Ist das langsame Sterben von Dörfern abseits der "Speckgürtel" von Städten und entlang der "Boomzonen" von Hauptverkehrsachsen noch aufzuhalten?

josef

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#1
Neuer Film haucht Dörfern Leben ein

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Mehr als 40 Prozent aller Kleingemeinden in Österreich haben mit Abwanderung zu kämpfen. „Rettet das Dorf“ heißt der aktuelle Dokumentarfilm von Teresa Distelberger aus Herzogenburg (Bezirk St. Pölten), der ab Freitag in den Kinos gezeigt wird. Er zeigt Initiativen und Ideen, wie Dörfer wieder mit neuem Leben erfüllt werden können.
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Sehr viele kleine Gemeinden verfügen weder über Postämter noch über Polizeiposten, Kaufhaus, Schulen, Arztpraxen oder Apotheken. Selbst Wirtshäuser, Tankstellen oder einfach nur Bankomaten sind oft schwer in bestimmten Regionen zu finden. Im Film „Rettet das Dorf“ spricht eine Salzburger Lebensmittelhändlerin aus, was durchaus für das Waldviertel oder Teile des Weinviertels die gleiche Gültigkeit besitzt. „Vor 35 Jahren, als ich begonnen habe, gab es im Lungau noch 26 kleine Nahversorger im Lungau. Mittlerweile sind wir auf zwei Nahversorger geschrumpft. Wenn einmal zugesperrt ist, dann ist das Geschäft für das Dorf zumeist verloren.“

Dass sich immer mehr Niederösterreicher und Niederösterreicherinnen im Umkreis von Ballungsräumen ansiedeln, hat erst kürzlich die Arbeiterkammer in ihrer aktuellen Pendleranalyse verdeutlicht. Landflucht, heißt es dazu im Film, sei alles andere als ein neues Phänomen: „Und doch scheint es in einigen Regionen fünf vor zwölf zu sein, Geisterdörfer wie im Friaul in Oberitalien gibt es in Österreich zwar noch nicht. Doch die Tendenzen gehen in diese Richtung“. Der Film hätte nicht diesen Titel, wenn nicht Distelberger bald auf die positiven Ansätze eingehen würde, die für attraktivere Gemeinden sorgen würden, wie dies beispielsweise in Gutenstein (Bezirk Wiener Neustadt) der Fall ist.

Einer Initiative folgt oft die nächste umgesetzte Idee
Die Jungunternehmerin Theresa Steininger ist mit ihrer Firma „Wohnwagon“ von Wien nach Gutenstein übersiedelt, nachdem sie 90 Gemeinden angeschrieben hat. Gutenstein habe sie mit offenen Armen empfangen und so habe man Gutenstein „entdeckt“, sagt sie im Film. Aus dieser Initiative sind weitere Projekte entstanden. So wird derzeit das leerstehende Wirtshaus wiederbelebt und Platz geschaffen für weitere Start-Up-Unternehmen.
Solche „Mutmach-Initiativen“ können viel bewegen in einem Ort, erklärte die Regisseurin des Films „Rettet das Dorf“, Teresa Distelberger bei der Vorpremiere in Krems an der Donau gegenüber dem ORF Niederösterreich: „Man glaubt immer, es müssen alle mitmachen und mithelfen. Das stimmt gar nicht. Es braucht zwei oder drei Personen, die wirklich brennen für eine Sache und die bereit sind, mehr zu geben als sie geben müssten und die dann andere auch mit anstecken. Das ist der Punkt, der Mut macht, weil sich jeder fragen kann: Bin ich vielleicht einer dieser zwei, drei Menschen, die in meinem Ort etwas bewegen wollen, die eine Idee im Kopf brodeln haben, die für neuen Schwung im Ort sorgen könnte.“

NGF
Verlassene Orte könnten durch Ideen mit neuem Leben erfüllt werden

Forstner: Schwer ist es, das Feuer am Brennen zu halten
Bei der Vorpremiere im Kino im Kesselhaus in Krems stellten sich vor der Präsentation des Filmes weitere regionale Initiativen vor, die im Film nicht vorkommen. So wird es auch bei den folgenden Premieren in Österreich gehandhabt. In Krems stellte Manuela Hirzberger die Foodcoop Langenlois vor, ein Verein der regionale Bio-Lebensmittelerzeuger und Konsumenten auf kürzestem Weg zusammenführt. Johann Müllner ist der Obmann der Initiative „Mit euch – für euch“ im Kamptal (Bezirk Krems). Sie bietet kostenlose Fahrdienste an für Wege ins Krankenhaus, zum Arzt, zur Apotheke, zum Supermarkt oder einfach nur zur Parkbank am Waldrand. Die zweite Schiene ist nämlich ein Besuchsdienst, den die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder aufgebaut haben. Gefördert wird das Projekt aus EU-Mitteln.

Viele Ideen sind schnell geboren, vielleicht mühsam in der Umsetzung, aber das Schwierigste, sagt Maria Forstner, die Obfrau der niederösterreichischen Dorf- und Stadterneuerung, sei es, die Idee über viele Jahre zu erhalten: „Wir wissen aus Studien, dass viele gerne an Projekten mitwirken möchten, die sich über ein bis zwei Jahre erstrecken, wo es einen klaren Zeithorizont gibt. Am Schwierigsten ist es Mitarbeiter zu bekommen, die über einen langen Zeitraum mitmachen wollen“.

Gerade da setzt der Film am richtigen Hebel an. Er präsentiert Ideen, die auf lange Dauer angelegt sind und nachhaltig wirken, wie beispielsweise der Umbau einer alten Dorfschule zu einem Ärztezentrum in St. Leonhard am Hornerwald (Bezirk Krems). Den Anstoß dazu gab die Jungärztin Heidelinde Schuberth, die hier eine Landarztpraxis eröffnen wollte. Der Film „Rettet das Dorf“ macht Mut. Er zeigt innovative Ansätze aus ganz Österreich und erzählt von Menschen, die sich für ihr Dorf einsetzen. Ab kommenden Freitag ist der Film in den Kinos.
28.02.2020, Hannes Steindl, noe.ORF.at

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#2
Landflucht: Ist das Dorf noch zu retten?
Die Landflucht macht Dörfern zu schaffen. Auch Entwicklungen auf der grünen Wiese tragen ihren Teil dazu bei, sagt die Filmemacherin Teresa Distelberger
Für ihren neuen Kinofilm "Rettet das Dorf" hat Teresa Distelberger Menschen in ganz Österreich besucht, die das Dorf noch nicht aufgegeben haben. Im Interview erzählt sie von ihren Erkenntnissen.
STANDARD: Was macht ein Dorf aus?
Distelberger: Menschen, die es mitgestalten wollen und können – etwa eine Landärztin, die eine Praxis aufrechterhalten will, oder Menschen, die im Dorf unternehmerisch tätig sind. Außerdem braucht es eine Schule, Nahversorgung, ein Wirtshaus und eine Politik, die einen guten Bezug hat zu dem Raum, für den sie Entscheidungen trifft.
STANDARD: Warum wollen die Leute weg?
Distelberger: Der häufigste Grund ist das Fehlen von beruflichen Möglichkeiten oder einer Ausbildung. Gerade junge Leute gehen nach der Schule deshalb oft in die Stadt, das ist ja auch gut und wichtig so. Danach stellt sich die Frage, ob es in ihrem Heimatort Möglichkeiten für sie gibt, ihr Leben zu gestalten.

