auch nicht ewig und zweitens hat sich auch in der Technik (-> Pfeilgeschoße) ja was getan.
Hat man die immer wieder ausgetauscht oder wie kann man sich das vorstellen.
Betreffend Munition der damaligen Standardkanonen 10,5cm M68 bzw. L7A1 FAn, gab es im Oktober 1985 am TÜPl Ramsau ein Demoschießen mit einem KPz Centurion (und einem JaPz K- im Foto unten rechts ein wenig zu erkennen). Grund war die Einführung einer österreichischen Pfeilmunition (VOEST Pfeil NP105 A2) für die oben genannten FAn- bzw. KPz M60A3 Kanonen.
Beim diesem Schießen wurde das österreichische Dreifachziel einwandfrei durchschlagen, ein ausgemusterter KPz M47 wurde ebenfalls beschossen und brannte vollständig aus. Das österreichische Pfeilgeschoss war allen ausländischen Produkten eindeutig überlegen. Die Munition wurde 1986 beschafft.
 

Anhänge

josef

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Objekte Raum Salzburg-Walserberg

hier einige Bilder von der ehemaligen FAN? Walserberg und was jetzt noch vorhanden ist
Bin mir nicht sicher, ob dort eine FAn war...? Vielleicht können "örtliche Insider" wie @Fred Romminger usw. dazu genaueres sagen?

Nehme an, das Foto 1. ist am Beginn der Walddurchfahrt B1 in Richtung ehemaligen Bundesstraßen-Grenzübergang. Links, vor der Hecke Abzweigung nach Käferheim, Richtung Badeseen u. Saalach? Vor 43 Jahren kannte ich mich dort besser aus :)

lg
josef
 
Hallo Josef,

das erste Bild ist, wenn Du von der Bayrischen Grenze kommend, Richtung A1 fährst.
Ich war mit der Kamera und 18 - 200 er Objektiv bei der Aufnahme neben dem Gelben Geländer auf der Rampe zum Grenzübergang.
Auf der anderen, soweit ich mich noch erinnern kann mal Panzerigel (Tschechenigel).
Für was der Bunker verwendet wurde, ist mir nicht bekannt (ist auch in Geocaching.com gelistet). :):lesen:
Es soll angeblich auch einen aufgelassenen Bunker unter dem A1 Grenzübergang geben?

LG. Patrizia
 
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