Der Film "Rettet das Dorf" von Teresa Distelberger ist ab 28. Februar im Kino zu sehen. Darin werden zentrale Personen gezeigt, die in einem Dorf "zur Lebendigkeit beitragen", sagt Distelberger – etwa eine Lehrerin, eine Nahversorgerin, eine Ärztin und ein Unternehmer.
Foto: NGF

STANDARD: Was macht ein Dorf attraktiv?
Distelberger: Oft ist es die Natur, dass es auf dem Land mehr Raum gibt, sich zu entwickeln.
STANDARD: Wie fühlen sich die, die zurückbleiben?
Distelberger: Das ist ganz unterschiedlich und kommt ganz auf die Lebenshaltung an. Manche resignieren, fühlen sich machtlos und zurückgelassen. Andere antworten mit Kreativität und neuen Ideen. In der Stanz im Mürztal, die auch im Film vorkommt, wurde ein Elektrotaxiverein gegründet. 40 Leute wechseln sich ab, jeder fährt einen Tag lang mit dem Auto durch das Tal. Dadurch können ältere Menschen zum Arzt fahren oder ins Kaffeehaus.
STANDARD: Gibt es überall dieselben Probleme?
Distelberger: Nein, jedes Dorf ist individuell. Orte in der Nähe einer Stadt haben meist starken Zuzug. Dennoch sind sie tagsüber oft wie ausgestorben, weil die Menschen woanders arbeiten. Das sind sogenannte Schlafdörfer. Tourismusdörfer haben hingegen das Problem, dass die Jungen nicht im Ort bleiben können, weil die Immobilienpreise durch internationale Spekulationen und Zweitwohnsitze so hoch sind. Und dann gibt es jene Dörfer ohne Tourismus, die weiter weg von der nächsten größeren Stadt liegen, etwa im Waldviertel oder im Südburgenland. Da gibt es größere Probleme in Bezug auf Abwanderung, Überalterung, niedrige Geburtenraten und mangelnde Arbeitsplätze.


"Blinde Auslagen und bröckelnde Fassaden machen einen trostlosen Eindruck, das wirkt sich auf das Selbstbewusstsein der Menschen im Ort aus."
Foto: NGF

STANDARD: Wie tragen der Leerstand im Zentrum und die Verlagerungen auf die grüne Wiese zum Dorfsterben bei?
Distelberger: Sehr. Blinde Auslagen und bröckelnde Fassaden machen einen trostlosen Eindruck, das wirkt sich auch auf das Selbstbewusstsein der Menschen im Ort aus.
STANDARD: Welche Rolle spielt Wohnraum?
Distelberger: Auf dem Land gibt es oft das Problem, dass junge Menschen bei den Eltern ausziehen wollen, aber keinen passenden Wohnraum finden. Dann fällt es gleich noch leichter, in die Stadt zu gehen.
STANDARD: In Ihrem Film ist die Rede von einem Wettbewerb um jene, die aus der Stadt zurück aufs Land ziehen. Sind sie überall willkommen?

Regisseurin Teresa Distelberger hat für ihren Film zahlreiche Dörfer besucht.
Foto: NGF

Distelberger: Nein, das glaube ich nicht. Es ist ein ziemlich neuer Zugang, das so als Wettbewerb zu denken. Viele Gemeinden haben noch nicht erkannt, dass es wichtig ist, sich für die zu öffnen, die aus der Stadt kommen. Es gibt immer noch den Glauben, dass diejenigen das Dorf erhalten können, die dort aufgewachsen sind. Zuzügler werden dorthin ziehen, wo es Initiativen gibt, Nahversorgung ebenso wie Lösungsansätze für Probleme. Und natürlich dorthin, wo sie sich willkommen fühlen. Also wo es Neuen gegenüber ein Wohlwollen gibt. Diese Offenheit ist eine Sache, die jeder mitgestalten kann.
STANDARD: Gibt es neue Chancen durch die Digitalisierung?
Distelberger: Ja, aber ich glaube, da stehen wir noch am Beginn. Im Zuge des Films hat sich der Chef einer Wiener IT-Firma bei mir gemeldet und mir erzählt, dass ein Programmierer für ihn arbeitet, der aber im Waldviertel sitzt. So kann er weiter bei der freiwilligen Feuerwehr sein und Teil seines Dorflebens bleiben. Fernarbeitsplätze machen so etwas möglich. Generell ist wichtig, es nicht als Entweder-oder zu denken. Denn es wird immer häufiger vorkommen, dass Menschen in der Stadt und auf dem Land gleichzeitig leben.
(Bernadette Redl, 29.2.2020)

Teresa Distelberger ist Filmemacherin, Regisseurin und Kunstschaffende.

Weiterlesen
Dokumentarfilm "Rettet das Dorf": Lösungen für die Landflucht
Mit "Ausheimischen" gegen die Landflucht
Der Donut-Effekt frisst die Ortskerne leer

Das Globalkolorit der toten Orte

Landflucht: Ist das Dorf noch zu retten? - derStandard.at
 

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#3
Landflucht: Kreative Ideen für Dörfer gesucht
Die Dörfer sterben aus. Um das zu verhindern, braucht es engagierte Menschen und kreative Ideen. Das flexible Arbeiten könnte helfen

Das Problem der Landflucht gibt es nicht nur in Österreich, auch Deutschland ist betroffen.
Foto: Getty Images/iStockphoto
Es ist ein Phänomen, das es nicht nur in Österreich gibt: Die Jungen gehen zum Studieren oder für erste Jobs in die Stadt – und bleiben dort. Zumindest bis sie eine Familie gründen. Dann zieht es sie wieder hinaus ins Grüne. Allerdings eher ins Einfamilienhaus im Speckgürtel als in die nicht nur geografisch oft weit entfernte Heimatgemeinde.

So sterben Dörfer aus. Viele ländliche Gegenden – das Waldviertel zum Beispiel – haben mit Schrumpfung zu kämpfen. Die, die zurückbleiben, fühlen sich alleingelassen. Dabei müssten sie kreativ werden. Das könnte sich auszahlen, wie die Filmemacherin Teresa Distelberger in ihrem neuen Kinofilm "Rettet das Dorf" zeigt. Das Ermutigende: Einige wenige, die sich im Dorf engagieren, können einen echten Unterschied für alle machen.

Die grüßen ja nicht einmal
Dafür ist es aber notwendig, oftmals hausgemachte Probleme zu erkennen – und zu benennen: Einkaufs- und Fachmarktzentren haben das Leben aus dem Ortskern abgesaugt. Die Identität ist vielen Gemeinden angesichts der immer gleichen Geschäfte an der Ortseinfahrt abhandengekommen. Neuankömmlinge, die frischen Wind bringen könnten, werden mancherorts kritisch beäugt. "Die grüßen ja nicht einmal", heißt es dann. Dass sich "die Neuen" nicht unbedingt im Dorf- und Vereinsleben engagieren wollen, ist dann auch verständlich. Und innovative Wohnprojekte abseits der in Österreich verbreiteten Einfamilienhausnorm sind vonseiten mancher Bürgermeister einfach nicht erwünscht.

Vielleicht ändert sich all das, wenn der Trend zum "flexiblen Arbeiten" auf dem Land aufschlägt. Dann können Menschen vom Eigenheim im Waldviertel aus arbeiten und müssen nicht mehr in die Stadt. Vielleicht wird es so irgendwann eine Bewegung zurück in die Dörfer geben. Noch ist das Internet auf dem Land dafür aber viel zu langsam. (Franziska Zoidl, 29.02.2020)
Realitäten ist die wöchentliche Kolumne der Immobilien-Redaktion des STANDARD. Auch wir Immo-Redakteure wohnen irgendwo, sind hin und wieder auf Immobilien-Suche oder bauen mal um. Aber vor allem: Wir sprechen mit Branchenvertretern, besichtigen Bauprojekte und gehen meist mit offenen Augen durch Stadt und Land. Was wir dabei sehen und lernen, selbst erleben oder was uns von Kollegen, Nachbarn oder Freunden berichtet wird, erzählen wir hier.

Zum Weiterlesen
Dorfsterben: Eine Bestandsaufnahme
Mit "Ausheimischen" gegen die Landflucht

Landflucht: Kreative Ideen für Dörfer gesucht - derStandard.at
 

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#4
Profitieren in Zukunft die kleinen "Greißler" vom Klimaschutz und kehren in die Orts- und Stadtkerne zurück?

EINKAUFSZUKUNFT
Ortskerne profitieren vom Klimaschutz: "Die Greißler kehren zurück"
Wie wird künftig eingekauft? Experten rechnen mit einer Renaissance kleiner Nahversorger
Der Wachstumskaiser im Handel ist der Leerstand. Vor sechs Jahren lag der Anteil an aufgelassenen Flächen im Schnitt bei 4,5 Prozent. Mittlerweile sind bereits mehr als sieben Prozent der Geschäftsflächen in Österreich verwaist, erhob der Berater Standort+Markt. Auch in Toplagen stehen gut fünf Prozent der Shops leer. In viele werden auch künftig keine neuen Filialen mehr einziehen. Eingekauft wird zusehends im Internet. Stationäre Einzelhändler müssen sich darauf einstellen, dass die Frequenz an Kunden weiter sinkt.

Wie sehen Einkaufsgewohnheiten der Konsumenten in zehn Jahren aus? Welche Shops erhalten Aufwind, welche geraten unter die Räder? Silvio Kirchmairs Job ist es, darauf Antworten zu finden. Der Chef der Umdasch Store Makers Management entwickelt und baut Verkaufsläden für nationale und internationale Händler, richtet Lebensmittelmärkte, Drogerieketten und Textilkonzerne ein.

Viele Shops stehen leer.
Foto: Robert Newald

Das Bild, das er vom Handel der Zukunft malt, ist ein Mosaik aus mehr Nahversorgern und Dienstleistern. Standorte an den Stadträndern sieht er leiden, Geschäfte auf der Fläche an Größe verlieren.

Kirchmair geht davon aus, dass 75 Prozent des Volumens des Einzelhandels den stationären Anbietern vorbehalten bleiben – Branchen wie Elektro- und Buchhändlern weniger, anderen wie Lebensmittelketten mehr. "Wo genau die Grenzen des Onlinehandels verlaufen, weiß keiner."

Goldschatz Kundendaten
Den größten Schutz gegen Konkurrenz der Internetriesen sieht er in schwer kopierbaren Dienstleistungen, wie auch eine kostspielige letzte Meile hin zum Kunden ihren Vormarsch bremse. Supermärkte dürften Rivalen wie Amazon dennoch nicht unterschätzen: Noch verdiene zwar keiner weltweit mit Lebensmitteln über das Internet Geld. Goldes wert seien diese Geschäfte aber bereits durch den Gewinn von Kundendaten.

Kirchmair erwartet in den kommenden zehn Jahren in Österreich eine Renaissance der Nahversorger in den Ballungsräumen. "Die Greißler kehren zurück. Einkaufen wird wieder regionaler."

Große Ketten suchten zugleich vermehrt den Weg zurück von der Peripherie in die Stadtzentren. Denn Autofahren und Transporte verteuerten sich, die Klimaziele gehörten ernster genommen. Für viele bestehende kleine Händler komme diese Entwicklung hin zu umweltverträglicherem Kaufverhalten dennoch zu spät.

Bezirksstädte in den Bundesländern veröden ebenso wie einst florierende Wiener Einkaufsstraßen. Kirchmair erinnert daran, dass städtische Infrastruktur vielfach vom Handel finanziert werde. "Internetkonzerne tragen dazu nichts bei." Es sei nun Aufgabe der öffentlichen Hand, dezentrale Ballungsräume zu schützen und für Chancengleichheit zu sorgen. An einer Besteuerung des Onlinehandels führt für den Ladenbau-Experten in Europa kein Weg vorbei.


Einkaufen wird wieder regionaler, davon gehen Experten aus.
Foto: Maria von Usslar

Welche Wandlung erfahren die einzelnen Shops an sich? Kirchmair ist davon überzeugt, dass sie sich verkleinern. Ein Supermarkt auf 10.000 Quadratmetern lasse sich heute kaum noch bespielen. Für wirtschaftlich sinnvoller hält er Flächen zwischen 800 bis 1200 Quadratmetern.

Den Stein der Weisen nicht gefunden hat die Branche bei der Vernetzung von stationärem Einkauf mit digitalen Technologien. Letztere brauche es aber, um Prozesskosten zu reduzieren und Daten zu generieren, sagt Kirchmair.

Macht der Bilder
Bewegte Bilder und geschickte Inszenierung des Umfelds in den Shops erhöhten zudem die Einkaufsbereitschaft. Spielen Supermärkte vor dem Obstregal die idyllische Szenerie einer Apfelernte ein, hebe das die Kauflaune gleich einmal um ein Drittel, zeigten empirische Studien. In Modegeschäften, die auf Bildschirmen Kleider offerieren, die zum aktuellen Wetter passen, sei die Flächenproduktivität um zwei bis drei Prozent gestiegen. Pro Quadratmeter gehe es hier um rund 40 Euro.

Elektronische Preisschilder haben sich in Österreich anders als in Frankreich oder Dänemark bis auf rare Ausnahmen nach wie vor nicht durchgesetzt. Sie seien derzeit schlicht zu teuer, sagt Kirchmair. Darauf verzichten könne der Handel dennoch nicht – der große Rollout zeichne sich 2021 ab.

Bisher seien aufgrund der zeitverzögerten Anpassungen fünf bis zehn Prozent der auf Papier ausgeschilderten Preise in den Regalen falsch. Digitale Anzeigen ersparen dem Handel Arbeit und erlauben zusätzliche Produktinfos. Konsumentenschützer warnen allerdings vor Preisschwankungen wie an der Tankstelle: Denn der neue Spielraum ließe sich bei großem Kundenandrang für spontane schnelle Aufschläge nutzen.
(Verena Kainrath 7.3.2020)

Siehe dazu auch:
Können Zwangsgebühren die Paketflut stoppen?

Handelsexperte: "Ganz Wien hat kein Warenangebot wie das Internet"

Ortskerne profitieren vom Klimaschutz: "Die Greißler kehren zurück" - derStandard.at
 

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#5
Bringt der verstärkte und nachhaltige Ausbau von "Homeoffice" zumindest eine Teillösung des Problems "Landflucht"...?

NACH CORONA
Kommt jetzt die große Flucht aufs Land?
Homeoffice geht von überall. In der Krise sind viele daher ins Ferienhaus oder zu den Eltern gezogen. Die Zukunft könnte ein Mix aus Stadt- und Landleben sein


Endlich raus aus der Stadt: Auch in Dörfern gibt es immer öfter Co-Working-Plätze. Im Ort arbeiten, aber dennoch nicht daheim – das könnte ein Modell der Zukunft sein.
Foto: istock

Viele haben das Homeoffice in der Corona-Krise dorthin verlegt, wo sie ihren Lebensmittelpunkt sowieso lieber hätten: aufs Land. Dort gibt es mehr Grün, frischere Luft, mehr Platz, weniger Menschen und damit weniger potenzielle Virusüberträger. Oft ist hier auch die Familie, mit der man ansonsten zu wenig Zeit verbringen kann.

Job oder Studium sind für viele der Hauptgrund, in der Stadt zu leben. Fällt er weg, weil Homeoffice von überall geht, ist man örtlich flexibel, kann also statt in der engen Stadtwohnung wieder im alten Kinderzimmer bei den Eltern oder im Ferienhaus arbeiten – vorausgesetzt, die Internetverbindung ist gut genug.

Nichts verpassen
Eine, die das gemacht hat, ist Julia Laister (Name geändert). Sie hat vor einigen Jahren ein Haus in der Steiermark geerbt, in das sie vor Corona hin und wieder an den Wochenenden gefahren ist. "Man ist ja sonst an die Arbeit gefesselt", sagt sie. Nun lebt sie seit mehreren Wochen im Wochenenddomizil. "Ich wundere mich selbst, wie sehr es mir taugt", sagt sie. Während der Ausgangssperren habe sie zudem nicht das Gefühl gehabt, in Wien etwas zu verpassen, weil Lokale oder Theater sowieso geschlossen waren.

Aktuell ist viel die Rede davon, dass das Image des Arbeitens im Homeoffice sich nach Corona stark verändern wird. Arbeitgeber machen Pläne, nach Corona Büroflächen einzusparen, weil mehr Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten wollen oder dazu verpflichtet werden. Einzelne Beispiele dafür gab es schon vor der Krise: der Programmierer, der auf dem Land wohnt, aber von zu Hause aus für eine Firma in der Stadt arbeitet, oder das junge Online-Start-up, das beschlossen hat, zurück in die Heimat zu ziehen.

Bella ciao
Auch in Italien gibt es ähnliche Überlegungen, die vor allem mit der Angst vor dem Virus zu tun haben. Architekten, Stadtplaner, Soziologen und Anthropologen fordern von der italienischen Politik nun, das Leben auf dem Land attraktiver zu machen sowie die Menschen zu ermutigen, die Städte zu verlassen und in Dörfer ziehen. Auf diese Weise sollen künftige Pandemien verhindert werden.

Der Architekt Massimiliano Fuksas prognostiziert bereits, dass die Zahl der Menschen, die nach Corona aufs Land ziehen, sprunghaft ansteigen wird. In Italien gibt es tausende Dörfer mit weniger als 5000 Einwohnern. Mehr als 2300 dieser Orte sind laut dem Architekten Stefano Boeri so gut wie verlassen.

Gemeinsam denken
Überdenken auch die Österreicherinnen und Österreicher derzeit ihren Wohnort? "Es wird bestimmt ein paar mehr Menschen geben, die nun aufs Land ziehen wollen", sagt Roland Gruber vom Architekturbüro Nonconform. Er hofft und glaubt jedoch, dass sich ein Zusammenspiel von Stadt- und Landleben durchsetzen wird: "Wir müssen das zusammendenken und dürfen das nicht immer gegeneinander ausspielen", sagt er und glaubt, dass es viele geben wird, die sowohl in der Stadt als auch auf dem Land leben.

Durch die Klimadebatte gibt es etwa in Bayern immer mehr Gemeinden, auch kleinere Dörfer, die Co-Working-Plätze einrichten, berichtet Gruber. "Man arbeitet dann nicht daheim im Pyjama, muss aber auch nicht im Stau stehen, es ist ein Mittelweg – direkt im eigenen Wohnort", sagt er und prognostiziert für die Zukunft Zwischenlösungen wie einen Tag Homeoffice, zwei Tage Co-Working, zwei Tage im Unternehmen. Auch Julia Laister kann sich vorstellen, nach Corona ein paar Tage pro Woche oder wochenweise abwechselnd von der Steiermark aus zu arbeiten.

Mehr Regionalität
Neben dem Aufschwung für ländliche Regionen durch die Zuzügler und weniger Pendlerverkehr könnten lokale Strukturen an sich gewinnen. Denn die Krise hat dafür gesorgt, dass Regionalität, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, wieder eine größere Rolle spielt. Gruber nennt ein Beispiel: "Man kauft dann nicht am Heimweg vom Büro in der Stadt ein, sondern im Geschäft um die Ecke."

Und was heißt das für die Städte? Für viele Menschen gibt es wohl weit mehr Gründe dafür, in der Stadt zu leben, als nur den Arbeitsplatz. Doch wer weiß, vielleicht leben in Zukunft nur mehr jene in der Stadt, die auch wirklich gerade an keinem anderen Ort lieber wären.
(Bernadette Redl, 16.5.2020)

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Mit "Ausheimischen" gegen die Landflucht
Dorfsterben: Wenn dem Land die Kraft ausgeht


Kommt jetzt die große Flucht aufs Land? - derStandard.at
 

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#6
Das Land ist nicht das Abfallprodukt der Stadt
In der Corona-Krise wirkte die Stadt bedrohlich, das Land versprach Sicherheit. Diese Aufwertung wird nicht anhalten
Städter glauben, sie brauchen das Land nicht. Im Gastkommentar erklärt Kulturgeograf Werner Bätzing, warum sie irren.

Karikatur: Michael Murschetz

Zu Beginn der Corona-Krise wurde die Stadt als Dreh- und Angelpunkt globaler Vernetzungen plötzlich als bedrohlich erlebt, während das Land als Rückzugs- und Selbstversorgungsort aufgewertet wurde. Mit der aktuellen Abschwächung dieser Pandemie verblasst diese Wahrnehmung wieder, und die übliche Sichtweise – in der Stadt findet das wahre Leben statt, das Land ist von Dumpfheit geprägt – gewinnt erneut die Oberhand.

Diese Sichtweise geht davon aus, dass sich in der spezialisierten und weltweit vernetzten Stadt das innovative Wirtschaften und alle kulturellen und sozialen Fortschritte konzentrieren, während das wenig arbeitsteilige und global kaum vernetzte Land große wirtschaftliche Probleme besitzt und das Leben nur eine mangelhafte Variante des städtischen Lebens darstellt.

"Teillebensraum" Dorf
Deshalb wurde das Land in ganz Europa von der Politik seit den 1960er-Jahren nach dem Vorbild der Stadt tiefgreifend umgestaltet: Die kleinbetrieblich-bäuerliche Landwirtschaft wurde von agro-industriellen Großbetrieben verdrängt, die monotone Agrarwüsten hervorbringen. Dank des Straßenbaus sind große Teile des Landes inzwischen gut erreichbar, sodass direkt an den Schnellstraßen viele Gewerbegebiete entstehen, die große Flächen verbrauchen und Betriebe in den Ortskernen in den Ruin treiben. Zahlreiche dezentrale Infrastrukturen und Wirtschaftstätigkeiten wie Dorfladen, Bäcker, Fleischer, Gasthof, Handwerker, Schule, Verwaltung oder Arzt sind verschwunden und konzentrieren sich nun in Mittelpunktsiedlungen und Städten. Und sehr viele Dörfer besitzen am Rand größere Neubaugebiete, in denen man heute ähnlich wie am Stadtrand wohnt.

Alle diese Veränderungen haben dazu geführt, dass aus dem multifunktionalen Mikrokosmos Dorf ein "Teillebensraum" geworden ist: Man wohnt im Neubaugebiet am Dorfrand, arbeitet in der Stadt, die Kinder fahren mit dem Schulbus zum Schulzentrum, man kauft mit dem Pkw im Gewerbegebiet ein, man fährt am Wochenende mit dem Pkw "ins Grüne", und die Freunde wohnen verstreut im weiten Umkreis. Alle Lebensfunktionen finden an unterschiedlichen Orten statt und erfordern eine hohe Mobilität. Wenn das Land zum "Teillebensraum" wird, dann verliert es seine Lebendigkeit und wird steril und "unwirtlich" (Schriftsteller und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich).

Ausgelagert und entsorgt
Diese Entwicklung wird noch zusätzlich dadurch verschärft, dass die Stadt alle Funktionen, für die sie keinen Platz mehr hat, auf das Land verlagert. Das betrifft Lagerhallen, Flugplätze, Mülldeponien, Trinkwassergebiete, großflächige Anlagen zur Energiegewinnung und als neueste Entwicklung riesige Serverfarmen. Dadurch wird das Land zum Abfallprodukt der Stadt. Die heutige Gesellschaft legt zwar großen Wert darauf, die Zentren der Metropolen repräsentativ zu gestalten; und was jedoch jenseits davon geschieht, interessiert nicht und wird übersehen.

Das ist genau das Kernproblem: Die Städter glauben, dass die Stadt aus sich heraus existieren könne und das Land gar nicht brauche. Das ist jedoch falsch: Die Stadt braucht saubere Luft, sauberes Wasser und eine vielfältig-intakte Umwelt, um existieren zu können; sie braucht große Flächen, auf denen die Lebensmittel, Rohstoffe und Energien gewonnen werden, die sie in riesigen Mengen verbraucht; und sie braucht eine attraktive ländliche Umgebung, in der sich die Städter erholen können. Wenn die Stadt glaubt, das Land nicht zu brauchen, dann unterminiert sie ihre eigene Existenzgrundlage.
"Das Land am effektivsten dadurch gefördert, dass ein dezentrales, multifunktionales Wirtschaften und Leben gestärkt wird."​
Deshalb muss das Land aufgewertet werden, aber nicht als spezialisierter Teillebensraum: Ländliches Wirtschaften und Leben besitzt aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte den großen Vorteil, ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Aspekte sehr viel enger miteinander verbinden zu können, als es in der Stadt möglich ist, was den Menschen Befriedigung verschafft; und der starke Bezug auf regionale Ressourcen erlaubt es, die unvermeidlichen globalen Krisen ein Stück weit zu dämpfen, was die Resilienz der gesamten Gesellschaft erhöht. Deshalb wird das Land am effektivsten dadurch gefördert, dass ein dezentrales, multifunktionales Wirtschaften und Leben gestärkt wird.

Neue Perspektiven
Früher gab es häufig Kontroversen zwischen konservativen Parteien, die ihren Rückhalt auf dem Land hatten und die das Land nach dem Vorbild der Stadt modernisieren wollten, und fortschrittlichen, städtischen Parteien, bei denen nur die Stadt zählte. Der politische Streit, der daraus entstand, war oft kontraproduktiv, weil Stadt und Land gegeneinander ausgespielt wurden. Heute entwickelt sich in Teilen Europas ein neuer Gegensatz: Immer mehr Menschen auf dem Land fühlen sich von den "etablierten" Parteien im Stich gelassen, verlieren ihr Vertrauen in die Demokratie und wenden sich rechtsextremen Parteien zu, wobei erneut Land und Stadt gegeneinander ausgespielt werden.

Dagegen ist festzuhalten: Stadt und Land sind wechselseitig aufeinander angewiesen, und wenn man sie gegeneinander ausspielt – egal ob auf traditionelle oder auf neue Weise –, dann zerstört man eine Grundlage unserer Gesellschaft. Aber Stadt und Land sind zugleich auch sehr unterschiedlich, und wenn man diese Unterschiede nivelliert, dann entstehen in Stadt und Land sterile "Teillebensräume" und anonyme "Zwischenstädte", in denen sich die Menschen nicht mehr zu Hause fühlen. Die Politik ist zusammen mit den Betroffenen aufgefordert, hier neue Perspektiven zu entwickeln, die quer zu den traditionellen Fronten verlaufen.
(Werner Bätzing, 30.5.2020)

Werner Bätzing war von 1995 bis 2014 Professor für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Universität Erlangen. Heute leitet er das Archiv für integrative Alpenforschung. 2020 ist sein Buch "Das Landleben – Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform" im C.-H.-Beck-Verlag erschienen.

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#7
LANDFLUCHT
Regionalmanager: "Wir müssen endlich in den ländlichen Raum investieren"
Gerald Mathis warnt vor einer immer größer werdenden Kluft zwischen Stadt und Land. Die Lösungen für die Probleme der Stadt liegen auf dem Land, glaubt er
INTERVIEW
In der Corona-Krise wurde es vielen in der Stadt zu eng. Was sind Lösungen für dieses Problem?
Mathis: Die Stadt hat einen Dichtestress, es gibt zu wenig Platz, eine zunehmende Überteuerung von Wohnraum, Verkehrsprobleme, und alles ist vollgestopft mit Autos. Das wird sich in Zukunft weiter zuspitzen, vor allem wenn die Ausdünnung des Landes so weitergeht. In den Städten wird es bis 2050 Einwohnerzuwächse um bis zu 30 Prozent geben. Die Lösungen dafür liegen am Land.
STANDARD: Wie könnten sie aussehen?
Mathis: Das monopolistische Arbeitsmarktangebot in den Städten kann nicht die Zukunft sein. Arbeitsplätze sind der springende Punkt, denn wieso bleiben die Menschen nicht auf dem Land, obwohl ein Großteil gerne dort leben würde? Weil sie dort bildlich gesprochen nichts zu essen haben – also keine Arbeitsplätze. Diese müssen besser auf das ganze Land verteilt werden. Wir brauchen nicht das 130. Start-up-Center in Wien, wir brauchen solche Projekte im ländlichen Raum. Es ist Zeit, sich dieses Problems anzunehmen und in den ländlichen Raum zu investieren. Doch wichtig ist, Stadt und Land nicht gegeneinander auszuspielen – beide haben Vorteile.


Arbeitsplätze müssen über das ganze Land verteilt werden und nicht nur in Städten verfügbar sein, fordert Gerald Mathis.
Foto: Robert Newald

STANDARD: Gibt es bei Entscheidungsträgern und in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür?
Mathis: Leider nein. Denn der ländliche Raum hat keine Lobby. Den meisten ist nicht klar, dass Stadt und Land voneinander abhängig sind.
STANDARD: Wie groß ist der Frust auf dem Land?
Mathis: Der britische Ökonom Paul Collier hat sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt und meint, die Landbevölkerung ist frustriert, weil sie wenig Bildungschancen und Karrieremöglichkeiten hat. Er spricht vom "Hochmut der gebildeten Eliten und Entscheidungsträger in der Stadt" und sieht die Gesellschaft nicht mehr geteilt in Arm und Reich, sondern in Stadt- und Landbevölkerung. Letztendlich macht er diesen Umstand auch für den Brexit verantwortlich.
STANDARD: Und wie sehen Sie das?
Mathis: In Großbritannien ist es sicher so, wie Collier sagt. Das Land hat völlig versagt, wenn es um die Förderung des ländlichen Raumes geht, es gibt keine Infrastruktur und keine Bildungsmöglichkeiten, man hat das Land richtiggehend sterben lassen. In Großbritannien gibt es diese Eliten, von denen Collier spricht, auch in Frankreich gibt es einen zentralisierten Staat mit einer Elite in Paris. Unzufriedenheit zeigt sich dann in Wahlergebnissen, etwa auch in den USA. Bei uns ist das weniger ausgeprägt – deshalb lassen sich Colliers Thesen nicht eins zu eins auf Österreich übertragen. Wir sollten jedoch aus diesen Extrembeispielen lernen, ansonsten kommt es auch bei uns zu sozialen Verwerfungen.
STANDARD: Gibt es auch positive Beispiele?
Mathis: Ja. In Vorarlberg hat man es etwa durch gute Strukturpolitik geschafft, nach dem Niedergang der Textilindustrie neue Strukturen aufzubauen.
STANDARD: Wie kann so etwas gelingen?
Mathis: Wir müssen auch am Land vernünftige Rahmenbedingungen schaffen, produktive Beschäftigungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze initiieren sowie Wohnraum zur Verfügung stellen. In unserer Arbeit mit den Gemeinden fragen wir die Menschen: Wo wollt ihr in fünf bis zehn Jahren stehen? Die Bürger wissen meist genau, was sie wollen. So haben wir es etwa in der Gemeinde Sulzberg im Bregenzerwald durch die Entwicklung einer Flächensicherungsgenossenschaft geschafft, die Einwohnerzahl von 1.700 vor zehn Jahren auf aktuell 2.000 zu erhöhen.
STANDARD: Welche Rolle spielt Mobilität?
Mathis: Knapp zwei Millionen Österreicher pendeln täglich in die Städte, über 50 Prozent der Menschen leben am Land. Vielerorts fehlen auspendelqualitative Arbeitsplätze. Das bedeutet, dass für viele der tägliche Weg in die Arbeit nicht zumutbar ist. Eine halbe Stunde morgens, eine halbe Stunde abends – das ist akzeptabel, auch wenn in der Zeit 150 Kilometer mit einem Hochgeschwindigkeitszug zurückgelegt werden. Wenn man allerdings jeden Morgen zwei Stunden für 17 Kilometer aus einem Tiroler Tal heraus braucht, hat das keine Qualität mehr. Auch in Wien gibt es Arbeitswege, die nicht mehr auspendelqualitativ sind – wenn man etwa quer durch die ganze Stadt fahren muss.
STANDARD: Hilft die Corona-Krise dem ländlichen Raum?
Mathis: Sie macht jedenfalls Dinge sichtbar. Etwa dass Gemeinden weg von Anlasspolitik und besser planen müssen. Vor allem in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung müssen sie sich untereinander vernetzen. Auch hier gibt es positive Beispiele. So entsteht etwa in Leibnitz in der Südsteiermark derzeit ein neues Industriegebiet, für dessen Umsetzung sich drei Gemeinden zu einer Kleinregion mit wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten zusammengeschlossen haben. Dort entstehen neue Arbeitsplätze für die ganze Südsteiermark, die das Pendeln nach Graz ersparen könnten. Und in Bad Radkersburg entsteht Coworking – für jene Menschen, die von dort täglich eineinhalb Stunden zu ihren Arbeitsplätzen pendeln. Es gibt mittlerweile Firmen, die nur noch über Videokonferenzen arbeiten. Corona hat gezeigt, dass das möglich ist.
STANDARD: Sie kritisieren auch bestehende Förderungen für den ländlichen Raum. Warum?
Mathis: Derzeit werden Projekte geplant, die sich nach den ausgeschriebenen EU-Fördermitteln richten. Doch es müsste umgekehrt sein: Projekte sollten sich eines tatsächlichen Bedarfs annehmen und dann gefördert werden.
STANDARD: Was sollte der Staat konkret für den ländlichen Raum tun?
Mathis: Arbeitsplätze besser auf das Land verteilen, den Breitbandausbau vorantreiben und die Mobilität verbessern. Besonders wesentlich sind aber Hilfestellungen für die Wirtschaft. Überall gibt es Tourismusverbände – auch in strukturschwachen Regionen wie dem Waldviertel oder der Südsteiermark –, aber eine aktive Wirtschaftsentwicklung fehlt. Man müsste auch auf dem Land in eine professionelle Wirtschaftsentwicklung und entsprechende Servicestellen investieren.
STANDARD: Sind Gemeinden offen für Veränderung?
Mathis: Ja, doch wichtig ist, nicht nur das Problem aufzuzeigen, sondern auch zu vermitteln, wie es gelöst werden kann. Ansonsten sind wir wieder bei der Arroganz der Eliten. Kommen Berater von außen, muss man sich zusammensetzen und gemeinsam überlegen. Denn die Prozesse müssen von den Gemeinden und Regionen selbst getragen werden und gewollt sein.
(Bernadette Redl, 12.7.2020)

Gerald Mathis ist Vorstand des Instituts für Standort-, Regional- und Kommunalentwicklung (ISK) in Dornbirn und Leiter des Studiengangs Standort- und Regionalmanagement an der Fachhochschule Vorarlberg.

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#8
Mobilität am Land: Wie geht die Zukunft ohne Auto?
Verkehrsplanung auf dem Land ist kreative Schwerstarbeit, Busse und Züge oft nicht die beste Lösung

Bahnhöfe und Bushaltestellen auf dem Land sind oft verwaist. Jahrzehntelange Zersiedlung hat die Entfernungen zu stark anwachsen lassen.
Foto: iStockPhoto/mrdoomits

Manchmal scheint es, als würde die Zukunft der Mobilität am Land vorüberziehen. In Wien werden neue U-Bahn-Linien gebaut, Pop-up-Radwege und Begegnungszonen eröffnet. Carsharing-Anbieter, Scooter- und Fahrradverleiher kommen und verschwinden wieder.

Und auf dem Land? Dort hat der Autoverkehr weiter zugenommen.
In den vergangenen Jahren ist der Motorisierungsgrad, also die Anzahl von Pkws pro Einwohner, stetig gestiegen. Die Schere zwischen Stadt und Land geht immer weiter auseinander: Während in Wien immer weniger Autos auf 1000 Einwohner kommen und der Motorisierungsgrad in anderen großen Städten fast konstant bleibt, gibt es in allen anderen Gebieten immer mehr Autos pro Kopf. Je peripherer der Bezirk, desto mehr Zuwächse gab es in den vergangenen Jahren.

Auch in der Forschung konzentrieren sich viele lieber auf die Mobilität in der Stadt, wie Fabian Sandholzer vom Forschungsbereich für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik bestätigt. Die Ausgangssituation sei auf dem Land anders – und viel komplizierter. Weil die Wege weiter sind, ist Förderung von aktiver Mobilität, also Gehen und Radfahren, herausfordernder.

Der Raumordnungspolitik bittere Früchte
Was den öffentlichen Verkehr angeht, so "erntet man die Früchte jahrzehntelanger Verkehrs- und Raumordnungspolitik", so Sandholzer – und diese sind bitter. Ortskerne sind vielfach ausgestorben. Im Burgenland waren 1997 etwa nur drei Gemeinden ohne Nahversorger, 2018 waren es schon 70. Parallel dazu wurde in vielen ländlichen Gebieten der öffentliche Verkehr ausgedünnt.

Im Westen Österreichs sei die Lage noch besser, da sich die Einwohner in den Tälern konzentrieren, wo man sie einfacher mit einer einzelnen Bahnstrecke abholen kann. Der flache Osten hingegen ist zersiedelter, was die Verkehrsplanung zu einem komplexen Unterfangen macht. Das 1-2-3-Ticket, das schon 2021 kommen soll, würde vielen Regionen wohl nicht viel bringen. Denn selbst drei Euro pro Tag sind zu viel für einen Zug, der zuletzt vor zehn Jahren gefahren ist.

Sind mehr Zug- und Buslinien die Lösung für das Mobilitätsdilemma auf dem Land? Nur bedingt, sagen viele Experten. Die Hauptachsen müssen zwar gut ausgebaut sein, dort, wo sich Linienbusse nicht rentieren, soll die öffentliche Mikromobilität einsetzen. Anstatt fast leere Busse verkehren zu lassen, fahren Kleinfahrzeuge Menschen nach Bedarf und bringen sie zu Knotenpunkten.

Einmal zum Mitnehmen, bitte
Mobility as a Service geht noch einen Schritt weiter. Anstatt einzelne Tickets zu buchen, kauft man Mobilität als Dienstleistung. In der Regel passiert das über eine App, nach Eingabe von Start- und Zielort berechnet ein Algorithmus den schnellsten, günstigsten oder umweltschonendsten Weg mit mehreren Verkehrsmitteln – von Bus und Zug bis Leihrad und Taxi.

Das kann bis zu einer Mobilitäts-Flatrate gehen, bei der für einen fixen monatlichen Betrag die gesamte persönliche Mobilität abgedeckt wird. Der Anbieter Whim bietet für den Großraum Helsinki etwa ein Abo für knapp 500 Euro pro Monat an, bei dem nicht nur Öffi-Tickets, sondern auch alle Fahrten mit Taxi, Mietwagen und E-Scooter inkludiert sind. Billig ist das nicht. Für den ländlichen Raum gibt es solche All-inclusive-Lösungen zudem noch nicht flächendeckend.

Günstiger könnten solche Angebote in Zukunft mithilfe von autonomen Fahrzeugen werden. Diese tun sich im dichten Stadtverkehr noch schwer und könnten sich zuerst auf dem Land etablieren. Spätestens dann müsse man aufpassen, dass sich bedarfsorientierter und Linienverkehr nicht kannibalisieren. Dann würde erst recht wieder jeder alleine im Auto sitzen – nur eben auf der Rückbank.

Abholdienst: Alles in einer App
Flexibler als ein Linienbus und günstiger als ein Taxi ist der Service Istmobil. In einer App oder per Telefon kann man aus tausenden Bedarfshaltestellen auswählen, die nur wenige Hunderte Meter voneinander entfernt, also in der Regel in Gehweite sind. Ein Algorithmus berechnet aus allen Anfragen die ideale Route, sucht ein Fahrzeug in der richtigen Größe und schlägt den Passagieren eine Abholzeit sowie Fahrpreis vor. Bezahlt wird bequem mittels Kundenkarte. Gedacht ist der Service vor allem als Zubringer für den öffentlichen Linienverkehr. Neben etlichen Haltestellen in ländlichen Wohngebieten gibt es deshalb auch Haltepunkte an wichtigen Knoten wie Bahnhöfen oder Endstationen der Wiener U-Bahn. Etwa ein Drittel der Fahrten beginnt oder endet dort. Bisher gibt es das System in Teilen Niederösterreichs und der Steiermark.

Bürgerbusse: Mein Freund, der Fahrer
Bewohner in den niederösterreichischen Gemeinden Pressbaum und Tullnerbach haben ihr eigenes Uber gegründet. Wer dort zum Arzt, Einkaufen oder zum Bahnhof muss, ruft beim Verein E-Mobil Pressbaum an. Der Clou: Fahrer der Elektroautos sind Freiwillige aus dem Ort. Sie zahlen einen geringeren Mitgliedsbeitrag als Passagiere und dürfen das Auto am Sonn- und Feiertagen dafür privat nutzen. Vor allem Senioren sollen so mobiler werden. 2019 wurden mit den beiden E-Autos 12.304 Fahrten durchgeführt.

Mitfahrbänke: Tramp 2020
Daumen raus war gestern: Apps und Plattformen haben die Organisation von Mitfahrgelegenheiten institutionalisiert. In manchen ländlichen Gebieten gibt es einen Trend zurück zum Lowtech-Trampen. Dort werden Mitfahrbänke an Hauptverkehrsstraßen aufgestellt, vorbeifahrende Autofahrer können die wartenden Menschen abholen. Manchmal gibt es auch eine Auswahl an Schildern von Zielorten. In Österreich gibt es etwa in Innsbruck, St. Leonhard und Oberperfuss in Tirol Mitfahrbänke.
(Philip Pramer, 16.8.2020)
Mobilität am Land: Wie geht die Zukunft ohne Auto? - derStandard.at
 

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#9
ABWANDERUNG
Wie das Land Zuzügler anlockt
Raus aus der Stadt? In der Oststeiermark können Paare und Familien aktuell das Landleben testen, im Waldviertel bekommen Neuankömmlinge einen persönlichen Berater

Ein Leben auf dem Land? Wie sich das anfühlt, hat ein Paar aus Wien unlängst in der Oststeiermark ausprobiert.
Foto: Sarah Raiser

Genau 613 Einwohner hat die Gemeinde Reingers im nördlichen Waldviertel, und bald sind es um zwei mehr. Was zunächst nicht nach viel klingt, ist für die Abwanderungsregion ein großer Erfolg. Denn der Ort kämpft um Bevölkerungszuwachs, zuletzt gemeinsam mit der Initiative zuHaus im Waldviertel. Sie bewirbt die Gemeinde auf allen möglichen Kanälen, im Gegenzug erhält das zur Initiative gehörende Maklerunternehmen den Auftrag, leerstehende Häuser im Ort zu vermitteln.

"Die zwei neuen Bewohner kommen aus Oberösterreich und wollten ins Waldviertel ziehen, durch unsere Werbung haben sie Reingers gefunden", erzählt Bürgermeister Andreas Kozar (ÖVP) erfreut. Zuzügler unterstützt die Initiative zuHaus im Waldviertel, in Absprache mit der Gemeinde, mit einem sogenannten Start-Guide, also einer einheimischen Person, die den Neuankömmlingen in den ersten Monaten mit Rat und Tat zur Seite steht, ihnen das Ortsleben und die Bräuche zeigt, erklärt Peter Keller von der Initiative und fügt hinzu, dass auf diese Weise in den vergangenen Jahren schon einige Zuzüge ins Waldviertel erfolgreich begleitet wurden.

Landleben testen
Mit 4414 Einwohnern hat die Gemeinde Passail in der Oststeiermark zwar weit mehr Einwohnerinnen und Einwohner als Reingers, aber auch sie kämpft mit Abwanderung. Um neue Bürgerinnen und Bürger anzulocken, hat das Regionalmarketing Oststeiermark sich daher eine Aktion einfallen lassen. Per Gewinnspiel konnten sich potenzielle Zuzügler für ein kostenloses Probewohnen in fünf steirischen Orten bewerben, neun Paare und Familien verbringen dort jeweils drei Nächte.

Zwei von ihnen waren Carmen Lässig und ihr Mann, die aktuell noch in Wien leben. "Wir überlegen schon länger, in die Steiermark zu ziehen. Uns fehlt einfach das Grün in der Stadt, und ein eigener Garten. Jetzt, wo wir beide mit dem Studium fertig sind, wollen wir raus aufs Land", erzählt Lässig und sieht die Vorteile in der Region darin, dass sie "nicht so weit weg von Graz liegt – was beruflich hilfreich sein könnte –, aber dennoch die Vorteile des Landlebens bietet."

Zur Probe wohnen
Die besten Voraussetzungen also, sich die Gegend einmal genauer anzuschauen, und zwar nicht nur im Urlaub. Und so haben Lässig und ihr Mann über ein langes Wochenende in der Gemeinde Passail in der Oststeiermark zur Probe gewohnt. Von einer Ortsführung mit der Bürgermeisterin über eine Tour mit dem gemeindeeigenen E-Auto bis zu einer Wanderung auf die Sommeralm war alles dabei. "Wir hatten das Gefühl, dass man sehr offen ist für neue Bewohnerinnen und Bewohner, alle haben sich furchtbar bemüht", erzählt Lässig.

Kein Wunder. "Aktuell können wir den Bevölkerungsstand gerade so halten, aber in Zukunft wollen wir Zuzug", sagt Bürgermeisterin Eva Karrer (SPÖ). Auch in der Gemeinde Passail gibt es für Neuankömmlinge einen Ansprechpartner, der individuell weiterhilft, etwa bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Grundstück, nach Jobs, einer Kinderkrippe, einer Tagesmutter oder einer Schule. Im November kommt die nächste Familie nach Passail und testet, ob das Landleben etwas für sie ist.

Ob Lässig und ihr Mann sich schon entschieden haben? "Ich bin neugierig", so Bürgermeisterin Karrer, und Carmen Lässig sagt: "Passail kommt definitiv infrage, es hängt aber davon ab, wo wir ein Grundstück finden, das uns gut gefällt. In die Steiermark kommen wir aber so bald wie möglich."
(Bernadette Redl, 17.10.2020)

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Mit "Ausheimischen" gegen die Landflucht
Der Donut-Effekt frisst die Ortskerne leer

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